Luft­si­cher­heits­ge­setz

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt war jetzt ein Nor­men­kon­troll­an­trag der Bun­des­län­ger Bay­ern und Hes­sen zum Luft­si­cher­heits­ge­setz teil­wei­se erfolgreich:

Luft­si­cher­heits­ge­setz

Der Zwei­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat im Ver­fah­ren der abs­trak­ten Nor­men­kon­trol­le über einen Antrag der Baye­ri­schen Staats­re­gie­rung und der Hes­si­schen Lan­des­re­gie­rung zu Vor­schrif­ten des Luft­si­cher­heits­ge­set­zes ent­schie­den. Der Antrag betraf zum einen die Vor­schrif­ten des Luft­si­cher­heits­ge­set­zes zur Ver­wen­dung der Streit­kräf­te bei einem beson­ders schwe­ren Unglücks­fall, der von einem Luft­fahr­zeug aus­geht (§§ 13 bis 15 Luft­SiG). Zum ande­ren waren die gesetz­li­chen Bestim­mun­gen zur Prü­fung gestellt, die es dem Bund erlau­ben, Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben, die den Län­dern zur Aus­füh­rung in Auf­trags­ver­wal­tung über­tra­gen sind, durch Ent­schei­dung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern wie­der an sich zu zie­hen (§ 16 Abs. 3 Satz 2 und 3 i. V. m. § 16 Abs. 2 Luft­SiG sowie Art. 2 Nr. 10 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben vom 11. Janu­ar 2005). 

Hin­sicht­lich des § 14 Abs. 3 Luft­SiG, der die unmit­tel­ba­re Ein­wir­kung gegen Luft­fahr­zeu­ge mit Waf­fen­ge­walt regelt, wur­de der Antrag für erle­digt erklärt, nach­dem der Ers­te Senat die Bestim­mung bereits in einem ande­ren Ver­fah­ren im Jahr 2006 für nich­tig erklärt hat­te1.

Nach dem jetzt ver­öf­fent­lich­ten Beschluss vom 20. März 2013 ist § 13 Abs. 3 Satz 2 und 3 des Luft­si­cher­heits­ge­set­zes, wonach bei einem über­re­gio­na­len Kata­stro­phen­not­stand im Eil­fall der Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung die Ent­schei­dung über einen Ein­satz der Streit­kräf­te trifft, mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar und nich­tig. Im Übri­gen sind die Vor­schrif­ten, die zu prü­fen waren, verfassungsgemäß. 

Dem Beschluss ging eine Ent­schei­dung des Ple­nums des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vor­aus2, in der über drei Ver­fas­sungs­fra­gen ent­schie­den wur­de, die der Zwei­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts abwei­chend von dem Urteil des Ers­ten Senats aus dem Jahr 2006 beant­wor­ten wollte. 

  1. Die Gesetz­ge­bungs­zu­stän­dig­keit für die §§ 13 bis 15 Luft­SiG in der Fas­sung des Arti­kels 1 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben vom 11. Janu­ar 20053 ergibt sich aus Arti­kel 73 Num­mer 6 des Grund­ge­set­zes in der bis zum Inkraft­tre­ten des Geset­zes zur Ände­rung des Grund­ge­set­zes (Arti­kel 22, 23, 33, 52, 72, 73, 74, 74a, 75, 84, 85, 87c, 91a, 91b, 93, 98, 104a, 104b, 105, 107, 109, 125a, 125b, 125c, 143c) vom 28. August 20064 gel­ten­den Fassung.
  2. Arti­kel 35 Absatz 2 Satz 2 und Absatz 3 des Grund­ge­set­zes schlie­ßen eine Ver­wen­dung spe­zi­fisch mili­tä­ri­scher Waf­fen bei einem Ein­satz der Streit­kräf­te nach die­sen Vor­schrif­ten nicht grund­sätz­lich aus, las­sen sie aber nur unter engen Vor­aus­set­zun­gen zu, die sicher­stel­len, dass nicht die strik­ten Begren­zun­gen unter­lau­fen wer­den, die einem bewaff­ne­ten Ein­satz der Streit­kräf­te im Inne­ren durch Arti­kel 87a Absatz 4 GG gesetzt sind.
  3. Der Ein­satz der Streit­kräf­te nach Arti­kel 35 Absatz 3 Satz 1 des Grund­ge­set­zes ist, auch in Eil­fäl­len, allein auf­grund eines Beschlus­ses der Bun­des­re­gie­rung als Kol­le­gi­al­or­gan zulässig.

Der jetzt ver­kün­de­ten Ent­schei­dung im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren war die Rechts­auf­fas­sung des Ple­nums zu die­sen Fra­gen zugrun­de zu legen:

  1. Soweit der Antrag sich auf § 14 Absatz 3 Luft­SiG in der Fas­sung des Arti­kels 1 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben vom 11. Janu­ar 20053 bezog, wird das Ver­fah­ren eingestellt.
  2. § 13 Absatz 3 Satz 2 und 3 Luft­SiG in der Fas­sung des Arti­kels 1 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben vom 11. Janu­ar 20053 ist mit Arti­kel 35 Absatz 3 Satz 1 GG unver­ein­bar und nichtig.
  3. Im Übri­gen sind die §§ 13 bis 15 Luft­SiG in der Fas­sung des Arti­kels 1 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben vom 11. Janu­ar 20053, geän­dert durch Arti­kel 7 Num­mer 2 des Geset­zes zur Errich­tung eines Bun­des­auf­sichts­am­tes für Flug­si­che­rung und zur Ände­rung und Anpas­sung wei­te­rer Vor­schrif­ten vom 29. Juli 20095 – soweit nicht als Fol­ge der Nich­tig­erklä­rung des § 14 Absatz 3 Luft­SiG durch das Urteil des Ers­ten Senats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 15. Febru­ar 20066 gegen­stands­los gewor­den (§ 14 Absatz 4 Satz 1 Luft­SiG und die in § 15 Absatz 1 und 2 Luft­SiG ent­hal­te­nen Bezug­nah­men auf § 14 Absatz 3 Luft­SiG) – in den genann­ten Fas­sun­gen mit dem Grund­ge­setz vereinbar.
  4. § 16 Absatz 2 und Absatz 3 Satz 2 und 3 Luft­SiG in der Fas­sung des Arti­kels 1 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben vom 11. Janu­ar 20053 sowie Arti­kel 2 Num­mer 10 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben sind mit dem Grund­ge­setz vereinbar.

Der Ent­schei­dung lie­gen im Wesent­li­chen die fol­gen­den Erwä­gun­gen zugrunde: 

Der Nor­men­kon­troll­an­trag ist begrün­det, soweit er die Rege­lun­gen des Luft­si­cher­heits­ge­set­zes zur minis­te­ri­el­len Eil­kom­pe­tenz für die Ent­schei­dung über einen Streit­kräf­te­ein­satz im über­re­gio­na­len Kata­stro­phen­not­stand betrifft. Im Übri­gen ist der Antrag unbegründet.

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Minis­te­ri­el­le Eil­kom­pen­ten im über­re­gio­na­len Katastrophennotstand

§ 13 Abs. 3 Satz 2 und 3 Luft­SiG ist mit Art. 35 Abs. 3 Satz 1 GG unver­ein­bar und nichtig.

Ist im Fal­le eines über­re­gio­na­len Kata­stro­phen­not­stan­des (Art. 35 Abs. 3 GG) eine recht­zei­ti­ge Ent­schei­dung der regu­lär zustän­di­gen Bun­des­re­gie­rung (§ 13 Abs. 3 Satz 1 Luft­SiG) über einen Ein­satz der Streit­kräf­te nicht mög­lich, so ent­schei­det nach § 13 Abs. 3 Satz 2 Luft­SiG der Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung oder im Ver­tre­tungs­fall das zu sei­ner Ver­tre­tung berech­tig­te Mit­glied der Bun­des­re­gie­rung im Beneh­men mit dem Bun­des­mi­nis­ter des Innern. Nach § 13 Abs. 3 Satz 3 Luft­SiG ist auch in die­sem Fall die Ent­schei­dung der Bun­des­re­gie­rung unver­züg­lich herbeizuführen.

Die­se Rege­lun­gen sind unver­ein­bar mit Art. 35 Abs. 3 Satz 1 GG, der, wie das Ple­num des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ent­schie­den hat, einen Ein­satz der Streit­kräf­te auch in Eil­fäl­len allein auf­grund eines Beschlus­ses der Bun­des­re­gie­rung als Kol­le­gi­al­or­gan zulässt7.

Rechts­fol­ge der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 13 Abs. 3 Satz 2 Luft­SiG ist die Nich­tig­keit (§ 78 Satz 1 BVerfGG). Eine blo­ße Unver­ein­bar­er­klä­rung (§ 31 Abs. 2 Satz 3, § 79 Abs. 1 BVerfGG), gar in Ver­bin­dung mit dem Aus­spruch der Ver­pflich­tung des Gesetz­ge­bers, inner­halb einer bestimm­ten Frist eine ver­fas­sungs­kon­for­me Rege­lung zu tref­fen8, kommt nicht in Betracht.

Eine blo­ße Unver­ein­bar­keit ist aller­dings aus­zu­spre­chen, wenn der Zustand, der sich im Fal­le der Nich­tig­keit ergä­be, der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung noch fer­ner stün­de als die befris­te­te Wei­ter­gel­tung der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Rege­lung9. Die Beschrän­kung auf eine Unver­ein­bar­er­klä­rung, mit der dem Gesetz­ge­ber Zeit gege­ben wird, die Rechts­la­ge ver­fas­sungs­kon­form zu gestal­ten, ohne dass zwi­schen­zeit­lich ein ver­fas­sungs­wid­ri­ger Rechts­zu­stand durch einen noch ver­fas­sungs­fer­ne­ren ersetzt wird, kann unter ande­rem für den Fall gebo­ten sein, dass ande­ren­falls Schutz­lü­cken ent­stün­den10.

Mit der Nich­tig­erklä­rung der Rege­lun­gen des Luft­si­cher­heits­ge­set­zes zur minis­te­ri­el­len Eil­kom­pe­tenz für Ein­satz­ent­schei­dun­gen im über­re­gio­na­len Kata­stro­phen­not­stand kann sich – abhän­gig auch von den für die Wil­lens­bil­dung der Bun­des­re­gie­rung maß­geb­li­chen Bestim­mun­gen – zwar eine gra­vie­ren­de Schutz­lü­cke11 erge­ben, weil ins­be­son­de­re im Fall eines Ter­ror­an­griffs mit­tels Flug­zeugs die bei über­re­gio­na­ler Bedeu­tung erfor­der­li­che Ein­satz­ent­schei­dung der Bun­des­re­gie­rung unter Umstän­den nicht recht­zei­tig wird her­bei­ge­führt wer­den kön­nen. Eine sol­che Schutz­lü­cke wäre jedoch nicht durch das ein­fa­che Recht, son­dern durch die Ver­fas­sung selbst bedingt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist nicht befugt, eine von der Ver­fas­sung vor­ge­ge­be­ne Rechts­la­ge als ver­fas­sungs­fern zu qualifizieren.

Ver­fas­sungs­ge­mäß­heit der §§ 13 – 16 Luft­SiG im Übrigen

Im Übri­gen sind die §§ 13 bis 15 Luft­SiG, soweit Ver­fah­rens­ge­gen­stand, sowie § 16 Abs. 2 und Abs. 3 Satz 2 und 3 Luft­SiG und Art. 2 Nr. 10 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben mit dem Grund­ge­setz sowohl in for­mel­ler als auch in mate­ri­el­ler Hin­sicht vereinbar.

Der Bund hat die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz für die zur Prü­fung ste­hen­den Vorschriften.

Für die §§ 13 bis 15 Luft­SiG in der zur Prü­fung gestell­ten Fas­sung ergibt sich die Gesetz­ge­bungs­zu­stän­dig­keit aus Art. 73 Nr. 6 GG a.F. (heu­te Art. 73 Abs. 1 Nr. 6 GG), der dem Bund die aus­schließ­li­che Gesetz­ge­bung über den Luft­ver­kehr zuweist12. Soweit die Antrag­stel­le­rin­nen vor­brin­gen, der Bund kön­ne von die­sem Gesetz­ge­bungs­recht nur Gebrauch machen, wenn ein Ein­satz der Streit­kräf­te durch das Grund­ge­setz aus­drück­lich zuge­las­sen sei, kann dies nicht die aus der genann­ten Grund­ge­setz­be­stim­mung fol­gen­de Gesetz­ge­bungs­zu­stän­dig­keit des Bun­des für die §§ 13 bis 15 Luft­SiG in Fra­ge stel­len, die von den mate­ri­ell-ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen der Ein­setz­bar­keit der Streit­kräf­te gera­de nicht abhängt13.

Ob die Rege­lun­gen des § 16 Luft­SiG und des Art. 2 Nr. 10 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben, soweit sie die Rück­über­tra­gung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben aus der Auf­trags­ver­wal­tung der Län­der auf den Bund betref­fen, eben­falls eine kom­pe­ten­zi­el­le Grund­la­ge in Art. 73 Nr. 6 GG a.F. (heu­te Art. 73 Abs. 1 Nr. 6 GG) fin­den, kann offen­blei­ben. Die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun­des ergibt sich inso­weit jeden­falls aus Art. 87d Abs. 2 GG, der für die Über­tra­gung von Auf­ga­ben der Luft­ver­kehrs­ver­wal­tung auf die Län­der aus­drück­lich ein Bun­des­ge­setz vor­sieht und damit auch eine Bun­des­kom­pe­tenz für etwai­ge Rück­über­tra­gungs­re­ge­lun­gen begrün­det14.

Das Gesetz zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben und damit auch das Luft­si­cher­heits­ge­setz, das als des­sen zen­tra­ler Bestand­teil erlas­sen wur­de, bedurf­ten, wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zwi­schen­zeit­lich in einem ande­ren Ver­fah­ren ent­schie­den hat, nicht der Zustim­mung des Bun­des­ra­tes15. Ein Zustim­mungs­er­for­der­nis folg­te ins­be­son­de­re auch nicht aus dem Inhalt der in § 16 Abs. 2, Abs. 3 Satz 2 und 3 Luft­SiG und Art. 2 Nr. 10 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben getrof­fe­nen Rege­lun­gen16.

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Etwas ande­res ergibt sich nicht aus dem Grund­satz des bun­des­freund­li­chen Ver­hal­tens. Die­ser Grund­satz betrifft die Aus­übung gege­be­ner Kom­pe­ten­zen des Bun­des und der Län­der, begrün­det aber kei­ne Zustim­mungs­er­for­der­nis­se im Gesetzgebungsverfahren.

Mit Aus­nah­me der Rege­lun­gen zur minis­te­ri­el­len Eil­kom­pe­tenz (s.o.) sind die §§ 13 bis 15 Luft­SiG, soweit Ver­fah­rens­ge­gen­stand, auch mate­ri­ell mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar. Das­sel­be gilt für § 16 Abs. 2 und Abs. 3 Satz 2 und 3 Luft­SiG und Art. 2 Nr. 10 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luftsicherheitsaufgaben.

Die §§ 13 und 14 Luft­SiG sind nicht des­halb ver­fas­sungs­wid­rig, weil sie vom Grund­ge­setz nicht zuge­las­se­ne Ein­sät­ze der Streit­kräf­te im Inne­ren ermög­lich­ten oder die Vor­aus­set­zun­gen hier­für nicht hin­rei­chend bestimmt festlegten.

Nach § 14 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit § 13 Luft­SiG dür­fen die Streit­kräf­te unter näher bezeich­ne­ten Vor­aus­set­zun­gen im Luft­raum Luft­fahr­zeu­ge abdrän­gen, zur Lan­dung zwin­gen, den Ein­satz von Waf­fen­ge­walt andro­hen oder Warn­schüs­se abge­ben. Damit wird ein Ein­satz der Streit­kräf­te mit spe­zi­fisch mili­tä­ri­schen Mit­teln zugelassen.

Der Zuläs­sig­keit eines sol­chen Ein­sat­zes steht nicht die Sperr­wir­kung des Art. 87a Abs. 4 GG ent­ge­gen. Zwar ent­fal­tet die­se Bestim­mung, die den Ein­satz der Streit­kräf­te im Fall des inne­ren Not­stan­des regelt, eine Sperr­wir­kung dahin­ge­hend, dass in Aus­nah­me­si­tua­tio­nen der in Art. 87a Abs. 4 GG gere­gel­ten Art die engen Vor­aus­set­zun­gen, an die der Ein­satz der Streit­kräf­te hier geknüpft ist, nicht dadurch unter­lau­fen wer­den dür­fen, dass ein Ein­satz statt­des­sen etwa auf der Grund­la­ge des Art. 35 Abs. 2 oder 3 GG erfolgt17. In Aus­nah­me­si­tua­tio­nen, die nicht von der in Art. 87a Abs. 4 GG gere­gel­ten Art sind, kann jedoch ein Ein­satz der Streit­kräf­te auf der Grund­la­ge des Art. 35 Abs. 2 und 3 GG auch zur Bekämp­fung eines Angrei­fers zuläs­sig sein18. Um sol­che Aus­nah­me­si­tua­tio­nen han­delt es sich bei der Abwehr von Gefah­ren nach §§ 13, 14 LuftSiG.

Die in § 13 und § 14 Luft­SiG getrof­fe­nen Rege­lun­gen über­schrei­ten nicht die Gren­zen, die der Zulas­sung eines Ein­sat­zes der Streit­kräf­te im Kata­stro­phen­not­stand dadurch gesetzt sind, dass ein sol­cher Ein­satz nach Art. 35 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 Satz 1 GG einen beson­ders schwe­ren Unglücks­fall vor­aus­setzt. Ihnen fehlt inso­weit auch nicht die not­wen­di­ge Bestimmtheit.

Der Annah­me eines beson­ders schwe­ren Unglücks­falls steht bei einem Ereig­nis von kata­stro­phi­schem Aus­maß nicht ent­ge­gen, dass es absicht­lich her­bei­ge­führt ist19.

Ein Ver­fas­sungs­ver­stoß liegt auch nicht dar­in, dass nach dem Wort­laut der zu prü­fen­den Vor­schrif­ten ein Ein­satz nicht erst dann zuläs­sig sein soll, wenn ein beson­ders schwe­rer Unglücks­fall ein­ge­tre­ten ist, son­dern – unter näher bezeich­ne­ten Vor­aus­set­zun­gen – bereits dann, wenn er „bevor­steht“ (§ 13 Abs. 1 Luft­SiG) und Ein­satz­maß­nah­men „zur Ver­hin­de­rung des Ein­tritts“ des beson­ders schwe­ren Unglücks­fal­les (§ 14 Abs. 1 Luft­SiG) erfor­der­lich sind.

Im Urteil des Ers­ten Senats zum Luft­si­cher­heits­ge­setz vom 15.02.2006 ist es als ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich ange­se­hen wor­den, dass Ein­satz­maß­nah­men nach § 14 Luft­SiG schon zu einem Zeit­punkt zuläs­sig sein sol­len, zu dem sich zwar bereits ein erheb­li­cher Luft­zwi­schen­fall im Sin­ne des § 13 Abs. 1 Luft­SiG ereig­net hat, der beson­ders schwe­re Unglücks­fall selbst, der mit den zuge­las­se­nen Ein­satz­maß­nah­men gera­de abge­wehrt wer­den soll, aber noch nicht ein­ge­tre­ten ist20.

Von die­ser Aus­le­gung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ein­satz­vor­aus­set­zun­gen rückt auf den ers­ten Blick der Ple­nums­be­schluss vom 03.07.2012 ab. Der Unglücks­fall muss danach bereits vor­lie­gen, damit zu sei­ner Bekämp­fung oder zur Bekämp­fung sei­ner Scha­dens­fol­gen Streit­kräf­te ein­ge­setzt wer­den dür­fen21. Die­se Abkehr von der Recht­spre­chung des Ers­ten Senats betrifft jedoch allein die begriff­li­che Kon­struk­ti­on. Eine inhalt­lich ande­re Ein­gren­zung der Ein­satz­vor­aus­set­zun­gen in der Fra­ge, ob und inwie­weit bereits vor Scha­dens­ver­wirk­li­chung ein­ge­schrit­ten wer­den darf, ist damit nicht ver­bun­den: Dass der Unglücks­fall bereits vor­lie­gen muss, damit zu sei­ner Bekämp­fung Streit­kräf­te ein­ge­setzt wer­den dür­fen, bedeu­tet nach dem Ple­nums­be­schluss nicht, dass auch Schä­den not­wen­di­ger­wei­se bereits ein­ge­tre­ten sein müs­sen. Von einem Unglücks­fall kann auch dann gespro­chen wer­den, wenn zwar die zu erwar­ten­den Schä­den noch nicht ein­ge­tre­ten sind, der Unglücks­ver­lauf aber bereits begon­nen hat und der Ein­tritt kata­stro­pha­ler Schä­den unmit­tel­bar droht. Ist die Kata­stro­phe bereits in Gang gesetzt und kann sie nur noch durch den Ein­satz der Streit­kräf­te unter­bro­chen wer­den, muss nicht abge­war­tet wer­den, bis der Scha­den sich rea­li­siert hat. Der Scha­dens­ein­tritt muss jedoch unmit­tel­bar bevor­ste­hen. Dies ist der Fall, wenn der kata­stro­pha­le Scha­den, sofern ihm nicht recht­zei­tig ent­ge­gen­ge­wirkt wird, mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit in Kür­ze ein­tre­ten wird22. Bei alle­dem bezieht sich der Ple­nums­be­schluss zustim­mend, nicht abgren­zend, auf die ein­schlä­gi­gen Aus­füh­run­gen im Urteil des Ers­ten Senats23.

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Der Unter­schied zwi­schen bei­den Ent­schei­dun­gen liegt dem­nach in die­sem Punkt allein in der Fra­ge, ob die ein­ver­nehm­lich ange­nom­me­ne Zuläs­sig­keit prä­ven­ti­ver Ein­sät­ze zur Ver­mei­dung eines unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den kata­stro­pha­len Scha­dens­er­eig­nis­ses mit einer ent­spre­chend wei­ten Aus­le­gung des Begriffs des beson­ders schwe­ren Unglücks­fal­les begrün­det wird, wonach ein sol­cher Unglücks­fall schon vor Scha­dens­ein­tritt gege­ben sein kann (so der Ple­nums­be­schluss), oder mit der Annah­me der Zuläs­sig­keit eines Ein­sat­zes im unmit­tel­ba­ren Vor­feld eines enger defi­nier­ten, erst mit der Scha­dens­ver­wirk­li­chung ein­tre­ten­den der­ar­ti­gen Unglücks­fal­les (so das Urteil des Ers­ten Senats) begrün­det wird. Die­ser Unter­schied ist rein ter­mi­no­lo­gi­scher Art; er hat kei­ner­lei Rechts­fol­gen­re­le­vanz und betrifft daher nicht die Rechts­la­ge in ihrem Inhalt.

Ent­spre­chen­des gilt für die in § 13 Abs. 1 Satz 1 und § 14 Abs. 1 Luft­SiG gewähl­ten For­mu­lie­run­gen. Die Wort­wahl die­ser Rege­lun­gen ent­spricht der­je­ni­gen im Urteil des Ers­ten Senats; eine inhalt­li­che Abwei­chung von den Maß­ga­ben des Art. 35 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 Satz 1 GG in ihrer durch den Ple­nums­be­schluss klar­ge­stell­ten Bedeu­tung liegt dar­in, wie gezeigt, nicht. Ange­sichts des engen Krei­ses derer, die über das Ob eines Ein­sat­zes zu ent­schei­den haben (§ 13 Abs. 2 Satz 1 und Abs. 3 Satz 1 Luft­SiG), liegt in der Wort­fas­sung der § 13 Abs. 1 Satz 1 und § 14 Abs. 1 Luft­SiG auch kei­ne Undeut­lich­keit, deret­we­gen die­sen Vor­schrif­ten die not­wen­di­ge maß­stäb­li­che Klar­heit und Bestimmt­heit24 abzu­spre­chen wäre. Ins­be­son­de­re besteht nicht die Gefahr, dass die Befug­nis zum scha­dens­prä­ven­ti­ven Ein­satz, die im Grund­ge­setz und im Luft­si­cher­heits­ge­setz glei­cher­ma­ßen, aber in unter­schied­li­cher ter­mi­no­lo­gi­scher Zuord­nung ange­legt ist, auf­grund die­ses Unter­schie­des dop­pelt und damit im Über­maß genutzt wird.

Die §§ 13 und 14 Luft­SiG hal­ten sich im Rah­men der Begren­zun­gen, die sich für Ein­sät­ze nach Art. 35 Abs. 2 und 3 GG dar­aus erge­ben, dass die Ein­satz­vor­aus­set­zung des beson­ders schwe­ren Unglücks­falls nur in äußers­ten Aus­nah­me­fäl­len, bei Ereig­nis­sen von kata­stro­phi­schen Dimen­sio­nen25, erfüllt ist. Mit der Anknüp­fung an das – Art. 35 GG ent­nom­me­ne – Tat­be­stands­merk­mal des beson­ders schwe­ren Unglücks­fal­les neh­men § 13 Abs. 1 und § 14 Abs. 1 Luft­SiG alle dar­in lie­gen­den Beschrän­kun­gen auf.

Mit der Über­nah­me des ver­fas­sungs­recht­li­chen Begriffs des beson­ders schwe­ren Unglücks­fal­les in den genann­ten Vor­schrif­ten ist in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on auch den Anfor­de­run­gen an die Bestimmt­heit der gesetz­li­chen Rege­lun­gen genügt. Es ist nicht ersicht­lich, dass Prä­zi­sie­run­gen geeig­net sein könn­ten, die Ori­en­tie­rungs­funk­ti­on der gesetz­li­chen Vor­ga­ben in sach­an­ge­mes­se­ner Wei­se deut­lich zu verbessern.

Dass bereits das Grund­ge­setz selbst in Art. 35 GG für die Bestim­mung der Ein­satz­vor­aus­set­zun­gen mit dem unbe­stimm­ten Rechts­be­griff des beson­ders schwe­ren Unglücks­fal­les arbei­tet, hat sei­nen Grund nicht nur in der beson­de­ren, mit detail­ge­nau­er Kon­kre­ti­sie­rung nur ein­ge­schränkt ver­träg­li­chen Funk­ti­on einer Ver­fas­sung, son­dern auch in der Natur des zu bewäl­ti­gen­den Pro­blems. Schon wegen der Viel­falt der Fak­to­ren und Fak­to­ren­kom­bi­na­tio­nen, die für die beson­de­re Schwe­re eines Unglücks­fal­les von Bedeu­tung sein kön­nen, ist der Begriff des beson­ders schwe­ren Unglücks­fal­les einer hand­hab­ba­ren Kon­kre­ti­sie­rung kaum zugäng­lich, zumal die Eil­be­dürf­tig­keit von Ein­satz­ent­schei­dun­gen nach dem Luft­si­cher­heits­ge­setz kei­ne lang­wie­ri­gen punkt­ge­nau­en Ermitt­lun­gen auf unter­schied­li­che Bestim­mungs­grö­ßen hin, son­dern nur eine mehr oder weni­ger intui­ti­ve Ein­schät­zung erlau­ben wird. Es ist daher sach­ge­recht, dass bei Erlass des Luft­si­cher­heits­ge­set­zes auf eine trenn­schar­fe Prä­zi­sie­rung ver­zich­tet wur­de und nur in der Geset­zes­be­grün­dung exem­pla­risch Bei­spie­le auf­ge­führt sind, die zur Ori­en­tie­rung die­nen kön­nen26.

Die stren­ge ver­fas­sungs­recht­li­che Beschrän­kung des Streit­kräf­te­ein­sat­zes auf das Erfor­der­li­che, die sowohl das „Ob“ als auch das „Wie“ des Ein­sat­zes, ein­schließ­lich der kon­kre­ten Ein­satz­mit­tel, betrifft27, ist mit den zur Prü­fung gestell­ten Vor­schrif­ten gewahrt.

§ 13 Abs. 1 Luft­SiG lässt einen Ein­satz nur im Rah­men des Erfor­der­li­chen zu. Dass die Erfor­der­lich­keits­klau­sel sich dabei dem Wort­laut nach auf die Bekämp­fung eines bevor­ste­hen­den beson­ders schwe­ren Unglücks­fal­les bezieht – die Ein­satz­ermäch­ti­gung sich also der For­mu­lie­rung nach nicht auf die Zulas­sung der Bekämp­fung der Fol­gen eines bereits ein­ge­tre­te­nen beson­ders schwe­ren Unglücks­fal­les beschränkt -, ist aus den bereits dar­ge­stell­ten Grün­den unbe­denk­lich und ändert nichts dar­an, dass der Streit­kräf­te­ein­satz nur als ulti­ma ratio zur Scha­dens­ver­mei­dung zuge­las­sen ist.

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Ent­spre­chen­des gilt für § 14 Luft­SiG, der die zuläs­si­gen kon­kre­ten Ein­satz­maß­nah­men und die Anord­nungs­be­fug­nis hier­für regelt.

An der Erfor­der­lich­keit der in § 14 Abs. 1 Luft­SiG getrof­fe­nen Ein­satz­re­ge­lung fehlt es auch nicht des­halb, weil sie für sich genom­men man­gels wei­ter­rei­chen­der Ein­griffs­mög­lich­kei­ten nicht geeig­net wäre, den ver­fas­sungs­recht­li­chen Ein­satz­zweck zu för­dern. Zwar stellt das Gesetz, nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Ermäch­ti­gungs­norm des § 14 Abs. 3 Luft­SiG für nich­tig erklärt hat28, allen­falls noch für Dro­hun­gen, nicht aber für die unmit­tel­ba­re Ein­wir­kung mit Waf­fen­ge­walt eine Ein­griffs­grund­la­ge bereit. Das min­dert, jeden­falls gegen­über einem infor­mier­ten Angrei­fer, zwangs­läu­fig die Wirk­sam­keit der Andro­hung. Das­sel­be gilt für die Mög­lich­keit, Warn­schüs­se abzu­ge­ben (§ 14 Abs. 1 Luft­SiG). Es ver­bleibt aber – in die­sem Sin­ne haben sich über­ein­stim­mend auch die ange­hör­ten Fach­leu­te in der münd­li­chen Ver­hand­lung geäu­ßert – die mög­li­che psy­chi­sche Zwangs- oder Irri­ta­ti­ons­wir­kung sol­cher Maß­nah­men und des nach § 14 Abs. 1 Luft­SiG eben­falls zuläs­si­gen Ver­suchs, das Luft­fahr­zeug, von dem die Gefahr aus­geht, durch Flug­ma­nö­ver auf einen vom ver­mu­te­ten Angriffs­ziel weg­füh­ren­den Kurs zu drän­gen. Damit las­sen sich, je nach den Umstän­den, auch die Chan­cen einer erfolg­rei­chen Ein­wir­kung durch Poli­zei­psy­cho­lo­gen erhö­hen. Die begrenz­ten Durch­set­zungs­mit­tel, die § 14 Abs. 1 Luft­SiG bereit­stellt, kön­nen danach, wenn­gleich Schutz­lü­cken offen blei­ben, jeden­falls den Ein­satz­zweck för­dern. Für die ver­fas­sungs­recht­lich unab­ding­ba­re Geeig­net­heit der Rege­lung reicht dies aus29.

Auch die Rege­lung des § 14 Abs. 4 Satz 2 Luft­SiG, die dem Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung die Mög­lich­keit ein­räumt, den Inspek­teur der Luft­waf­fe gene­rell zu ermäch­ti­gen, Maß­nah­men nach § 14 Abs. 1 Luft­SiG anzu­ord­nen, steht mit dem Grund­ge­setz in Ein­klang. Für Fäl­le, in denen eine auf das Gebiet eines ein­zel­nen Lan­des beschränk­te Gefahr abzu­weh­ren ist (Art. 35 Abs. 2 Satz 2 GG), sieht das Grund­ge­setz eine bestimm­te Organ­zu­stän­dig­keit weder für die Ent­schei­dung über den Ein­satz als sol­chen (§ 13 Luft­SiG) noch für die Ent­schei­dung über die kon­kret zu tref­fen­den Ein­satz­maß­nah­men (§ 14 Luft­SiG) vor. Für den Fall des über­re­gio­na­len Kata­stro­phen­not­stan­des weist Art. 35 Abs. 3 Satz 1 GG zwar der Bun­des­re­gie­rung die Grund­satz­ent­schei­dung über den Ein­satz zu, trifft damit aber kei­ne ver­bind­li­che Aus­sa­ge dar­über, wer die Anord­nung kon­kre­ter Maß­nah­men im Rah­men des von der Bun­des­re­gie­rung gebil­lig­ten Ein­sat­zes aus­zu­spre­chen befugt ist. Der Gesetz­ge­ber ist danach für kei­nen der in Art. 35 GG gere­gel­ten Ein­satz­fäl­le gehin­dert, die auf ein­zel­ne Ein­satz­maß­nah­men bezo­ge­nen Befug­nis­se – auch gene­rell – auf den Inspek­teur der Luft­waf­fe zu über­tra­gen30.

Bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung ist auch § 15 Luft­SiG mit dem Grund­ge­setz vereinbar.

Nach § 15 Abs. 1 Satz 2 Luft­SiG kön­nen die Streit­kräf­te auf Ersu­chen der für die Flug­si­che­rung zustän­di­gen Stel­le im Luft­raum Luft­fahr­zeu­ge über­prü­fen, umlei­ten oder war­nen. Der Gesetz­ge­ber hat die­se Maß­nah­men, anders als die Maß­nah­men nach § 14 Abs. 1 Luft­SiG, nicht als Ein­satz­maß­nah­men im Sin­ne des Art. 35 Abs. 2 und 3 GG kon­zi­piert31. § 14 Luft­SiG ist mit „Ein­satz­maß­nah­men, Anord­nungs­be­fug­nis“ über­schrie­ben, § 15 Luft­SiG dage­gen mit „Sons­ti­ge Maß­nah­men“. In der Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs eines Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben ist zu § 15 Luft­SiG aus­ge­führt, dass es sich bei den nach Absatz 1 die­ser Vor­schrift vor­ran­gig zu ergrei­fen­den Maß­nah­men um sol­che im Vor­feld eines Ein­sat­zes nach § 14 Luft­SiG, um blo­ße Amts­hil­fe, han­de­le32. Die grund­sätz­li­che Zuord­nung zum Bereich der Amts­hil­fe hat zusätz­lich in § 15 Abs. 3 Luft­SiG Nie­der­schlag gefun­den, wonach die „sons­ti­gen Vor­schrif­ten und Grund­sät­ze der Amts­hil­fe“ unbe­rührt blei­ben. Die­ser Zuord­nung folgt auch die in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 10.02.2010 – wie aus der Abschrift des Ton­band­mit­schnitts ersicht­lich – dar­ge­stell­te Pra­xis: Die zur Abklä­rung der Erfor­der­lich­keit wei­ter­ge­hen­der Maß­nah­men jähr­lich 30 bis 40 mal statt­fin­den­den Alarm­starts von Jagd­flug­zeu­gen wer­den nicht als Ein­sät­ze im Sin­ne des Art. 35 Abs. 2 und 3 GG behan­delt und erfol­gen daher ohne die Ein­schal­tung der Bun­des­re­gie­rung oder, bei Unglücks­fäl­len von nur regio­na­ler Bedeu­tung, des Bun­des­mi­nis­ters der Ver­tei­di­gung, die für einen Ein­satz der Streit­kräf­te nach die­sen Bestim­mun­gen erfor­der­lich wäre33.

Die gesetz­li­che Ein­ord­nung von Maß­nah­men der Auf­klä­rung und unter­stüt­zen­den Infor­ma­ti­on als blo­ße Amts­hil­fe (Art. 35 Abs. 1 GG), die nicht den Anfor­de­run­gen für einen Ein­satz der Streit­kräf­te (Art. 35 Abs. 2 und 3 GG) unter­liegt, ent­spricht der ver­fas­sungs­recht­li­chen Abgren­zung. Art. 87a Abs. 2 GG bin­det nicht jede Nut­zung per­so­nel­ler und säch­li­cher Res­sour­cen der Streit­kräf­te an eine aus­drück­li­che grund­ge­setz­li­che Zulas­sung, son­dern nur ihre Ver­wen­dung als Mit­tel der voll­zie­hen­den Gewalt in einem Ein­griffs­zu­sam­men­hang. Dem­entspre­chend kann auf Luft­zwi­schen­fäl­le in rein tech­nisch-unter­stüt­zen­der Funk­ti­on reagiert wer­den. Dies ver­bleibt im Rah­men des Art. 35 Abs. 1 GG und ist daher von den Beschrän­kun­gen, die für einen Ein­satz der Streit­kräf­te nach Art. 35 Abs. 2 und 3 GG gel­ten, nicht betrof­fen34.

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Aller­dings liegt eine Ver­wen­dung in einem Ein­griffs­zu­sam­men­hang nicht erst bei einem kon­kre­ten Vor­ge­hen mit Zwang, son­dern bereits dann vor, wenn per­so­nel­le oder sach­li­che Mit­tel der Streit­kräf­te in ihrem Droh- oder Ein­schüch­te­rungs­po­ten­ti­al genutzt wer­den34. Im Hin­blick dar­auf, dass die Über­prü­fung eines Luft­fahr­zeugs durch auf­stei­gen­de Jagd­flug­zeu­ge nach § 15 Abs. 1 Satz 2 Luft­SiG typi­scher­wei­se nicht zur Auf­de­ckung einer Angriffs­ab­sicht (Rene­ga­de-Fall), son­dern zur Fest­stel­lung eines Ori­en­tie­rungs­be­darfs – etwa wegen aus­ge­fal­le­nen Funk­kon­takts oder sons­ti­ger tech­ni­scher Pro­ble­me – führt, dem mit Warn- und Lei­tungs­si­gna­len ent­spro­chen wer­den kann, darf bei einem erheb­li­chen Luft­zwi­schen­fall regel­mä­ßig zunächst davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Ver­wen­dung von Jagd­flie­gern zur Abklä­rung und die Aus­sendung sol­cher Signa­le kei­ne Nut­zung von Mit­teln der Streit­kräf­te in ihrem Droh- und Ein­schüch­te­rungs­po­ten­ti­al, son­dern eine tech­nisch-unter­stüt­zen­de Maß­nah­me dar­stellt. Ergibt jedoch die Über­prü­fung, dass ein Rene­ga­de-Fall vor­liegt, schei­det eine wei­te­re Deu­tung als blo­ße Unter­stüt­zung aus; die Akti­on kann dann nur noch als Ent­fal­tung des Droh- und Ein­schüch­te­rungs­po­ten­ti­als der ein­ge­setz­ten mili­tä­ri­schen Mit­tel ver­stan­den wer­den. Ihre Fort­set­zung ist folg­lich nicht mehr auf der Grund­la­ge des § 15 Luft­SiG, son­dern nur noch, sobald die hier­für erfor­der­li­che Ein­satz­ent­schei­dung getrof­fen ist, als Ein­satz nach §§ 13, 14 Luft­SiG zuläs­sig. Im Ergeb­nis muss § 15 Luft­SiG dem­entspre­chend als Norm aus­ge­legt wer­den, die allein Maß­nah­men im Vor­feld eines Ein­sat­zes zulässt.

Die wei­te­ren zur Prü­fung gestell­ten Bestim­mun­gen (§ 16 Abs. 3 Satz 2 und 3 i.V.m. § 16 Abs. 2 Luft­SiG, Art. 2 Nr. 10 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung von Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben) ermög­li­chen es dem Bund, die den Län­dern gemäß Art. 87d Abs. 2 GG zur Aus­füh­rung in Auf­trags­ver­wal­tung über­tra­ge­nen Luft­si­cher­heits­auf­ga­ben durch ein­sei­ti­ge Ent­schei­dung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern wie­der an sich zu zie­hen. Die­se Bestim­mun­gen sind eben­falls mit dem Grund­ge­setz vereinbar.

Grund­sät­ze des Rechts­staats­prin­zips sind nicht verletzt.

§ 16 Abs. 3 Satz 2 Luft­SiG ermög­licht die Rück­über­tra­gung von Auf­ga­ben für den Fall, dass dies zur Gewähr­leis­tung der bun­des­ein­heit­li­chen Durch­füh­rung der Sicher­heits­maß­nah­men erfor­der­lich ist. Damit sind die mate­ri­ell­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen einer Rück­über­tra­gung nur gene­ral­klau­sel­ar­tig bestimmt. Ein Ver­stoß gegen den rechts­staat­li­chen Bestimmt­heits­grund­satz liegt dar­in nicht. Der Gesetz­ge­ber ist nach die­sem Grund­satz nur gehal­ten, Nor­men so bestimmt zu fas­sen, wie dies nach der Eigen­art des zu ord­nen­den Lebens­sach­ver­halts mit Rück­sicht auf den Norm­zweck mög­lich ist35. Es reicht aus, wenn sich der Rege­lungs­ge­halt im Wege der Aus­le­gung mit Hil­fe der aner­kann­ten Aus­le­gungs­re­geln fest­stel­len lässt36. Die­sen Anfor­de­run­gen genügt die Bin­dung der Über­tra­gungs­mög­lich­keit an das Erfor­der­lich­keits­kri­te­ri­um des § 16 Abs. 3 Satz 2 Luft­SiG. Dass in Fra­gen der föde­ra­len Kom­pe­tenz­zu­ord­nung ver­nünf­ti­ge all­ge­mei­ne Rege­lun­gen häu­fig nur gene­ral­klau­sel­ar­tig mög­lich sind, zeigt sich nicht zuletzt dar­in, dass das Grund­ge­setz selbst in die­sem Zusam­men­hang auf Gene­ral­klau­seln zurück­greift (vgl. nur etwa Art. 72 Abs. 2, Art. 84 Abs. 1 Satz 5 GG).

Auch die Gren­zen zuläs­si­ger gesetz­li­cher Dele­ga­ti­on der Über­tra­gungs­ent­schei­dung sind nicht über­schrit­ten37.

Es ver­stößt nicht gegen die Pflicht zu bun­des­freund­li­chem Ver­hal­ten, dass die Bin­dung der Rück­über­tra­gungs­mög­lich­keit an einen Antrag des betrof­fe­nen Lan­des auf­ge­ge­ben wurde.

Die Pflicht zu bun­des­freund­li­chem Ver­hal­ten ver­langt, dass sowohl der Bund als auch die Län­der bei der Wahr­neh­mung ihrer Kom­pe­ten­zen die gebo­te­ne und ihnen zumut­ba­re Rück­sicht auf das Gesamt­in­ter­es­se des Bun­des­staa­tes und auf die Belan­ge der Län­der neh­men38. Der Bund ver­stößt gegen die­se Pflicht nicht schon dadurch, dass er von einer ihm durch das Grund­ge­setz ein­ge­räum­ten Kom­pe­tenz Gebrauch macht; viel­mehr muss deren Inan­spruch­nah­me miss­bräuch­lich sein38 oder gegen pro­ze­du­ra­le Anfor­de­run­gen ver­sto­ßen, die aus die­sem Grund­satz her­zu­lei­ten sind39.

Dafür ist hier nichts ersicht­lich. Art. 87d Abs. 2 GG stellt dem Bun­des­ge­setz­ge­ber anheim, ob und in wel­chem Umfang den Län­dern Auf­ga­ben der Luft­ver­kehrs­ver­wal­tung zur Aus­füh­rung im Auf­trag des Bun­des über­tra­gen wer­den. Für die Rück­über­tra­gung, die Art. 87d Abs. 2 GG gleich­falls ermög­licht, gilt nichts ande­res. Der Ver­fas­sungs­ge­ber hat die Fest­le­gung der Auf­ga­ben­zu­ord­nung danach gera­de nicht – was ohne wei­te­res mög­lich gewe­sen wäre – an ein Ein­ver­neh­men der Län­der geknüpft. Unab­hän­gig davon kann jeden­falls nicht schon in der blo­ßen gesetz­li­chen Eröff­nung der Mög­lich­keit, von den Län­dern in Auf­trags­ver­wal­tung wahr­ge­nom­me­ne Auf­ga­ben ohne deren Zustim­mung wie­der in bun­des­ei­ge­ne Ver­wal­tung zu über­füh­ren, eine miss­bräuch­li­che Inan­spruch­nah­me von Kom­pe­ten­zen oder ein Ver­stoß gegen Ver­fah­rens­an­for­de­run­gen, die sich aus dem Grund­satz bun­des­freund­li­chen Ver­hal­tens erge­ben, gese­hen wer­den. Selbst wenn durch die Rück­über­füh­rung von Auf­ga­ben in bun­des­ei­ge­ne Ver­wal­tung das Inter­es­se eines ein­zel­nen Lan­des in sol­chem Aus­maß betrof­fen sein könn­te, dass die Auf­ga­ben­über­füh­rung ohne des­sen Ein­ver­neh­men miss­bräuch­lich oder pro­ze­du­ral unzu­läs­sig erschie­ne, sprä­che jeden­falls nichts dafür, dass es sich im Regel­fall so ver­hält und dies daher bereits auf der Ebe­ne der gesetz­li­chen Ermög­li­chung der Rück­über­tra­gung sei­nen Nie­der­schlag in einem Antrags- oder Ein­ver­neh­mens­er­for­der­nis hät­te fin­den müssen.

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Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 30. März 2013 – 2 BvF 1/​05

  1. BVerfG Urteil vom 15.02.2006 – 1 BvR 357/​05, BVerfGE 115, 118[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 03.07.2012 – 2 PBvU 1/​11[]
  3. BGBl. I S. 78[][][][][]
  4. BGBl. I S. 2034[]
  5. BGBl. I S. 2424[]
  6. BVerfG, Urteil vom 15.02.2006 – 1 BvR 357/​05[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 03.07.2012 – 2 PBvU 1/​11, Nr. 3 des Tenors sowie Rn. 52 ff.[]
  8. vgl. BVerfGE 101, 106, 132; 118, 45, 78; 121, 266, 316; 125, 175, 257 f., 259[]
  9. vgl. nur BVerfGE 41, 251, 267; 61, 319, 356; 83, 130, 154; 85, 386, 401; 87, 153, 177 f.; 97, 228, 270[]
  10. vgl. BVerfGE 83, 130, 154; 109, 190, 235 f.[]
  11. vgl. Fas­ten­rath, JZ 2012, S. 1128, 1131[]
  12. vgl. BVerfG, Beschluss des Ple­nums vom 03.07.2012 – 2 PBvU 1/​11, Nr. 1 des Tenors sowie Rn. 14 ff.[]
  13. vgl. BVerfG, Ple­num, a.a.O. Rn. 16[]
  14. vgl. BVerfGE 97, 198, 226[]
  15. vgl. BVerfGE 126, 77, 98[]
  16. vgl. BVerfG, a.a.O. S. 108 und 110 f.[]
  17. vgl. BVerfG, Beschluss des Ple­nums vom 03.07.2012 – 2 PBvU 1/​11, Rn. 45 f.[]
  18. BVerfG, a.a.O. Rn. 46[]
  19. vgl. BVerfG, a.a.O. Rn. 46; eben­so bereits BVerfGE 115, 118, 143 f.[]
  20. vgl. BVerfGE 115, 118, 144[]
  21. BVerfG, Ple­num, a.a.O. Rn. 47[]
  22. vgl. BVerfG, Ple­num, a.a.O. Rn. 47[]
  23. vgl. BVerfG, a.a.O., sowie BVerfGE 115, 118, 144 f.[]
  24. vgl. BVerfGE 110, 33, 54; 113, 348, 375[]
  25. vgl. BVerfG, Ple­num, a.a.O. Rn. 26, 43, 46, 51[]
  26. vgl. BR-Drs. 827/​03, S. 36, sowie BT-Drs. 15/​2361, S.20: „Bei­spie­le: Angriff auf Hoch­haus, gefähr­li­che Indus­trie­an­la­ge, AKW etc.“[]
  27. vgl. BVerfG, Ple­num, a.a.O., Rn. 48[]
  28. vgl. BVerfGE 115, 118, 119[]
  29. vgl. im grund­recht­li­chen Zusam­men­hang BVerfGE 96, 10, 23; 100, 313, 373; 103, 293, 307; 115, 118, 163; 117, 163, 188 f.[]
  30. vgl. Kei­del, Poli­zei und Poli­zei­ge­walt im Not­stands­fall, 1971, S. 149; Ladi­ges, Die Bekämp­fung nicht-staat­li­cher Angrei­fer im Luft­raum, 2007, S. 244; ders., NVwZ 2012, S. 1225, 1228; Speth, Rechts­fra­gen des Ein­sat­zes der Bun­des­wehr unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung sekun­dä­rer Ver­wen­dun­gen, 1985, S. 142; Franz/​Günther, VBlBW 2006, S. 340, 343; Satt­ler, NVwZ 2004, S. 1286, 1289; aus der Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te s. BT-Drs. V/​2873, S. 14[]
  31. zur Wür­di­gung als Ein­griffs­nor­men in Abgren­zung zu blo­ßen Ver­fah­rens- und Mit­tel­be­reit­stel­lungs­nor­men bei der Bestim­mung der Kom­pe­tenz­grund­la­ge BVerfG, Ple­num, a.a.O. Rn.20[]
  32. vgl. BR-Drs. 827/​03, S. 39; BT-Drs. 15/​2361, S. 21; s. auch Giemul­la, in: ders./van Schyn­del, Luft­SiG, § 15 Rn. 1, 12/​2009[]
  33. vgl. auch Giemul­la, in: ders./van Schyn­del, Luft­SiG, § 15 Rn. 4, 12/​2009[]
  34. BVerfG, Ple­num, a.a.O. Rn. 50[][]
  35. vgl. BVerfGE 49, 168, 181; 56, 1, 13; 78, 205, 212[]
  36. vgl. BVerfGE 21, 209, 215; 79, 106, 120; 102, 254, 337[]
  37. vgl. BVerfGE 97, 198, 227[]
  38. vgl. BVerfGE 81, 310, 337 m.w.N.[][]
  39. vgl. BVerfGE 81, 310, 337[]