Mani­pu­la­ti­on der Fin­ger­kup­pen

Eine Mani­pu­la­ti­on der Fin­ger­kup­pen kann zur Ein­stel­lung des Asyl­ver­fah­rens füh­ren.

Mani­pu­la­ti­on der Fin­ger­kup­pen

Asyl­be­wer­ber sind gesetz­lich ver­pflich­tet, sich zur Fest­stel­lung ihrer Iden­ti­tät Fin­ger­ab­drü­cke abneh­men zu las­sen. Ver­ei­teln sie deren Aus­wert­bar­keit durch Mani­pu­la­ti­on ihrer Fin­ger­kup­pen, kann das Asyl­ver­fah­ren wegen Nicht­be­trei­bens ein­ge­stellt wer­den, ohne dass eine Ent­schei­dung über die Begründ­etheit des Asyl­ge­suchs getrof­fen wird. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den.

Der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt lag der Fall eines Asyl­be­wer­bers zugrun­de, der kei­ne Iden­ti­täts­pa­pie­re vor­leg­te und angab, soma­li­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger zu sein. Ihm wur­den vom Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge – Bun­des­amt – am Tag der Asyl­an­trag­stel­lung Fin­ger­ab­drü­cke abge­nom­men. Deren Aus­wer­tung zum Zweck des Abgleichs mit der Euro­päi­schen Fin­ger­ab­druck­da­ten­bank (EURODAC) war jedoch nicht mög­lich. Der mit der Abnah­me der Fin­ger­ab­drü­cke befass­te Mit­ar­bei­ter ver­merk­te Spu­ren von Mani­pu­la­tio­nen an den Fin­ger­kup­pen. Dar­auf­hin wur­de der Klä­ger schrift­lich auf­ge­for­dert, sein Asyl­ver­fah­ren u.a. dadurch zu betrei­ben, dass er bin­nen eines Monats in der Außen­stel­le des Bun­des­am­tes erschei­ne und sich „aus­wert­ba­re Fin­ger­ab­drü­cke“ abneh­men las­se. Nach­dem sich auch die in einem zwei­ten Ter­min abge­ge­be­nen Fin­ger­ab­drü­cke des Klä­gers als nicht aus­wert­bar erwie­sen, stell­te das Bun­des­amt mit Bescheid vom 27. Okto­ber 2010 fest, dass der Asyl­an­trag als zurück­ge­nom­men gilt, das Asyl­ver­fah­ren ein­ge­stellt ist und Abschie­bungs­ver­bo­te nach § 60 Abs. 2 bis 7 AsylVfG nicht vor­lie­gen. Dem Klä­ger wur­de die Abschie­bung in den Her­kunfts­staat ange­droht.

Hier­ge­gen wand­te sich der Asyl­be­wer­ber mit einer Kla­ge, die in den Vor­in­stan­zen zunächst Erfolg hat­te: Das Ver­wal­tungs­ge­richt Regens­burg und der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in Mün­chen haben die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 32, 33 Abs. 1 AsylVfG für die Ver­fah­rens­ein­stel­lung wegen Nicht­be­trei­bens als nicht erfüllt ange­se­hen, weil die blo­ße Dul­dungs­pflicht kein Mani­pu­la­ti­ons­ver­bot oder die Pflicht zur Abga­be ver­wert­ba­rer Fin­ger­ab­drü­cke umfas­se 1. Offen gelas­sen wur­de, ob der Klä­ger die Unver­wert­bar­keit sei­ner Fin­ger­ab­drü­cke zu ver­tre­ten habe.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sah dies anders und hat nun die Sache an den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zurück­ver­wie­sen: Ein Asyl­be­wer­ber ist zwar nicht ver­pflich­tet, posi­tiv die Aus­wert­bar­keit sei­ner Fin­ger­ab­drü­cke zu garan­tie­ren. Aus der Pflicht, die Abnah­me der Fin­ger­ab­drü­cke zu dul­den (§ 15 Abs. 2 Nr. 7 AsylVfG), folgt aber auch die Pflicht, jede Mani­pu­la­ti­on sei­ner Fin­ger­kup­pen zu unter­las­sen, die die Aus­wert­bar­keit der Fin­ger­ab­drü­cke beein­träch­ti­gen könn­te. Denn nur bei aus­wert­ba­ren Fin­ger­ab­drü­cken kann geklärt wer­den, ob der Asyl­an­trag unzu­läs­sig ist, weil schon in einem ande­ren Staat der Euro­päi­schen Uni­on um Schutz nach­ge­sucht wor­den ist. Bei Anhalts­punk­ten für Mani­pu­la­tio­nen besteht ein berech­tig­ter Anlass für eine Betrei­bens­auf­for­de­rung nach § 33 Abs. 1 AsylVfG. Der Asyl­be­wer­ber hat dann einen Monat Zeit, die gefor­der­te Mit­wir­kungs­hand­lung zu erbrin­gen. Geschieht dies nicht, etwa weil die Fin­ger­ab­drü­cke wegen einer Mani­pu­la­ti­on der Fin­ger­kup­pen erneut nicht aus­ge­wer­tet wer­den kön­nen, hat das Bun­des­amt das Asyl­ver­fah­ren ein­zu­stel­len, ohne eine Sach­ent­schei­dung über das Asyl­be­geh­ren zu tref­fen. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof wird nun u.a. fest­zu­stel­len haben, ob sich der Vor­wurf des Bun­des­am­tes bestä­tigt, der Klä­ger habe sei­ne Fin­ger­kup­pen mani­pu­liert.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 5. Sep­tem­ber 2013 – 10 C 1.13 und 10 C 3.13

  1. VG Regens­burg, Urteil vom 13.12.2011 – RN 7 K 10.30552; BayVGH, Urteil vom 14.01.2013 – 20 B 12.30300[]