Rich­ter­vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – und das Begrün­dungs­er­for­der­nis

Nach Art. 100 Abs. 1 Satz 1 Alt. 2 GG hat ein Gericht das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­zu­ho­len, wenn es ein Gesetz, auf des­sen Gül­tig­keit es bei der Ent­schei­dung ankommt, für ver­fas­sungs­wid­rig hält.

Rich­ter­vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – und das Begrün­dungs­er­for­der­nis

Dem Begrün­dungs­er­for­der­nis des § 80 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG genügt ein Vor­la­ge­be­schluss nur, wenn die Aus­füh­run­gen des Gerichts erken­nen las­sen, dass es sowohl die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­schrift als auch ihre Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit sorg­fäl­tig geprüft hat 1. Hier­für muss das vor­le­gen­de Gericht in nach­voll­zieh­ba­rer und für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nach­prüf­ba­rer Wei­se dar­le­gen, dass es bei sei­ner anste­hen­den Ent­schei­dung auf die Gül­tig­keit der Norm ankommt und aus wel­chen Grün­den das vor­le­gen­de Gericht von der Unver­ein­bar­keit der Norm mit der Ver­fas­sung über­zeugt ist 2.

Hier­zu muss das vor­le­gen­de Gericht sei­ne für die Über­zeu­gung von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit maß­geb­li­chen Erwä­gun­gen nach­voll­zieh­bar und erschöp­fend dar­le­gen 3. Der Vor­la­ge­be­schluss muss den ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fungs­maß­stab ange­ben, die nahe­lie­gen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gesichts­punk­te erör­tern, sich ein­ge­hend sowohl mit der ein­fach­recht­li­chen als auch mit der ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­la­ge aus­ein­an­der­set­zen, dabei die in der Lite­ra­tur und Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Rechts­auf­fas­sun­gen berück­sich­ti­gen und ins­be­son­de­re auf die maß­geb­li­che Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­ge­hen 4. Zudem muss das vor­le­gen­de Gericht die Mög­lich­keit einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung erör­tern 5 und ver­tret­bar begrün­den, dass es die­se nicht für mög­lich hält 6.

Für die Beur­tei­lung der Zuläs­sig­keit einer Vor­la­ge nach Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG ist grund­sätz­lich die Rechts­auf­fas­sung des vor­le­gen­den Gerichts maß­ge­bend, sofern die­se nicht offen­sicht­lich unhalt­bar ist 7. Zur Begrün­dung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der vor­ge­leg­ten Norm muss der Sach­ver­halt umfas­send dar­ge­stellt wer­den. Die Schil­de­rung des Sach­ver­halts muss aus sich her­aus, also ohne Stu­di­um der bei­gefüg­ten Ver­fah­rens­ak­ten, ver­ständ­lich sein 8. Es muss dar­ge­legt sein, dass und aus wel­chen Grün­den das vor­le­gen­de Gericht im Fal­le der Gül­tig­keit der für ver­fas­sungs­wid­rig gehal­te­nen Rechts­vor­schrift zu einem ande­ren Ergeb­nis käme als im Fal­le der Ungül­tig­keit 9. Das Gericht muss sich dabei ein­ge­hend mit der Rechts­la­ge aus­ein­an­der­set­zen und die in der Lite­ra­tur und Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Rechts­auf­fas­sun­gen berück­sich­ti­gen, die für die Aus­le­gung der vor­ge­leg­ten Rechts­vor­schrift von Bedeu­tung sind 10. Bei der Annah­me eines Gleich­heits­ver­sto­ßes gehört zur erschöp­fen­den Begrün­dung durch das vor­le­gen­de Gericht auch die ein­deu­ti­ge Bezeich­nung der Sach­ver­hal­te oder Per­so­nen­grup­pen, die aus Sicht des Gerichts mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den kön­nen und zu Unrecht ungleich behan­delt wer­den 11.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 16. Juni 2016 – 1 BvL 9/​14

  1. vgl. BVerfGE 127, 335, 355 f.; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 105, 61, 67; stRspr[]
  3. vgl. BVerfGE 78, 165, 171 f.; 86, 71, 77 f.; 88, 70, 74; 88, 198, 201; 93, 121, 132[]
  4. vgl. BVerfGE 76, 100, 104; 79, 240, 243 f.; 86, 52, 57; 86, 71, 77 f.; 88, 198, 202; 94, 315, 325[]
  5. vgl. BVerfGE 85, 329, 333 f.; 124, 251, 262[]
  6. BVerfGE 121, 108, 117 m.w.N.[]
  7. vgl. BVerfGE 2, 181, 190 f.; 105, 61, 67; 129, 186, 203; 133, 1, 11[]
  8. vgl. BVerfGE 88, 187, 194; 107, 59, 85[]
  9. vgl. BVerfGE 7, 171, 173 f.; 79, 240, 243; 121, 108, 117[]
  10. vgl. BVerfGE 65, 308, 316; 94, 315, 323; 97, 49, 60; 105, 61, 67; 121, 233, 237 f.[]
  11. BVerfGK 17, 360, 366; vgl. auch BVerfGE 131, 66, 82[]