Recht­li­ches Gehör – und der abge­lehn­te Schrift­satz­nach­lass

Im gericht­li­chen Ver­fah­ren gewähr­leis­ten Art. 103 Abs. 1 GG, § 108 Abs. 2 VwGO den Betei­lig­ten das Recht, sich vor der Ent­schei­dung zu allen dafür erheb­li­chen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Fra­gen zu äußern.

Recht­li­ches Gehör – und der abge­lehn­te Schrift­satz­nach­lass

Recht­lich erheb­li­ches Vor­brin­gen der Betei­lig­ten muss das Gericht zur Kennt­nis neh­men und in Erwä­gung zie­hen1. Auf einen recht­li­chen Gesichts­punkt, mit des­sen Erheb­lich­keit ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter nach dem Pro­zess­ver­lauf nicht rech­nen muss­te, darf es sei­ne Ent­schei­dung nicht ohne vor­he­ri­gen Hin­weis stüt­zen2.

Zwar kann eine Ver­ta­gung oder die Ein­räu­mung einer Schrift­satz­frist auf Antrag eines Betei­lig­ten gebo­ten sein, wenn das Gericht in der münd­li­chen Ver­hand­lung erst­mals auf neue, aus sei­ner Sicht ent­schei­dungs­er­heb­li­che Gesichts­punk­te tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Art hin­weist, mit denen der Betei­lig­te nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf des Ver­fah­rens schlech­ter­dings nicht zu rech­nen brauch­te3. Die­sem Antrag muss das Gericht aber nicht nach­kom­men, wenn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te bei der von ihm zu erwar­ten­den hin­rei­chen­den Vor­be­rei­tung des Ter­mins bereits über die­sen recht­li­chen Gesichts­punkt hät­te infor­miert sein kön­nen.

Die­se Rechts­pra­xis selbst­stän­dig in Erfah­rung zu brin­gen, wäre dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten im vor­lie­gen­den Fall – auch als ansons­ten nicht im Ver­wal­tungs­recht täti­gen Rechts­an­walt – durch eine blo­ße Inter­net­re­cher­che zu der Vor­schrift mög­lich und zuzu­mu­ten gewe­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 29. Okto­ber 2018 – 1 B 35.18

  1. stRspr, vgl. BVerfG, Urteil vom 08.07.1997 – 1 BvR 1621/​94, BVerfGE 96, 205, 216 []
  2. stRspr, vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.05.1991 – 1 BvR 1383/​90, BVerfGE 84, 188, 190; BVerwG, Beschluss vom 15.12 2015 – 8 C 9.15 2 []
  3. BVerwG, Beschluss vom 21.12 1999 – 7 B 155.99, Buch­holz 303 § 227 ZPO Nr. 29 S. 4 []