Revi­si­ons­zu­las­sung wegen einer Tat­sa­chen­fra­ge mit grund­sätz­li­cher Bedeu­tung

Eine Rechts­sa­che hat grund­sätz­li­che Bedeu­tung im Sin­ne von § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO, wenn sie eine abs­trak­te, in dem zu ent­schei­den­den Fall erheb­li­che Fra­ge des revi­si­blen Rechts mit einer über den Ein­zel­fall hin­aus­ge­hen­den all­ge­mei­nen Bedeu­tung auf­wirft, die im Inter­es­se der Ein­heit­lich­keit der Recht­spre­chung oder im Inter­es­se der Rechts­fort­bil­dung in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren geklärt wer­den muss.

Revi­si­ons­zu­las­sung wegen einer Tat­sa­chen­fra­ge mit grund­sätz­li­cher Bedeu­tung

iese Vor­aus­set­zun­gen sind nicht erfüllt, wenn sich die auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge im Revi­si­ons­ver­fah­ren nicht stel­len wür­de, wenn sie bereits geklärt ist bzw. auf­grund des Geset­zes­wort­lauts mit Hil­fe der übli­chen Regeln sach­ge­rech­ter Aus­le­gung und auf der Grund­la­ge der ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung ohne Durch­füh­rung eines Revi­si­ons­ver­fah­rens beant­wor­tet wer­den kann oder wenn sie einer abs­trak­ten Klä­rung nicht zugäng­lich ist 1.

Für die Zulas­sung der Revi­si­on reicht, anders als für die Zulas­sung der Beru­fung wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung nach § 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO/​§ 78 Abs. 3 Nr. 1 AsylG 2, eine Tat­sa­chen­fra­ge grund­sätz­li­cher Bedeu­tung nicht aus. Die Klä­rungs­be­dürf­tig­keit muss viel­mehr in Bezug auf den anzu­wen­den­den recht­li­chen Maß­stab, nicht die rich­ter­li­che Tat­sa­chen­wür­di­gung und -bewer­tung bestehen; auch der Umstand, dass das Ergeb­nis der zur Fest­stel­lung und Wür­di­gung des Tat­sa­chen­stof­fes beru­fe­nen Instanz­ge­rich­te für eine Viel­zahl von Ver­fah­ren von Bedeu­tung ist, lässt für sich allein nach gel­ten­dem Revi­si­ons­zu­las­sungs­recht eine Zulas­sung wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung nach § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO nicht zu. Der Gesetz­ge­ber hat inso­weit auch für das gericht­li­che Asyl­ver­fah­ren an den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des Revi­si­ons­rechts fest­ge­hal­ten und für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kei­ne Befug­nis eröff­net, Tat­sa­chen(würdigungs)fragen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung in "Län­der­leit­ent­schei­dun­gen", wie sie etwa das bri­ti­sche Pro­zess­recht kennt, zu tref­fen. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 3 haben sich aller­dings die Beru­fungs­ge­rich­te nach § 108 VwGO (erkenn­bar) mit abwei­chen­den Tat­sa­chen- und Lage­be­ur­tei­lun­gen ande­rer Oberverwaltungsgerichte/​Verwaltungsgerichtshöfe aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Ande­res folgt auch nicht aus dem Kam­mer­be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 14.11.2016 4. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in die­sem Beschluss nicht ent­schie­den, dass in Fäl­len, in denen Oberverwaltungsgerichte/​Verwaltungsgerichtshöfe auf der Grund­la­ge (wei­test­ge­hend) iden­ti­scher Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen zu einer im Ergeb­nis abwei­chen­den recht­li­chen Beur­tei­lung kom­men, stets und not­wen­dig eine (klä­rungs­be­dürf­ti­ge) Rechts­fra­ge des Bun­des­rechts vor­liegt, wel­che eine Rechts­mit­tel­zu­las­sung gebie­tet, um den Zugang zur Rechts­mit­tel­in­stanz nicht in einer durch Sach­grün­de nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­den Wei­se zu erschwe­ren. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat viel­mehr als Grund der bei als iden­tisch ange­nom­me­ner Tat­sa­chen­grund­la­ge im Ergeb­nis unter­schied­li­chen Ent­schei­dun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len einer­seits, des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg ande­rer­seits eine unter­schied­li­che Rechts­auf­fas­sung zur Rechts­fra­ge bezeich­net, ob der Asyl­be­wer­ber tat­säch­lich poli­tisch aktiv war oder ob es aus­reicht, dass die Behör­den des Hei­mat­staa­tes von einer sol­chen Betä­ti­gung aus­gin­gen. Für Tat­sa­chen­fra­gen – und damit auch für Unter­schie­de bei der tat­säch­li­chen Bewer­tung iden­ti­scher Tat­sa­chen­grund­la­gen – hat es vor­ab aus­drück­lich bestä­tigt, dass wegen der Bin­dung des Revi­si­ons­ge­richts an die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts (§ 137 Abs. 2 VwGO) eine wei­ter­ge­hen­de Ver­ein­heit­li­chung der Recht­spre­chung durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aus­schei­det. Auch in Fäl­len (weit­ge­hend) iden­ti­scher Tat­sa­chen­grund­la­gen ist für die Revi­si­ons­zu­las­sung mit­hin eine Dar­le­gung erfor­der­lich, dass die im Ergeb­nis abwei­chen­de Bewer­tung der Tat­sa­chen­grund­la­ge eine klä­rungs­be­dürf­ti­ge Rechts­fra­ge des revi­si­blen Rechts auf­wirft, und die­se Fra­ge hin­rei­chend klar zu bezeich­nen.

Im Ergeb­nis unter­schied­li­che Bewer­tun­gen von Tat­sa­chen bei (weit­ge­hend) iden­ti­scher Tat­sa­chen­grund­la­ge wei­sen auch nicht auf rechts­grund­sätz­lich klä­rungs­be­dürf­ti­ge Fra­gen zur Aus­le­gung und Anwen­dung des § 108 VwGO hin; im Übri­gen sind (mög­li­che) Feh­ler in der Sach­ver­halts- und Beweis­wür­di­gung nach stän­di­ger Recht­spre­chung revi­si­ons­recht­lich regel­mä­ßig nicht dem Ver­fah­rens­recht, son­dern dem sach­li­chen Recht zuzu­ord­nen. Ein – hier nicht gel­tend gemach­ter – Ver­fah­rens­feh­ler kann aus­nahms­wei­se dann gege­ben sein, wenn die Beweis­wür­di­gung objek­tiv will­kür­lich ist, gegen die Denk­ge­set­ze ver­stößt oder einen all­ge­mei­nen Erfah­rungs­satz miss­ach­tet 5. Ein Ver­fah­rens­man­gel bei der Beweis­wür­di­gung liegt aber nur dann vor, wenn sich der gerüg­te Feh­ler hin­rei­chend ein­deu­tig von der mate­ri­ell­recht­li­chen Sub­sum­ti­on, d.h. der kor­rek­ten Anwen­dung des sach­li­chen Rechts abgren­zen lässt und der Tatrich­ter den ihm bei der Tat­sa­chen­fest­stel­lung durch den Grund­satz frei­er Beweis­wür­di­gung gemäß § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO eröff­ne­ten Wer­tungs­rah­men ver­las­sen hat.

Von einer grund­sätz­li­chen Bedeu­tung ist regel­mä­ßig aus­zu­ge­hen, wenn eine bun­des­recht­li­che Rechts­fra­ge in der Recht­spre­chung der Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te unein­heit­lich beant­wor­tet wird und es an einer Klä­rung des für die mate­ri­ell­recht­li­che Sub­sum­ti­on sowie für die Tat­sa­chen­fest­stel­lung und ‑wür­di­gung her­an­zu­zie­hen­den recht­li­chen Maß­sta­bes durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt fehlt. Dass sich vor die­sem Hin­ter­grund im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren eine grund­sätz­lich bedeut­sa­me Rechts­fra­ge stellt, wird von den Beschwer­den nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt. Der blo­ße Hin­weis dar­auf, dass meh­re­re Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te – bei als iden­tisch ange­nom­me­ner Tat­sa­chen­grund­la­ge – zu unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen gekom­men sei­en, weist gera­de nicht auf eine (klä­rungs­fä­hi­ge) Rechts­fra­ge des Bun­des­rechts, wenn und weil es an Dar­le­gun­gen zur Fra­ge fehlt, auf wel­chem (klä­rungs­be­dürf­ti­gen) Unter­schied in den der Tat­sa­chen­be­wer­tung zugrun­de lie­gen­den Rechts­auf­fas­sun­gen die im Ergeb­nis abwei­chen­de Beur­tei­lung beruht.

Eine die Zulas­sung der Revi­si­on recht­fer­ti­gen­de Abwei­chung von der Recht­spre­chung eines ande­ren Gerichts im Sin­ne des § 132 Abs. 2 Nr. 2 VwGO ist in sol­chen Fäl­len eben­falls nicht dar­ge­tan.

Eine Diver­genz ist nur dann im Sin­ne des § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO hin­rei­chend bezeich­net, wenn die Beschwer­de einen inhalt­lich bestimm­ten, die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung tra­gen­den abs­trak­ten Rechts­satz benennt, mit dem die Vor­in­stanz einem in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts oder eines ande­ren in der Vor­schrift (§ 132 Abs. 2 Nr. 2 VwGO) genann­ten Gerichts auf­ge­stell­ten eben­sol­chen ent­schei­dungs­tra­gen­den Rechts­satz in Anwen­dung der­sel­ben Rechts­vor­schrift wider­spro­chen hat. Die nach Auf­fas­sung des Beschwer­de­füh­rers diver­gie­ren­den Rechts­sät­ze müs­sen ein­an­der prä­zi­se gegen­über­ge­stellt wer­den 6. Allein das Auf­zei­gen einer feh­ler­haf­ten oder unter­blie­be­nen Anwen­dung von Rechts­sät­zen eines der in § 132 Abs. 2 Nr. 2 VwGO genann­ten Gerich­te genügt den Zuläs­sig­keits­an­for­de­run­gen einer Diver­genz­rü­ge nicht.

Auch die­sen Anfor­de­run­gen wer­den die Beschwer­den nicht gerecht. Soweit eine Abwei­chung vom Kam­mer­be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 14.11.2016 7 gerügt wird, wer­den die sich angeb­lich wider­spre­chen­den Rechts­sät­ze nicht dar­ge­legt. Soweit eine Abwei­chung von der Recht­spre­chung ande­rer Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te gel­tend gemacht wird, kann eine Diver­genz­rü­ge hier­auf nicht mit Erfolg gestützt wer­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 20. März 2018 – 1 B 10.18

  1. BVerwG, Beschlüs­se vom 01.04.2014 – 1 B 1.14 – AuAS 2014, 110; und vom 10.03.2015 – 1 B 7.15[]
  2. BVerwG, Urteil vom 31.07.1984 – 9 C 46.84, BVerw­GE 70, 24, 26[]
  3. BVerwG, Urteil vom 08.09.2011 – 10 C 14.10, BVerw­GE 140, 319 Rn. 28 – zur Fest­stel­lung einer extre­men Gefah­ren­la­ge[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 14.11.2016 – 2 BvR 31/​14InfAuslR 2017, 75[]
  5. BVerwG, Beschlüs­se vom 25.06.2004 – 1 B 249.03, Buch­holz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 284 S. 115; und vom 23.09.2011 – 1 B 19.11 4, jeweils m.w.N.[]
  6. stRspr, vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 17.12 2010 – 8 B 38.10 15; und vom 17.02.2015 – 1 B 3.15 7[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 14.11.2016 – 2 BvR 31/​14[]