Rück­nah­me einer Flücht­lings­an­er­ken­nung bei gro­ber Täu­schung

Auch eine auf einer rechts­kräf­ti­gen Gerichts­ent­schei­dung beru­hen­de Flücht­lings­an­er­ken­nung kann vom Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge – Bun­des­amt – zurück­ge­nom­men wer­den, wenn das Gericht über zen­tra­le Ele­men­te des Flücht­lings­schick­sals getäuscht wor­den ist.

Rück­nah­me einer Flücht­lings­an­er­ken­nung bei gro­ber Täu­schung

In dem jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall stell­ten die Klä­ger, eine Mut­ter und ihre bei­den Söh­ne, im Jahr 1998 unter fal­schen Namen Asyl­an­trä­ge. Dabei behaup­te­ten sie wahr­heits­wid­rig, sie sei­en syrisch-ortho­do­xe Chris­ten aus der Tür­kei und dort ver­folgt wor­den. Das Bun­des­amt lehn­te die Asyl­an­trä­ge ab, wur­de aber durch rechts­kräf­ti­ges Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts ver­pflich­tet, die Klä­ger als Flücht­lin­ge anzu­er­ken­nen. Zehn Jah­re spä­ter stell­te sich her­aus, dass die Klä­ger arme­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge sind, nie in der Tür­kei gelebt haben und auch in Arme­ni­en nicht ver­folgt wor­den sind. Dar­auf­hin hob das Bun­des­amt die Flücht­lings­an­er­ken­nun­gen auf.

Auf die hier­ge­gen gerich­te­te Kla­ge bestä­tig­te das Ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter die­se Ent­schei­dung 1. Auf die Beru­fung der Klä­ger hat dage­gen das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter den Kla­gen statt­ge­ge­ben 2. Eine Rück­nah­me der Flücht­lings­an­er­ken­nun­gen sei nicht mög­lich, urteil­te das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, da sie auf einem rechts­kräf­ti­gen Ver­pflich­tungs­ur­teil beruh­ten. Ein sol­ches Urteil kön­ne allein in einem – nur unter engen Vor­aus­set­zun­gen mög­li­chen – förm­li­chen Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren besei­tigt wer­den.

Auf die Revi­si­on der Beklag­ten hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt jetzt das Beru­fungs­ur­teil geän­dert und die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung wie­der­her­ge­stellt:

Die Flücht­lings­an­er­ken­nun­gen durf­ten nach § 73 Abs. 2 des Asyl­ver­fah­rens­ge­set­zes zurück­ge­nom­men wer­den, weil sie auf Grund unrich­ti­ger Anga­ben aus­ge­spro­chen wor­den waren; die­ser Been­di­gungs­tat­be­stand ist auch im Flücht­lings­recht der Euro­päi­schen Uni­on vor­ge­se­hen. Die Rechts­kraft des zur Flücht­lings­an­er­ken­nung füh­ren­den Gerichts­ur­teils steht hier nicht ent­ge­gen, weil ein Fall des Urteils­miss­brauchs vor­liegt.

Der Gedan­ke der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung, der im Gesetz u.a. in § 826 BGB Aus­druck gefun­den hat, ist als Ver­bot des Urteils­miss­brauchs auch im Ver­wal­tungs­pro­zess­recht aner­kannt.

Die Durch­bre­chung der Rechts­kraft eines Urteils ist danach aus­nahms­wei­se mög­lich, wenn das Urteil sach­lich unrich­tig ist, der Betrof­fe­ne die Unrich­tig­keit kennt und beson­de­re Umstän­de die Aus­nut­zung des Urteils als sit­ten­wid­rig erschei­nen las­sen.

Sol­che Umstän­de sind im Flücht­lings­recht jeden­falls dann gege­ben, wenn das Gericht über den Kern des Ver­fol­gungs­schick­sals gezielt getäuscht wur­de, ins­be­son­de­re über die Iden­ti­tät und die Staats­an­ge­hö­rig­keit der Asyl­be­wer­ber sowie die Akteu­re, von denen Ver­fol­gung droht. Eine sol­che Täu­schung über zen­tra­le, die Aner­ken­nung tra­gen­de Punk­te hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall auf der Grund­la­ge der tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen bejaht und die Rück­nah­me der Flücht­lings­an­er­ken­nun­gen bestä­tigt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 19. Novem­ber 2013 – 10 C 27.12

  1. VG Müns­ter, Urteil vom 17.02.2011 – 2 K 2485/​10.A[]
  2. OVG NRW, Urteil vom 09.02.2012 – 11 A 619/​11.A[]