Nord­rhein-West­fa­len und die Sperrstunde

Die Sperr­stun­de und auch das nächt­li­che Alko­hol­ver­kaufs­ver­bot die­nen dem legi­ti­men Zweck, die Wei­ter­ver­brei­tung des SARS-CoV-2-Virus zu ver­lang­sa­men, die bei einer 7‑Ta­ge-Inzi­denz von über 50 (Gefähr­dungs­stu­fe 2) wegen feh­len­der Nach­ver­fol­gungs­mög­lich­kei­ten außer Kon­trol­le zu gera­ten droht. Wegen der ihm oblie­gen­den prä­ven­ti­ven Schutz­pflich­ten für Leben und Gesund­heit der Bevöl­ke­rung muss der Ver­ord­nungs­ge­ber weder eine gefähr­li­che­re Ent­wick­lung abwar­ten noch ist er gehal­ten, einen Anstieg der Fall­zah­len in Kauf zu neh­men, der aus sei­ner Sicht deut­lich ein­schnei­den­de­re Ein­grif­fe in wei­te Berei­che des pri­va­ten, sozia­len und öffent­li­chen Lebens erzwin­gen würde.

Nord­rhein-West­fa­len und die Sperrstunde

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in dem hier vor­lie­gen­den Fall den Nor­men­kon­troll-Eil­an­trag von 19 Antrag­stel­lern abge­lehnt, mit dem die­se sich gegen die Sperr­stun­de und das Alko­hol­ver­bot gewehrt haben. Die Rege­lun­gen sind als recht­mä­ßig beur­teilt worden.

Den Antrag haben Betrei­ber von Gast­stät­ten in Bonn, Köln und im Rhein-Sieg-Kreis gestellt. Damit haben sie sich gegen die nord­rhein-west­fä­li­sche Coro­na­schutz­ver­ord­nung gewandt, die für Kom­mu­nen mit einer 7‑Ta­ges-Inzi­denz über dem Wert von 50 die Sperr­stun­de in gas­tro­no­mi­schen Ein­rich­tun­gen und das Ver­bot des Alko­hol­ver­kaufs zwi­schen 23 Uhr und 6 Uhr vorschreibt.

Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len dien­ten die Ver­bo­te dem legi­ti­men Zweck, die Wei­ter­ver­brei­tung des SARS-CoV-2-Virus zu ver­lang­sa­men, die bei einer 7‑Ta­ge-Inzi­denz von über 50 (Gefähr­dungs­stu­fe 2) wegen feh­len­der Nach­ver­fol­gungs­mög­lich­kei­ten außer Kon­trol­le zu gera­ten dro­he. Das gegen­wär­ti­ge Infek­ti­ons­ge­sche­hen sei durch ein rapi­des Anstei­gen der Infek­ti­ons­zah­len gekenn­zeich­net. Nach Mei­nung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts sei­en die von den Antrag­stel­lern ange­grif­fe­nen Ver­bo­te geeig­net, die­ses zu ver­lang­sa­men. Die Sperr­stun­de leis­te einen Bei­trag zur Kon­takt­re­du­zie­rung, indem sie ver­hin­de­re, dass sich wech­seln­de Gäs­te oder Gäs­te­g­rup­pen auch noch nach 23 Uhr in den Ein­rich­tun­gen ein­fän­den und auf dem Weg von und zu den Gast­stät­ten begeg­ne­ten. Auch das nächt­li­che Alko­hol­ver­kaufs­ver­bot tra­ge zu der vom Ver­ord­nungs­ge­ber bezweck­ten Ver­rin­ge­rung infek­tio­lo­gisch bedenk­li­cher Kon­tak­te bei. Es zie­le auf die unbe­streit­bar ent­hem­men­de Wir­kung von Alko­hol, auf­grund derer die Ein­hal­tung von Min­dest­ab­stän­den und hygie­ne­recht­li­chen Schutz­vor­schrif­ten abneh­me. Die bestehen­den Hygie­ne- und Infek­ti­ons­schutz­stan­dards änder­ten nichts dar­an, dass ohne die Sperr­stun­de eine Viel­zahl von Per­so­nen auf begrenz­tem Raum über einen regel­mä­ßig nicht uner­heb­li­chen Zeit­raum und – gera­de in den Win­ter­mo­na­ten – in schlecht gelüf­te­ten Räum­lich­kei­ten wei­ter aufeinandertreffe.

Wei­ter räumt das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len ein, dass die Maß­nah­men zwar in ganz erheb­li­cher Wei­se in die Berufs­frei­heit der Betrei­ber gas­tro­no­mi­scher Ein­rich­tun­gen ein­grif­fen. Dies wir­ke umso schwe­rer, als die gesam­te Gas­tro­no­mie bereits infol­ge der zu Beginn der Pan­de­mie ver­ord­ne­ten flä­chen­de­cken­den Betriebs­schlie­ßun­gen gro­ße und teils exis­tenz­be­dro­hen­de Belas­tun­gen habe ver­kraf­ten müs­sen. Aller­dings las­se die Ent­wick­lung der ver­gan­ge­nen Tage aber befürch­ten, dass das Infek­ti­ons­ge­sche­hen ohne geeig­ne­te Gegen­maß­nah­men eine gefähr­li­che Dyna­mik ent­fal­te, die unge­bremst am Ende jedes noch so leis­tungs­fä­hi­ge Gesund­heits­sys­tem an die Gren­zen sei­ner Belast­bar­keit und dar­über hin­aus füh­re. Wegen der ihm oblie­gen­den prä­ven­ti­ven Schutz­pflich­ten für Leben und Gesund­heit der Bevöl­ke­rung müs­se der Ver­ord­nungs­ge­ber weder eine sol­che Ent­wick­lung abwar­ten noch sei er gehal­ten, einen Anstieg der Fall­zah­len in Kauf zu neh­men, der aus sei­ner Sicht deut­lich ein­schnei­den­de­re Ein­grif­fe in wei­te Berei­che des pri­va­ten, sozia­len und öffent­li­chen Lebens erzwin­gen wür­de. Dies die­ne letzt­lich auch den Inter­es­sen der hier betrof­fe­nen Betrei­ber von gas­tro­no­mi­schen Ein­rich­tun­gen in Kom­mu­nen der Gefähr­dungs­stu­fe 2, denen gegen­wär­tig immer­hin (noch) die Mög­lich­keit offen ste­he, ihren Betrieb im Zeit­raum von 6 Uhr bis 23 Uhr zu führen.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 26. Okto­ber 2020 – 13 B 1581/​20.NE

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