Poli­zei­li­che Maß­nah­me als Grund­rechts­ver­let­zung

Es liegt eine Ver­let­zung des Grund­rechts auf Frei­heit vor, wenn eine Per­son meh­re­re Stun­den in einem abge­stell­ten Gefan­ge­nen­trans­por­ter fest­ge­hal­ten wird, obwohl es in der kon­kre­ten Situa­ti­on mög­lich gewe­sen ist, die­se beson­ders belas­ten­de Form der Frei­heits­ent­zie­hung frü­her zu been­den.

Poli­zei­li­che Maß­nah­me als Grund­rechts­ver­let­zung

In einem jetzt vom Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war der Klä­ger im Zusam­men­hang mit einer unan­ge­mel­de­ten Demons­tra­ti­on gegen das Pfingst­tref­fen der Gebirgs­jä­ger in Mit­ten­wald Ende Mai 2004 am Nach­mit­tag von der Poli­zei in Gewahr­sam genom­men, in eine bei der Stand­ort­ver­wal­tung ein­ge­rich­te­te Gefan­ge­nen­sam­mel­stel­le ver­bracht und mit kur­zen Unter­bre­chun­gen durch ein Ver­hör und eine erken­nungs­dienst­li­che Behand­lung län­ge­re Zeit in einem Poli­zei­bus fest­ge­hal­ten wor­den. Erst am spä­te­ren Abend wur­de er zur Poli­zei­in­spek­ti­on gefah­ren, wo er die Nacht in einer Haft­zel­le ver­brin­gen muss­te. Der zustän­di­ge Rich­ter am Amts­ge­richt hob am Vor­mit­tag des dar­auf­fol­gen­den Tages die Frei­heits­ent­zie­hung auf.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen hat­te die Kla­ge auf Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit der poli­zei­li­chen Maß­nah­me abge­wie­sen. Die Maß­nah­me sei mit etwa drei­ein­halb Stun­den von gerin­ger zeit­li­cher Dau­er und zudem aus ver­wal­tungs­tech­ni­schen Grün­den erfor­der­lich gewe­sen.

Das ist vom Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof anders beur­teilt wor­den. Nach des­sen Auf­fas­sung sei der Klä­ger durch das mehr­stün­di­ge Sit­zen im Gefan­ge­nen­trans­port­bus einer unzu­mut­ba­ren Frei­heits­ent­zie­hung unter­wor­fen wor­den. Eine Ein­zel­ka­bi­ne in einem sol­chen Bus sei nur 77 cm x 95 cm klein und beschrän­ke die Bewe­gungs­frei­heit extrem. Das Fest­hal­ten dar­in stel­le einen über den Gewahr­sam hin­aus­ge­hen­den schwe­ren Ein­griff in die Rech­te des Betrof­fe­nen dar. Die­ser sei nicht gerecht­fer­tigt gewe­sen, weil es in der kon­kre­ten Situa­ti­on (grö­ße­re Ver­an­stal­tung, per­so­nel­le und sach­li­che Aus­stat­tung der Ein­satz­kräf­te) auch die Mög­lich­keit gege­ben habe, den Klä­ger frü­her in die Haft­zel­le zu brin­gen.

Baye­ri­scher Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Janu­ar 2012 – 10 B 08.284