Park­erleich­te­run­gen – ohne fest­ge­stell­tes „aG“

Mit der Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen für eine Park­erleich­te­rung in den Fäl­len von aG light im Ver­fah­ren nach § 69 Abs. 4 SGB IX fest­zu­stel­len sind, hat­te sich aktu­ell das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Meck­len­burg-Vor­pom­mern zu befas­sen:

Park­erleich­te­run­gen – ohne fest­ge­stell­tes „aG“

Rechts­grund­la­ge für das Begeh­ren auf Gewäh­rung von Park­erleich­te­run­gen im Stra­ßen­ver­kehr ist § 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 11 StVO. Nach die­ser Vor­schrift kön­nen die Stra­ßen­ver­kehrs­be­hör­den in bestimm­ten Ein­zel­fäl­len oder all­ge­mein für bestimm­te Antrag­stel­ler von den Ver­bo­ten oder Beschrän­kun­gen, die durch Vor­schrift­zei­chen, Richt­zei­chen, Ver­kehrs­ein­rich­tun­gen oder Anord­nun­gen erlas­sen sind, Aus­nah­men geneh­mi­gen. Die Ertei­lung einer sol­chen Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung steht im Ermes­sen der Stra­ßen­ver­kehrs­be­hör­de, deren Ermes­sens­ent­schei­dung das Gericht nur ein­ge­schränkt dar­auf­hin über­prü­fen kann, ob die gesetz­li­chen Gren­zen des Ermes­sens über­schrit­ten sind oder von dem Ermes­sen in einer dem Zweck der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch gemacht ist, § 114 Satz 1 VwGO.

Das der Stra­ßen­ver­kehrs­be­hör­de ein­ge­räum­te Ermes­sen wird in einer recht­lich zuläs­si­gen Wei­se durch die All­ge­mei­ne Ver­wal­tungs­vor­schrift zur Stra­ßen­ver­kehrs-Ord­nung vom 22.10.1998 in der Fas­sung vom 11.11.2014 kon­kre­ti­siert. Die Ertei­lung der Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung setzt danach vor­aus, dass es sich bei dem Antrag­stel­ler um einen schwer­be­hin­der­ten Men­schen mit außer­ge­wöhn­li­cher Geh­be­hin­de­rung, also um eine Per­son han­delt, die sich wegen der Schwe­re ihres Lei­dens dau­ernd nur mit frem­der Hil­fe oder nur mit gro­ßer Anstren­gung außer­halb ihres Kraft­fahr­zeu­ges bewe­gen kann (Rand­num­mer 118, 129 zu § 46 StVO der VV-StVO). Zu die­sem Per­so­nen­kreis rech­net ein Behin­der­ter nicht, in des­sen Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis das Merk­zei­chen „aG“ gemäß § 3 Abs. 1 SchwbA­wV nicht ein­ge­tra­gen ist.

Park­erleich­te­run­gen kön­nen dane­ben unter ande­rem gemäß Rand­num­mer 136 zu § 46 StVO der VV-StVO schwer­be­hin­der­ten Men­schen mit den Merk­zei­chen G und B und einem Grad der Behin­de­rung von wenigs­tens 80 allein für Funk­ti­ons­stö­run­gen an den unte­ren Glied­ma­ßen (und der Len­den­wir­bel­säu­le, soweit sich die­se auf das Geh­ver­mö­gen aus­wir­ken) und gemäß Rand­num­mer 137 zu § 46 StVO der VV-StVO schwer­be­hin­der­ten Men­schen mit den Merk­zei­chen G und B und einem Grad der Behin­de­rung von wenigs­tens 70 allein für Funk­ti­ons­stö­run­gen an den unte­ren Glied­ma­ßen (und der Len­den­wir­bel­säu­le, soweit sich die­se auf das Geh­ver­mö­gen aus­wir­ken) und gleich­zei­tig einem Grad der Behin­de­rung von wenigs­tens 50 für Funk­ti­ons­stö­run­gen des Her­zens oder der Atmungs­or­ga­ne gewährt wer­den (sog. „aG-light“). Aus ähn­li­chen Grün­den kön­nen gemäß Zif­fer 1 Buchst. a und b der Ver­wal­tungs­vor­schrift des Minis­te­ri­ums für Ver­kehr, Bau und Lan­des­ent­wick­lung Meck­len­burg-Vor­pom­mern vom 16.10.2009 [1] Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen erteilt wer­den.

Es spre­chen eini­ge Grün­de dafür, dass das Vor­lie­gen der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Ermes­sens­aus­übung der Stra­ßen­ver­kehrs­be­hör­de nicht nur hin­sicht­lich der Eigen­schaft als schwer­be­hin­der­ter Mensch und der zu ver­ge­ben­den Merk­zei­chen, son­dern auch wegen der sons­ti­gen gesund­heit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen durch einen Bescheid des Ver­sor­gungs­am­tes fest­zu­stel­len sind und nicht der Prü­fungs­kom­pe­tenz der Stra­ßen­ver­kehrs­be­hör­de unter­lie­gen.

Die im Wege der Amts­hil­fe ein­ge­hol­ten ver­sor­gungs­be­hörd­li­chen Stel­lung­nah­men haben über die Fest­stel­lun­gen des Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses hin­aus kei­ne Bin­dungs­wir­kung. Die Fest­stel­lungs­wir­kung des Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses mit den Ein­tra­gun­gen wie im Fal­le des Behin­der­ten beschränkt sich auf das Vor­lie­gen einer Schwer­be­hin­de­rung, den Gesamt­grad der Behin­de­rung und die ein­ge­tra­ge­nen Merk­zei­chen [2]. Aus die­sem Umstand zieht eine beacht­li­che Auf­fas­sung den Schluss, dass gemäß § 69 Abs. 4 SGB IX die für die Durch­füh­rung des Bun­des­ver­sor­gungs­ge­set­zes zustän­di­gen Behör­den im Ver­fah­ren nach § 69 Abs. 1 SGB IX in aus­schließ­li­cher Zustän­dig­keit die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen zu gesund­heit­li­chen Merk­ma­len tref­fen, die Vor­aus­set­zung für die Inan­spruch­nah­me von Nach­teils­aus­glei­chen sind. Zu die­sen rech­nen auch Park­erleich­te­run­gen nach § 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 11 StVO. Gegen die Ent­schei­dun­gen der Ver­sor­gungs­äm­ter ist nach die­ser Rechts­mei­nung der Rechts­weg zu den Sozi­al­ge­rich­ten nach § 51 Abs. 1 Nr. 7 SGG („Fest­stel­lung wei­te­rer gesund­heit­li­cher Merk­ma­le“) eröff­net [3]. Soweit die Gegen­auf­fas­sung die Pas­siv­be­fug­nis der Ver­sor­gungs­äm­ter ver­neint [4], lie­ße sich dage­gen ein­wen­den, dass die Zustän­dig­keit der Ver­kehrs­be­hör­de für die Ertei­lung der stra­ßen­ver­kehrs­recht­li­chen Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung nicht aus­schließt, dass die Sozi­al­be­hör­de in einem gestuf­ten Ver­wal­tungs­ver­fah­ren Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen mit Bin­dungs­wir­kung für das Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren fest­stel­len kann, die über die Ein­tra­gun­gen im Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis hin­aus­ge­hen.

Nach alle­dem wird vor­aus­sicht­lich auch zu klä­ren sein, ob das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und der Behin­der­te dar­auf zu ver­wei­sen sein wird, nach § 69 Abs. 4 SGB IX zunächst einen auf die Fest­stel­lung der gesund­heit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die begehr­te Park­erleich­te­rung gerich­te­ten Antrag bei der zustän­di­gen Behör­de zu stel­len, um damit die rechts­ver­bind­li­che Klä­rung zu errei­chen, ob die nach den Zif­fern 1, 4 und 7 fest­ge­stell­ten Behin­de­run­gen zusam­men­ge­nom­men und unter Berück­sich­ti­gung sei­ner gesund­heit­li­chen Ent­wick­lung seit die­sem Zeit­punkt die Vor­aus­set­zun­gen einer Park­erleich­te­rung erfül­len. Da der Aus­gang die­ses Ver­fah­rens offen erscheint, ist für das Kla­ge­ver­fah­ren eine hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sicht anzu­neh­men.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Meck­len­burg ‑Vor­pom­mern, Beschluss vom 24. Juni 2015 – 1 O 218/​15

  1. ABl. M‑V S. 869[]
  2. vgl. OVG NRW, Urteil vom 23.08.2011 – 8 A 2247/​10[]
  3. vgl. Dau, in: Dau/​Düwell/​Joussen, Sozi­al­ge­setz­buch IX, 4. Auf­la­ge, § 69, Rn. 39 und § 126, Rn. 16 f.; Stäh­ler-Bie­ritz-Har­der, in: Hand­kom­men­tar zum Sozi­al­ge­setz­buch IX, 3. Auf­la­ge, § 69, Rn. 17; Dau, juris­PR-SozR 4/​2014 Anm. 4; Dahm, NZV 2012, 163; Dau, juris­PR-SozR 15/​2009 Anm. 6[]
  4. LSG Mün­chen, Urteil vom 18.11.2014 – L 3 SB 61/​13[]