Medi­ka­men­te für den Selbst­mord

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te wird sich mit der Wei­ge­rung deut­scher Behör­den beschäf­ti­gen, einer gelähm­ten Pati­en­tin den Erwerb eines töd­li­chen Medi­ka­ments zu erlau­ben. Der EGMR erklärt jetzt die Beschwer­de des Wit­wers für zuläs­sig.

Medi­ka­men­te für den Selbst­mord

In die­ser Zuläs­sig­keits­ent­schei­dung erklär­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) mit einer Mehr­heit der Stim­men die zugrun­de­lie­gen­de Beschwer­de für zuläs­sig. Er traf damit noch kei­ne Ent­schei­dung über die Begründ­etheit in der Sache; die­se wird Gegen­stand eines spä­te­ren Urteils sein. Der Fall betrifft die Wei­ge­rung der deut­schen Behör­den, der Frau des Beschwer­de­füh­rers, die inzwi­schen ver­stor­ben ist, eine Erlaub­nis zum Erwerb einer töd­li­chen Medi­ka­men­ten­do­sis zu ertei­len, die ihr die Selbst­tö­tung ermög­licht hät­te.

Der ent­schie­de­ne Sach­ver­halt[↑]

Der Beschwer­de­füh­rer, Ulrich Koch, ist deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, 1943 gebo­ren, und lebt in Braun­schweig. Sei­ne Frau war nach einem Sturz vor dem eige­nen Haus im Jahr 2002 quer­schnitts­ge­lähmt und auf künst­li­che Beatmung sowie stän­di­ge Betreu­ung durch Pfle­ge­per­so­nal ange­wie­sen; sie woll­te daher ihrem Leben ein Ende set­zen. Im Novem­ber 2004 bean­trag­te sie beim Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te die Erlaub­nis zum Erwerb einer töd­li­chen Dosis Natri­um-Pento­bar­bi­tal, die ihr die Selbst­tö­tung zu Hau­se ermög­licht hät­te. Das Bun­des­in­sti­tut lehn­te den Antrag ab, da ihr Sui­zid­wil­le nicht mit dem Zweck des Betäu­bungs­mit­tel­ge­set­zes ver­ein­bar sei, die not­wen­di­ge medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung sicher­zu­stel­len. Herr Koch und sei­ne Frau leg­ten gegen die Ent­schei­dung Wider­spruch ein. Am 12. Febru­ar 2005 nahm sich sei­ne Frau mit Hil­fe des Ver­eins Digni­tas in der Schweiz das Leben.

Am 3. März 2005 wies das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te den Wider­spruch gegen sei­ne Ent­schei­dung zurück und im April erhob Herr Koch Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge mit dem Antrag fest­zu­stel­len, dass die Ent­schei­dun­gen des Insti­tuts rechts­wid­rig waren; es sei dazu ver­pflich­tet gewe­sen, sei­ner Frau die bean­trag­te Erlaub­nis zu geben. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln wies die Kla­ge mit der Begrün­dung ab, Herr Koch kön­ne nicht selbst bean­spru­chen, Opfer einer Ver­let­zung sei­ner eige­nen Rech­te zu sein und sei somit nicht kla­ge­be­fugt. Im Juni 2007 wies das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter sei­ne Beru­fung zurück und am 4. Novem­ber 2008 schließ­lich nahm das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an, da er sich nicht auf ein post­hu­mes Recht auf Ach­tung der Men­schen­wür­de sei­ner Frau beru­fen kön­ne und nicht in ihrem Namen beschwer­de­be­fugt sei 1.

Beschwer­de zum Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te[↑]

Herr Koch sieht in der Wei­ge­rung des Bun­des­in­sti­tuts einen Ver­stoß gegen die Rech­te sei­ner Frau gemäß Arti­kel 8 EMRK (Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens), ins­be­son­de­re gegen ihr Recht auf men­schen­wür­di­ges Ster­ben, und macht gel­tend, dass auch sein eige­nes Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens ver­letzt wor­den sei, da er gezwun­gen gewe­sen sei, in die Schweiz zu rei­sen, um sei­ner Frau die Selbst­tö­tung zu ermög­li­chen. Dar­über hin­aus beklagt er sich, dass die deut­schen Gerich­te sei­ne Rech­te gemäß Arti­kel 13 EMRK (Recht auf wirk­sa­me Beschwer­de) ver­letzt hät­ten, indem sie ihm das Recht abspra­chen, die Wei­ge­rung des Bun­des­in­sti­tuts anzu­fech­ten, sei­ner Frau die bean­trag­te Erlaub­nis zu ertei­len.

Der Ver­ein DIGNITAS mit Sitz in der Schweiz und der Ver­ein Akti­on Lebens­recht für Alle mit Sitz in Deutsch­land, der sich für den Schutz mensch­li­chen Lebens von der Emp­fäng­nis bis zum natür­li­chen Tod ein­setzt, gaben als Dritt­par­tei­en Stel­lung­nah­men ab.

Die Ent­schei­dung des EGMR[↑]

Der Gerichts­hof nahm den Ein­wand der deut­schen Bun­des­re­gie­rung zur Kennt­nis, Herr Koch kön­ne nicht bean­spru­chen, Opfer einer Ver­let­zung sei­ner Kon­ven­ti­ons­rech­te zu sein, da er nicht selbst von den staat­li­chen Maß­nah­men betrof­fen gewe­sen sei, die Beschwer­de­ge­gen­stand sind. Der Gerichts­hof gelang­te aller­dings zu der Auf­fas­sung, dass die Opf­er­ei­gen­schaft Herrn Kochs eine Fra­ge auf­wirft, die zusam­men mit sei­ner Beschwer­de gemäß Arti­kel 13 über das Feh­len einer wirk­sa­men Beschwer­de­mög­lich­keit unter­sucht wer­den muss; er wird sie folg­lich mit der Prü­fung der Begründ­etheit ver­knüp­fen.

Herrn Kochs Beschwer­de gemäß Arti­kel 8 wirft schwer­wie­gen­de Sach­ver­halts- und Rechts­fra­gen nach der Kon­ven­ti­on auf und ist nicht offen­sicht­lich unbe­grün­det; folg­lich erklär­te sie der Gerichts­hof für zuläs­sig. Mit die­ser Beschwer­de ver­knüpft wird der Gerichts­hof die Fra­ge prü­fen, ob Arti­kel 13 in Ver­bin­dung mit Arti­kel 8 anwend­bar ist. Die Beschwer­de, dass die deut­schen Gerich­te das Recht Herrn Kochs auf eine wirk­sa­me Beschwer­de ver­letzt hät­ten, indem sie ihm das Recht abspra­chen, die Wei­ge­rung des Bun­des­in­sti­tuts anzu­fech­ten, sei­ner Frau die bean­trag­te Erlaub­nis zu ertei­len, ist eben­falls nicht offen­sicht­lich unbe­grün­det und folg­lich zuläs­sig.

Euro­päi­scher Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, Ent­schei­dung vom 10. Juni 2011 – Beschwer­de­num­mer 497/​09 [Koch gegen Deutsch­land ]

  1. BVerfG, Beschluss vom 04.11.2008 – 1 BvR 1832/​07[]