Rück­über­stel­lungs­haft – und die Ein­rei­se aus einem ande­ren EU-Staat als Haft­hin­der­nis

Nach § 55 Abs. 1 Satz 3 AsylG erwirbt ein Aus­län­der bei einer Ein­rei­se aus einem Mit­glieds­staat der Euro­päi­schen Uni­on oder aus einem ande­ren siche­ren Dritt­staat mit der Stel­lung eines Asyl­an­trags eine Auf­ent­halts­ge­stat­tung. Eine sol­che Gestat­tung begrün­det ein von Amts wegen zu beach­ten­des Haft­hin­der­nis 1.

Rück­über­stel­lungs­haft – und die Ein­rei­se aus einem ande­ren EU-Staat als Haft­hin­der­nis

Gemäß § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylG (= 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylVfG) steht aller­dings die Asyl­an­trag­stel­lung der Anord­nung oder Auf­recht­erhal­tung von Abschie­bungs­haft unter ande­rem dann nicht ent­ge­gen, wenn sich der Aus­län­der im Zeit­punkt der Antrag­stel­lung in Siche­rungs­haft nach § 62 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1a bis 5 Auf­ent­halts­ge­set­zes befand. Der blo­ße Poli­zei­ge­wahr­sam genügt hier­für nicht 2.

Auf den Zeit­punkt der Antrag­stel­lung kommt es ent­schei­dend an, weil Siche­rungs­haft i.S.d. § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylG (= § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylVfG) auch eine nach der Dub­lin-III-Ver­ord­nung ange­ord­ne­te Haft ist. Wäre der Asyl­an­trag aus der Haft gestellt wor­den, stün­de er der Haft­an­ord­nung des­halb nicht ent­ge­gen. Andern­falls wäre die Haft­an­ord­nung rechts­wid­rig.

Unter der Gel­tung der Ver­ord­nung (EU) Nr. 343/​2003 (Dub­lin-II-Ver­ord­nung) war aner­kannt, dass § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylVfG auch die Haft zur Siche­rung der Zurück­schie­bung eines Aus­län­ders als eine Form der Abschie­bungs­haft i.S.d. § 62 Abs. 3 Auf­en­thG erfasst 3. Dies ist ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich 4. Nach dem gesetz­ge­be­ri­schen Anlie­gen soll­te die Vor­schrift auch sicher­stel­len, dass Aus­län­der, die im Rah­men des Dub­lin-II-Ver­fah­rens mög­lichst rasch in den für das Asyl­ver­fah­ren zustän­di­gen Staat ver­bracht wer­den soll­ten, nicht vor­zei­tig aus der Haft ent­las­sen wer­den und unter­tau­chen 5.

An die­ser Funk­ti­on des § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylVfG (jetzt: AsylG) hat sich mit dem Inkraf­tre­ten der Dub­lin-III-Ver­ord­nung nichts geän­dert. Der ent­schei­den­de Unter­schied zur Dub­lin-II-Ver­ord­nung besteht viel­mehr dar­in, dass das Gemein­schafts­recht nun­mehr selbst Vor­schrif­ten für die Inhaft­nah­me von Aus­län­dern zum Zweck der Über­stel­lung ent­hält (Art. 28 Abs. 2 Dub­lin-III-Ver­ord­nung: erheb­li­che Flucht­ge­fahr) und die natio­na­len Gesetz­ge­ber gemäß Art. 2 Buch­sta­be n der Ver­ord­nung gehal­ten sind, durch Gesetz die Kri­te­ri­en für die Annah­me einer Flucht­ge­fahr zu regeln. Die­sen Anfor­de­run­gen genüg­te die bis­he­ri­ge Fas­sung des § 62 Abs. 3 Nr. 5 Auf­en­thG, wie dar­ge­legt, nicht 6. (Nur) aus die­sem Grun­de kam auch eine Anwen­dung des § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylVfG nicht in Betracht, wenn die Haft zur Siche­rung eines Über­stel­lungs­ver­fah­rens auf den Haft­grund des § 62 Abs. 3 Nr. 5 Auf­en­thG gestützt wur­de.

Nach­dem der Gesetz­ge­ber die Kri­te­ri­en für die Annah­me einer Flucht­ge­fahr fest­ge­legt hat und die Haft nach der Dub­lin-III-Ver­ord­nung somit ange­ord­net wer­den kann, ste­hen auch der Anwen­dung des § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylG kei­ne Grün­de mehr ent­ge­gen. Dass in der neu­en Fas­sung des von § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylG in Bezug genom­me­nen § 62 Abs. 3 Nr. 5 Auf­en­thG die Haft­an­ord­nung nach der Dub­lin-III-Ver­ord­nung nicht aus­drück­lich erwähnt ist, son­dern in § 2 Abs. 15 Auf­en­thG nF eine eigen­stän­di­ge Rege­lung erfah­ren hat, ändert hier­an nichts. Wie sich aus der Geset­zes­be­grün­dung ergibt 7, ziel­te die Neu­fas­sung (nur) auf die Fest­le­gung der objek­ti­ven Kri­te­ri­en für die Annah­me einer Flucht­ge­fahr im Sin­ne von Art. 2 Buch­sta­be n der Dub­lin-III-Ver­ord­nung. Dass nun­mehr ent­ge­gen der frü­he­ren Rechts­la­ge die Stel­lung eines Asyl­an­trags aus der Haft her­aus die sofor­ti­ge Frei­las­sung des Betrof­fe­nen zur Fol­ge haben soll­te, war erkenn­bar nicht gewollt.

Dass § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylG auf die Haft nach der Dub­lin-III-Ver­ord­nung anwend­bar ist, ergibt sich mit­tel­bar auch aus der Rege­lung in § 14 Abs. 3 Satz 3 AsylG. Nach die­ser Vor­schrift endet die Abschie­bungs­haft mit der Zustel­lung der Ent­schei­dung des Bun­des­am­tes, spä­tes­tens jedoch vier Wochen nach Ein­gang des Asyl­an­trags beim Bun­des­amt, es sei denn, es wur­de auf Grund von Rechts­vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft oder eines völ­ker­recht­li­chen Ver­tra­ges über die Zustän­dig­keit für die Durch­füh­rung von Asyl­ver­fah­ren ein Auf- oder Wie­der­auf­nah­me­ersu­chen an einen ande­ren Staat gerich­tet oder der Asyl­an­trag wur­de als unbe­acht­lich oder offen­sicht­lich unbe­grün­det abge­lehnt. Die in dem zwei­ten Halb­satz der Vor­schrift ent­hal­te­ne Aus­nah­me bezieht sich unter ande­rem auf Ver­fah­ren nach der Dub­lin-III-Ver­ord­nung. Einer sol­chen Aus­nah­me bedürf­te es aber nicht, wenn die­se Fäl­le von § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylG nicht erfasst wür­den.

Ob der Betrof­fe­ne den Asyl­an­trag aus der Haft gestellt hat, so dass § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylG ein­greift und ein Haft­hin­der­nis gemäß § 55 Abs. 1 Satz 1 AsylG nicht besteht, bedarf wei­te­rer Fest­stel­lun­gen.

Maß­geb­lich ist inso­weit der Zeit­punkt, zu dem der förm­li­che Asyl­an­trag (§ 14 AsylG) bei dem zustän­di­gen Bun­des­amt ein­ge­gan­gen ist. Dem­ge­gen­über genügt ein Asyl­ge­such nach § 13 Abs. 1 AsylG gegen­über der Grenz­be­hör­de noch nicht, um eine Auf­ent­halts­ge­stat­tung nach § 55 Abs. 1 Satz 3 AsylG zu erwer­ben 8.

Ent­schei­dend ist des­halb, ob der Asyl­an­trag – wie der Betrof­fe­ne gel­tend macht – bereits am 24.12 2015 bei dem BAMF ein­ge­gan­gen war und damit zu einem Zeit­punkt, als sich der Betrof­fe­ne ledig­lich im Poli­zei­ge­wahr­sam befand. Wäre der Antrag erst am 25.12 2015 oder spä­ter ein­ge­gan­gen, läge ein Haft­hin­der­nis gemäß § 55 Abs. 1 Satz 3 AsylG nicht vor, da sich der Betrof­fe­ne ab dem 25.12 2015 auf­grund der einst­wei­li­gen Anord­nung des Amts­ge­richts Rosen­heim in Siche­rungs­haft befand. Der Bescheid des BAMF vom 25.01.2016 ist hin­sicht­lich die­ser Fra­ge nicht hin­rei­chend aus­sa­ge­kräf­tig. Es bleibt offen, ob es sich bei der Anga­be, der Betrof­fe­ne habe "am 24.12.2015" einen Asyl­an­trag gestellt, um das Datum des Antrags oder um das Datum des Ein­gangs beim BAMF han­delt. Die­se Fra­ge hät­te das Beschwer­de­ge­richt, dem der Bescheid des BAMF im Beschwer­de­ver­fah­ren vor­ge­legt wor­den ist, im Rah­men der ihm gemäß § 26 FamFG oblie­gen­den Amts­er­mitt­lungs­pflicht klä­ren müs­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Mai 2016 – V ZB 24/​16

  1. BGH, Beschluss vom 25.02.2010 – V ZB 172/​09, FGPrax 2010, 150 Rn.20; Beschluss vom 14.10.2010 – V ZB 78/​10, FGPrax 2011, 39 Rn. 18[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 01.03.2012 – V ZB 206/​11, FGPrax 2012, 133 Rn. 11[]
  3. BGH, Beschluss vom 06.05.2010 – V ZB 213/​09, NVwZ 2010, 1510 Rn. 13[]
  4. BVerfG, NVwZ-RR 2009, 616, 617[]
  5. vgl. BT-Drs. 16/​5065 S. 215; BGH, Beschluss vom 06.05.2010 – V ZB 213/​09, NVwZ 2010, 1510 Rn. 13; Beschluss vom 26.06.2014 – V ZB 31/​14, NVwZ 2014, 1397 Rn. 30[]
  6. BGH, Beschluss vom 26.06.2014 – V ZB 31/​14, NVwZ 2014, 1397 Rn.20 ff[]
  7. vgl. BT-Drs. 18/​4097, S. 31 f.[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 14.10.2010 – V ZB 78/​10, FGPrax 2011, 39 Rn.19; Beschluss vom 01.03.2012 – V ZB 206/​11, FGPrax 2012, 133 Rn. 10; Beschluss vom 25.02.2016 – V ZB 171/​13 10[]