Schen­gen-Visum und die Zwei­fel an der Rück­kehr­be­reit­schaft

Begrün­de­te Zwei­fel an der Rück­kehr­be­reit­schaft ste­hen nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts der Ertei­lung eines für den gesam­ten Schen­gen-Raum gül­ti­gen Besuchs­vi­sums auch dann ent­ge­gen, wenn der Fall von dem zwi­schen der Euro­päi­schen Gemein­schaft und der Ukrai­ne abge­schlos­se­nen Visa­er­leich­te­rungs­ab­kom­men erfasst wird. Auch die Ertei­lung eines auf das Gebiet der Bun­des­re­pu­blik beschränk­ten Visums zum Besuch naher Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger ist nur aus­nahms­wei­se mög­lich.

Schen­gen-Visum und die Zwei­fel an der Rück­kehr­be­reit­schaft

Die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts liegt der Fall von zwei ukrai­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen – Mut­ter und Sohn – zugrun­de. Sie begeh­ren die Ertei­lung von Schen­gen­vi­sa zum Besuch ihres in Deutsch­land leben­den ukrai­ni­schen Ehe­man­nes bzw. Vaters. Die Anträ­ge wur­den von der deut­schen Aus­lands­ver­tre­tung in Kiew abge­lehnt.

Die Kla­gen hat­ten sowohl erst­in­stanz­lich vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin 1 wie auch in der Beru­fungs­in­stanz vor der Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg 2 kei­nen Erfolg. Und das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bestä­tig­te dies nun:

Die Klä­ger haben nach dem seit April 2010 gel­ten­den Visa­ko­dex 3 kei­nen Anspruch auf ein Besuchs­vi­sum. Danach ist ein Antrag auf Ertei­lung eines ein­heit­li­chen, für den gesam­ten Schen­gen-Raum gül­ti­gen Besuchs­vi­sums zwin­gend abzu­leh­nen bei begrün­de­ten Zwei­feln an der Absicht des Antrag­stel­lers, das Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten vor Ablauf der Gül­tig­keit des bean­trag­ten Visums zu ver­las­sen (Art. 32 Abs. 1 Buchst. b VK). Die­se Rege­lung wird nicht durch das zwi­schen der Euro­päi­schen Gemein­schaft und der Ukrai­ne im Jahr 2007 geschlos­se­ne Visa­er­leich­te­rungs­ab­kom­men ver­drängt oder modi­fi­ziert. Denn die dort gere­gel­ten Erleich­te­run­gen bezie­hen sich u.a. auf Art und Umfang der mit dem Antrag vor­zu­le­gen­den Unter­la­gen, die Sen­kung oder den Erlass von Visa­ge­büh­ren und die vor­ge­schrie­be­ne Bear­bei­tungs­zeit, las­sen aber die Not­wen­dig­keit der Pro­gno­se zur Rück­kehr­be­reit­schaft unbe­rührt. Nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts bestehen Zwei­fel am Rück­kehr­wil­len der Klä­ger auf­grund ihres prin­zi­pi­el­len Wun­sches nach Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung sowie ihrer fami­liä­ren und wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on in der Ukrai­ne.

Die Klä­ger haben auch kei­nen Anspruch auf Ertei­lung eines nur für das Bun­des­ge­biet gül­ti­gen Besuchs­vi­sums. Ein sol­ches Visum wird von einem Mit­glied­staat nur in den in Art. 25 Abs. 1 VK auf­ge­führ­ten Aus­nah­me­fäl­len erteilt. Ein Aus­nah­me­fall liegt hier nicht vor. Aus­ge­hend von dem öffent­li­chen Inter­es­se an der Ver­hin­de­rung einer unge­steu­er­ten Ein­wan­de­rung ist auch mit Blick auf den beson­de­ren Schutz fami­liä­rer Bin­dun­gen die Ertei­lung eines Visums nicht erfor­der­lich. Die Klä­ger sind zur Auf­recht­erhal­tung der fami­liä­ren Kon­tak­te nicht zwin­gend auf einen Besuch des Ehe­man­nes bzw. Vaters in Deutsch­land ange­wie­sen, denn die­ser kann sie in der Ukrai­ne besu­chen und zudem den Kon­takt auf ande­re Wei­se (Brie­fe, Tele­fon, Inter­net) auf­recht­erhal­ten.

BVerwG 1 C 15.10 – Urteil vom 15. Novem­ber 2011

  1. VG Ber­lin, Urteil vom 27.04.2009 – 24 K 44.09 V[]
  2. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 24.06.2010 – 2 B 16.09[]
  3. Ver­ord­nung (EG) Nr. 810/​2009[]