Min­destru­he­zeit – und die Umbet­tung auf einem ande­ren Fried­hof

Die Anfor­de­run­gen an das Vor­lie­gen eines die Umbet­tung vor Ablauf der in § 14 Satz 1 BestattG bestimm­ten Min­destru­he­zeit aus­nahms­wei­se gestat­ten­den wich­ti­gen Grun­des sind in Abhän­gig­keit von dem mit der Ruhe­zeit ver­folg­ten Zweck zu bestim­men.

Min­destru­he­zeit – und die Umbet­tung auf einem ande­ren Fried­hof

Die Min­destru­he­zeit soll bei Erd­be­stat­tun­gen eine aus­rei­chen­de Ver­we­sung der Lei­che gewähr­leis­ten und sowohl bei der Erd- als auch bei der Feu­er­be­stat­tung eine ange­mes­se­ne Toten­eh­rung ermög­li­chen 1.

Letzt­ge­nann­ter Zweck dient nicht nur der Ach­tung der kol­lek­ti­ven Ehr­furcht vor dem Tod und der Ach­tung des sitt­li­chen Emp­fin­dens der All­ge­mein­heit (vgl. § 1 BestattG), son­dern maß­geb­lich auch dem – durch das indi­vi­du­el­le post­mor­ta­le Per­sön­lich­keits­recht und die Men­schen­wür­de des Ver­stor­be­nen ver­fas­sungs­recht­lich gefor­der­ten – Schutz der Toten­ru­he 2.

Ein Grund ist daher nur dann "wich­tig", wenn das ihn tra­gen­de Inter­es­se den Schutz der Toten­ru­he über­wiegt 3. Dies kann ange­sichts der dar­ge­stell­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­or­tung des Schut­zes der Toten­ru­he nur in Aus­nah­me­fäl­len ange­nom­men wer­den 4, etwa wenn die Umbet­tung die Wür­de des Ver­stor­be­nen bes­ser wahrt und sei­nem Wil­len bes­ser Rech­nung trägt 5, sei es, dass der Ver­stor­be­ne zu Leb­zei­ten sein aus­drück­li­ches Ein­ver­ständ­nis mit der Umbet­tung erklärt hat oder zumin­dest Tat­sa­chen und Umstän­de gege­ben sind, aus denen ein dahin­ge­hen­der Wil­le des Ver­stor­be­nen mit hin­rei­chen­der Sicher­heit gefol­gert wer­den kann 6, wenn der Ehe­part­ner des Ver­stor­be­nen wünscht, in der glei­chen Grab­stel­le bei­gesetzt zu wer­den 7, und die­ser Wunsch nur durch eine Umbet­tung des Ver­stor­be­nen rea­li­siert wer­den kann 8 oder wenn den Ange­hö­ri­gen des Ver­stor­be­nen auf­grund zwin­gen­der per­sön­li­cher und auf einer aty­pi­schen, völ­lig uner­war­te­ten Ent­wick­lung ihrer Lebens­um­stän­de beru­hen­den und nicht zum all­ge­mei­nen Lebens­ri­si­ko jedes Ange­hö­ri­gen eines Ver­stor­be­nen gehö­ren­den Umstän­de die Toten­für­sor­ge in unzu­mut­ba­rer Wei­se erschwert oder gar unmög­lich gemacht wird 9.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 12. August 2014 – 8 LA 71/​14

  1. vgl. Nds. OVG, Beschlüs­se vom 06.07.2012 – 8 LA 111/​11; vom 09.06.2010 – 8 ME 125/​10; Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der CDU und FDP, Gesetz über das Lei­chen, Bestat­tungs- und Fried­hofs­we­sen, LT-Drs. 15/​1150, S. 18; Bart­hel, Bestat­tungs­ge­setz Nie­der­sach­sen, 2. Aufl., § 14 Anm. 1; Horn, Nie­der­säch­si­sches Bestat­tungs­ge­setz, § 14 Anm. 2[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 5.04.2001 – 1 BvR 932/​94, NJW 2001, 2957, 2958 f.; BVerwG, Urteil vom 26.06.1974 – BVerwG VII C 36.72, BVerw­GE 45, 224, 230; Nds. OVG, Beschl. v. 15.11.2006 – 8 LA 128/​06, NdsVBl.2007, 108; OVG Bran­den­burg, Beschluss vom 25.09.2002 – 1 A 196/​00.Z 3; OVG NRW, Beschluss vom 10.11.1998 – 19 A 1320/​98, NVwZ 2000, 217, 218; Hess. VGH, Urteil vom 7.09.1993 – 11 UE 1118/​92, NVwZ-RR 1994, 335, 339 jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. OVG Bran­den­burg, Beschluss vom 25.09.2002, a.a.O.[]
  4. vgl. OVG, Beschl. v.06.07.2012, a.a.O.; OVG NRW, Beschluss vom 28.11.1991 – 19 A 1925/​90, NWVBl.1992, 261, 262 m.w.N.[]
  5. vgl. OVG NRW, Urteil vom 29.04.2008 – 19 A 2896/​07, NWVBl.2008, 471[]
  6. vgl. Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der CDU und FDP, a.a.O., S.19 (zu § 13); BGH, Urteil vom 26.02.1992 – XII ZR 58/​91 9; Urteil vom 26.10.1977 – IV ZR 151/​76, MDR 1978, 299; OVG NRW, Urteil vom 12.12.2012 – 19 A 2207/​11 47 f.; Beschluss vom 28.11.1991, a.a.O.; OVG Bran­den­burg, Beschluss vom 25.09.2002, a.a.O., Rn. 4[]
  7. vgl. Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der CDU und FDP, a.a.O., S.19 ((zu § 13[]
  8. vgl. RG, Urteil vom 5.07.1923 – IV 1308/​22, RGZ 108, 217, 220; OVG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 4.10.1994 – 7 A 11102/​94, NVwZ 1995, 510, 512[]
  9. vgl. OVG NRW, Urteil vom 30.07.2009 – 19 A 957/​09, NVwZ-RR 2010, 281, 282 f.; VG Sta­de, Urteil vom 3.09.2008 – 1 A 1560/​07 15[]