Anspruch auf Rück­nah­me eines Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses

Steht auf­grund eines rechts­kräf­ti­gen Urteils die Recht­mä­ßig­keit eines Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses fest, schei­tert ein spä­ter gel­tend gemach­ter Anspruch des Klä­gers auf Rück­nah­me des Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses grund­sätz­lich an der Rechts­kraft­wir­kung die­ses Urteils.

Anspruch auf Rück­nah­me eines Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses

Nach § 75 Abs. 1 Satz 1 VwVfG wird durch die Plan­fest­stel­lung die Zuläs­sig­keit des Vor­ha­bens ein­schließ­lich der not­wen­di­gen Fol­ge­maß­nah­men an ande­ren Anla­gen im Hin­blick auf alle von ihm berühr­ten öffent­li­chen Belan­ge fest­ge­stellt. Auf­grund des rechts­kräf­ti­gen Urteils zur Recht­mä­ßig­keit des Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses steht zwi­schen den Betei­lig­ten – unge­ach­tet der tat­säch­li­chen Rechts­la­ge – bin­dend fest, dass der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss die Zuläs­sig­keit des plan­fest­ge­stell­ten Vor­ha­bens zu Recht fest­ge­stellt hat, weil die Vor­aus­set­zun­gen für sei­nen Erlass vor­la­gen und er daher recht­mä­ßig war. Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Beur­tei­lung der Sach- und Rechts­la­ge war inso­weit der Zeit­punkt des Erlas­ses des Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses.

Nach § 121 Nr. 1 VwGO bin­det ein rechts­kräf­ti­ges Urteil die Betei­lig­ten und ihre Rechts­nach­fol­ger, soweit über den Streit­ge­gen­stand ent­schie­den wor­den ist. Streit­ge­gen­stand ist der pro­zes­sua­le Anspruch, der gekenn­zeich­net ist durch die erstreb­te, im Kla­ge­an­trag zum Aus­druck gebrach­te Rechts­fol­ge sowie durch den Kla­ge­grund, näm­lich den Sach­ver­halt, aus dem sich die Rechts­fol­ge erge­ben soll 1.

Ändert sich spä­ter die dem Urteil zugrun­de lie­gen­de Sach- oder Rechts­la­ge, so liegt bei einem erneu­ten Rechts­streit ein ande­rer Streit­ge­gen­stand vor, der von der Rechts­kraft des frü­he­ren Urteils nicht umfasst wird 2, denn die Sach­la­ge ist Teil des Kla­ge­grun­des und damit des zwei­glied­ri­gen Streit­ge­gen­stands­be­griffs. Eine Ände­rung der Sach­la­ge liegt vor, wenn Tat­sa­chen ein­tre­ten, die den vom Streit­ge­gen­stand erfass­ten Sach­ver­halt ent­schei­dungs­er­heb­lich ver­än­dern 3, wenn es mit ande­ren Wor­ten für die gel­tend gemach­te Rechts­fol­ge um die recht­li­che Bewer­tung eines jeden­falls in wesent­li­chen Punk­ten neu­en Sach­ver­halts geht, zu dem das rechts­kräf­ti­ge Urteil – auch unter Berück­sich­ti­gung sei­ner Rechts­frie­den und Rechts­si­cher­heit stif­ten­den Funk­ti­on – kei­ne ver­bind­li­chen Aus­sa­gen mehr ent­hält 4. Eine Ände­rung der Sach­la­ge liegt jedoch nicht vor, wenn sich nach­träg­lich neue Erkennt­nis­se über zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt bereits vor­han­de­ne Tat­sa­chen oder im rechts­kräf­ti­gen Urteil nicht berück­sich­tig­te Beweis­mit­tel fin­den, oder wenn der Betei­lig­te sein Vor­brin­gen auf­grund neu­er Beweis­mit­tel „bes­ser“ bewei­sen kann 5.

Die Vor­schrift des § 121 VwGO über die Rechts­kraft dient dem Rechts­frie­den und der Rechts­si­cher­heit. Neue Ver­fah­ren und wider­strei­ten­de gericht­li­che Ent­schei­dun­gen über die­sel­be Streit­sa­che sol­len ver­hin­dert wer­den. Dabei wird die Mög­lich­keit, dass infol­ge der Rechts­kraft eine unrich­ti­ge Ent­schei­dung maß­geb­lich bleibt, grund­sätz­lich gerin­ger ver­an­schlagt als die Rechts­un­si­cher­heit, die ohne die Rechts­kraft bestehen wür­de. Denn die Rechts­kraft­wir­kung des § 121 VwGO tritt unab­hän­gig davon ein, ob das rechts­kräf­ti­ge Urteil die Sach- und Rechts­la­ge zutref­fend gewür­digt hat oder nicht 6. Der Umfang der Rechts­kraft einer abwei­sen­den Ent­schei­dung über eine Anfech­tungs­kla­ge, wie sie hier in Form des Urteils des Senats vom 06.04.2006 vor­liegt, erschöpft sich aller­dings nicht in dem Rechts­schluss, dass der Ver­wal­tungs­akt recht­mä­ßig ist, son­dern umfasst grund­sätz­lich die Fest­stel­lung, dass die Vor­aus­set­zun­gen der unmit­tel­ba­ren Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge vor­lie­gen 7.

Steht einer Rück­nah­me des Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses somit die Rechts­kraft des die Recht­mä­ßig­keit des Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses fest­stel­len­den Urteils ent­ge­gen, könn­te der Antrag des Antrag­stel­lers nur Erfolg haben, wenn er nach § 51 VwVfG einen Anspruch auf Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens hät­te oder die Behör­de ver­pflich­tet wäre, über das Wie­der­auf­grei­fen nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen zu ent­schei­den 8.

Einen sol­chen Anspruch besitzt der Antrag­stel­ler jedoch nicht, denn nach § 72 Abs. 1 VwVfG ist § 51 VwVfG in Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren nicht anzu­wen­den. Dies gilt sowohl für den Anspruch auf Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens nach § 51 Abs. 1 bis 3 VwVfG als auch für den Anspruch auf Neu­be­schei­dung nach § 51 Abs. 5 i.V.m. den §§ 48 und 49 VwVfG. Denn Rechts­grund­la­ge des die Rechts­kraft über­win­den­den Anspruchs auf Neu­be­schei­dung ist § 51 Abs. 5 VwVfG 9.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 13. August 2012 – 5 S 1200/​12

  1. BVerwG, Urteil vom 31.08.2011 – 8 C 15.10, BVerw­GE 140, 290[]
  2. Kopp/​Schenke, § 121 Rn. 28 m.w.N. d. Rspr.[]
  3. Kili­an, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. Aufl. 2010, § 121 Rn. 116[]
  4. BVerwG, Urteil vom 18.09.2001 – 1 C 7.01, BVerw­GE 115, 118[]
  5. Kili­an, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. Aufl. 2010, § 121 Rn. 117 m.w.N. der Rspr.[]
  6. BVerwG, Urteil vom 08.12.1992 – 1 C 12.92, BVerw­GE 91, 256[]
  7. BVerwG, Urteil vom 07.08.2008 – 7 C 7.08, BVerw­GE 131, 346[]
  8. BVerwG, Urteil vom 22.10.2009 – 1 C 15.08, BVerw­GE 135, 121[]
  9. vgl. BVerwG, Urteil vom 22.10.2009, a.a.O.[]