Sach­ver­halts­än­de­run­gen und die ver­zö­ger­te PKH-Bewil­li­gung

Die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe darf gemäß § 166 VwGO i.V.m. § 124 Nr. 1 ZPO nur auf­ge­ho­ben wer­den, wenn die Täu­schung durch unrich­ti­ge Dar­stel­lung des Streit­ver­hält­nis­ses bereits im Zeit­punkt der Bewil­li­gungs­rei­fe des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trags erfolgt ist. Ver­schweigt der Antrag­stel­ler Ände­run­gen der anspruchs­be­grün­den­den Tat­sa­chen, die erst nach der Bewil­li­gungs­rei­fe, aber noch vor der (ver­zö­ger­ten) Bewil­li­gungs­ent­schei­dung des Gerichts ein­tre­ten, ist die­se Täu­schung für die Bewil­li­gung nicht ursäch­lich, weil das Gericht für die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sich­ten der Rechts­ver­fol­gung auf den Zeit­punkt der Bewil­li­gungs­rei­fe abzu­stel­len hat.

Sach­ver­halts­än­de­run­gen und die ver­zö­ger­te PKH-Bewil­li­gung

Nach § 124 Nr. 1 ZPO kann das Gericht die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe auf­he­ben, wenn die Par­tei durch unrich­ti­ge Dar­stel­lung des Streit­ver­hält­nis­ses die für die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe maß­ge­ben­den Vor­aus­set­zun­gen vor­ge­täuscht hat. Zur unrich­ti­gen Dar­stel­lung des Streit­ver­hält­nis­ses gehört auch das Ver­schwei­gen von Tat­sa­chen, die für das Streit­ver­hält­nis bedeut­sam sind 1. Durch die unrich­ti­ge Dar­stel­lung des Streit­ver­hält­nis­ses muss die Bewil­li­gung her­bei geführt wor­den sein und dem Antrag­stel­ler zuge­rech­net wer­den kön­nen 2. Sinn der Rege­lung ist es, eine durch Täu­schung erlang­te Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe wie­der auf­he­ben zu kön­nen.

Bei einer – wie im vor­lie­gen­den Fall – ver­zö­ger­ten Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe durch das Gericht ist (eben­so wie bei einer unver­züg­li­chen Bewil­li­gung) auch im Rah­men der Auf­he­bungs­ent­schei­dung für die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob eine unrich­ti­ge Dar­stel­lung des Streit­ver­hält­nis­ses vor­ge­täuscht wur­de und des­halb die Erfolgs­aus­sich­ten nun­mehr anders zu beur­tei­len sind, auf den Zeit­punkt der Bewil­li­gungs­rei­fe, und nicht auf den Zeit­punkt der gericht­li­chen Ent­schei­dung über den Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag oder den Zeit­punkt der Auf­he­bungs­ent­schei­dung abzu­stel­len. Die Täu­schung muss zum Zeit­punkt der Bewil­li­gungs­rei­fe statt­ge­fun­den haben. Ändern sich nach dem Zeit­punkt der Bewil­li­gungs­rei­fe die anspruchs­be­grün­den­den Tat­sa­chen und ver­schweigt der Antrag­stel­ler die Ände­rung, recht­fer­tigt dies nicht die Auf­he­bung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­wil­li­gung 3.

Das Abstel­len auf den Zeit­punkt der Bewil­li­gungs­rei­fe für die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sich­ten und der Täu­schungs­hand­lung ist ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten 4. Durch die Pro­zess­kos­ten­hil­fe soll der Antrag­stel­ler für eine beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung schon bei bloß hin­rei­chen­den Erfolgs­aus­sich­ten in die Lage ver­setzt wer­den, einen Pro­zess zu füh­ren, um die durch Art. 3 Abs. 1 GG gebo­te­ne weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Wahr­neh­mung ihrer Inter­es­sen vor Gericht zu gewähr­leis­ten. Eine abschlie­ßen­de Über­prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten im Sin­ne einer Vor­weg­nah­me der Haupt­sa­che soll gera­de nicht erfol­gen. Das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren soll den Rechts­schutz in der Haupt­sa­che nicht erset­zen, son­dern erst ermög­li­chen. Haben zum Zeit­punkt der Bewil­li­gungs­rei­fe hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sich­ten der Rechts­ver­fol­gung bestan­den, hat der Betei­lig­te einen ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Anspruch auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe für den gesam­ten Rechts­zug erwor­ben, der durch nach­träg­li­che Ver­än­de­run­gen der Sach- und Rechts­la­ge nicht mehr rück­wir­kend ent­fällt. Anders als bei einer (wesent­li­chen) Ände­rung der für die Pro­zess­kos­ten­hil­fe maß­ge­ben­den per­sön­li­chen oder wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se 5, kann das Gericht die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe nur aus den in § 124 ZPO abschlie­ßend auf­ge­zähl­ten, eng aus­zu­le­gen­den Grün­den wie­der auf­he­ben.

Ham­bur­gi­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt 3. Senat, Beschluss vom 12.04.2011, 3 So 183/​10

  1. vgl. Gei­mer in: Zöl­ler, ZPO, Kom­men­tar, 28. Aufl. 2010, § 124 Rn. 6[]
  2. vgl. Gei­mer, a. a. O., § 124 Rn. 5a, 6[]
  3. vgl. zur Maß­geb­lich­keit des Zeit­punkts der Bewil­li­gungs­rei­fe: OVG Ham­burg, Beschlüs­se vom 10.09.2003, Fam­RZ 2005, 464; und vom 06.08.2003, Nor­dÖR 2004, 201, m. weit. Nachw.; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 12.01.2005, OLGR-Stutt­gart 2005, 277; OVG Ber­lin, Beschluss vom 05.03.1998, NVwZ 1998, 650, m. weit. Nachw.; Olbertz in: Schoch­/­Schmidt-Aßman­n/Pietz­ner, Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung, Kom­men­tar, 20. Erg. 2010, § 166 Rn. 53; Neu­mann in: Sodan/​Ziekow, Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung, Kom­men­tar, 3. Aufl. 2010, § 166 Rn. 77, m. weit Nachw.; Gei­mer, a. a. O., § 119 Rn. 44 f.; Völker/​Zempel in: Prütting/​Gehrlein, ZPO, Kom­men­tar, 2010, § 119 Rn. 22; a. A.: OLG Köln, Urteil vom 04.06.2003, OLGR Köln 2003, 315; OLG Mün­chen, Beschluss vom 21.11.1997, Fam­RZ 1998, 633; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 17.07.1996, Fam­RZ 1997, 1088; Kalthoe­n­er/Bütt­ner/W­ro­bel-Sachs, Pro­zess­kos­ten­hil­fe und Bera­tungs­hil­fe, 5. Aufl. 2010, Rn. 837[]
  4. vgl. OVG Ham­burg, Beschluss vom 06.08.2003, a. a. O., m. weit. Nachw.[]
  5. vgl. § 120 Abs. 4 Satz 1 ZPO[]