Recht­li­ches Gehör im ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren

Das Recht auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nach Art. 103 Abs. 1 GG, § 108 Abs. 2 VwGO gewähr­leis­tet jedem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten die Mög­lich­keit, zu dem gesam­ten Stoff des gericht­li­chen Ver­fah­rens in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht Stel­lung zu neh­men.

Recht­li­ches Gehör im ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren

Das Gericht darf bei sei­ner Ent­schei­dung nur sol­che Tei­le des Pro­zess­stof­fes berück­sich­ti­gen, zu denen sich die Betei­lig­ten äußern konn­ten. Dies setzt deren Kennt­nis vom Pro­zess­stoff vor­aus1.

Aller­dings ist das Gericht grund­sätz­lich nicht ver­pflich­tet, den Betei­lig­ten mit­zu­tei­len, wel­che tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gesichts­punk­te es für ent­schei­dungs­er­heb­lich hält und wel­che Rechts­auf­fas­sun­gen es sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de zu legen gedenkt2.

Es darf sei­ne Ent­schei­dung jedoch nicht auf einen Gesichts­punkt stüt­zen, mit dem auch ein sorg­fäl­ti­ger Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter nicht zu rech­nen brauch­te. Im Anwalts­pro­zess ist Maß­stab der gewis­sen­haf­te und kun­di­ge Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te, der die ver­tret­ba­ren Auf­fas­sun­gen in den Blick nimmt3.

Im hier ent­schie­de­nen Fall ergab sich für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aus den Dar­le­gun­gen der Beklag­ten ein sol­cher Gehörs­ver­stoß nicht. Im Gegen­teil kann ihren Aus­füh­run­gen unzwei­fel­haft ent­nom­men wer­den, dass sie den Vor­trag der Klä­ge­rin zur Kennt­nis, aber bewusst von einer Stel­lung­nah­me Abstand genom­men hat, weil sie den Vor­trag für fern­lie­gend erach­te­te. Die­ses recht­fer­tigt nicht die Annah­me der Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs. Die anwalt­lich ver­tre­te­ne Beklag­te muss­te damit rech­nen, dass das Gericht das Vor­brin­gen der Klä­ge­rin, eine Beschrän­kung des Betriebs der Videobe­ob­ach­tungs­an­la­ge auf bestimm­te Stre­cken oder Tages- und Nacht­zei­ten sei tech­nisch und orga­ni­sa­to­risch nicht oder nur mit einem unzu­mut­ba­ren wirt­schaft­li­chen Auf­wand umzu­set­zen, in Erman­ge­lung gegen­tei­li­ger Anhalts­punk­te zugrun­de legt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Juli 2019 – 6 B 2.18

  1. stRspr, vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 08.02.1994 – 1 BvR 765, 766/​89, BVerfGE 89, 381, 392; und vom 27.10.1999 – 1 BvR 385/​90, BVerfGE 101, 106, 129 []
  2. stRspr, vgl. BVerfG, Beschluss vom 19.05.1992 – 1 BvR 986/​91, BVerfGE 86, 133, 144 f.; Urteil vom 14.07.1998 – 1 BvR 1640/​97 [ECLI:DE:BVerfG:1998:rs19980714.1bvr164097], BVerfGE 98, 218, 263 []
  3. stRspr, vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 29.05.1991 – 1 BvR 1383/​90, BVerfGE 84, 188, 190; und vom 19.05.1992 – 1 BvR 986/​91, BVerfGE 86, 133, 144 f.; Urteil vom 14.07.1998 – 1 BvR 1640/​97, BVerfGE 98, 218, 263 []