Nicht zuge­las­se­ne Beru­fung, Ver­fas­sungs­be­schwer­de – und der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist unzu­läs­sig, wenn ihr der in § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG zum Aus­druck kom­men­de Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät ent­ge­gen­steht.

Nicht zuge­las­se­ne Beru­fung, Ver­fas­sungs­be­schwer­de – und der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät

Danach obliegt es der Beschwer­de­füh­re­rin einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de, über das Gebot der Rechts­weg­er­schöp­fung hin­aus alle im Rah­men des fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens gege­be­nen Mög­lich­kei­ten zu nut­zen, um der Rechts­ver­let­zung abzu­hel­fen [1].

Eine Abhil­fe­mög­lich­keit im Sin­ne des Sub­si­dia­ri­täts­grund­sat­zes besteht nicht nur dann, wenn der Erfolg vor­her fest­steht; viel­mehr ist jede Mög­lich­keit, der Grund­rechts­ver­let­zung im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren abzu­hel­fen, zu nut­zen, wenn ihr Erfolg zumin­dest mög­lich erscheint [2].

Die Beschwer­de­füh­re­rin ist gehal­ten, in ihrem Beru­fungs­zu­las­sungs­an­trag dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sich aus ihrer Sicht die Not­wen­dig­keit einer Zulas­sung der Beru­fung aus der Pflicht des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts erge­be, dem Euro­päi­schen Gerichts­hof die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen, ob die vom Ver­wal­tungs­ge­richt her­an­ge­zo­ge­nen Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten im Anwen­dungs­be­reich der Umwelt­rechts­be­helfs- und UVP-Richt­li­nie wei­ter anwend­bar sei­en [3].

In der Recht­spre­chung ist aner­kannt, dass sich die grund­sätz­li­che Bedeu­tung der Rechts­sa­che – hier im Sin­ne von § 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO – unter ande­rem dar­aus erge­ben kann, dass eine bestimm­te Fra­ge in dem zuzu­las­sen­den Rechts­mit­tel­ver­fah­ren der Vor­la­ge an den Euro­päi­schen Gerichts­hof bedarf [4].

Die Beschwer­de­füh­re­rin hat es im vor­lie­gen­den Fall ver­säumt, auf die­sen Zusam­men­hang zwi­schen dem Beru­fungs­zu­las­sungs­grund der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung und der Erfor­der­lich­keit einer Vor­la­ge an den Euro­päi­schen Gerichts­hof hin­zu­wei­sen und damit das Vor­lie­gen die­ses Zulas­sungs­grunds im Beru­fungs­zu­las­sungs­ver­fah­ren dar­zu­le­gen. Vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat sie voll­stän­dig dar­auf ver­zich­tet, auf die Not­wen­dig­keit der Vor­la­ge an den Gerichts­hof auf­merk­sam zu machen. Statt­des­sen hat sie sich dar­auf beschränkt dar­zu­le­gen, wes­halb ihrer Ansicht nach erheb­li­che Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit der mate­ri­el­len Prä­k­lu­si­on nach § 73 Abs. 4 Satz 3 VwVfG mit den ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts bestehen. Sol­che Rechts­fra­gen zei­gen aber nur dann die grund­sätz­li­che Bedeu­tung der Rechts­sa­che im Sin­ne des Beru­fungs­rechts auf, wenn zugleich hin­rei­chend sub­stan­ti­iert jeden­falls die Mög­lich­keit einer Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 AEUV dar­ge­legt wird [3]. Das hat die Beschwer­de­füh­re­rin nicht getan.

Etwas ande­res ergibt sich nicht aus der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 19.07.2011 [5]. Danach genügt dem Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät, wenn das Vor­brin­gen bei recht­li­cher Prü­fung durch das Fach­ge­richt eine Vor­la­ge an den Euro­päi­schen Gerichts­hof als nahe­lie­gend erschei­nen lässt, weil die natio­na­len Gerich­te von Amts wegen zu einer Vor­la­ge gehal­ten sind; eine Oblie­gen­heit von Rechts­mit­tel­füh­rern, eine Vor­la­ge durch ent­spre­chen­de Anträ­ge oder Anre­gun­gen zu errei­chen, besteht des­halb nicht [6].

Die­se Über­le­gun­gen sind auf den vor­lie­gen­den Fall eines Beru­fungs­zu­las­sungs­ver­fah­rens nicht über­trag­bar. Der Ent­schei­dung BVerfGE 129, 78 lag ein vor dem Bun­des­ge­richts­hof geführ­tes Revi­si­ons­ver­fah­ren zugrun­de. Die dort mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de gerüg­te Nicht­vor­la­ge von Fra­gen an den Euro­päi­schen Gerichts­hof bezog sich folg­lich auf ein Rechts­mit­tel­haupt­sa­che­ver­fah­ren vor dem Revi­si­ons­ge­richt, in dem das Revi­si­ons­ge­richt von Amts wegen gehal­ten war, ent­schei­dungs­er­heb­li­che und unge­klär­te Fra­gen des Uni­ons­rechts erfor­der­li­chen­falls nach Art. 267 AEUV vor­zu­le­gen. Hier hin­ge­gen geht es um das dem Beru­fungs­haupt­sa­che­ver­fah­ren vor­ge­la­ger­te ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Zulas­sungs­ver­fah­ren. In die­sem Ver­fah­ren ver­langt der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät, die grund­sätz­li­che Bedeu­tung der Rechts­sa­che, die sich aus der ange­streb­ten Vor­la­ge einer Fra­ge an den Euro­päi­schen Gerichts­hof im Haupt­sa­che­ver­fah­ren ergibt [7], im Zulas­sungs­an­trag durch einen ent­spre­chen­den Hin­weis hier­auf gel­tend zu machen. Im Zulas­sungs­ver­fah­ren selbst besteht kei­ne Vor­la­ge­pflicht des Ober­ge­richts. Die­ses ist viel­mehr ledig­lich gehal­ten, auf Grund­la­ge des Zulas­sungs­an­trags die gesetz­lich nor­mier­ten und behaup­te­ten Zulas­sungs­grün­de zu prü­fen (§ 124a Abs. 5 Satz 2 VwGO). Damit basiert das Zulas­sungs­ver­fah­ren auf der Oblie­gen­heit der antrag­stel­len­den Per­son, die Zulas­sungs­grün­de im Ein­zel­nen dar­zu­le­gen. Dies gilt auch für die „grund­sätz­li­chen Bedeu­tung“ der Rechts­sa­che und damit zusam­men­hän­gen­de Vor­la­ge­fra­gen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. April 2017 – 1 BvR 1994 – /​13

  1. vgl. BVerfGE 73, 322, 325; 81, 22, 27; 95, 163, 171; 107, 395, 414; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 68, 376, 380 f.; 70, 180, 185 f.[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 01.04.2008 – 2 BvR 2680/​07, NVwZ-RR 2008, S. 611, 612[][]
  4. vgl. für das ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ver­fah­ren BVerfGE 82, 159, 196; BVerfG, Beschluss vom 01.04.2008 – 2 BvR 2680/​07, NVwZ-RR 2008, S. 611, 612; BVerfG, Beschluss vom 24.10.2011 – 2 BvR 1969/​09, NVwZ 2012, S. 426, 427; BVerwG, Beschluss vom 30.01.1996 – 3 NB 2/​94, NVwZ 1997, S. 178; für das finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren BVerfG, Beschluss vom 22.12 1992 – 2 BvR 557/​88, NVwZ 1993, S. 883, 884; für das zivil­ge­richt­li­che Ver­fah­ren BVerfG, Beschluss vom 03.03.2014 – 1 BvR 2534/​10 24; BVerfG, Beschluss vom 08.10.2015 – 1 BvR 1320/​14 13[]
  5. BVerfGE 129, 78[]
  6. BVerfG, a.a.O., 93 f.[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.10.2015 – 1 BvR 1320/​14 13[]