Schwu­le Blut­spen­der

Der Aus­schluss von der Blut­spen­de für Män­ner, die sexu­el­le Bezie­hun­gen zu Män­nern hat­ten, kann nach einem jetzt ver­kün­de­ten Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­no im Hin­blick auf die in dem betref­fen­den Mit­glied­staat herr­schen­de Situa­ti­on gerecht­fer­tigt sein. Hier­für muss aber fest­ste­hen, dass für die­se Per­so­nen ein hohes Über­tra­gungs­ri­si­ko für schwe­re Infek­ti­ons­krank­hei­ten, wie ins­be­son­de­re HIV, besteht und dass wirk­sa­me Nach­weis­tech­ni­ken oder weni­ger belas­ten­de Metho­den feh­len, um ein hohes Gesund­heits­schutz­ni­veau der Emp­fän­ger sicher­zu­stel­len.

Schwu­le Blut­spen­der

Anlass für die­ses Urteil des Uni­ons­ge­richts­hofs bot ein Fall aus Frank­reich: Im Jahr 2009 lehn­te ein Arzt des Éta­b­lis­se­ment fran­çais du sang im fran­zö­si­schen Metz die Blut­spen­de, die Herr Léger abge­ben woll­te, mit der Begrün­dung ab, dass die­ser eine sexu­el­le Bezie­hung zu einem Mann gehabt habe und das fran­zö­si­sche Recht Män­ner, die der­ar­ti­ge sexu­el­le Bezie­hun­gen zu Män­nern hat­ten, von der Blut­spen­de aus­schlie­ße. Herr Léger erhob gegen die­se Ent­schei­dung Kla­ge beim Tri­bu­nal admi­nis­tra­tif de Stras­bourg, das dar­auf­hin dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­legt, ob die­ser Aus­schluss mit
der „Richt­li­nie 2004/​33/​EG der Kom­mis­si­on vom 22. März 2004 zur Durch­füh­rung der Richt­li­nie 2002/​98/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates hin­sicht­lich bestimm­ter tech­ni­scher Anfor­de­run­gen für Blut und Blut­be­stand­tei­le“ [1] ver­ein­bar ist. Nach die­ser Richt­li­nie sind Per­so­nen, deren Sexu­al­ver­hal­ten ein hohes Über­tra­gungs­ri­si­ko für durch Blut über­trag­ba­re schwe­re Infek­ti­ons­krank­hei­ten birgt, von der Blut­spen­de aus­ge­schlos­sen.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der EU-Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Unin Fra­gen nach der Aus­le­gung des euro­päi­schen Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Euro­päi­schen Uni­on vor­le­gen. Der Uni­ons­ge­richts­hof ent­schei­det dabei nur über die von dem Gericht vor­ge­leg­te Rechts­fra­ge, nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist und bleibt viel­mehr Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst fest, dass das Tri­bu­nal admi­nis­tra­tif de Stras­bourg zu ent­schei­den haben wird, ob für den Fall, dass ein Mann sexu­el­le Bezie­hun­gen zu einem Mann hat­te, in Frank­reich ein hohes Über­tra­gungs­ri­si­ko für durch Blut über­trag­ba­re schwe­re Infek­ti­ons­krank­hei­ten besteht. Zum Zweck die­ser Beur­tei­lung wird das Tri­bu­nal admi­nis­tra­tif de Stras­bourg die epi­de­mio­lo­gi­sche Situa­ti­on in Frank­reich zu berück­sich­ti­gen haben, die nach der fran­zö­si­schen Regie­rung und der Kom­mis­si­on einen spe­zi­fi­schen Cha­rak­ter habe. Dabei weist der Uni­ons­ge­richts­hof dar­auf hin, dass nach den Daten, die ihm zur Ver­fü­gung gestellt wur­den, fast alle Anste­ckun­gen mit HIV in den Jah­ren 2003 bis 2008 auf eine sexu­el­le Bezie­hung zurück­zu­füh­ren waren und die Hälf­te der Neu­an­ste­ckun­gen Män­ner betra­fen, die sexu­el­le Bezie­hun­gen zu Män­nern hat­ten. Die­se stell­ten – immer noch in dem­sel­ben Zeit­raum – die am stärks­ten von der Anste­ckung mit HIV betrof­fe­ne Bevöl­ke­rungs­grup­pe mit einer 200-mal höhe­ren Rate als die der hete­ro­se­xu­el­len fran­zö­si­schen Bevöl­ke­rung. Schließ­lich soll die Ver­brei­tung von HIV in der Grup­pe der Män­ner, die sexu­el­le Bezie­hun­gen zu Män­nern hat­ten, von allen Staa­ten Euro­pas und Zen­tral­asi­ens in Frank­reich am höchs­ten sein. Das Tri­bu­nal admi­nis­tra­tif de Stras­bourg habe daher zu beur­tei­len, ob die­se Daten im Licht der der­zei­ti­gen medi­zi­ni­schen, wis­sen­schaft­li­chen und epi­de­mio­lo­gi­schen Erkennt­nis­se belast­bar und nach wie vor rele­vant sind.

Selbst wenn das Tri­bu­nal admi­nis­tra­tif de Stras­bourg der Ansicht sein soll­te, dass Män­ner, die sexu­el­le Bezie­hun­gen zu Män­nern hat­ten, in Frank­reich einem hohen Über­tra­gungs­ri­si­ko für Krank­hei­ten wie HIV aus­ge­setzt sei­en, stellt sich die Fra­ge, ob die dau­er­haf­te Kon­tra­in­di­ka­ti­on bei Blut­spen­den mit den Grund­rech­ten der Uni­on und ins­be­son­de­re mit dem Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen der sexu­el­len Aus­rich­tung in Art. 21 Abs. 1 der EU-Grund­rech­te­Char­ta ver­ein­bar ist.

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass die fran­zö­si­schen Rechts­vor­schrif­ten im Hin­blick auf männ­li­che homo­se­xu­el­le Per­so­nen eine Dis­kri­mi­nie­rung wegen der sexu­el­len Aus­rich­tung dar­stel­len kön­nen, weist der Gerichts­hof dar­auf hin, dass jede Ein­schrän­kung der Aus­übung der in der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on aner­kann­ten Rech­te und Frei­hei­ten nur vor­ge­nom­men wer­den darf, wenn sie erfor­der­lich ist und den von der Uni­on aner­kann­ten dem Gemein­wohl die­nen­den Ziel­set­zun­gen oder den Erfor­der­nis­sen des Schut­zes der Rech­te und Frei­hei­ten ande­rer tat­säch­lich ent­spricht. In die­sem Zusam­men­hang stellt der Gerichts­hof fest, dass der in der fran­zö­si­schen Rege­lung vor­ge­se­he­ne Aus­schluss zwar dazu bei­trägt, das Risi­ko einer Über­tra­gung einer Infek­ti­ons­krank­heit auf die Emp­fän­ger zu mini­mie­ren, und damit dem all­ge­mei­nen Ziel dient, ein hohes Gesund­heits­schutz­ni­veau sicher­zu­stel­len, aber mög­li­cher­wei­se gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ver­stößt. Es ist näm­lich nicht aus­zu­schlie­ßen, dass HIV mit wirk­sa­men Tech­ni­ken nach­ge­wie­sen wer­den kann, die geeig­net sind, ein hohes Gesund­heits­schutz­ni­veau für Emp­fän­ger sicher­zu­stel­len. Das natio­na­le Gericht wird zu beur­tei­len haben, ob es sol­che wirk­sa­men Tech­ni­ken gibt, wobei die Tests nach den neu­es­ten wis­sen­schaft­li­chen und tech­ni­schen Ver­fah­ren durch­zu­füh­ren sind.
Falls es sol­che Tech­ni­ken nicht geben soll­te, wird das Tri­bu­nal admi­nis­tra­tif de Stras­bourg zu beur­tei­len haben, ob es nicht weni­ger belas­ten­de Metho­den als den Aus­schluss von der Blut­spen­de gibt, um ein hohes Gesund­heits­schutz­ni­veau der Emp­fän­ger sicher­zu­stel­len und ins­be­son­de­re, ob mög­li­cher­wei­se anhand des Fra­ge­bo­gens und der per­sön­li­chen Befra­gung durch einen qua­li­fi­zier­ten Ange­hö­ri­gen eines Gesund­heits­be­rufs das ris­kan­te Sexu­al­ver­hal­ten genau­er iden­ti­fi­ziert wer­den kann.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 29. April 2015 – C ‑528/​13

  1. ABl. L91, S. 25[]