Reli­giö­se Ver­fol­gung wegen Kon­ver­si­on zum Chris­ten­tum

Macht ein Asyl­be­wer­ber gel­tend, ihm dro­he wegen Kon­ver­si­on zum Chris­ten­tum reli­giö­se Ver­fol­gung, sind die Ver­wal­tungs­ge­rich­te bei der Beur­tei­lung, ob die Befol­gung einer gefahr­träch­ti­gen reli­giö­sen Pra­xis für ihn zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät beson­ders wich­tig ist, nicht an die Beur­tei­lung des Amts­trä­gers einer christ­li­chen Kir­che gebun­den, der Tau­fe des Betrof­fe­nen lie­ge eine ernst­haf­te und nach­hal­ti­ge Glau­bens­ent­schei­dung zugrun­de 1.

Reli­giö­se Ver­fol­gung wegen Kon­ver­si­on zum Chris­ten­tum

Abs. 1 und 2 GG als ein­heit­li­ches Grund­recht sowie Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 Satz 1 WRV garan­tie­ren den Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten die Frei­heit, ihre Ange­le­gen­hei­ten selb­stän­dig inner­halb der Schran­ken des für alle gel­ten­den Geset­zes zu ord­nen und zu ver­wal­ten 2. Das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht umfasst alle Maß­nah­men, die der Sicher­stel­lung der reli­giö­sen Dimen­si­on des Wir­kens im Sin­ne kirch­li­chen Selbst­ver­ständ­nis­ses und der Wah­rung der unmit­tel­ba­ren Bezie­hung der Tätig­keit zum kirch­li­chen Grund­auf­trag die­nen 3. Zu den "eige­nen Ange­le­gen­hei­ten" in die­sem Sin­ne zäh­len ins­be­son­de­re die Rech­te und Pflich­ten der Mit­glie­der der jewei­li­gen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, ins­be­son­de­re Bestim­mun­gen, die den Ein- und Aus­tritt, die mit­glied­schaft­li­che Stel­lung sowie den Aus­schluss von Glau­bens­an­ge­hö­ri­gen regeln 4. Die Mit­glied­schaft in einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft beur­teilt sich mit Wir­kung für den welt­li­chen Bereich (etwa als Vor­aus­set­zung für die Kir­chen­steu­er­pflicht) grund­sätz­lich nach den Regeln der jewei­li­gen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft 5. Dem­zu­fol­ge oblie­gen die Inter­pre­ta­ti­on und die Beur­tei­lung der kir­chen­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Tau­fe sowie deren Wirk­sam­keit mit der Fol­ge, dass der Betrof­fe­ne Mit­glied in der Gemein­de einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft wie der evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Lan­des­kir­che ist, den inner­kirch­lich zustän­di­gen Amts­trä­gern 6.

Es liegt auf der Hand, dass – von Miss­brauchs­fäl­len abge­se­hen – die von einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft bestä­tig­te Mit­glied­schaft als sol­che von den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten bei der Unter­su­chung, ob dem Asyl­be­wer­ber in sei­nem Hei­mat­land eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit als flücht­lings­recht­lich rele­van­te Ver­fol­gung droht, nicht infra­ge gestellt wer­den darf. Die durch Tau­fe bewirk­te Mit­glied­schaft in einer christ­li­chen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ist aber nur dann allein ent­schei­dungs­er­heb­lich, wenn eine Ver­fol­gung in einem Land aus­schließ­lich an der Kir­chen­zu­ge­hö­rig­keit anknüpft. Ist dies jedoch – wie nach der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung der Ver­fol­gungs­la­ge im Iran durch das Beru­fungs­ge­richt – nicht der Fall, haben das Bun­des­amt bzw. die Ver­wal­tungs­ge­rich­te auf der Recht­s­tat­sa­che der Kir­chen­mit­glied­schaft auf­bau­end bei der Beur­tei­lung der Schwe­re einer dro­hen­den Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit des Betrof­fe­nen zu prü­fen, ob die Befol­gung einer bestimm­ten gefahr­träch­ti­gen reli­giö­sen Pra­xis für ihn zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät beson­ders wich­tig ist. Da bereits der unter dem Druck dro­hen­der Ver­fol­gung erzwun­ge­ne Ver­zicht auf eine Glau­bens­be­tä­ti­gung die Qua­li­tät einer Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3a Abs. 1 Nr. 1 AsylVfG errei­chen kann, ist für die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft auf­grund dro­hen­der reli­giö­ser Ver­fol­gung in die­sem Fall maß­geb­lich, wie der Ein­zel­ne sei­nen Glau­ben lebt und ob die ver­fol­gungs­träch­ti­ge Glau­bens­be­tä­ti­gung für ihn per­sön­lich nach sei­nem Glau­bens­ver­ständ­nis ein zen­tra­les Ele­ment sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät bil­det und in die­sem Sin­ne für ihn unver­zicht­bar ist 7. Dass die­se Fra­ge­stel­lung in Teil­be­rei­chen zugleich auch als kir­chen­recht­li­che Vor­aus­set­zung für die Tau­fe bedeut­sam ist und von dem inner­kirch­lich zustän­di­gen Amts­trä­ger bejaht wor­den ist, macht sie – wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend her­aus­ge­stellt hat – mit Blick auf die hier zu prü­fen­de, staat­li­chen Stel­len oblie­gen­de Flücht­lings­an­er­ken­nung nicht zu einer "eige­nen Ange­le­gen­heit" der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft im Sin­ne des Art. 137 Abs. 3 Satz 1 WRV i.V.m. Art. 140 GG. Die­se Grund­sät­ze gel­ten unab­hän­gig davon, ob die jewei­li­ge Reli­gi­ons­ge­mein­schaft als Kör­per­schaft des Öffent­li­chen Rechts kon­sti­tu­iert ist oder nicht.

Es bedarf auch kei­ner Klä­rung, dass staat­li­che Stel­len mit der eigen­stän­di­gen Wür­di­gung im Rah­men der Prü­fung des § 3 Abs. 1 AsylVfG, ob eine bestimm­te Glau­bens­pra­xis für den Antrag­stel­ler nach sei­nem Glau­bens­ver­ständ­nis ein zen­tra­les Ele­ment sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät bil­det und in die­sem Sin­ne für ihn unver­zicht­bar ist, nicht die sich aus Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG, Art. 4 Abs. 1 und 2 GG sowie Art. 140 i.V.m. Art. 136 Abs. 1 und 4, Art. 137 Abs. 1 WRV erge­ben­de Pflicht des Staa­tes zur welt­an­schau­li­chen Neu­tra­li­tät ver­let­zen. Denn eine ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ge Bewer­tung des Glau­bens oder der Leh­re einer Kir­che ist damit nicht ver­bun­den. Bei der Prü­fung der Flücht­lings­an­er­ken­nung wegen gel­tend gemach­ter reli­giö­ser Ver­fol­gung set­zen sich staat­li­che Stel­len weder mit Inhal­ten von Glau­bens­sät­zen aus­ein­an­der noch bewer­ten sie die­se oder for­mu­lie­ren gar eige­ne Stand­punk­te in Glau­bens­din­gen 8. Sie ent­schei­den auch nicht über die Legi­ti­mi­tät reli­giö­ser Glau­bens­über­zeu­gun­gen, son­dern gehen ledig­lich der Stel­lung des ein­zel­nen Antrag­stel­lers zu sei­nem Glau­ben nach, näm­lich der Inten­si­tät selbst emp­fun­de­ner Ver­bind­lich­keit von Glau­bens­ge­bo­ten für die Iden­ti­tät der Per­son. Dar­in liegt kei­ne Ver­let­zung der Pflicht des Staa­tes zu welt­an­schau­li­cher Neu­tra­li­tät.

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist auch geklärt, dass die Ver­wal­tungs­ge­rich­te sich bei der Prü­fung der inne­ren Tat­sa­che, ob der Klä­ger die unter­drück­te reli­giö­se Betä­ti­gung sei­nes Glau­bens für sich selbst als ver­pflich­tend zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät emp­fin­det, nicht auf eine Plau­si­bi­li­täts­prü­fung hin­rei­chend sub­stan­ti­ier­ter Dar­le­gung beschrän­ken dür­fen, son­dern inso­weit das Regel­be­weis­maß der vol­len Über­zeu­gung des Gerichts (§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO) zugrun­de zu legen haben 9. Ein erneu­ter oder wei­ter­ge­hen­der Klä­rungs­be­darf ergibt sich nicht dar­aus, dass die Anle­gung des Regel­be­weis­ma­ßes nach Auf­fas­sung der Beschwer­de die Reli­gi­ons­frei­heit des Betrof­fe­nen und zugleich das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht ver­letzt. Denn eine Zurück­nah­me des tatrich­ter­li­chen Beweis­ma­ßes sowie der gericht­li­chen Kon­troll­dich­te ist nach der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung nur bei der Bestim­mung der Reich­wei­te des Schutz­be­reichs des Art. 4 GG ange­zeigt. Bei der Wür­di­gung des­sen, was im Ein­zel­fall als kor­po­ra­ti­ve oder indi­vi­du­el­le Aus­übung von Reli­gi­on und Welt­an­schau­ung im Sin­ne von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG anzu­se­hen ist, muss der zen­tra­len Bedeu­tung des Begriffs der "Reli­gi­ons­aus­übung" durch eine exten­si­ve Aus­le­gung Rech­nung getra­gen wer­den; inso­weit darf das Selbst­ver­ständ­nis der jeweils betrof­fe­nen Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten und des ein­zel­nen Grund­rechts­trä­gers nicht außer Betracht blei­ben. Die For­mu­lie­rung ihres Selbst­ver­ständ­nis­ses und Auf­trags – des kirch­li­chen Pro­pri­um – obliegt allein den Kir­chen und ist als ele­men­ta­rer Bestand­teil der kor­po­ra­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­fas­sungs­recht­lich geschützt 10. Auch auf der indi­vi­du­el­len Ebe­ne dür­fen staat­li­che Orga­ne nur prü­fen, ob hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­ge­legt ist, dass sich ein von dem Betrof­fe­nen als reli­gi­ös gebo­ten rekla­mier­tes Ver­hal­ten tat­säch­lich nach geis­ti­gem Gehalt und äuße­rer Erschei­nung in plau­si­bler Wei­se dem Schutz­be­reich des Art. 4 GG zuord­nen lässt, also tat­säch­lich eine als reli­gi­ös anzu­se­hen­de Moti­va­ti­on hat 11. Die gebo­te­ne Berück­sich­ti­gung des kirch­li­chen und indi­vi­du­el­len Selbst­ver­ständ­nis­ses des Grund­rechts­trä­gers bei der Bestim­mung, wie weit der Schutz­be­reich des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG im kon­kre­ten Ein­zel­fall reicht, ist jedoch nicht auf die der Schutz­be­reichs­be­stim­mung vor­ge­la­ger­te tatrich­ter­li­che Wür­di­gung zu über­tra­gen, ob und inwie­weit eine Per­son eine bestimm­te reli­giö­se Betä­ti­gung ihres Glau­bens für sich selbst als ver­pflich­tend zur Wah­rung ihrer reli­giö­sen Iden­ti­tät emp­fin­det.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat auch klar­ge­stellt, dass die reli­giö­se Iden­ti­tät als inne­re Tat­sa­che sich nur aus dem Vor­brin­gen des Asyl­be­wer­bers sowie im Wege des Rück­schlus­ses von äuße­ren Anhalts­punk­ten auf die inne­re Ein­stel­lung des Betrof­fe­nen fest­stel­len lässt 12. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beschwer­de wird die Glau­bens­frei­heit eines Asyl­be­wer­bers, der sich auf eine ihm dro­hen­de Ver­fol­gung wegen sei­ner Reli­gi­on beruft, nicht dadurch ver­letzt, dass es ihm im Rah­men der asyl­ver­fah­rens­recht­li­chen Mit­wir­kungs­pflich­ten (§ 15 Abs. 2 Nr. 1 AsylVfG) und des pro­zess­recht­li­chen Unter­su­chungs­grund­sat­zes (§ 86 Abs. 1 VwGO) obliegt, staat­li­chen Stel­len über sein reli­giö­ses Selbst­ver­ständ­nis Aus­kunft zu geben. Es unter­liegt der frei­en Beweis­wür­di­gung gemäß § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO und ist inso­weit kei­ner wei­te­ren grund­sätz­li­chen Klä­rung zugäng­lich, auf wel­che Wei­se der Tatrich­ter ver­sucht, sich die erfor­der­li­che Über­zeu­gungs­ge­wiss­heit vom Vor­lie­gen der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­che der Wah­rung der reli­giö­sen Iden­ti­tät des Asyl­be­wer­bers zu ver­schaf­fen. Nicht wei­ter klä­rungs­be­dürf­tig ist in die­sem Zusam­men­hang ins­be­son­de­re, dass es die Glau­bens­frei­heit nicht ver­letzt und die Beweis­an­for­de­run­gen nicht über­spannt, von einem Erwach­se­nen im Regel­fall zu erwar­ten, dass die­ser schlüs­si­ge und nach­voll­zieh­ba­re Anga­ben zu den inne­ren Beweg­grün­den für die Kon­ver­si­on machen kann und im Rah­men sei­ner Per­sön­lich­keit und intel­lek­tu­el­len Dis­po­si­ti­on mit den Grund­zü­gen sei­ner neu­en Reli­gi­on ver­traut ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 25. August 2015 – 1 B 402015 -

  1. vgl. bereits BVerwG, Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23.12, BVerw­GE 146, 67 im Anschluss an EuGH, Urteil vom 05.09.2012 – C‑71/​11 und – C‑99/​11 [ECLI:EU:C:2012:518], NVwZ 2012, 1612[]
  2. zum Ver­hält­nis der Bestim­mun­gen zuein­an­der im Sin­ne einer Schran­ken­spe­zia­li­tät: BVerfG, Beschluss vom 22.10.2014 – 2 BvR 661/​12EuGRZ 2014, 698 Rn. 82 ff.[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 22.10.2014 – 2 BvR 661/​12EuGRZ 2014, 698 Rn. 95 m.w.N.[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 17.12 2014 – 2 BvR 278/​11EuGRZ 2015, 250 Rn. 37 m.w.N.[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 31.03.1971 – 1 BvR 744/​67, BVerfGE 30, 415, 422 – auch zu der Gren­ze des für alle gel­ten­den Geset­zes[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 27.11.2013 – 6 C 21.12, BVerw­GE 148, 271 Rn. 46 ff. – auch zur Abgren­zung gegen­über staat­li­chen Gerich­ten ver­blei­ben­den Prü­fungs­punk­ten[]
  7. BVerwG, Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23.12, BVerw­GE 146, 67 Rn. 28 ff. im Anschluss an EuGH, Urteil vom 05.09.2012 – C‑71/​11 und – C‑99/​11, NVwZ 2012, 1612[]
  8. zur Reich­wei­te des Neu­tra­li­täts­ge­bots: BVerfG, Beschluss vom 22.10.2014 – 2 BvR 661/​12EuGRZ 2014, 698 Rn. 88 ff. m.w.N.; vgl. auch EGMR, Urteil vom 15.01.2013 – Nr. 48420/​10 u.a. – NJW 2014, 1935 Rn. 81 und Urteil vom 08.04.2014 – Nr. 70945/​11 u.a., NVwZ 2015, 499 Rn. 76[]
  9. BVerwG, Urteil vom Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23.12, BVerw­GE 146, 67 Rn. 30[]
  10. BVerfG, Beschluss vom 22.10.2014 – 2 BvR 661/​12EuGRZ 2014, 698 Rn. 101, 114[]
  11. BVerfG, Beschluss vom 27.01.2015 – 1 BvR 471/​10 u.a. – EuGRZ 2015, 181 Rn. 86 m.w.N.[]
  12. BVerwG, Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23.12, BVerw­GE 146, 67 Rn. 31[]