Rück­über­stel­lung im Dub­lin-Ver­fah­ren – und bestehen­de sys­te­mi­sche Män­gel

Ein Asyl­be­wer­ber darf nur dann nicht an den nach der Dub­lin-II-Ver­ord­nung zustän­di­gen Mit­glied­staat über­stellt wer­den, wenn das Asyl­ver­fah­ren oder die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in die­sem Mit­glied­staat auf­grund sys­te­mi­scher Män­gel, d.h. regel­haft so defi­zi­tär sind, dass zu erwar­ten ist, dass dem Asyl­be­wer­ber auch im kon­kret zu ent­schei­den­den Ein­zel­fall dort mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung droht.

Rück­über­stel­lung im Dub­lin-Ver­fah­ren – und bestehen­de sys­te­mi­sche Män­gel

Gemäß Art. 3 Abs. 1 Satz 2 der hier (noch) maß­geb­li­chen Ver­ord­nung Nr. 343/​2003 des Rates vom 18.02.2003 zur Fest­le­gung der Kri­te­ri­en und Ver­fah­ren zur Bestim­mung des Mit­glied­staats, der für die Prü­fung eines von einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen in einem Mit­glied­staat gestell­ten Asyl­an­trags zustän­dig ist 1Dub­lin-II-Ver­ord­nung – wird ein Asyl­an­trag von einem ein­zi­gen Mit­glied­staat geprüft, der nach den Kri­te­ri­en des Kapi­tels III als zustän­di­ger Staat bestimmt wird. Wie sich aus ihren Erwä­gungs­grün­den 3 und 4 ergibt, besteht einer der Haupt­zwe­cke der Dub­lin-II-Ver­ord­nung in der Schaf­fung einer kla­ren und prak­ti­ka­blen For­mel für die Bestim­mung des für die Prü­fung eines Asyl­an­trags zustän­di­gen Mit­glied­staats, um den effek­ti­ven Zugang zu den Ver­fah­ren zur Bestim­mung der Flücht­lings­ei­gen­schaft und eine zügi­ge Bear­bei­tung der Asyl­an­trä­ge zu gewähr­leis­ten. Das Gemein­sa­me Euro­päi­sche Asyl­sys­tem grün­det sich auf das Prin­zip gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens, dass alle dar­an betei­lig­ten Staa­ten die Grund­rech­te sowie die Rech­te beach­ten, die ihre Grund­la­ge in der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und dem Pro­to­koll von 1967 sowie in der EMRK fin­den 2. Dar­aus hat der Gerichts­hof die Ver­mu­tung abge­lei­tet, dass die Behand­lung der Asyl­be­wer­ber in jedem Mit­glied­staat in Ein­klang mit den Erfor­der­nis­sen der Grund­rech­te-Char­ta (GR-Char­ta) sowie mit der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und der EMRK steht 3.

Dabei hat der Gerichts­hof nicht ver­kannt, dass die­ses Sys­tem in der Pra­xis auf grö­ße­re Funk­ti­ons­stö­run­gen in einem bestimm­ten Mit­glied­staat sto­ßen kann, so dass die ernst­zu­neh­men­de Gefahr besteht, dass Asyl­be­wer­ber bei einer Über­stel­lung an den nach Uni­ons­recht zustän­di­gen Mit­glied­staat auf unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Wei­se behan­delt wer­den. Des­halb geht er davon aus, dass die Ver­mu­tung, die Rech­te der Asyl­be­wer­ber aus der Grund­rech­te-Char­ta, der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on wür­den in jedem Mit­glied­staat beach­tet, wider­legt wer­den kann 4. Eine Wider­le­gung der Ver­mu­tung hat er aber wegen der gewich­ti­gen Zwe­cke des Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tems an hohe Hür­den geknüpft: Nicht jede dro­hen­de Grund­rechts­ver­let­zung oder gerings­te Ver­stö­ße gegen die Richt­li­ni­en 2003/​9, 2004/​83 oder 2005/​85 genü­gen, um die Über­stel­lung eines Asyl­be­wer­bers an den nor­ma­ler­wei­se zustän­di­gen Mit­glied­staat zu ver­ei­teln 5. Ist hin­ge­gen ernst­haft zu befürch­ten, dass das Asyl­ver­fah­ren und die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber im zustän­di­gen Mit­glied­staat sys­te­mi­sche Män­gel auf­wei­sen, die eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung der an die­sen Mit­glied­staat über­stell­ten Asyl­be­wer­ber im Sin­ne von Art. 4 GR-Char­ta zur Fol­ge haben, ist eine Über­stel­lung mit die­ser Bestim­mung unver­ein­bar 6.

Der Gerichts­hof hat sei­ne Über­le­gun­gen dahin­ge­hend zusam­men­ge­fasst, dass es den Mit­glied­staa­ten ein­schließ­lich der natio­na­len Gerich­te obliegt, einen Asyl­be­wer­ber nicht an den "zustän­di­gen Mit­glied­staat" im Sin­ne der Dub­lin-II-Ver­ord­nung zu über­stel­len, wenn ihnen nicht unbe­kannt sein kann, dass die sys­te­mi­schen Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in die­sem Mit­glied­staat ernst­haf­te und durch Tat­sa­chen bestä­tig­te Grün­de für die Annah­me dar­stel­len, dass der Antrag­stel­ler tat­säch­lich Gefahr läuft, einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne des Art. 4 GR-Char­ta aus­ge­setzt zu wer­den 7. Schließ­lich hat er für den Fall, dass der zustän­di­ge Mit­glied­staat der Auf­nah­me zustimmt, ent­schie­den, dass der Asyl­be­wer­ber mit dem in Art.19 Abs. 2 der Dub­lin-II-Ver­ord­nung vor­ge­se­he­nen Rechts­be­helf gegen die Über­stel­lung der Her­an­zie­hung des in Art. 10 Abs. 1 der Ver­ord­nung nie­der­ge­leg­ten Zustän­dig­keits­kri­te­ri­ums nur mit dem o.g. Ein­wand sys­te­mi­scher Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber ent­ge­gen­tre­ten kann 8. Die­se Recht­spre­chung des Gerichts­hofs liegt auch Art. 3 Abs. 2 der Neu­fas­sung der Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 vom 26.06.2013 9Dub­lin-III-Ver­ord­nung – zugrun­de.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat der­ar­ti­ge sys­te­mi­sche Män­gel für das Asyl­ver­fah­ren wie für die Auf­nah­me­be­din­gun­gen der Asyl­be­wer­ber in Grie­chen­land in Fäl­len der Über­stel­lung von Asyl­be­wer­bern im Rah­men des Dub­lin-Sys­tems der Sache nach bejaht 10 und in Fol­ge­ent­schei­dun­gen inso­weit aus­drück­lich auf das Kri­te­ri­um des sys­te­mi­schen Ver­sa­gens 11 abge­stellt 12.

Für das in Deutsch­land – im Unter­schied zu ande­ren Rechts­sys­te­men – durch den Unter­su­chungs­grund­satz (§ 86 Abs. 1 VwGO) gepräg­te ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ver­fah­ren hat das Kri­te­ri­um der sys­te­mi­schen Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on Bedeu­tung für die Gefah­ren­pro­gno­se im Rah­men des Art. 4 GR-Char­ta bzw. Art. 3 EMRK. Der Tatrich­ter muss sich zur Wider­le­gung der auf dem Prin­zip gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens unter den Mit­glied­staa­ten grün­den­den Ver­mu­tung, die Behand­lung der Asyl­be­wer­ber ste­he in jedem Mit­glied­staat in Ein­klang mit den Erfor­der­nis­sen der Grund­rech­te-Char­ta sowie mit der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und der EMRK, die Über­zeu­gungs­ge­wiss­heit (§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO) ver­schaf­fen, dass der Asyl­be­wer­ber wegen sys­te­mi­scher Män­gel des Asyl­ver­fah­rens oder der Auf­nah­me­be­din­gun­gen in dem eigent­lich zustän­di­gen Mit­glied­staat mit beacht­li­cher, d.h. über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit 13 einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung aus­ge­setzt wird. Die Fokus­sie­rung der Pro­gno­se auf sys­te­mi­sche Män­gel ist dabei, wie sich aus den Erwä­gun­gen des Gerichts­hofs zur Erkenn­bar­keit der Män­gel für ande­re Mit­glied­staa­ten ergibt 14, Aus­druck der Vor­her­seh­bar­keit sol­cher Defi­zi­te, weil sie im Rechts­sys­tem des zustän­di­gen Mit­glied­staa­tes ange­legt sind oder des­sen Voll­zugs­pra­xis struk­tu­rell prä­gen. Sol­che Män­gel tref­fen den Ein­zel­nen in dem zustän­di­gen Mit­glied­staat nicht unvor­her­seh­bar oder schick­sal­haft, son­dern las­sen sich aus Sicht der deut­schen Behör­den und Gerich­te wegen ihrer sys­tem­im­ma­nen­ten Regel­haf­tig­keit ver­läss­lich pro­gnos­ti­zie­ren. Die Wider­le­gung der o.g. Ver­mu­tung auf­grund sys­te­mi­scher Män­gel setzt des­halb vor­aus, dass das Asyl­ver­fah­ren oder die Auf­nah­me­be­din­gun­gen im zustän­di­gen Mit­glied­staat auf­grund grö­ße­rer Funk­ti­ons­stö­run­gen regel­haft so defi­zi­tär sind, dass anzu­neh­men ist, dass dort auch dem Asyl­be­wer­ber im kon­kret zu ent­schei­den­den Ein­zel­fall mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung droht. Dann schei­det eine Über­stel­lung an den nach der Dub­lin-II-Ver­ord­nung zustän­di­gen Mit­glied­staat aus.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 19. März 2014 – 10 B 6.2014 -

  1. ABl EU Nr. L 50 S. 1[]
  2. EuGH – Gro­ße Kam­mer, Urteil vom 21.12 2011 – C‑411/​10 und Rs. – C‑493/​10, N.S. u.a., Slg. 2011, I‑13905 Rn. 78 f. = NVwZ 2012, 417[]
  3. EuGH a.a.O. Rn. 80[]
  4. EuGH a.a.O. Rn. 104[]
  5. EuGH a.a.O. Rn. 81 ff.[]
  6. EuGH a.a.O. Rn. 86 und 94[]
  7. EuGH a.a.O. Rn. 106 und LS 2; eben­so Urteil der Gro­ßen Kam­mer vom 14.11.2013 – C‑4/​11, Puid, NVwZ 2014, 129 Rn. 30[]
  8. EuGH – Gro­ße Kam­mer, Urteil vom 10.12 2013 – C‑394/​12, Abdul­lahi, NVwZ 2014, 208 Rn. 60[]
  9. ABl EU L Nr. 180 S. 31[]
  10. EGMR – Gro­ße Kam­mer, Urteil vom 21.01.2011 – Nr. 30696/​09, M.S.S./Bel­gi­en und Grie­chen­land, NVwZ 2011, 413[]
  11. "sys­temic fail­u­re"[]
  12. EGMR, Ent­schei­dun­gen vom 02.04.2013 – Nr. 27725/​10, Moham­med Hus­sein u.a./Nie­der­lan­de und Ita­li­enZAR 2013, 336 Rn. 78; vom 04.06.2013 – Nr. 6198/​12, Dayt­be­go­va u.a./Öster­reich, Rn. 66; vom 18.06.2013 – Nr. 53852/​11, Halimi/​Österreich und Ita­li­en – ZAR 2013, 338 Rn. 68; vom 27.08.2013 – Nr. 40524/​10, Moham­med Hassan/​Niederlande und Ita­li­en, Rn. 176; und vom 10.09.2013 – Nr. 2314/​10, Hus­sein Diirshi/​Niederlande und Ita­li­en, Rn. 138[]
  13. vgl. BVerwG, Urteil vom 27.04.2010 – 10 C 5.09, BVerw­GE 136, 377 Rn. 22 m.w.N. = Buch­holz 451.902 Europ. Ausl.- u. Asyl­recht Nr. 39[]
  14. EuGH, Urteil vom 21.12 2011 – C‑411/​10 und Rs. – C‑493/​10 – a.a.O. Rn. 88 bis 94[]