Schmer­zens­geld wegen recht­mä­ßi­gen Behör­den­han­delns

Der all­ge­mei­ne Auf­op­fe­rungs­an­spruch wegen eines hoheit­li­chen Ein­griffs in die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit ist – ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 1 – nicht auf den Ersatz mate­ri­el­ler Schä­den begrenzt, son­dern umfasst auch nicht­ver­mö­gens­recht­li­che Nach­tei­le des Betrof­fe­nen.

Schmer­zens­geld wegen recht­mä­ßi­gen Behör­den­han­delns

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in sei­nem Urteil vom 13.02.1956 2 sei­ne frü­he­re Auf­fas­sung im Wesent­li­chen wie folgt begrün­det:

Die Rechts­ord­nung und ins­be­son­de­re das Scha­dens­er­satz- und Ent­schä­di­gungs­recht sei­en beherrscht von dem in § 253 BGB fest­ge­leg­ten Grund­satz, dass ein Aus­gleich in Geld nur für ver­mö­gens­recht­li­che (mate­ri­el­le) Ein­bu­ßen ver­langt wer­den kön­ne. Nur ganz aus­nahms­wei­se gewäh­re das Gesetz in §§ 847, 1300 BGB (a.F.) eine bil­li­ge Ent­schä­di­gung auch wegen des Nicht­ver­mö­gens­scha­dens. Es han­de­le sich hier­bei um Tat­be­stän­de, in denen durch ein – ver­meid­ba­res – schuld­haf­tes Ver­hal­ten einem Drit­ten Unbill zuge­fügt wor­den sei, und in die­sen Fäl­len lie­ge die aus­nahms­wei­se für den Schä­di­ger im Gesetz nor­mier­te Ver­pflich­tung zur Ent­schä­di­gungs­leis­tung über den ver­mö­gens­recht­li­chen Scha­den hin­aus ent­schei­dend mit­be­grün­det in dem Gedan­ken der Genug­tu­ung, die der Schä­di­ger dem Ver­letz­ten schul­de. Dem­entspre­chend habe der Gesetz­ge­ber bei allen sons­ti­gen Haf­tungs­tat­be­stän­den, die ein Ver­schul­den nicht vor­aus­setz­ten und bei denen infol­ge­des­sen auch der Genug­tu­ungs­ge­dan­ke kei­ne ent­schei­den­de Rol­le spie­len kön­ne, ins­be­son­de­re bei der soge­nann­ten Gefähr­dungs­haf­tung, davon abge­se­hen, dem Geschä­dig­ten einen Aus­gleich für imma­te­ri­el­le Schä­den zu gewäh­ren. Von dem Grund­satz, dass nur für ver­mö­gens­recht­li­che Nach­tei­le Ent­schä­di­gung zu gewäh­ren sei, gin­gen auch die preu­ßi­schen Bestim­mun­gen der §§ 74, 75 Ein­lALR aus, auf die das auch für die Gebie­te außer­halb des Lan­des Preu­ßen aner­kann­te und gewohn­heits­recht­lich fort­ge­bil­de­te Rechts­in­sti­tut des all­ge­mei­nen Auf­op­fe­rungs­an­spruchs zurück­ge­he. Dem­entspre­chend sei auch in allen Fäl­len, in denen Auf­op­fe­rungs­tat­be­stän­de in der Ver­gan­gen­heit eine beson­de­re gesetz­li­che Rege­lung erfah­ren hät­ten, von einer Ent­schä­di­gung für nicht ver­mö­gens­recht­li­che Nach­tei­le abge­se­hen wor­den. Aus all dem müs­se auf den Wil­len des Gesetz­ge­bers geschlos­sen wer­den, dass eine Ent­schä­di­gung für imma­te­ri­el­le Schä­den nur in den aus­drück­lich nor­mier­ten Son­der­fäl­len der §§ 847, 1300 BGB (a.F.) gewährt wer­den kön­ne, im Übri­gen aber – ins­be­son­de­re auch bei Vor­lie­gen von Auf­op­fe­rungs­tat­be­stän­den – Scha­dens­er­satz und Ent­schä­di­gung auf den Aus­gleich ver­mö­gens­recht­li­cher Nach­tei­le beschränkt blei­ben sol­le. Zwar wer­de die Schutz­wür­dig­keit des Lebens und der Gesund­heit und eben­so der Frei­heit von der Rechts­ord­nung beson­ders betont, indem das Grund­ge­setz in Art. 2 neben dem Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit das Recht des Ein­zel­nen auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit und die Unver­letz­lich­keit der Frei­heit der Per­son als ver­fas­sungs­mä­ßig geschütz­te Grund­rech­te aus­drück­lich garan­tie­re. Dies recht­fer­ti­ge ange­sichts der Geset­zes­la­ge aber nicht, die zu gewäh­ren­de bil­li­ge Ent­schä­di­gung unter Ein­schluss imma­te­ri­el­ler Nach­tei­le zu bestim­men. Viel­mehr müs­se es dem Gesetz­ge­ber über­las­sen blei­ben, aus der in der Ver­fas­sung zum Aus­druck kom­men­den Ord­nung der Wer­te der ein­zel­nen Lebens­gü­ter gege­be­nen­falls Fol­ge­run­gen für eine anders­ar­ti­ge Rege­lung des Ent­schä­di­gungs­rechts zu zie­hen und den in § 253 BGB nor­mier­ten Grund­satz, der nicht mehr all­seits befrie­di­gen kön­ne, zu ver­las­sen.

An die­ser Auf­fas­sung hat der Bun­des­ge­richts­hof in der Fol­ge­zeit in sei­ner älte­ren Recht­spre­chung fest­ge­hal­ten 3. Im Schrift­tum wird die­se Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung regel­mä­ßig ohne nähe­re Erör­te­rung wie­der­ge­ge­ben 4, teil­wei­se aber auch eine Abkehr von der als über­holt ange­se­he­nen Recht­spre­chung gefor­dert 5.

Die im Urteil vom 13.02.1956 dar­ge­stell­te Geset­zes­la­ge hat sich zwi­schen­zeit­lich grund­le­gend geän­dert. Von einem Wil­len des Gesetz­ge­bers, die Ersatz­pflicht im Scha­dens­er­satz- und Ent­schä­di­gungs­recht bei Ein­grif­fen in imma­te­ri­el­le Rechts­gü­ter wie Leben, Frei­heit oder kör­per­li­che Unver­sehrt­heit grund­sätz­lich auf Ver­mö­gens­schä­den zu beschrän­ken, kann nicht mehr aus­ge­gan­gen wer­den.

Durch Art. 2 Nr. 2 des Zwei­ten Geset­zes zur Ände­rung scha­dens­er­satz­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 19.07.2002 6 ist § 253 BGB – die bis­he­ri­ge Rege­lung ("Wegen eines Scha­dens, der nicht Ver­mö­gens­scha­den ist, kann Ent­schä­di­gung in Geld nur in den durch das Gesetz bestimm­ten Fäl­len gefor­dert wer­den.") wur­de nun­mehr Absatz 1 – durch Ein­fü­gung eines Absat­zes 2 in der Form geän­dert wor­den, dass dann, wenn wegen einer Ver­let­zung des Kör­pers, der Gesund­heit, der Frei­heit oder der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung Scha­dens­er­satz zu leis­ten ist, auch wegen des Scha­dens, der Nicht­ver­mö­gens­scha­den ist, eine bil­li­ge Ent­schä­di­gung in Geld gefor­dert wer­den kann. Hier­mit wur­de – wie es im Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung vom 07.12 2001 7 heißt – ein all­ge­mei­ner Anspruch auf Schmer­zens­geld ein­ge­führt, der über die bereits erfass­te außer­ver­trag­li­che Ver­schul­dens­haf­tung hin­aus auch die Gefähr­dungs­haf­tung und die Ver­trags­haf­tung mit ein­be­zieht. Zur Begrün­dung 8 wur­de unter ande­rem dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Bestim­mun­gen des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches, die das Recht der uner­laub­ten Hand­lun­gen und des Scha­dens­er­sat­zes regel­ten, seit des­sen Inkraft­tre­ten zum 1.01.1900 nahe­zu unver­än­dert geblie­ben sei­en. Zwar sei es der Recht­spre­chung auf­grund des hohen Abs­trak­ti­ons­gra­des der Vor­schrif­ten mög­lich gewe­sen, durch ent­spre­chen­de Aus­le­gung, aber auch durch rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung, eine Rei­he von Anpas­sun­gen an die gewan­del­ten Ver­hält­nis­se vor­zu­neh­men. Die­ser Weg sei jedoch dort an Gren­zen gesto­ßen, wo das Gesetz selbst Ent­schei­dun­gen vor­ge­ge­ben habe. Im Lau­fe der Zeit habe sich zuneh­mend deut­li­cher gezeigt, dass man­che die­ser Grund­ent­schei­dun­gen zum Scha­dens­er­satz­recht nur noch schwer mit den heu­ti­gen Ver­hält­nis­sen und Wert­vor­stel­lun­gen in Über­ein­stim­mung zu brin­gen sei­en. Es ent­stün­den Haf­tungs­lü­cken, auch Gerech­tig­keits­de­fi­zi­te, die die­ses Gesetz besei­ti­gen wol­le. Dies gel­te auch für den Ersatz des imma­te­ri­el­len Scha­dens bei Kör­per- und Gesund­heits­ver­let­zun­gen, der nach gel­ten­dem Recht grund­sätz­lich nur im Rah­men außer­ver­trag­li­cher Ver­schul­dens­haf­tung gewährt wer­de, obwohl er unter Aus­gleichs­ge­sichts­punk­ten bei der Gefähr­dungs- und Ver­trags­haf­tung glei­cher­ma­ßen in Betracht kom­me. Durch die Neu­re­ge­lung wer­de nun­mehr ein ein­heit­li­cher und über­grei­fen­der Anspruch auf Schmer­zens­geld bei Ver­let­zun­gen von Kör­per, Gesund­heit, Frei­heit oder sexu­el­ler Selbst­be­stim­mung geschaf­fen, der nicht mehr danach unter­schei­de, auf wel­chem Rechts­grund die Haf­tung für die Ver­let­zung beru­he.

Durch die­se Neu­re­ge­lung hat der Gesetz­ge­ber den bis­her in § 253 BGB nor­mier­ten Grund­satz, auf den der Bun­des­ge­richts­hof sein Urteil vom 13.02.1956 wesent­lich gestützt hat, ver­las­sen. Nun­mehr kann im Scha­dens­er­satz­recht bei Ver­let­zun­gen des Kör­pers, der Gesund­heit, der Frei­heit oder der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung Schmer­zens­geld ver­langt wer­den. Auch soweit der Bun­des­ge­richts­hof in die­sem Zusam­men­hang auf die Ver­schul­dens­haf­tung und den Gedan­ken der Genug­tu­ung abge­stellt hat­te, ist die­ser Argu­men­ta­ti­on nach der Ein­be­zie­hung der Gefähr­dungs­haf­tung in die Ände­rung des Scha­dens­er­satz­rechts die Grund­la­ge ent­zo­gen, abge­se­hen davon, dass der Gedan­ke der Genug­tu­ung regel­mä­ßig nur bei beson­de­ren Fall­ge­stal­tun­gen eine Rol­le spielt, wäh­rend für die Bemes­sung des Schmer­zens­gel­des der Ent­schä­di­gungs- oder Aus­gleichs­ge­dan­ke im Vor­der­grund steht 9.

Auch im Bereich der vom Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 13.02.1956 zitier­ten spe­zi­al­ge­setz­li­chen Rege­lun­gen haben sich Ände­run­gen erge­ben. Wäh­rend zum Bei­spiel in § 2 Abs. 1 des Geset­zes betref­fend die Ent­schä­di­gung der im Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren frei­ge­spro­che­nen Per­so­nen vom 20.05.1898 10 sowie in § 3 Abs. 1 des Geset­zes betref­fend die Ent­schä­di­gung für unschul­dig erlit­te­ne Unter­su­chungs­haft vom 14.07.1904 11 nur für Ver­mö­gens­schä­den eine Haf­tung vor­ge­se­hen war, ent­hält nun­mehr § 7 Abs. 1 des Geset­zes über die Ent­schä­di­gung für Straf­ver­fol­gungs­maß­nah­men (StrEG) vom 08.03.1971 12 eine Rege­lung, wonach im Fal­le der Frei­heits­ent­zie­hung auf­grund gericht­li­cher Ent­schei­dung auch der Scha­den zu erset­zen ist, der Nicht­ver­mö­gens­scha­den ist. Die Poli­zei- und Ord­nungs­ge­set­ze der Län­der – neben dem beklag­ten Land (§ 65 Abs. 2 HSOG) unter ande­rem Ber­lin (§ 60 Abs. 2 ASOG Bln), Nie­der­sach­sen (§ 81 Abs. 2 Nds. SOG), Rhein­land-Pfalz (§ 69 Abs. 2 POG), Saar­land (§ 69 Abs. 2 SPolG), Sach­sen (§ 53 Abs. 2 Sächs­PolG), Sach­sen-Anhalt (§ 70 Abs. 2 SOG LSA) und Thü­rin­gen (§ 69 Abs. 2 PAG) – ent­hal­ten inzwi­schen viel­fach Rege­lun­gen zum Ersatz auch des imma­te­ri­el­len Scha­dens bei der Ver­let­zung des Kör­pers oder der Gesund­heit oder bei einer Frei­heits­ent­zie­hung (zu letz­te­rem sie­he auch Bay­ern in Art. 70 Abs. 7 Satz 2 PAG und Bre­men in § 57 Abs. 1 Satz 2 Brem­PolG).

Nur ergän­zend ist auch auf die Rege­lung in § 198 GVG 13 hin­zu­wei­sen, die im Rah­men der ange­mes­se­nen Ent­schä­di­gung für über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er auch Ersatz für imma­te­ri­el­le Nach­tei­le kennt.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann – auch wenn es wei­ter­hin in Teil­be­rei­chen spe­zi­al­ge­setz­li­che Bestim­mun­gen gibt, in denen die Rechts­fol­gen auf­op­fe­rungs­recht­li­cher Tat­be­stän­de anders als in den vor­er­wähn­ten Bestim­mun­gen gere­gelt sind (vgl. etwa für Impf­schä­den die ver­sor­gungs­recht­li­che Lösung in § 60 IfSG iVm den Vor­schrif­ten des Bun­des­ver­sor­gungs­ge­set­zes) – die Annah­me des Bun­des­ge­richts­hofs in sei­nem Urteil vom 13.02.1956, das Scha­dens­er­satz- und Ent­schä­di­gungs­recht sei von dem Wil­len des Gesetz­ge­bers geprägt, Ersatz­leis­tun­gen grund­sätz­lich auf Ver­mö­gens­schä­den zu beschrän­ken, sodass auch der Umfang der Ent­schä­di­gung aus Auf­op­fe­rung nur unter Aus­schluss des Schmer­zens­gel­des bestimmt wer­den kön­ne, nicht mehr auf­recht­erhal­ten wer­den.

Eine sol­che Beschrän­kung folgt auch nicht aus der Natur des öffent­lich­recht­li­chen Auf­op­fe­rungs­an­spruchs.

Die­ser Anspruch hat sich gewohn­heits­recht­lich gemäß dem in § 75 Ein­lALR (1794) ent­hal­te­nen Rechts­grund­satz ent­wi­ckelt. Nach die­ser Bestim­mung ist der Staat gehal­ten, den­je­ni­gen zu ent­schä­di­gen, der sei­ne beson­de­ren Rech­te und Vor­tei­le dem Wohl des Gemein­we­sens auf­zu­op­fern genö­tigt wird. Der Grund­satz, der in die­ser Vor­schrift sei­nen gesetz­li­chen Aus­druck gefun­den hat, hat über den Bereich der frü­he­ren alt­preu­ßi­schen Pro­vin­zen hin­aus all­ge­mei­ne Gel­tung erlangt 14. Aller­dings wur­de vor­mals in der Recht­spre­chung 15 der Aus­gleich für Son­der­op­fer dahin­ge­hend ein­ge­schränkt, dass er nur für Ein­grif­fe des Staa­tes in das Eigen­tum bezie­hungs­wei­se ver­mö­gens­wer­te Rech­te, nicht dage­gen für Per­so­nen­schä­den – wie Ver­let­zun­gen der Gesund­heit oder des Lebens – in Betracht kommt. Die­ser im Wesent­li­chen auf die preu­ßi­sche Kabi­nets­or­der vom 04.12 1831 16 gestütz­ten, den Rechts­grund­satz des § 75 Ein­lALR begren­zen­den Auf­fas­sung ist der Bun­des­ge­richts­hof aller­dings in stän­di­ger Recht­spre­chung nicht gefolgt 17. Viel­mehr ist auch ein Son­der­op­fer, das der Ein­zel­ne an imma­te­ri­el­len Rechts­gü­tern zum Wohl der All­ge­mein­heit zu erbrin­gen genö­tigt wird, zu erset­zen 18. Bei einem hoheit­li­chen Ein­griff in die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit besteht das Son­der­op­fer aber nicht nur in den dar­aus fol­gen­den mate­ri­el­len, son­dern auch in den dar­aus fol­gen­den imma­te­ri­el­len Nach­tei­len.

Ein Aus­schluss des Schmer­zens­gel­des folgt auch nicht aus dem Umstand, dass der all­ge­mei­ne Auf­op­fe­rungs­an­spruch kein Scha­dens­er­satz­an­spruch im Sin­ne der §§ 249 ff BGB ist. Der Anspruch aus Auf­op­fe­rung geht auf Leis­tung eines ange­mes­se­nen bezie­hungs­wei­se bil­li­gen Aus­gleichs für das dem Betrof­fe­nen hoheit­lich auf­er­leg­te Son­der­op­fer 19. Der Anspruch auf Ent­schä­di­gung kann inso­weit – wie in der BGH-Recht­spre­chung ver­schie­dent­lich im Zusam­men­hang mit Ver­mö­gens­schä­den aus­ge­führt wor­den ist 20 – zwar im Ein­zel­fall dar­in bestehen, dem Geschä­dig­ten vol­len Scha­dens­er­satz zuzu­bil­li­gen, aber die Kri­te­ri­en der Ange­mes­sen­heit und Bil­lig­keit kön­nen auch Ein­schrän­kun­gen recht­fer­ti­gen. Inso­weit ist der Auf­op­fe­rungs­an­spruch – anders als grund­sätz­lich der Anspruch auf Scha­dens­er­satz – nicht sei­ner Natur nach auf rest­lo­sen Ersatz gerich­tet. Die­ser Unter­schied, auf den im Übri­gen der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 13.02.1956 auch nicht abge­stellt hat, hat jedoch kei­nen inhalt­li­chen Bezug zu der Fra­ge, ob die Auf­op­fe­rungs­ent­schä­di­gung auf ver­mö­gens­wer­te Nach­tei­le beschränkt ist. Die für den Umfang der Ent­schä­di­gung maß­geb­li­che Ange­mes­sen­heit und Bil­lig­keit besagt nichts dar­über, wel­che Arten von Schä­den von dem Anspruch erfasst sind.

Zu Unrecht ver­weist die gegen­tei­li­ge Rechts­auf­fas­sung auf das Urteil des V. Zivil­se­nats vom 23.07.2010 21. Die­se Ent­schei­dung betrifft den Anspruch aus § 906 Abs. 2 Satz 2 BGB. Inso­weit han­delt es sich um eine aus dem Grund­stücks­ei­gen­tum abge­lei­te­te For­de­rung, die dem Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen Nach­barn dient und auf dem Gedan­ken von Treu und Glau­ben im nach­bar­li­chen Gemein­schafts­ver­hält­nis beruht 22. Die­ser Anspruch umfasst kein Schmer­zens­geld. Der V. Zivil­se­nat 23 hat inso­weit auch eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 253 Abs. 2 BGB mit der Begrün­dung abge­lehnt, § 906 Abs. 2 Satz 2 BGB sei kein Scha­dens­er­satz­an­spruch.

Soweit das beklag­te Land hier­aus ablei­ten will, dass auch im vor­lie­gen­den Fall Schmer­zens­geld nicht in Betracht kom­me, weil der all­ge­mei­ne Auf­op­fe­rungs­an­spruch für hoheit­li­che Ein­grif­fe in nicht­ver­mö­gens­wer­te Rechts­gü­ter eben­falls kein Scha­dens­er­satz­an­spruch sei, ist dem ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass es hier nicht um die Fra­ge einer ana­lo­gen Anwen­dung des § 253 Abs. 2 BGB, son­dern dar­um geht, ob die bil­li­ge und ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gung für ein im Zusam­men­hang mit einem hoheit­li­chen Ein­griff in die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit erbrach­tes Son­der­op­fer von vor­ne­her­ein nur mate­ri­el­le und kei­ne imma­te­ri­el­len Nach­tei­le erfasst. Die­se Fra­ge ist aber – soweit kei­ne (spezial)gesetzlichen Begren­zun­gen bestehen – aus den vor­ste­hen­den Grün­den zu ver­nei­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Sep­tem­ber 2017 – III ZR 71/​17

  1. Auf­ga­be der frü­he­ren BGH-Recht­spre­chung, Urteil vom 13.02.1956 – III ZR 175/​54, BGHZ 20, 61, 68 ff[]
  2. BGH, Urteil vom 13.02.1956 – III ZR 175/​54, BGHZ 20, 61, 68 ff[]
  3. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 15.10.1956 – III ZR 226/​55, BGHZ 22, 43, 48, 50; vom 03.11.1958 – III ZR 139/​57, BGHZ 28, 297, 301; vom 31.01.1966 – III ZR 118/​64, BGHZ 45, 58, 77; vom 06.06.1966 – III ZR 167/​64, NJW 1966, 1859, 1861, inso­weit in BGHZ 45, 290 nicht abge­druckt; vom 08.07.1971 – III ZR 67/​68, NJW 1971, 1881, 1883; und vom 27.05.1993 – III ZR 59/​92, BGHZ 122, 363, 368[]
  4. vgl. nur BeckOGK/​Dörr BGB § 839 Rn. 1199 [Stand 1.07.2017]; Palandt/​Herrler, BGB, 76. Aufl., Überbl. v. § 903 Rn. 16; Schie­mann in Stau­din­ger, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2017, Vor­bem zu §§ 249 ff Rn.20; Stein/​Itzel/​Schwall, Pra­xis­hand­buch des Amts- und Staats­haf­tungs­rechts, 2. Aufl., Rn. 365[]
  5. vgl. Ossenbühl/​Cornils, Staats­haf­tungs­recht, 6. Aufl., S. 147 f; Münch­Komm-BGB/Oet­ker, 7. Aufl., § 253 Rn.20; sie­he auch OLG Frank­furt, NVwZ-RR 2014, 142, 143[]
  6. BGBl. I 2674[]
  7. BT-Drs. 14/​7752 S. 1[]
  8. BT-Drs. 14/​7752 S. 11, 14[]
  9. vgl. nur BGH, Beschluss vom 16.09.2016 – VGS 1/​16, VersR 2017, 180 Rn. 48 f mwN; sie­he auch Begrün­dung der Bun­des­re­gie­rung zum Ent­wurf des Zwei­ten Geset­zes zur Ände­rung scha­dens­er­satz­recht­li­cher Vor­schrif­ten, BT-Drs. 14/​7752 S. 15[]
  10. RGBl. 345[]
  11. RGBl. 321[]
  12. BGBl. I S. 157[]
  13. zu deren Ein­ord­nung als staats­haf­tungs­recht­li­cher Anspruch sui gene­ris, als Auf­op­fe­rungs­an­spruch oder als pro­zes­sua­le Risi­ko­haf­tung sie­he Rei­ter, NJW 2015, 2554, 2555 ff[]
  14. vgl. nur BGH, Urteil vom 19.02.1953 – III ZR 208/​51, BGHZ 9, 83, 85 f[]
  15. vgl. nur RGZ 122, 298, 301 f; 156, 305, 310[]
  16. Gesetz-Samm­lung für die König­lich Preu­ßi­schen Staa­ten, S. 255, 257[]
  17. vgl. nur BGH, Urteil vom 19.02.1953 aaO S. 86 ff; sie­he auch bereits Urteil vom 14.07.1952 – III ZR 95/​51, BGHZ 7, 96, 99 f[]
  18. vgl. BGH, Urteil vom 19.02.1953 aaO S. 88 f[]
  19. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 23.10.1952 – III ZR 231/​51, BGHZ 7, 331, 334; vom 15.10.1956 – III ZR 226/​55, BGHZ 22, 43, 48; vom 03.11.1958 – III ZR 139/​57, BGHZ 28, 297, 301; und vom 31.01.1966 – III ZR 118/​64, BGHZ 45, 58, 77[]
  20. vgl. nur BGH, Urteil vom 23.10.1952 aaO; sie­he auch BGH, Beschluss vom 10.06.1952 – GSZ 2/​52, BGHZ 6, 270, 293, 295[]
  21. BGH, Urteil vom 23.07.2010 – V ZR 142/​09, NJW 2010, 3160[]
  22. vgl. BGH aaO Rn. 7 f[]
  23. BGH, aaO Rn. 9[]