Öffent­lich-recht­li­cher Ver­trag – und der Weg­fall der Geschäfts­grund­la­gen

Wel­che Ver­hält­nis­se für die Fest­set­zung des Inhalts eines öffent­lich-recht­li­chen Ver­trags maß­geb­lich waren und wann eine Ände­rung die­ser Ver­hält­nis­se so wesent­lich ist, dass einer Ver­trags­par­tei das Fest­hal­ten an der ursprüng­li­chen Rege­lung nicht zuzu­mu­ten ist, hängt von den Umstän­den des jewei­li­gen Ein­zel­falls ab.

Öffent­lich-recht­li­cher Ver­trag – und der Weg­fall der Geschäfts­grund­la­gen

Eine wesent­li­che Ände­rung der Ver­hält­nis­se im Sin­ne des § 60 Abs. 1 Satz 1 LVwVfG BW – der wört­lich mit § 60 Abs. 1 Satz 1 VwVfG über­ein­stimmt – setzt vor­aus, dass nach Ver­trags­schluss tat­säch­li­che Umstän­de oder recht­li­che Bedin­gun­gen weg­ge­fal­len sind, die die Ver­trags­part­ner zwar nicht zum Ver­trags­in­halt gemacht haben, deren Bestand sie jedoch als gemein­sa­me Grund­la­ge des Ver­trags ange­nom­men und als bestän­dig vor­aus­ge­setzt haben. Hier­für reicht es nicht aus, dass eine Ver­trags­par­tei nach ihrer gegen­wär­ti­gen Inter­es­sen­la­ge in den Ver­trags­schluss ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht mehr ein­wil­li­gen wür­de. Viel­mehr muss die Ände­rung zu schwer­wie­gen­den, bei Ver­trags­schluss nicht abseh­ba­ren Nach­tei­len für eine Ver­trags­par­tei füh­ren, denen die Ver­trags­part­ner bil­li­ger­wei­se Rech­nung getra­gen haben wür­den, wenn sie die Ent­wick­lung vor­her­ge­se­hen hät­ten. Die Fol­gen der nach­träg­li­chen Ände­rung müs­sen den Risi­ko­rah­men über­schrei­ten, den ein Ver­trags­part­ner nach Treu und Glau­ben hin­zu­neh­men hat. Dies ist ins­be­son­de­re der Fall, wenn – bei Annah­me der Gleich­wer­tig­keit der gegen­sei­ti­gen Leis­tun­gen bei Ver­trags­schluss – durch die nach­träg­li­che tat­säch­li­che Ent­wick­lung oder eine nach­träg­li­che Rechts­än­de­rung ein ekla­tan­tes Miss­ver­hält­nis zwi­schen ihnen ent­stan­den ist 1.

Wel­che Ver­hält­nis­se für die Fest­set­zung des Ver­trags­in­halts maß­geb­lich waren und wann eine Ände­rung die­ser Ver­hält­nis­se so wesent­lich ist, dass einer Ver­trags­par­tei das Fest­hal­ten an der ursprüng­li­chen Rege­lung nicht zuzu­mu­ten ist, hängt aber von den Ein­zel­hei­ten des jewei­li­gen Sach­ver­halts ab.

All­ge­mein­gül­ti­ge, über den Ein­zel­fall hin­aus­wei­sen­de Aus­sa­gen, wie sie für die Annah­me einer grund­sätz­li­chen Bedeu­tung der Rechts­sa­che erfor­der­lich wären, las­sen sich hier­zu nicht tref­fen. Zwar mag es mög­lich sein, für bestimm­te Ver­trags­ar­ten typi­scher­wei­se auf­tre­ten­de Ver­än­de­run­gen der Ver­hält­nis­se zu bestim­men, von denen sich dann in ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ger Wei­se sagen lie­ße, dass sie eine wesent­li­che Ver­än­de­rung im Sin­ne des § 60 Abs. 1 Satz 1 LVwVfG BW zu begrün­den ver­mö­gen. Dass hier in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren der­ar­ti­ge ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ge Aus­sa­gen mög­lich wären, hat der Klä­ger indes nicht auf­ge­zeigt. Die Beschwer­de­be­grün­dung macht viel­mehr das Gegen­teil anschau­lich, weil sie sich in der Sache dar­in erschöpft, die Ein­zel­fall­wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts dadurch in Fra­ge zu stel­len, dass sie die ihm zugrun­de lie­gen­den Sach­ver­halts­be­wer­tun­gen und recht­li­chen Wür­di­gun­gen durch eige­ne ersetzt.

Ver­hält­nis­se im Sin­ne des § 60 Abs. 1 Satz 1 LVwVfG BW sind sol­che Umstän­de, die die Ver­trags­part­ner zwar nicht zum Ver­trags­in­halt gemacht haben, deren Bestand sie jedoch als gemein­sa­me Grund­la­ge des Ver­trags ange­nom­men haben. Ver­trags­grund­la­ge sind die bei Ver­trags­schluss bestehen­den gemein­sa­men Vor­stel­lun­gen der Ver­trags­par­tei­en oder die für den Ver­trags­part­ner erkenn­ba­ren und von ihm nicht bean­stan­de­ten Vor­stel­lun­gen der einen Ver­trags­par­tei von dem Vor­han­den­sein oder dem künf­ti­gen Ein­tritt gewis­ser Umstän­de, sofern der Geschäfts­wil­le der Ver­trags­par­tei­en auf die­ser Vor­stel­lung auf­baut 2. Wei­te­ren grund­sätz­li­chen Klä­rungs­be­darf hier­zu zeigt die Beschwer­de nicht auf.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Janu­ar 2016 – 2 B 83.15

  1. stRspr, vgl. BVerwG, Urtei­le vom 25.11.1966 – 7 C 35.65, BVerw­GE 25, 299, 302 f.; vom 09.11.1990 – 8 C 36.89, BVerw­GE 87, 77, 80 f.; vom 24.09.1997 – 11 C 10.96, Buch­holz 407.2 § 19 EKrG Nr. 1 S. 5 f.; vom 05.02.2009 – 7 C 11.08, Buch­holz 11 Art. 140 GG Nr. 78 Rn. 31 ff.; und vom 18.07.2012 – 8 C 4.11, BVerw­GE 143, 335 Rn. 57; Beschlüs­se vom 10.05.2005 – 4 B 24.05 4; vom 11.11.2009 – 7 B 13.09 20 f.; vom 25.01.2011 – 2 B 73.10 8; und vom 17.06.2014 – 6 B 7.14, Buch­holz 11 Art. 140 GG Nr. 83 Rn. 22[]
  2. BVerwG, Urteil vom 18.07.2012 – 8 C 4.11, BVerw­GE 143, 335 Rn. 57; Beschlüs­se vom 25.01.2011 – 2 B 73.10 8; und vom 17.06.2014 – 6 B 7.14, Buch­holz 11 Art. 140 GG Nr. 83 Rn. 22[]