Miß­lie­bi­ge Geset­zes­vor­ha­ben – und der Eil­an­trag in Karls­ru­he

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat einen Antrag auf Außer­kraft­set­zung einer Vor­schrift des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung gesetz­li­cher Vor­schrif­ten zur Mie­ten­be­gren­zung des Lan­des Ber­lin (soge­nann­ter "Mie­ten­de­ckel) im Wege einer einst­wei­li­gen Anord­nung als unzu­läs­sig ver­wor­fen.

Miß­lie­bi­ge Geset­zes­vor­ha­ben – und der Eil­an­trag in Karls­ru­he

Das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zum Ber­li­ner Mie­ten­de­ckel

Die Antrag­stel­ler, die Woh­nun­gen in Ber­lin ver­mie­ten, begehr­ten, die Ver­let­zung der Rege­lun­gen zu bestimm­ten Aus­kunfts­pflich­ten und zur gesetz­lich bestimm­ten Höchst­mie­te vor­läu­fig nicht als Ord­nungs­wid­rig­keit ein­zu­stu­fen. Sie begeh­ren die Außer­kraft­set­zung von Arti­kel 1 § 11 Absatz 1 Num­mer 2 bis 5 in Ver­bin­dung mit § 11 Absatz 2 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung gesetz­li­cher Vor­schrif­ten zur Mie­ten­be­gren­zung des Lan­des Ber­lin bis zu einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts über eine noch zu erhe­ben­de Ver­fas­sungs­be­schwer­de der Antrag­stel­ler gegen Arti­kel 1 § 3, § 4 in Ver­bin­dung mit §§ 6 und 7, § 5 sowie § 11 Absatz 1 Num­mer 2 bis 5 und § 11 Absatz 2 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung gesetz­li­cher Vor­schrif­ten zur Mie­ten­be­gren­zung des Lan­des Ber­lin, wie ihn das Abge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin am 30.01.2020 in zwei­ter Lesung beschloss.

Durch Arti­kel 1 § 11 Absatz 1 Num­mer 2 bis 5 in Ver­bin­dung mit § 11 Absatz 2 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung gesetz­li­cher Vor­schrif­ten zur Mie­ten­be­gren­zung des Lan­des Ber­lin wer­den bestimm­te Hand­lun­gen und Unter­las­sun­gen von im Land Ber­lin täti­gen Ver­mie­tern als Ord­nungs­wid­rig­keit ein­ge­stuft, ins­be­son­de­re wenn sie im Gesetz näher bestimm­te, gegen­über ihren Mie­tern und Mie­te­rin­nen und ver­schie­de­nen Behör­den des Lan­des Ber­lin bestehen­de Aus­kunfts­pflich­ten nicht erfül­len oder wenn sie mehr als die im Gesetz bestimm­ten Höchst­mie­ten for­dern oder ent­ge­gen­neh­men.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts:

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat den Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung abge­lehnt, weil er unzu­läs­sig ist:

Ein zuläs­si­ger Antrag nach § 32 Abs. 1 BVerfGG erfor­dert eine sub­stan­ti­ier­te Dar­le­gung der Vor­aus­set­zun­gen für den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung 1. Dabei rich­ten sich die Anfor­de­run­gen eines iso­lier­ten Antrags auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung nach den spe­zi­fi­schen Vor­aus­set­zun­gen für eine sol­che Anord­nung; sie sind mit den Begrün­dungs­an­for­de­run­gen im Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren nicht iden­tisch 2.

Zu die­sen spe­zi­fi­schen Begrün­dungs­an­for­de­run­gen gehö­ren Dar­le­gun­gen, die dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ermög­li­chen, zu beur­tei­len, ob die Vor­aus­set­zun­gen des § 32 Abs.1 BVerfGG vor­lie­gen 3, nament­lich ob ein Streit­fall im Sin­ne die­ser Norm besteht. Dabei gilt der ver­fas­sungs­pro­zes­sua­le Grund­satz, dass eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen ein Gesetz nicht vor des­sen Ver­kün­dung erho­ben wer­den kann 4, prin­zi­pi­ell auch für den gegen ein Gesetz gerich­te­ten Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung 5. Hier­von kann nur in Aus­nah­me­fäl­len abge­wi­chen wer­den, wenn effek­ti­ver Grund­rechts­schutz andern­falls nicht gewähr­leis­tet wer­den könn­te 6.

Die Zuläs­sig­keit des Antrags auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung nach § 32 BVerfGG vor Ver­kün­dung eines Geset­zes setzt aller­dings vor­aus, dass der Inhalt des Geset­zes fest- und sei­ne Ver­kün­dung unmit­tel­bar bevor­ste­hen. Dafür muss das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren vor den gesetz­ge­ben­den Orga­nen voll­stän­dig abge­schlos­sen sein 7. Bei Bun­des­ge­set­zen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auch die dem Bun­des­prä­si­den­ten vor der Aus­fer­ti­gung (Art. 82 Abs. 1 Satz 1 GG) oblie­gen­de Kom­pe­tenz zur Prü­fung des Geset­zes zu respek­tie­ren 7.

Die­sen Anfor­de­run­gen genügt der Antrag nicht.

Die Antrag­stel­ler haben nicht dar­ge­legt, dass das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren durch die am 30.01.2020 im Abge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin durch­ge­führ­te zwei­te Lesung des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung gesetz­li­cher Vor­schrif­ten zur Mie­ten­be­gren­zung des Lan­des Ber­lin voll­stän­dig abge­schlos­sen ist, so dass sein Inhalt fest­steht und sei­ne Ver­kün­dung unmit­tel­bar bevor­steht.

Nach Art. 59 Abs. 2 der Ver­fas­sung von Ber­lin (VvB) in Ver­bin­dung mit § 30 Abs. 2 Satz 1 der Geschäfts­ord­nung des Abge­ord­ne­ten­hau­ses von Ber­lin (GO Abghs Bln) vom 27.10.2016 8 wer­den Geset­zes­an­trä­ge zwar regel­mä­ßig in zwei Lesun­gen bera­ten und beschlos­sen. Gemäß Art. 59 Abs. 5 VvB in Ver­bin­dung mit § 30 Abs. 2 Satz 2, § 34 Satz 1 GO Abghs Bln hat aber auf Ver­lan­gen des Prä­si­den­ten des Abge­ord­ne­ten­hau­ses oder des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vor der Aus­fer­ti­gung eines Geset­zes eine drit­te Lesung statt­zu­fin­den. Eine Frist für das Ver­lan­gen der drit­ten Lesung ist nicht vor­ge­se­hen. Zudem hat der Prä­si­dent des Abge­ord­ne­ten­hau­ses nach Art. 60 Abs. 2 VvB Geset­ze unver­züg­lich aus­zu­fer­ti­gen. Damit bestä­tigt der Prä­si­dent des Abge­ord­ne­ten­hau­ses, dass der Geset­zes­be­schluss ver­fas­sungs­ge­mäß zustan­de gekom­men ist. Inso­fern ist sei­ne Funk­ti­on mit der des Bun­des­prä­si­den­ten ver­gleich­bar, der nach Art. 82 Abs. 1 Satz 1 GG die Bun­des­ge­set­ze aus­zu­fer­ti­gen hat 9.

Vor­lie­gend ist aber weder vor­ge­tra­gen noch ersicht­lich, dass sowohl der Prä­si­dent des Abge­ord­ne­ten­hau­ses von Ber­lin als auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt von Ber­lin kei­ne drit­te Lesung des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung gesetz­li­cher Vor­schrif­ten zur Mie­ten­be­gren­zung des Lan­des Ber­lin ver­langt haben, noch dass durch den Prä­si­den­ten des Abge­ord­ne­ten­hau­ses die Aus­fer­ti­gung des­sel­ben vor­ge­nom­men wur­de. Der hier gestell­te Antrag ist daher ver­früht und des­halb unzu­läs­sig.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 13. Febru­ar 2020 – 1 BvQ 12/​20

  1. vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.11.2018 – 1 BvQ 81/​18, Rn. 2 m.w.N.; Beschluss vom 08.08.2019 – 1 BvQ 63/​19, Rn. 2 m.w.N.[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.05.2017 – 1 BvQ 19/​17, Rn. 4[]
  3. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 25.10.2006 – 1 BvQ 30/​06, juris; und vom 17.11.2006 – 1 BvQ 33/​06, juris; Beschlüs­se vom 21.10.2008 – 2 BvQ 33/​08, juris; und vom 28.11.2008 – 2 BvQ 36/​08[]
  4. vgl. BVerfGE 11, 339, 342[]
  5. vgl. BVerfGE 11, 339, 342; 125, 385, 393; 131, 47, 52[]
  6. vgl. BVerfGE 131, 47, 52[]
  7. vgl. BVerfGE 131, 47, 53[][]
  8. GVBl. [BE] S. 841[]
  9. vgl. Pfennig/​Neumann, Ver­fas­sung von Ber­lin, 3. Auf­la­ge 2000, Art. 60 Rn. 2; Michae­lis, in Drie­haus, Ver­fas­sung von Ber­lin, 4. Auf­la­ge 2020, Art. 60 Rn. 2[]