Mit­wir­ken­de an einem Gerichts­ver­fah­ren – und der Aus­kunfts­an­spruch der Pres­se

Einem Aus­kunfts­er­su­chen der Pres­se, das auf Mit­tei­lung der Namen von Per­so­nen gerich­tet ist, die in einem Gerichts­ver­fah­ren mit­ge­wirkt haben, ist regel­mä­ßig statt­zu­ge­ben.

Mit­wir­ken­de an einem Gerichts­ver­fah­ren – und der Aus­kunfts­an­spruch der Pres­se

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ent­schie­de­nen Ver­fah­ren klag­te ein Redak­teur der "Anwalts­nach­rich­ten Aus­län­der- und Asyl­recht". Die­ser hat­te den Direk­tor des Amts­ge­richts Nür­tin­gen gebe­ten, ihm die Abschrift einer straf­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung zwecks Publi­ka­ti­on in die­ser Zeit­schrift zu über­sen­den. Er erhielt eine anony­mi­sier­te Kopie des Urteils, in der die Namen der Per­so­nen geschwärzt waren, die an dem Ver­fah­ren mit­ge­wirkt hat­ten (Berufs­rich­te­rin und Schöf­fen, Ver­tre­ter der Staats­an­walt­schaft, Ver­tei­di­ger, Urkunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le). In der Fol­ge teil­te der Direk­tor des Amts­ge­richts dem Klä­ger den Namen der Berufs­rich­te­rin mit, lehn­te aber wei­te­re Anga­ben ab. Der Klä­ger hat hier­ge­gen Kla­ge erho­ben.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart hat die Kla­ge abge­wie­sen 1

Auf die Beru­fung des Klä­gers hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in Mann­heim das beklag­te Land Baden-Würt­tem­berg ver­pflich­tet, dem Klä­ger Aus­kunft auch über die Namen der Schöf­fen zu ertei­len, und im Übri­gen, näm­lich hin­sicht­lich der Namen des Ver­tre­ters der Staats­an­walt­schaft, des Ver­tei­di­gers und der Urkunds­be­am­tin, die Abwei­sung der Kla­ge bestä­tigt: Inso­weit über­wie­ge das grund­recht­lich geschütz­te Per­sön­lich­keits­recht der Betrof­fe­nen das eben­falls grund­recht­lich geschütz­te Aus­kunfts­recht der Pres­se 2. Mit sei­ner Revi­si­on wen­det sich der Klä­ger gegen das Beru­fungs­ur­teil, soweit die­ses die Kla­ge­ab­wei­sung bestä­tigt hat.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat der Revi­si­on hin­sicht­lich des Anspruchs auf Aus­kunfts­er­tei­lung über die Namen des Staats­an­walts und des Ver­tei­di­gers statt­ge­ge­ben. Das Per­sön­lich­keits­recht die­ser Per­so­nen muss hin­ter dem grund­recht­lich geschütz­ten Aus­kunfts­in­ter­es­se der Pres­se zurück­ste­hen. Sie ste­hen kraft des ihnen über­tra­ge­nen Amtes bzw. ihrer Stel­lung als Organ der Rechts­pfle­ge hin­sicht­lich ihrer Mit­wir­kung an Gerichts­ver­fah­ren im Blick­feld der Öffent­lich­keit. Ein berech­tig­tes Inter­es­se, ihre Iden­ti­tät nicht gegen­über der Pres­se preis­zu­ge­ben, ist ange­sichts der hohen Bedeu­tung des Grund­sat­zes der Öffent­lich­keit für ein rechts­staat­li­ches Gerichts­ver­fah­ren nur dann anzu­neh­men, wenn sie erheb­li­che Beläs­ti­gun­gen oder eine Gefähr­dung ihrer Sicher­heit zu befürch­ten haben. Letz­te­res war nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs hier nicht der Fall.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg lässt sich ein Vor­rang ihres Per­sön­lich­keits­rechts nicht mit der Erwä­gung begrün­den, sie trü­gen kei­ne unmit­tel­ba­re Ver­ant­wor­tung für ein Straf­ur­teil, so dass die Kennt­nis ihrer Namen kei­nen hin­rei­chen­den Infor­ma­ti­ons­wert für die Pres­se besit­ze. Unab­hän­gig davon, dass Ver­tei­di­ger und Staats­an­walt auf den gericht­li­chen Ver­fah­rens­gang Ein­fluss neh­men kön­nen, ist es nicht Sache staat­li­cher Stel­len, son­dern Sache der Pres­se selbst, dar­über zu bestim­men, wel­che Infor­ma­tio­nen unter wel­chen Aspek­ten von­nö­ten sind, um ein bestimm­tes The­ma zum Zweck einer mög­li­chen Bericht­erstat­tung über Gerichts­ver­fah­ren im Recher­che­we­ge auf­zu­be­rei­ten. Der Staat hat nicht in eine jour­na­lis­ti­sche Rele­vanz­prü­fung ein­zu­tre­ten.

Dies bedeu­tet aller­dings nicht, dass die Pres­se im Rah­men der Recher­che zu Gerichts­ver­fah­ren auch sol­che per­so­nen­be­zo­ge­nen Infor­ma­tio­nen her­aus­ver­lan­gen dürf­te, denen selbst bei Anle­gung eines groß­zü­gi­gen, den beson­de­ren Funk­ti­ons­be­dürf­nis­sen und Arbeits­ge­wohn­hei­ten der Pres­se voll­auf Rech­nung tra­gen­den Maß­stabs jede erkenn­ba­re mate­ri­el­le Bedeu­tung im Zusam­men­hang mit dem The­ma der Recher­che bzw. der ins Auge gefass­ten Bericht­erstat­tung abgeht. Das Per­sön­lich­keits­recht betrof­fe­ner Per­so­nen hat kei­nen Nach­rang gegen­über dem Aus­kunfts­in­ter­es­se der Pres­se, wenn letz­te­res in Bezug auf die­se Per­son im Dun­keln bleibt und so die Ver­mu­tung nahe­liegt, das Infor­ma­ti­ons­ver­lan­gen erfol­ge inso­weit "ins Blaue" hin­ein oder besit­ze jeden­falls kei­nen ernst­haf­ten sach­li­chen Hin­ter­grund. Ver­wei­gert eine staat­li­che Stel­le aus die­sen Grün­den die Her­aus­ga­be einer per­so­nen­be­zo­ge­nen Infor­ma­ti­on und erläu­tert die Pres­se dar­auf­hin nicht zumin­dest ansatz­wei­se den von ihr zugrun­de geleg­ten Wert die­ser Infor­ma­ti­on für ihre Recher­che bzw. die ins Auge gefass­te Bericht­erstat­tung, muss die staat­li­che Stel­le davon aus­ge­hen, dass dem Infor­ma­ti­ons­ver­lan­gen ein ernst­haf­ter Hin­ter­grund fehlt, und ist daher aus­nahms­wei­se nicht zur Infor­ma­ti­ons­her­aus­ga­be ver­pflich­tet. Des­halb hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall die Revi­si­on des Klä­gers zurück­ge­wie­sen, soweit sie das Ver­lan­gen nach Bekannt­ga­be des Namens der Urkunds­be­am­tin betraf.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 1. Okto­ber 2014 – 6 C 35.2013 -

  1. VG Stutt­gart Urteil vom 28.04.2012 – 1 K 57/​12[]
  2. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 11.09.2013 – 1 S 509/​13[]