Sach­ver­stän­di­ger oder sach­ver­stän­di­ger Zeu­ge?

Die Unter­schei­dung zwi­schen einem Sach­ver­stän­di­gen und einem sach­ver­stän­di­gen Zeu­gen:

Sach­ver­stän­di­ger oder sach­ver­stän­di­ger Zeu­ge?
  • Der sach­ver­stän­di­ge Zeu­ge bekun­det sein Wis­sen von bestimm­ten ver­gan­ge­nen Tat­sa­chen oder Zustän­den, zu deren Wahr­neh­mung eine beson­de­re Sach­kun­de erfor­der­lich war und die er nur kraft die­ser beson­de­ren Sach­kun­de ohne Zusam­men­hang mit einem gericht­li­chen Gut­ach­ten­auf­trag wahr­ge­nom­men hat. Er ist inso­weit nicht ersetz­bar.
  • Der Sach­ver­stän­di­ge begut­ach­tet auf­grund sei­ner beson­de­ren Sach­kun­de auf einem Fach­ge­biet als Gehil­fe des Gerichts einen von die­sem fest­zu­stel­len­den Sach­ver­halt. Er ist in die­ser Funk­ti­on grund­sätz­lich aus­tausch­bar.

Der sach­ver­stän­di­ge Zeu­ge bekun­det sein Wis­sen von bestimm­ten ver­gan­ge­nen Tat­sa­chen oder Zustän­den, zu deren Wahr­neh­mung eine beson­de­re Sach­kun­de erfor­der­lich war und die er nur kraft die­ser beson­de­ren Sach­kun­de ohne Zusam­men­hang mit einem gericht­li­chen Gut­ach­ten­auf­trag wahr­ge­nom­men hat. Er ist inso­weit nicht ersetz­bar. Die bean­trag­te Ver­neh­mung eines sach­ver­stän­di­gen Zeu­gen darf nur dann abge­lehnt wer­den, wenn sie als Beweis­mit­tel schlech­ter­dings untaug­lich ist oder wenn es auf die Bewei­s­tat­sa­che nicht ankommt bzw. die­se als wahr unter­stellt wird.

Dem­ge­gen­über begut­ach­tet der Sach­ver­stän­di­ge auf­grund sei­ner beson­de­ren Sach­kun­de auf einem Fach­ge­biet als Gehil­fe des Gerichts einen von die­sem fest­zu­stel­len­den Sach­ver­halt. Auf­ga­be des Sach­ver­stän­di­gen ist es, dem Gericht beson­de­re Erfah­rungs­sät­ze oder Kennt­nis­se des jewei­li­gen Fach­ge­bie­tes zu ver­mit­teln oder auf­grund von beson­de­ren Erfah­rungs­sät­zen oder Fach­kennt­nis­sen Schluss­fol­ge­run­gen aus einem fest­ste­hen­den Sach­ver­halt zu zie­hen. Er ist in die­ser Funk­ti­on grund­sätz­lich aus­tausch­bar. Gemäß § 98 VwGO i.V.m. § 404 Abs. 1 Satz 1 und 2 ZPO erfolgt die Aus­wahl der zuzu­zie­hen­den gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen und die Bestim­mung ihrer Anzahl durch das Pro­zess­ge­richt, das sich auf die Ernen­nung eines ein­zi­gen Sach­ver­stän­di­gen beschrän­ken kann. Die Ent­schei­dung dar­über, ob ein – wei­te­res – Gut­ach­ten ein­ge­holt wer­den soll, steht im Rah­men der frei­en Beweis­wür­di­gung nach § 108 Abs. 1 VwGO im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Tat­sa­chen­ge­richts. Die­ses Ermes­sen wird nur dann ver­fah­rens­feh­ler­haft aus­ge­übt, wenn das Gericht von der Ein­ho­lung eines – wei­te­ren – Gut­ach­tens oder eines Ober­gut­ach­tens absieht, obwohl sich ihm die Not­wen­dig­keit die­ser wei­te­ren Beweis­erhe­bung hät­te auf­drän­gen müs­sen. Dies ist ins­be­son­de­re dann anzu­neh­men, wenn das bereits vor­lie­gen­de Gut­ach­ten auch für den nicht Sach­kun­di­gen erkenn­ba­re Män­gel ent­hält, ins­be­son­de­re von unzu­tref­fen­den tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen aus­geht oder unlös­ba­re Wider­sprü­che auf­weist, wenn Anlass zu Zwei­feln an der Sach­kun­de oder Unpar­tei­lich­keit des Sach­ver­stän­di­gen besteht, wenn ein ande­rer Sach­ver­stän­di­ger über bes­se­re For­schungs­mit­tel ver­fügt oder wenn es sich um beson­ders schwie­ri­ge Fach­fra­gen han­delt, die umstrit­ten sind oder zu denen ein­an­der wider­spre­chen­de Gut­ach­ten vor­lie­gen 1.

Die­ser Abgren­zung ent­spre­chend ist ein Arzt sach­ver­stän­di­ger Zeu­ge, wenn er über einen bestimm­ten, von ihm selbst ohne einen Zusam­men­hang mit einem gericht­li­chen Gut­ach­ten­auf­trag fest­ge­stell­ten Krank­heits­zu­stand (Befund) eines von ihm ärzt­lich unter­such­ten Pati­en­ten aus­sa­gen soll. Der Arzt ist hin­ge­gen Sach­ver­stän­di­ger, wenn er die Aus­wir­kun­gen der Krank­heit auf­grund sei­ner beson­de­ren ärzt­li­chen Sach­kun­de zu beur­tei­len hat.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 12. Okto­ber 2010 – 6 B 26.10

  1. vgl. zu die­sen Kri­te­ri­en auch: Gei­ger, in: Eyer­mann, VwGO, 13. Aufl. 2010, § 86 Rn. 44; Kopp/​Schenke, VwGO, 16. Aufl. 2009, § 108 Rn. 10[]