Mus­li­mi­sche Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit – und ihr Ein­trag in das Gebur­ten­re­gis­ter

Die gesetz­li­chen Vor­schrif­ten des § 21 Abs. 1 Nr. 4 und des § 27 Abs. 3 Nr. 5 PStG, die die Auf­nah­me der recht­li­chen Zuge­hö­rig­keit des Kin­des zu einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft in das Gebur­ten­re­gis­ter nur dann vor­se­hen, wenn es sich bei der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft um eine Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts han­delt, hal­ten nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung stand.

Mus­li­mi­sche Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit – und ihr Ein­trag in das Gebur­ten­re­gis­ter

Die Rege­lun­gen grei­fen nicht in den Schutz­be­reich der Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit des betrof­fe­nen Kin­des und sei­ner sor­ge­be­rech­tig­ten Eltern ein (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG). Durch die Nicht­ein­tra­gung ihrer Reli­gi­on im Gebur­ten­re­gis­ter wer­den die Betrof­fe­nen nicht gehin­dert, ihren Glau­ben zu beken­nen und zu ver­brei­ten. So kön­nen sie auch gegen­über dem Stan­des­be­am­ten ihre Reli­gi­on offen­ba­ren und die­sen hier­mit in den Stand set­zen, etwa – jen­seits der Füh­rung des Gebur­ten­re­gis­ters – sta­tis­ti­sche Erhe­bun­gen vor­zu­neh­men. Art. 4 Abs. 1 GG ver­leiht dem Ein­zel­nen und den reli­giö­sen Gemein­schaf­ten grund­sätz­lich kei­nen Anspruch dar­auf, ihrer Glau­bens­über­zeu­gung mit staat­li­cher Unter­stüt­zung gera­de durch die Auf­nah­me ihrer Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit in öffent­li­che Regis­ter und Urkun­den Aus­druck zu ver­lei­hen 1. Damit besteht auch kein Anspruch dar­auf, von Ver­fas­sungs wegen eine bestimm­te Reli­gi­on in das Gebur­ten­re­gis­ter und die Geburts­ur­kun­de auf­zu­neh­men, zumal es sich dabei nicht um ein per­so­nen­stands­er­heb­li­ches Datum im enge­ren Sin­ne han­delt. Zu Recht weist das Land­ge­richt in sei­nem ange­grif­fe­nen Beschluss dar­auf hin, dass es sich bei den Bean­stan­dun­gen der Beschwer­de­füh­rer im Kern um ein Gleich­heits­pro­blem han­delt.

Eben­so wenig liegt eine Ver­let­zung des Gleich­heits­sat­zes (Art. 3 Abs. 1 GG) oder eine Benach­tei­li­gung aus Grün­den der reli­giö­sen Anschau­un­gen vor (Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG).

Die Beschwer­de­füh­rer wer­den nicht etwa wegen ihres Glau­bens dis­kri­mi­niert (Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG). Ihnen bleibt zwar als Mit­glie­dern einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, wenn und solan­ge die­se nicht den Sta­tus einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts hat, die Opti­on ver­schlos­sen, ihre Glau­bens­zu­ge­hö­rig­keit im Gebur­ten­re­gis­ter und in der Fol­ge auch in der Geburts­ur­kun­de ein­tra­gen zu las­sen. Dies grün­det jedoch nicht in ihrem Glau­ben, son­dern dar­in, dass ihrer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft im gege­be­nen Fall nicht der erfor­der­li­che öffent­lich-recht­li­che Ver­fasst­heits­sta­tus zukommt. Das Dif­fe­ren­zie­rungs­kri­te­ri­um für die Ein­tra­gung in das Regis­ter ist allein der Kör­per­schafts­sta­tus, nicht das einer bestimm­ten Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit. Grund­sätz­lich steht auch mus­li­mi­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten die Mög­lich­keit offen, die­sen Kör­per­schafts­sta­tus zu erlan­gen, wenn sie die dafür erfor­der­li­chen Vor­aus­set­zun­gen erfül­len 2, die für alle Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten glei­cher­ma­ßen gel­ten.

Für die Ungleich­be­hand­lung zwi­schen öffent­lich-recht­lich ver­fass­ten und ande­ren Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten bei der Rege­lung zur Auf­nah­me der Glau­bens­zu­ge­hö­rig­keit in das Gebur­ten­re­gis­ter lie­gen hin­rei­chen­de Sach­grün­de vor, die hier für die Recht­fer­ti­gung der Dif­fe­ren­zie­rung genü­gen (Art. 3 Abs. 1 GG).

Die Unter­schei­dung zwi­schen öffent­lich-recht­lich ver­fass­ten und ande­ren Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten ist bereits im Grund­ge­setz selbst ange­legt (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 WRV). Die gerüg­ten Vor­schrif­ten knüp­fen nicht an ein bestimm­tes Bekennt­nis, son­dern an die Orga­ni­sa­ti­ons­form der ein­zu­tra­gen­den Reli­gi­ons- oder Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft an, wobei die Rechts­form der Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts grund­sätz­lich allen Gemein­schaf­ten offen­steht (vgl. Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 5 Satz 2 und Abs. 7 WRV; vgl. dazu auch Korioth, in: Maunz/​Dürig, Kom­men­tar zum Grund­ge­setz, Stand Febru­ar 2003, Art. 140 GG, dort Art. 137 WRV, Rn. 66 ff.). Der Sta­tus als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts ist an bestimm­te Vor­aus­set­zun­gen gebun­den, die hier nicht im Ein­zel­nen dar­ge­stellt wer­den müs­sen, die jedoch nicht inhalt­lich glau­bens­be­zo­gen sind und des­halb nicht reli­gi­ös dis­kri­mi­nie­rend wir­ken kön­nen. Erfüllt eine Reli­gi­ons­ge­mein­schaft die­se Kri­te­ri­en, so hat sie einen Anspruch dar­auf, die Rechts­stel­lung einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts zu erhal­ten 3. Jeder Reli­gi­ons­ge­mein­schaft steht es zudem frei, wel­che Orga­ni­sa­ti­ons­form sie wäh­len will 4.

Im Blick auf den Rege­lungs­zu­sam­men­hang ergibt sich zudem ein trag­fä­hi­ger Sach­grund, die Zuge­hö­rig­keit nur zu einer öffent­lich-recht­lich ver­fass­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ein­zu­tra­gen, dar­aus, dass an die­sen Sta­tus auch ander­wei­ti­ge gesetz­li­che Fol­gen geknüpft sind. So sind öffent­lich-recht­lich ver­fass­te Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten als Kör­per­schaf­ten hin­sicht­lich der Benut­zung der Per­so­nen­stands­bü­cher den Behör­den weit­ge­hend gleich­ge­stellt; ihnen kön­nen unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen Per­so­nen­stands­ur­kun­den und Aus­künf­te aus dem Per­so­nen­stands­re­gis­ter erteilt wer­den (§ 65 Abs. 2 PStG). Mit dem Kör­per­schafts­sta­tus wer­den ihnen bestimm­te hoheit­li­che Befug­nis­se über­tra­gen, sowohl gegen­über ihren Mit­glie­dern – etwa beim Besteue­rungs­recht (Art. 137 Abs. 6 WRV) und der Dienst­her­ren­fä­hig­keit – als auch – bei der Wid­mungs­be­fug­nis – gegen­über Ande­ren 5.

Dar­über hin­aus spre­chen Typi­sie­rungs­grün­de bei dem Mas­sen­vor­gang der Ein­tra­gung in das Gebur­ten­re­gis­ter für die Trag­fä­hig­keit der gesetz­ge­be­ri­schen Dif­fe­ren­zie­rung.

§ 5 der Ver­ord­nung über das Per­so­nen­stands­we­sen (PStV) sieht vor, dass Ein­tra­gun­gen im Per­so­nen­stands­re­gis­ter und sons­ti­ge Beur­kun­dun­gen erst vor­ge­nom­men wer­den dür­fen, wenn der zugrun­de lie­gen­de Sach­ver­halt ermit­telt und abschlie­ßend geprüft wor­den ist 6. Der Stan­des­be­am­te kann zwar die tat­säch­li­che Mit­glied­schaft in einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft nicht in jeder Hin­sicht ver­läss­lich klä­ren. Er hat jedoch im gege­be­nen Fall den Kör­per­schafts­sta­tus der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft zu prü­fen 7. Das ist auf ein­fa­che Wei­se mit­tels der ein­schlä­gi­gen Über­sich­ten und amt­li­chen Bekannt­ma­chun­gen mög­lich 8.

Die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung hin­ge­gen lie­fe letzt­lich dar­auf hin­aus, dass der Stan­des­be­am­te schlicht das ein­zu­tra­gen hät­te, was die Eltern wol­len und ange­ben. Der Gesetz­ge­ber hat jedoch ein anzus Inter­es­se dar­an, dass Anga­ben über die Mit­glied­schaft in Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten mit Kör­per­schafts­sta­tus über­prüft wer­den kön­nen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Juli 2015 – 1 BvR 1312/​13

  1. vgl. BVerfGE 93, 1, 16 f.[]
  2. vgl. dazu BVerfGE 102, 370[]
  3. vgl. BVerfGE 102, 370[]
  4. vgl. BVerfGE 19, 129, 134[]
  5. vgl. BVerfGE 102, 370, 388[]
  6. vgl. zur Ver­ant­wort­lich­keit des Stan­des­be­am­ten für die inhalt­li­che Rich­tig­keit der Ein­tra­gung: Rhein, Per­so­nen­stands­ge­setz, 2012, § 21 Rn. 1[]
  7. vgl. Gaaz/​Bornhofen, Per­so­nen­stands­ge­setz, 2. Aufl.2010, § 15 Rn. 13; Fach­aus­schuss-Nr. 3881, StAZ 2010, S. 18[]
  8. vgl. All­ge­mei­ne Ver­wal­tungs­vor­schrift zum Per­so­nen­stands­ge­setz vom 29.03.2010, unter A 3.1.1[]