Rechts­be­rei­ni­gung – und das bereits abge­schlos­se­ne Spät­aus­sied­ler-Ver­wal­tungs­ver­fah­ren

Rechts­be­rei­ni­gungs­ge­set­ze begrün­den regel­mä­ßig kei­nen Anspruch auf Wie­der­auf­grei­fen bestands­kräf­tig abge­schlos­se­ner Ver­wal­tungs­ver­fah­ren

Rechts­be­rei­ni­gung – und das bereits abge­schlos­se­ne Spät­aus­sied­ler-Ver­wal­tungs­ver­fah­ren

So hat, wie das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt jetzt ent­schied, auch die Auf­he­bung des § 100a Abs. 1 BVFG 2001 durch Gesetz vom 7. Novem­ber 2015 kei­ne Rück­wir­kung auf bereits bestands­kräf­tig abge­schlos­se­ne Beschei­ni­gungs­ver­fah­ren nach § 15 Abs. 1 BVFG. Damit lie­gen man­gels Ände­rung der Rechts­la­ge zuguns­ten der Betrof­fe­nen die Vor­aus­set­zun­gen für ein Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens nicht vor.

Die in der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on gebo­re­ne Klä­ge­rin reis­te im Mai 2000 mit einem Auf­nah­me­be­scheid in das Bun­des­ge­biet ein. Ihr Antrag auf Aus­stel­lung einer Spät­aus­sied­ler­be­schei­ni­gung nach § 15 Abs. 1 BVFG wur­de im März 2002 abge­lehnt, weil sie sich nicht durch­gän­gig zum deut­schen Volks­tum bekannt habe; dage­gen ein­ge­leg­te Rechts­mit­tel blie­ben ohne Erfolg. Im Okto­ber 2009 stell­te die Klä­ge­rin erneut einen Antrag auf Aus­stel­lung einer Spät­aus­sied­ler­be­schei­ni­gung. Das Bun­des­ver­wal­tungs­amt lehn­te ein Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens ab. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG lägen nicht vor, weil sich die Rechts­la­ge nicht nach­träg­lich zuguns­ten der Klä­ge­rin geän­dert habe.

Die hier­ge­gen erho­be­ne Kla­ge hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln abge­wie­sen [1]. Auf die Beru­fung der Klä­ge­rin hat dage­gen das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter die Behör­de ver­pflich­tet, der Klä­ge­rin eine Spät­aus­sied­ler­be­schei­ni­gung nach § 15 Abs. 1 BVFG aus­zu­stel­len [2]. Eine Ände­rung der Rechts­la­ge zuguns­ten der Klä­ge­rin sei mit Blick auf Arti­kel 2 Nr. 2a des Geset­zes zur Ände­rung des Häft­lings­hil­fe­ge­set­zes und zur Berei­ni­gung des Bun­des­ver­trie­be­nen­ge­set­zes vom 7. Novem­ber 2015 (BGBl. I S. 1922), durch den § 100a Abs. 1 BVFG 2001 auf­ge­ho­ben wor­den sei, ein­ge­tre­ten. Nach dem Weg­fall des § 100a Abs. 1 BVFG 2001 sei für Anträ­ge nach § 15 Abs. 1 BVFG von vor dem 7. Sep­tem­ber 2001 ein­ge­reis­ten Per­so­nen wie­der die zuvor gel­ten­de Rechts­la­ge, also das Bun­des­ver­trie­be­nen­ge­setz 1993, maß­geb­lich gewor­den. Die Klä­ge­rin erfül­le auch die Vor­aus­set­zun­gen des § 6 Abs. 2 BVFG 1993, der zum Zeit­punkt ihrer Ein­rei­se gegol­ten habe. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on der Behör­de hat­te vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Erfolg:

Die Vor­aus­set­zun­gen für ein Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens nach § 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG lie­gen nicht vor, weil sich die der ableh­nen­den Ent­schei­dung vom März 2002 zugrun­de­lie­gen­de Rechts­la­ge nicht nach­träg­lich zuguns­ten der Klä­ge­rin geän­dert hat. Ent­ge­gen der Annah­me des Beru­fungs­ge­richts hat die Auf­he­bung des § 100a Abs. 1 BVFG 2001, der die Anwen­dung des nach dem 7. Sep­tem­ber 2001 gel­ten­den Rechts auf Anträ­ge nach § 15 Abs. 1 BVFG regel­te, kei­ne Rück­wir­kung auf bereits bestands­kräf­tig abge­schlos­se­ne Beschei­ni­gungs­ver­fah­ren. Denn der Gesetz­ge­ber ging davon aus, dass es sich bei § 100a Abs. 1 BVFG 2001 um eine über­hol­te Über­gangs­vor­schrift han­delt, deren Zweck sich erle­digt hat. Aus dem Cha­rak­ter der Norm als Rechts­be­rei­ni­gungs­vor­schrift folgt, dass die Auf­he­bung des § 100a Abs. 1 BVFG allein Wir­kung für die Zukunft (ex nunc) hat und nicht auch für in der Ver­gan­gen­heit abge­schlos­se­ne Beschei­ni­gungs­ver­fah­ren.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 13. August 2020 – 1 C 23.19

  1. VG Köln, Urti­el vom 08.03.2017 – 10 K 688/​15[]
  2. OVG NRW, Urteil vom 03.12.2018 – 11 A 1051/​17[]