Punk­te­ab­zug bei Prü­fung wegen fal­scher Klei­dung

Eine Prü­fungs­leis­tung darf dann auch anhand des Kri­te­ri­ums „Klei­dung“ bewer­tet wer­den, wenn die Klei­dung selbst Prü­fungs­ge­gen­stand oder einen offen­sicht­li­chen Bezug zum Prü­fungs­ge­gen­stand hat.

Punk­te­ab­zug bei Prü­fung wegen fal­scher Klei­dung

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Kla­ge statt­ge­ge­ben, mit der sich die Klä­ge­rin gegen den Abzug eines Punk­tes bei der Bewer­tung einer Prü­fung gewehrt hat. Bis 2018 stu­dier­te die 1989 gebo­re­ne Klä­ge­rin an einer Ber­li­ner Hoch­schu­le „Recht für die Öffent­li­che Ver­wal­tung“ im Mas­ter­stu­di­en­gang. Dabei beleg­te sie auch das Modul „E‑Government zwi­schen Ver­wal­tungs­mo­der­ni­sie­rung und Bür­ger­nä­he“. Im Vor­feld über­mit­tel­te die Dozen­tin die­ses Fachs den Kan­di­da­ten die für die münd­li­che Prü­fung maß­ge­ben­den Kri­te­ri­en nebst Punk­te­ska­la. Für die Kate­go­rie „Prä­sen­ta­ti­ons­wei­se (Vor­trag)“ soll­te danach „siche­res und über­zeu­gen­des Auf­tre­ten mit einem dem Cha­rak­ter der Prü­fung ange­mes­se­nem Klei­dungs­stil“ maß­ge­bend sein. In einer an alle Kan­di­da­ten gerich­te­ten wei­te­ren E‑Mail hieß es zunächst, es wer­de „ein der Prü­fung ange­mes­se­nes, dezen­tes und anspre­chen­des Klei­dungs­be­wusst­sein“ bewer­tet. Weni­ger spä­ter teil­te die Dozen­tin mit, sie ver­zich­te ange­sichts der Tem­pe­ra­tu­ren auf einen „stren­gen for­ma­len, geschäft­li­chen Dress-Code“, die Stu­die­ren­den soll­ten sich jedoch „dem Anlass ent­spre­chend anspre­chend und gepflegt“ klei­den. Die Klä­ge­rin erziel­te bei ihrer münd­li­chen Prü­fung die Note 1,7, wobei der Punkt­ab­zug in der Kate­go­rie „Prä­sen­ta­ti­ons­wei­se“ damit begrün­det wur­de, der Klei­dungs­stil der Klä­ge­rin habe „eher einem All­tags­out­fit (u.a. Jeans, Ober­teil mit Punk­ten)“ ent­spro­chen. Auf Rück­fra­ge der Klä­ge­rin erklär­te die Dozen­tin, die bei der Prü­fung getra­ge­ne „Blue Jeans“ sei ein „casu­al“ Klei­dungs­stück und zudem bei 35 Grad Außen­tem­pe­ra­tur auch als luf­ti­ges Klei­dungs­stück unge­eig­net. Die Klä­ge­rin hät­te „auf eine wei­ße Lei­nen­ho­se und Black Shirt mit Eth­no­ket­te oder einem [sic] lieb­li­chen oder auch stren­gen Blou­son zurück­grei­fen oder auch ein Top mit ele­gan­tem Kurz­ja­ckett“ aus­pro­bie­ren kön­nen.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin sei der Abzug eines Punk­tes für die getra­ge­ne Klei­dung der Klä­ge­rin bewer­tungs­feh­ler­haft. Zwar sei es nicht grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen, eine Prü­fungs­leis­tung auch anhand des Kri­te­ri­ums „Klei­dung“ zu bewer­ten; dies gel­te aber nur für Prü­fun­gen, in denen die Klei­dung selbst Prü­fungs­ge­gen­stand sei (z.B. im Fach Mode­de­sign) oder bei offen­sicht­li­chem Bezug zum Prü­fungs­ge­gen­stand (z.B. Sicher­heits­klei­dung von Feu­er­wehr­leu­ten). Hier habe die Maß­ga­be an die Stu­die­ren­den aber ledig­lich dahin­ge­hend gelau­tet, eine dem Cha­rak­ter der Prü­fung ange­mes­se­ne Klei­dung zu tra­gen. Die Beklag­te habe nicht dar­ge­legt, inwie­fern die Klei­dung der Klä­ge­rin als dem Cha­rak­ter der Prü­fung unan­ge­mes­sen ein­zu­ord­nen wäre. Ange­sichts der Unbe­stimmt­heit der Leis­tungs­an­for­de­rung bezüg­lich der Klei­dung sei die Klei­der­aus­wahl der Klä­ge­rin jeden­falls ein ver­tret­ba­rer und damit nicht mit Punkt­ab­zü­gen zu bewer­ten­der Lösungs­an­satz gewe­sen.

Aus die­sen Grün­den hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin die Beklag­te dazu ver­pflich­tet, der Klä­ge­rin ein neu­es Abschluss­zeug­nis mit der Maß­ga­be aus­zu­stel­len, ihre im genann­ten Modul erbrach­te Leis­tung mit der Note 1,3 zu bewer­ten.

Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin, Urteil vom 19. Febru­ar 2020 – VG 12 K 529.18