Reli­gi­ons­frei­heit – und das Schäch­ten

Beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ist der­zeit ein Ver­fah­ren zur Recht­mä­ßig­keit des Schäch­tungs­ver­bots außer­halb von Schlacht­hö­fen ‑Art. 4 Abs. 4 Ver­ord­nung (EG) Nr. 1099/​2009 des Rates vom 24.09.2009 über den Schutz von Tie­ren zum Zeit­punkt der Tötung1- anhän­gig. In die­sem Ver­fah­ren hat nun der Gene­ral­an­walt des Gerichts­hofs sei­ne Schluss­an­trä­ge vor­ge­legt.

Reli­gi­ons­frei­heit – und das Schäch­ten

Nach Ansicht des Gene­ral­an­walts Nils Wahl beein­träch­tigt das Erfor­der­nis, wonach ritu­el­le Schlach­tun­gen ohne Betäu­bung nur in einem zuge­las­se­nen Schlacht­hof statt­fin­den dür­fen, nicht das Recht auf Reli­gi­ons­frei­heit. Die Uni­ons­re­ge­lung bringt die Reli­gi­ons­frei­heit mit den Erfor­der­nis­sen des Schut­zes der mensch­li­chen Gesund­heit, des Tier­schut­zes und der Lebens­mit­tel­si­cher­heit zum Aus­gleich.

Hin­ter­grund des Ver­fah­rens ist ein Streit, der sich in Bel­gi­en nach dem das Opfer­fest 2014 ent­zün­de­te: Das isla­mi­sche Opfer­fest wird jedes Jahr drei Tage lang gefei­ert. Prak­ti­zie­ren­de Mus­li­me sehen es als ihre reli­giö­se Pflicht an, ein Tier – vor­zugs­wei­se am ers­ten Tag des Opfer­fests – zu schlach­ten oder schlach­ten zu las­sen, des­sen Fleisch anschlie­ßend teil­wei­se in der Fami­lie ver­zehrt und teil­wei­se mit Bedürf­ti­gen, Nach­barn und ent­fern­te­ren Ver­wand­ten geteilt wird. Seit 1998 durf­ten auf­grund der ein­schlä­gi­gen bel­gi­schen Rege­lung durch einen reli­giö­sen Ritus vor­ge­schrie­be­ne Schlach­tun­gen nur in zuge­las­se­nen oder tem­po­rä­ren Schlacht­hö­fen durch­ge­führt wer­den. Der zustän­di­ge Minis­ter hat­te daher jedes Jahr tem­po­rä­re Schlacht­stät­ten zuge­las­sen, die es zusam­men mit den zuge­las­se­nen Schlacht­hö­fen ermög­lich­ten, die ritu­el­len Schlach­tun­gen wäh­rend des isla­mi­schen Opfer­fests sicher­zu­stel­len, und dadurch die – infol­ge der wäh­rend die­ses Zeit­raums höhe­ren Nach­fra­ge – feh­len­de Kapa­zi­tät der zuge­las­se­nen Schlacht­hö­fe aus­ge­gli­chen hat­ten.

Im Jahr 2014 kün­dig­te der für das Tier­wohl zustän­di­ge Minis­ter der Flä­mi­schen Regi­on von Bel­gi­en an, kei­ne Zulas­sun­gen für tem­po­rä­re Schlacht­stät­ten mehr zu ertei­len, und begrün­de­te dies damit, dass sol­che Zulas­sun­gen gegen Uni­ons­recht, u. a. gegen die Bestim­mun­gen der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1099/​2009 über den Schutz von Tie­ren zum Zeit­punkt der Tötung, ver­stie­ßen. Ab 2015 durf­ten somit alle Schlach­tun­gen von Tie­ren ohne Betäu­bung – auch sol­che, die wäh­rend des isla­mi­schen Opfer­fests statt­fan­den – nur noch in zuge­las­se­nen Schlacht­hö­fen statt­fin­den. In die­sem Zusam­men­hang haben meh­re­re isla­mi­sche Ver­ei­ni­gun­gen und Moschee-Dach­ver­bän­de im Jahr 2016 die Flä­mi­sche Regi­on ver­klagt. Sie stell­ten u. a. die Gül­tig­keit bestimm­ter Vor­schrif­ten der ein­schlä­gi­gen Uni­ons­ver­ord­nung – ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Reli­gi­ons­frei­heit (Art. 10 EU-GrCh, Art. 9 EMRK) – in Fra­ge.

Die Neder­land­s­ta­li­ge recht­bank van eers­te aan­leg te Brussel, das Nie­der­län­disch­spra­chi­ge Gericht Ers­ter Instanz in Brüs­sel, bei der die Kla­ge anhän­gig ist, ist der Ansicht, dass die Vor­ga­be, dass ritu­el­le Schlach­tun­gen ohne Betäu­bung aus­schließ­lich in den zuge­las­se­nen Schlacht­hö­fen durch­ge­führt wer­den dür­fen, zahl­rei­che prak­ti­zie­ren­de Mus­li­me dar­an hin­dern könn­te, ihrer reli­giö­sen Pflicht nach­zu­kom­men. Dies füh­re mög­li­cher­wei­se zu einer nicht gerecht­fer­tig­ten Beschrän­kung der Aus­übung ihrer Reli­gi­ons­frei­heit. Somit stel­le sich die Fra­ge, ob das Erfor­der­nis, dass Schlach­tun­gen in einem Schlacht­hof im Sin­ne der Uni­ons­re­ge­lung – Ver­ord­nung (EG) Nr. 853/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 mit spe­zi­fi­schen Hygie­ne­vor­schrif­ten für Lebens­mit­tel tie­ri­schen Ursprungs2 – statt­fin­den müs­sen – eine Regel, die all­ge­mein, unab­hän­gig von der ange­wand­te Schlacht­me­tho­de, gilt –, geeig­net ist, die Reli­gi­ons­frei­heit ein­zu­schrän­ken. Die Neder­land­s­ta­li­ge recht­bank van eers­te aan­leg te Brussel hat daher die­se Rechts­fra­ge dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt.

im vor­lie­gen­den Rechts­streit steht in kei­ner Wei­se das völ­li­ge Ver­bot, Tie­re ohne Betäu­bung zu schlach­ten, das gegen­wär­tig in zahl­rei­chen Mit­glied­staa­ten dis­ku­tiert wird, in Streit. Es geht viel­mehr aus­schließ­lich um die Bedin­gun­gen in Bezug auf die mate­ri­el­le Aus­stat­tung und die betrieb­li­chen Ver­pflich­tun­gen, unter denen eine sol­che Schlach­tung nach der Rege­lung der Euro­päi­schen Uni­on durch­zu­füh­ren ist. In die­sem Zusam­men­hang erlaub­ten Däne­mark, Slo­we­ni­en und Schwe­den Schlach­tun­gen von Tie­ren nur mit vor­he­ri­ger Betäu­bung. Was Bel­gi­en betrifft, gibt es in der Flä­mi­schen und in der Wal­lo­ni­schen Regi­on eine Eini­gung, die Schlach­tung von Tie­ren ohne Betäu­bung ab 2019 zu ver­bie­ten.

In sei­nen jetzt vor­ge­leg­ten Schluss­an­trä­gen ver­tritt der Gene­ral­an­walt die Ansicht, dass kei­ner der im Rah­men der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che ange­führ­ten Gesichts­punk­te die Gül­tig­keit der Uni­ons­ver­ord­nung über den Schutz von Tie­ren zu beein­träch­ti­gen ver­mö­ge. Die Regel, dass Schlach­tun­gen grund­sätz­lich nur in zuge­las­se­nen Schlacht­hö­fen durch­ge­führt wer­den dürf­ten, sei eine voll­kom­men neu­tra­le Regel, die unab­hän­gig von den Umstän­den und der gewähl­ten Art der Schlach­tung gel­te. Nach Ansicht des Gene­ral­an­walts hängt die dem Uni­ons­ge­richts­hof vor­ge­leg­te Pro­ble­ma­tik eher mit einem kon­junk­tu­rel­len Kapa­zi­täts­pro­blem bei Schlacht­hö­fen in bestimm­ten geo­gra­fi­schen Gebie­ten anläss­lich des isla­mi­schen Opfer­fests – und letzt­lich mit den Kos­ten, die bei der Befol­gung eines reli­giö­sen Gebots ent­stün­den – zusam­men als mit den Anfor­de­run­gen, die sich aus der Uni­ons­re­ge­lung ergä­ben, einer Rege­lung, die einen Aus­gleich vor­neh­me zwi­schen der Reli­gi­ons­frei­heit auf der einen und den Erfor­der­nis­sen, die sich u. a. aus dem Schutz der mensch­li­chen Gesund­heit, dem Tier­schutz und der Lebens­mit­tel­si­cher­heit ergä­ben, auf der ande­ren Sei­te.

Der Gene­ral­an­walt betont zudem, dass es nicht Sache des Uni­ons­ge­richts­hofs sei, dar­über zu befin­den, ob die isla­mi­sche Reli­gi­on den Rück­griff auf die Betäu­bung von Tie­ren tat­säch­lich ver­bie­te. Es ste­he dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nicht zu, dar­über zu befin­den, ob bestimm­te reli­giö­se Lehr­sät­ze oder Gebo­te als ortho­dox oder als hete­ro­dox ein­zu­stu­fen sei­en. Dem­zu­fol­ge sei die Schlach­tung ohne Betäu­bung wäh­rend des isla­mi­schen Opfer­fests sehr wohl ein reli­giö­ses Gebot, dem der Schutz der Reli­gi­ons­frei­heit zugu­te­kom­me, und zwar unab­hän­gig davon, ob es inner­halb des Islams ver­schie­de­ne Strö­mun­gen gebe oder Alter­na­tiv­lö­sun­gen für den Fall der Unmög­lich­keit der Erfül­lung die­ser Pflicht.

Er weist außer­dem dar­auf hin, dass die isla­mi­schen Ver­ei­ni­gun­gen und Moschee-Dach­ver­bän­de nicht behaup­te­ten, dass die Pflicht, ritu­el­le Schlach­tun­gen in einem Schlacht­hof durch­zu­füh­ren, als sol­che mit ihren reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen unver­ein­bar sei. Im Übri­gen gäben die­se nicht an, aus wel­chen grund­sätz­li­chen Erwä­gun­gen – d. h. unab­hän­gig von den ver­mu­te­ten Kapa­zi­täts­pro­ble­men der der­zeit bestehen­den Schlacht­hö­fe und vor allem den Kos­ten, die auf­ge­wandt wer­den müss­ten, um im Ein­klang mit den Ver­ord­nungs­be­stim­mun­gen neue Betrie­be ein­zu­rich­ten oder bestehen­de Betrie­be umzu­wan­deln – die Bedin­gung, dass Schlach­tun­gen von Tie­ren in zuge­las­se­nen Schlacht­hö­fen durch­ge­führt wer­den müss­ten, unter dem Gesichts­punkt der Ach­tung der Reli­gi­ons­frei­heit pro­ble­ma­tisch sei. Die Pflicht, sicher­zu­stel­len, dass alle Schlacht­stät­ten zuge­las­sen sei­en und die Bedin­gun­gen der Ver­ord­nung Nr. 853/​2004 erfüll­ten, sei daher voll­kom­men neu­tral und betref­fe jeden, der Schlach­tun­gen durch­füh­re. Rechts­vor­schrif­ten, die auf eine neu­tra­le Wei­se ohne irgend­ei­nen Zusam­men­hang mit reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen Anwen­dung fän­den, könn­ten grund­sätz­lich nicht als eine Ein­schrän­kung der Aus­übung der Reli­gi­ons­frei­heit ange­se­hen wer­den.

Nach Ansicht des Gene­ral­an­walts wei­sen der Kapa­zi­täts­man­gel und die Kos­ten, die die Schaf­fung neu­er zuge­las­se­ner Betrie­be mög­li­cher­wei­se mit sich brin­ge, kei­nen Zusam­men­hang mit der Anwen­dung der Ver­ord­nung über den Schutz von Tie­ren auf. Sei­nes Erach­tens haben die kon­junk­tur­be­ding­ten Pro­ble­me bei den Schlacht­ka­pa­zi­tä­ten eben­falls weder unmit­tel­bar noch mit­tel­bar etwas mit der Pflicht zu tun, zuge­las­se­ne Schlacht­hö­fe zu nut­zen. Die­se Schwie­rig­kei­ten wie­sen viel­mehr auf die Fra­ge hin, wer die Kos­ten für die Schaf­fung sol­cher Betrie­be zur Bewäl­ti­gung der Nach­fra­ge­spit­ze bei ritu­el­len Schlach­tun­gen wäh­rend des isla­mi­schen Opfer­fests tra­gen müs­se. Es gebe daher kein über­zeu­gen­des Argu­ment für die Annah­me, dass die Uni­ons­re­ge­lung, die voll­kom­men neu­tral sei und all­ge­mein gel­te, eine Ein­schrän­kung der Reli­gi­ons­frei­heit begrün­de.

Die­se Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts sind für den Uni­ons­ge­richts­hof nicht bin­dend. Auf­ga­be des Gene­ral­an­walts ist es, dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in völ­li­ger Unab­hän­gig­keit einen Ent­schei­dungs­vor­schlag für die betref­fen­de Rechts­sa­che zu unter­brei­ten. Die Rich­ter des Uni­ons­ge­richts­hofs tre­ten nun­mehr in die Bera­tung ein. Das Urteil wird zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ver­kün­det.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on – Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts vom 30. Novem­ber 2017 – C‑426/​16

  1. ABl.2009, L 303, S. 1 []
  2. ABl.2004, L 139, S. 55 []