Mari­hua­na-MPU

Der Besitz von 15 g Mari­hua­na, des­sen THC-Kon­zen­tra­ti­on unbe­kannt ist, berech­tigt die Fahr­erlaub­nis­be­hör­de ohne wei­te­re Anhalts­punk­te nicht dazu, gemäß § 14 Abs. 1 Satz 2 FeV die Bei­brin­gung eines ärzt­li­chen Gut­ach­tens zu for­dern.

Mari­hua­na-MPU

Mit die­ser Ent­schei­dung stellt sich das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt gegen das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len 1. Nach der Recht­spre­chung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len reicht für die Anord­nung eines ärzt­li­chen Gut­ach­tens nach § 14 Abs. 1 FeV der nur gele­gent­li­che Can­na­bis­kon­sum nicht aus, wenn nicht zusätz­lich erschwe­ren­de Umstän­de vor­lie­gen (z. B. man­geln­de Tren­nung von Kon­sum und Ver­kehrs­teil­nah­me). Sofern sich jedoch über den gele­gent­li­chen Can­na­bis­kon­sum hin­aus Ver­dachts­mo­men­te für einen regel­mä­ßi­gen Kon­sum erge­ben, darf ein ärzt­li­ches Gut­ach­ten ver­langt wer­den. Hin­rei­chen­de Ver­dachts­mo­men­te für einen regel­mä­ßi­gen Kon­sum erge­ben sich nach die­ser Recht­spre­chung, wenn der Betref­fen­de einen Can­na­bis­vor­rat bei sich führt, der über einen Zeit­raum von jeden­falls zwei Mona­ten einen min­des­tens fünf­ma­li­gen Can­na­bis­kon­sum pro Woche ermög­licht. Dies sei bei einer gefun­de­nen Mari­hua­na­men­ge von min­des­tens 9 g der Fall. Da sich dar­aus ein Vor­rat von 48 Can­na­bis­kon­sum­ein­hei­ten erge­be, lägen hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te für einen im Hin­blick auf die Fahr­eig­nung pro­ble­ma­ti­schen Can­na­bis­kon­sum vor, der die Anord­nung eines medi­zi­ni­schen Gut­ach­tens recht­fer­ti­ge. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat sich die­ser Recht­spre­chung ange­schlos­sen und dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Men­ge von 9 g Mari­hua­na im vor­lie­gen­den Fall deut­lich (15,13 g) über­schrit­ten sei.

Dem wider­spricht jetzt das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt:

Zwei­fel an der Rich­tig­keit der Ent­schei­dun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len erge­ben sich, weil nicht sicher erscheint und gege­be­nen­falls im Kla­ge­ver­fah­ren noch auf­ge­klärt wer­den müss­te, ob die vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ange­stell­te pau­scha­le Berech­nung der Kon­sum­ein­hei­ten anhand der gefun­de­ne Mari­hua­na­men­ge in die­ser All­ge­mein­heit trag­fä­hig oder vor­lie­gend eine kon­kre­te­re Betrach­tung ange­zeigt ist. Die­se Zwei­fel bestehen im Übri­gen auch, wenn man mit dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt 2 unter regel­mä­ßi­ger Ein­nah­me von Can­na­bis im Sin­ne von Nr. 9.2.1 der Anla­ge 4 zur Fahr­erlaub­nis-Ver­ord­nung einen Kon­sum ver­steht, der nach wis­sen­schaft­li­chem Erkennt­nis­stand als sol­cher und ohne das Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Umstän­de im Regel­fall die Fahr­eig­nung aus­schließt, wobei die­se Vor­aus­set­zun­gen jeden­falls dann vor­lie­gen, wenn täg­lich oder nahe­zu täg­lich Can­na­bis kon­su­miert wird. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len hat aus­ge­führt, dass für aus den Nie­der­lan­den ein­ge­führ­tes Mari­hua­na ein THC-Gehalt von jeden­falls 8 % zugrun­de gelegt wer­den kön­ne. Auf die­ser Grund­la­ge hat es errech­net, dass sich bei einer pro Kon­sum­ein­heit zu ver­an­schla­gen­den THC-Men­ge von 15 mg aus 9 g Mari­hua­na rund 48 Can­na­bis­kon­sum­ein­hei­ten erge­ben 3. Den der Berech­nung zugrun­de geleg­ten THC-Gehalt von 8 % hat es damit begrün­det, dass nach dem Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002 des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes der durch­schnitt­li­che THC-Wert für Mari­hua­na bei ca. 8,39 % lag und bei aus den Nie­der­lan­den ein­ge­führ­ter Ware von ten­den­zi­ell höhe­ren Wirk­stoff­an­tei­len aus­ge­gan­gen wer­den müs­se. Die­se Argu­men­ta­ti­on ist nach der­zei­ti­gem Kennt­nis­stand des Sena­tes jedoch nicht ohne wei­te­res trag­fä­hig. Aus­weis­lich der Anga­ben der Deut­schen Haupt­stel­le für Sucht­fra­gen e.V. schwankt der THC-Gehalt von Mari­hua­na von 1 % bis zu 15 %. In der Lite­ra­tur wer­den gar Wer­te von 1% bis über 20 % genannt 4. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm im Jahr 1994 für sei­ne Ent­schei­dung Wer­te von unter 2 % bei schlech­ter und bis zu 10 % bei guter Qua­li­tät 5 an. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len weist in sei­ner Ent­schei­dung zwar zutref­fend dar­auf hin, dass der Wirk­stoff­ge­halt gera­de auch ange­sichts des ins­be­son­de­re in den Nie­der­lan­den prak­ti­zier­ten Indoor-Anbaus seit län­ge­rem eher ansteigt 6. Dar­aus allein lässt sich aber für den vor­lie­gen­den Fall nicht ablei­ten, dass das vom Klä­ger ein­ge­führ­te Mari­hua­na aller Wahr­schein­lich­keit nach einen Wirk­stoff­ge­halt von jeden­falls 8 % besaß und die­se Kon­zen­tra­ti­on des­halb der Berech­nung zugrun­de gelegt wer­den durf­te. Auch bei dem aus den Nie­der­lan­den ein­ge­führ­ten Mari­hua­na gibt es nach tele­fo­ni­scher Aus­kunft des BKA näm­lich eine erheb­li­che Streu­brei­te hin­sicht­lich des Wirk­stoff­ge­hal­tes. Es ist inso­weit nach Anga­ben des BKA zu berück­sich­ti­gen, dass ver­schie­de­ne "Arten" von Mari­hua­na ver­trie­ben wer­den, näm­lich zum einen ein Gemisch von zer­rie­be­nen Blät­tern, Stän­gel­res­ten sowie Blü­ten der weib­li­chen Hanf­pflan­ze, wel­ches im All­ge­mei­nen einen THC-Gehalt von rund 2 % auf­weist, und zum ande­ren der Blü­ten­ab­strich als Mari­hua­na "bes­se­rer Qua­li­tät", der THC-Wer­te von 10 % bis 15 %, in Ein­zel­fäl­len bis zu 20 % erreicht. Die­se Anga­ben fin­den ihre Ent­spre­chung auch in dem vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len zitier­ten Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002, wonach der Anteil des Mari­hua­nas mit weni­ger als 2 % THC bei 18 % des sicher­ge­stell­ten Mate­ri­als 7 lag, auf der ande­ren Sei­te aber 46 % des Mate­ri­als eine THC-Kon­zen­tra­ti­on von 8 bis 16 % auf­wies.

Legt man dies zugrun­de, ist der­zeit unge­klärt, ob die bei dem Klä­ger gefun­de­ne Men­ge von ca. 15 g Mari­hua­na tat­säch­lich, wie vom Ver­wal­tungs­ge­richt ange­nom­men, über einen Zeit­raum von mehr als zwei Mona­ten einen nahe­zu täg­li­chen Kon­sum ermög­licht hät­te. Bei einem Wirk­stoff­an­teil von 1 – 2 % THC und der in der Recht­spre­chung auch des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts zugrun­de geleg­ten Kon­sum­ein­heit von 15 mg THC 8 ergä­ben sich aus den auf­ge­fun­de­nen 15,13 g Mari­hua­na näm­lich "nur" 10 bis 20 Kon­sum­ein­hei­ten. Dage­gen wür­den sich bei einer eben­falls denk­ba­ren THC-Kon­zen­tra­ti­on von 10 – 15% aus dem Rausch­gift 100 bis 150 Kon­sum­ein­hei­ten gewin­nen las­sen. Die­se Wer­te kor­re­lie­ren auch mit ande­ren Anga­ben. Soweit die Lite­ra­tur für die Bestim­mung der Kon­sum­ein­heit nicht an die Men­ge des Wirk­stof­fes (THC), son­dern des Rausch­gif­tes ins­ge­samt anknüpft, wer­den näm­lich Wer­ten von ca. 0,1 g bis 1 g Haschisch bzw. Mari­hua­na je Kon­sum­akt genannt 9. Unter­stellt man zuguns­ten des Klä­gers eine Men­ge von 1 g je Kon­sum­akt, so bedeu­te­ten die bei ihm gefun­de­nen 15 g Mari­hua­na "nur" einen Vor­rat von ca. 15 Kon­sum­ein­hei­ten, wohin­ge­gen bei einer Ver­wen­dung von 0,1 g rund 150 Kon­sum­ak­te mög­lich wären. Berück­sich­tigt man, dass der Anteil des Mari­hua­nas mit weni­ger als 2 % THC – wie dar­ge­legt – nach dem Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002 bei 18 % des sicher­ge­stell­ten Mate­ri­als lag und "nur" etwas mehr als die Hälf­te der Pro­ben eine THC-Kon­zen­tra­ti­on von 8 % oder mehr auf­wies 7, ist es jeden­falls nicht ohne wei­te­re Anhalts­punk­te zuläs­sig, für die Berech­nung der Kon­sum­ein­hei­ten einen THC-Gehalt von 8 % zugrun­de zu legen.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 3. Juni 2010 – 12 PA 41/​10

  1. Beschluss vom 15.05.2009 – 16 B 114/​09; Beschluss vom 15.03.2007 – 16 A 4487/​04; sowie ins­be­son­de­re Beschluss vom 15.03.2007 – 16 A 3899/​05[]
  2. BVerwG, Urteil vom 26.02.2009 – 3 C 1.08, BVerw­GE 133, 186[]
  3. vgl. OVG NRW, Beschluss vom 15.03.2007 – 16 A 3899/​05[]
  4. Berr/​Krause/​Sachs, Dro­gen im Stra­ßen­ver­kehr, S. 214 m. w. N.[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 09.03.1994 – 2 BvL 43/​92, NJW 1994, 1577[]
  6. vgl. Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002, S. 115 f.; Berr/​Krause/​Sachs, a. a. O.[]
  7. vgl. Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002, S. 172[][]
  8. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 11.07.2003 – 12 ME 287/​03, DAR 2003, 480; BGH, Beschluss vom 20.12.1995 – 3 StR 245/​95, NJW 1996, 794[]
  9. vgl. etwa Möl­ler, in: Hettenbach/​Kalus/​Möller/​Uhle, Dro­gen und Stra­ßen­ver­kehr, 2. Auf­la­ge, S. 384[]