Neu­wah­len in Schles­wig-Hol­stein

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he blieb jetzt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Anord­nung von Neu­wah­len in Schles­wig-Hol­stein erfolg­los. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de eines Abge­ord­ne­ten des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Land­tags, mit der die­ser sich gegen die vom Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt getrof­fe­ne Anord­nung zur Durch­füh­rung von Neu­wah­len in Schles­wig-Hol­stein bis spä­tes­tens zum 30. Sep­tem­ber 20121 wen­det, nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men.

Neu­wah­len in Schles­wig-Hol­stein

Der beschwer­de­füh­ren­de Land­tags­ab­ge­ord­ne­te rügt eine Ver­let­zung sei­nes Grund­rechts auf Berufs­frei­heit: Die Ver­kür­zung der Wahl­pe­ri­ode grei­fe unge­recht­fer­tigt in die Aus­übung sei­nes Abge­ord­ne­ten­be­rufs ein. Als Bür­ger wer­de er zudem in sei­nem grund­rechts­glei­chen Recht auf freie, glei­che und wirk­sa­me Teil­ha­be an der demo­kra­ti­schen Selbst­be­stim­mung ver­letzt.

Kei­ne Mög­lich­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de jedoch als unzu­läs­sig erach­tet: Die vom Beschwer­de­füh­rer gerüg­te Ver­kür­zung der Wahl­pe­ri­ode und damit sei­ner Amts­zeit betrifft sei­ne Rech­te aus dem Abge­ord­ne­ten­sta­tus, die er nicht im Wege der Ver­fas­sungs­be­schwer­de gel­tend machen kann. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist dem ein­zel­nen Bür­ger zur Ver­fol­gung sei­ner Rech­te gegen den Staat gege­ben, aber kein Mit­tel zur Aus­tra­gung von Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen Staats­or­ga­nen.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat den akti­ven Abge­ord­ne­ten in stän­di­ger Recht­spre­chung in allen Fra­gen, die sei­nen Abge­ord­ne­ten­sta­tus betref­fen, auf den Weg des Organ­streits ver­wie­sen und die Mög­lich­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ver­neint, selbst wenn er zusätz­lich die Ver­let­zung von Grund­rech­ten rügt2. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist dem ein­zel­nen Bür­ger zur Ver­fol­gung sei­ner Rech­te gegen den Staat gege­ben, sie ist kein Mit­tel zur Aus­tra­gung von Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen Staats­or­ga­nen3. Die mit die­sem Sta­tus ver­fas­sungs­recht­lich ver­bun­de­nen Rech­te kann ein Abge­ord­ne­ter in dem dafür vor­ge­se­he­nen Organ­streit­ver­fah­ren gemäß Art. 93 Abs. 1 Nr. 1 GG vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt oder nach dem ent­spre­chen­den Lan­des­ver­fas­sungs­recht vor dem Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt gel­tend machen. Wenn der Abge­ord­ne­te um die ihm als Abge­ord­ne­tem ver­fas­sungs­recht­lich zukom­men­den Rech­te mit einem ande­ren Staats­or­gan, regel­mä­ßig dem Par­la­ment selbst, strei­tet, steht er dem Staat nicht als "jeder­mann" gegen­über, der sich gegen eine Ver­let­zung jenes recht­li­chen Rau­mes wehrt, der durch die Grund­rech­te gegen­über dem Staat gesi­chert ist. Dar­aus folgt, dass ihm in einem der­ar­ti­gen Streit der Weg der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, §§ 90 ff. BVerfGG auch dann ver­schlos­sen ist, wenn er als Ver­fas­sungs­ver­stoß auch eine Grund­rechts­ver­let­zung behaup­tet4.

Soweit sich der Beschwer­de­füh­rer dage­gen wen­det, dass sei­ne Amts­zeit als Abge­ord­ne­ter des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Land­ta­ges durch die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung ver­kürzt wor­den ist, betrifft dies sei­ne Rech­te aus dem Sta­tus als Abge­ord­ne­ter. Für die Auf­lö­sung des Deut­schen Bun­des­ta­ges hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­den, dass eine dem Grund­ge­setz nicht ent­spre­chen­de Ver­kür­zung einer Wahl­pe­ri­ode in den vom Grund­ge­setz gewähr­leis­te­ten Sta­tus des Abge­ord­ne­ten ein­greift5. Nichts ande­res gilt in den Fäl­len, in denen die Wahl­pe­ri­ode eines Land­ta­ges ver­kürzt wird. Dabei ist es uner­heb­lich, ob die Ver­kür­zung der Wahl­pe­ri­ode auf einer Ent­schei­dung des Bun­des­prä­si­den­ten beruht oder – wie im vor­lie­gen­den Fall – durch eine Ent­schei­dung des Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­ur­sacht wor­den ist.

Teil­ha­be an der demo­kra­ti­schen Selbst­be­stim­mung

Soweit der Beschwer­de­füh­rer gel­tend macht, durch das ange­grif­fe­ne Urteil des Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts Schles­wig-Hol­stein – als Bür­ger – in sei­nem grund­rechts­glei­chen Recht auf freie, glei­che und wirk­sa­me Teil­ha­be an der demo­kra­ti­schen Selbst­be­stim­mung ver­letzt zu sein, genügt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht den Begrün­dungs­an­for­de­run­gen des § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG. Es wird nicht hin­rei­chend deut­lich, wel­che Ver­let­zung eines Grund­rechts der Beschwer­de­füh­rer kon­kret rügen will.

Soll­te der Beschwer­de­füh­rer sich auf eine Ver­let­zung der Wahl­rechts­grund­sät­ze im Sin­ne des Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG beru­fen wol­len, wäre eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de unzu­läs­sig. Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG ver­mit­telt dem Ein­zel­nen kei­ne mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt rüge­fä­hi­ge sub­jek­ti­ve Rechts­po­si­ti­on; der Bür­ger kann bei den Wah­len zu den Volks­ver­tre­tun­gen in den Län­dern auch kei­nen der fünf Wahl­rechts­grund­sät­ze über Art. 3 Abs. 1 GG mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­for­dern6.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 5. Mai 2011 – 2 BvR 2599/​10

  1. Sch.-Holst. LVerfG, Urtei­le vom 30. August 2010 – LVerfG 1/​10 und LVerfG 3/​09 []
  2. vgl. BVerfGE 43, 142, 148 f.; 64, 301, 312; 99, 19, 29; 118, 277, 320 []
  3. BVerfGE 15, 298, 302 []
  4. vgl. BVerfGE 43, 142, 148 f. []
  5. vgl. BVerfGE 62, 1, 32; vgl. auch 114, 121, 146 []
  6. vgl. BVerfGE 99, 1, 8 []