Reli­gi­ons­un­ter­richt in Pri­vat­schu­len

Die staat­li­che Schul­auf­sicht kann die Ertei­lung einer Geneh­mi­gung für die Errich­tung und den Betrieb einer pri­va­ten Ersatz­schu­le nicht davon abhän­gig machen, ob dort Reli­gi­ons­un­ter­richt ange­bo­ten und abge­hal­ten wird.

Reli­gi­ons­un­ter­richt in Pri­vat­schu­len

So hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den und gleich­zei­tig der Beru­fung der pri­va­ten Schul­trä­ge­rin gegen das ihre Fest­stel­lungs­kla­ge gegen das Land Baden-Würt­tem­berg abwei­sen­de Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart teil­wei­se statt­ge­ge­ben. Geklagt hat­te die pri­va­te Schul­trä­ge­rin vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart. Sie woll­te fest­ge­stellt wis­sen, dass sie nicht ver­pflich­tet sei, an den in ihrer Trä­ger­schaft betrie­be­nen Berufs­kol­legs das Unter­richts­fach Reli­gi­on anzu­bie­ten oder Reli­gi­ons­un­ter­richt abzu­hal­ten, und dies weder Vor­aus­set­zung der Geneh­mi­gung (§ 5 PSchG) noch der staat­li­chen Aner­ken­nung (§ 10 PSchG) sei. Zur Begrün­dung der Zuläs­sig­keit der Kla­ge berief sie sich auf Ver­laut­ba­run­gen des Regie­rungs­prä­si­di­ums Tübin­gen und des Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums, wonach sowohl all­ge­mein­bil­den­de als auch beruf­li­che Ersatz­schu­len grund­sätz­lich das Fach Reli­gi­on anbie­ten müss­ten und auch das aus­schließ­li­che Anbie­ten des Fachs Ethik anstel­le von Reli­gi­on nicht mög­lich sei, weil Ethik Ersatz­fach sei und das Ange­bot an Reli­gi­ons­un­ter­richt vor­aus­set­ze.

Nach­dem das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart die Kla­ge mit der Begrün­dung abge­wie­sen hat­te, der Klä­ge­rin feh­le das all­ge­mei­ne Rechts­schutz­be­dürf­nis, ver­folg­te sie ihr Ziel wei­ter mit der Beru­fung.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg aus­ge­führt, dass die Kla­ge unzu­läs­sig sei, soweit die Klä­ge­rin fest­ge­stellt wis­sen wol­le, dass das Anbie­ten bezie­hungs­wei­se Abhal­ten von Reli­gi­ons­un­ter­richt nicht Vor­aus­set­zung der staat­li­chen Aner­ken­nung (§ 10 PSchG) sei. Denn sie betrei­be der­zeit kei­ne staat­lich aner­kann­ten Pri­vat­schu­len und stre­be der­zeit auch nicht die staat­li­che Aner­ken­nung der bis­her geneh­mig­ten Schu­len an. Daher feh­le es ihr inso­weit am Rechts­schutz­in­ter­es­se.

Dage­gen sei nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs die Kla­ge auf Fest­stel­lung, es bestehe kei­ne Ver­pflich­tung der Klä­ge­rin, an den in ihrer Trä­ger­schaft betrie­be­nen staat­lich geneh­mig­ten Berufs­kol­legs das Unter­richts­fach Reli­gi­on anzu­bie­ten und abzu­hal­ten, zuläs­sig und begrün­det: Nach der inso­weit mit Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG deckungs­glei­chen Rege­lung des § 5 Abs. 1 Buchst. a PSchG sei die Geneh­mi­gung – von hier nicht strei­ti­gen wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen abge­se­hen – zu ertei­len, wenn die pri­va­te Schu­le in ihren Lehr­zie­len nicht hin­ter den öffent­li­chen Schu­len zurück­ste­he. Der Ver­zicht auf das Unter­richts­fach Reli­gi­on recht­fer­ti­ge nicht die Bewer­tung, die Schu­len der Klä­ge­rin stün­den in ihren Lehr­zie­len hin­ter öffent­li­chen Schu­len im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Buchst. a PSchG, Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG zurück.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts sei der Staat auf­grund der Rege­lung des Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG nicht befugt, den pri­va­ten Ersatz­schu­len als Teil der "Lehr­zie­le" auch ins ein­zeln gehen­de Erzie­hungs­zie­le vor­zu­schrei­ben bzw. zu ver­bie­ten. Aus der Ver­fas­sung lei­te sich ein für die Ersatz­schu­len ver­bind­li­cher Stan­dard an Erzie­hungs­zie­len ab. Das sei­en im Ein­zel­nen – posi­tiv – das Gebot der Ach­tung der Wür­de eines jeden Men­schen, Art. 1 Abs. 1 GG, und ver­bun­den damit die Grund­rech­te der Art. 2 ff. GG, ins­be­son­de­re das Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit, Art. 2 Abs. 1 GG, und die Gleich­heit aller Men­schen vor dem Gesetz, Art. 3 Abs. 1 GG, sowie schließ­lich die in Art. 20 GG auf­ge­führ­ten Ver­fas­sungs­grund­sät­ze des demo­kra­ti­schen und sozia­len Rechts­staats. Im Bereich des Pri­vat­schul­we­sens über­schrit­te der Staat jeden­falls sei­ne Bestim­mungs­macht in Erzie­hungs­fra­gen, wür­de er sich in sei­nen Vor­ga­ben nicht hier­auf beschrän­ken.

Wei­ter hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof aus­ge­führt, dass sich weder im Grund­ge­setz noch in der baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­ver­fas­sung Rege­lun­gen über das Erfor­der­nis der Ertei­lung von Reli­gi­ons­un­ter­richt an pri­va­ten Ersatz­schu­len fin­den. Ledig­lich für öffent­li­che Schu­len schrei­be Art. 18 Satz 1 LV bzw. Art. 7 Abs. 3 Satz 1 GG den Reli­gi­ons­un­ter­richt ver­bind­lich vor. Nach der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg han­de­le es sich dabei jedoch um eine Son­der­vor­schrift, deren Rege­lungs­ge­halt sich auf öffent­li­che Schu­len beschrän­ke. Einer erwei­tern­den oder ana­lo­gen Anwen­dung auf Pri­vat­schu­len sei sie nicht – auch nicht mit­tel­bar über die Rege­lung des § 5 Abs. 1 Buchst. a PSchG, Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG – zugäng­lich.

Bestä­tigt wer­de der spe­zi­fi­sche, auf öffent­li­che Schu­len beschränk­te Rege­lungs­ge­halt der Vor­schrift vor allem durch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift und die Rege­lungs­ab­sicht des Ver­fas­sungs­ge­bers, die dar­auf gerich­tet gewe­sen sei, dem Reli­gi­ons­un­ter­richt im öffent­li­chen Schul­we­sen im Inter­es­se der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten eine Son­der­stel­lung ein­zu­räu­men. Mit der Garan­tie des Reli­gi­ons­un­ter­richts siche­re der Ver­fas­sungs­ge­ber den Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten die beson­de­re, in der Reli­gi­on begrün­de­te und selbst­be­stimm­te Auf­ga­be der reli­giö­sen Erzie­hung der Kin­der in der öffent­li­chen Schu­le. Reli­gi­ons­un­ter­richt im Sin­ne des Art. 18 Satz 1 LV, Art. 7 Abs. 3 GG sei also kei­ne neu­tra­le Reli­gi­ons­kun­de, son­dern Ver­mitt­lung der Glau­bens­sät­ze der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, die auch nicht vom Staat, son­dern von der jewei­li­gen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft durch­ge­führt wer­de. Art. 18 Satz 1 LV bzw. Art. 7 Abs. 3 GG sei damit gera­de nicht Aus­druck eines staat­lich defi­nier­ten Bil­dungs- und Erzie­hungs­ziels, son­dern räu­me außer­staat­li­chen Bil­dungs- und Erzie­hungs­trä­gern, den Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, die Mög­lich­keit schul­be­zo­ge­ner Mit­wir­kung im Inter­es­se der Reli­gi­ons­frei­heit ein.

Die­ser beson­de­re Cha­rak­ter der Ver­fas­sungs­norm schlie­ße es nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg auch aus, in dem Ange­bot von Reli­gi­ons­un­ter­richt ein Lehr­ziel im Sin­ne des § 5 Abs. 1 Satz 1 Buchst. a PSchG, Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG zu sehen, das bei der Geneh­mi­gung einer pri­va­ten Ersatz­schu­le in die Prü­fung der Gleich­wer­tig­keit ein­zu­be­zie­hen sei. Ins­be­son­de­re las­se sich nicht fest­stel­len, dass die letzt­lich staats­kir­chen­recht­lich begrün­de­te Ver­pflich­tung des Staa­tes auf die­sem Wege ohne wei­te­res auf die pri­va­ten Ersatz­schu­len über­tra­gen wer­den kön­ne.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 3. Mai 2018 – 9 S 653/​16