Sekun­där­mi­gra­ti­on aner­kann­ter Flücht­lin­ge

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in Luxem­burg zur Klä­rung von Fra­gen ange­ru­fen, die die Sekun­där­mi­gra­ti­on von Aus­län­dern betref­fen, die bereits als Flücht­ling in einem EU-Mit­glied­staat aner­kannt wor­den sind.

Sekun­där­mi­gra­ti­on aner­kann­ter Flücht­lin­ge

Ins­be­son­de­re geht es um die in der Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie eröff­ne­te Mög­lich­keit, einen Asyl­an­trag als unzu­läs­sig abzu­leh­nen, wenn der Antrag­stel­ler bereits in einem ande­ren EU-Mit­glied­staat Flücht­lings­schutz erhal­ten hat. Bereits im März wur­de der Uni­ons­ge­richts­hof vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt um die Klä­rung von Fra­gen in Fäl­len ersucht, in denen im Aus­land sub­si­diä­rer Schutz gewährt wor­den ist (BVerwG, Beschluss vom 23. März 2017 – 1 C 17.16 u.a.).

  1. Ist ein Mit­glied­staat (hier: Deutsch­land) uni­ons­recht­lich gehin­dert, einen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz wegen der Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft in einem ande­ren Mit­glied­staat (hier: Ita­li­en) in Umset­zung der Ermäch­ti­gung in Art. 33 Abs. 2 Buchst. a Richt­li­nie 2013/​32/​EU bzw. der Vor­gän­ger­re­ge­lung in Art. 25 Abs. 2 Buchst. a Richt­li­nie 2005/​85/​EG als unzu­läs­sig abzu­leh­nen, wenn die Aus­ge­stal­tung des inter­na­tio­na­len Schut­zes, nament­lich die Lebens­be­din­gun­gen für aner­kann­te Flücht­lin­ge, in dem ande­ren Mit­glied­staat, der dem Antrag­stel­ler bereits inter­na­tio­na­len Schutz gewährt hat (hier. Ita­li­en), den Anfor­de­run­gen der Art. 20 ff. Richt­li­nie 2011/​95/​EU nicht genügt, ohne bereits gegen Art. 4 GRC bzw. Art. 3 EMRK zu ver­sto­ßen?
  2. Falls Fra­ge 1 zu beja­hen ist: Gilt dies auch dann, wenn aner­kann­ten Flücht­lin­gen im Mit­glied­staat der Flücht­lings­an­er­ken­nung (hier: Ita­li­en)
    1. kei­ne oder im Ver­gleich zu ande­ren Mit­glied­staa­ten nur in deut­lich ein­ge­schränk­tem Umfang exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen gewährt wer­den, sie inso­weit aber nicht anders behan­delt wer­den als die Staats­an­ge­hö­ri­gen die­ses Mit­glied­staa­tes?
    2. zwar die Rech­te nach Art. 20 ff. Richt­li­nie 2011/​95/​EU gewährt wer­den, sie aber fak­tisch erschwer­ten Zugang zu den damit ver­bun­de­nen Leis­tun­gen haben oder sol­chen Leis­tun­gen fami­liä­rer oder zivil­ge­sell­schaft­li­cher Netz­wer­ke haben, die staat­li­che Leis­tun­gen erset­zen oder ergän­zen?
  3. Steht Art. 14 Abs. 1 Satz 1 der Richt­li­nie 2013/​32/​EU bzw. die Vor­gän­ger­re­ge­lung in Art. 12 Abs. 1 Satz 1 der Richt­li­nie 2005/​85/​EG der Anwen­dung einer natio­na­len Bestim­mung ent­ge­gen, wonach eine unter­blie­be­ne per­sön­li­che Anhö­rung des Antrag­stel­lers bei einer von der Asyl­be­hör­de in Umset­zung der Ermäch­ti­gung in Art. 33 Abs. 2 Buchst. a Richt­li­nie 2013/​32/​EU bzw. der Vor­gän­ger­re­ge­lung in Art. 25 Abs. 2 Buchst. a Richt­li­nie 2005/​85/​EG ergan­ge­nen Ableh­nung des Asyl­an­trags als unzu­läs­sig nicht zur Auf­he­bung die­ser Ent­schei­dung wegen feh­len­der Anhö­rung führt, wenn der Antrag­stel­ler im Rechts­be­helfs­ver­fah­ren Gele­gen­heit hat, alle gegen eine Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung spre­chen­den Umstän­de vor­zu­brin­gen und auch unter Berück­sich­ti­gung die­ses Vor­brin­gens in der Sache kei­ne ande­re Ent­schei­dung erge­hen kann?

Die­sem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts liegt der Fall eines nach eige­nen Anga­ben eri­tre­äi­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen zugrun­de. Die­ser wur­de in Ita­li­en als Flücht­ling aner­kannt und erhielt dort eine bis zum 5. Febru­ar 2015 gül­ti­ge Auf­ent­halts­er­laub­nis sowie einen Rei­se­aus­weis mit glei­cher Gül­tig­keit. Im Sep­tem­ber 2011 reis­te er nach Deutsch­land ein und bean­trag­te hier die Aner­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­ter. Im Febru­ar 2013 teil­te das Ita­lie­ni­sche Innen­mi­nis­te­ri­um der Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on sei­ne Bereit­schaft zur Rück­über­nah­me des Klä­gers mit. Mit Bescheid vom Febru­ar 2013 stell­te das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bun­des­amt) fest, dass dem Klä­ger auf­grund sei­ner Ein­rei­se aus einem siche­ren Dritt­staat kein Asyl­recht zuste­he, und ord­ne­te sei­ne Abschie­bung nach Ita­li­en an. Die Kla­ge hat­te in den Vor­in­stan­zen bezüg­lich der Dritt­staa­ten­ent­schei­dung kei­nen Erfolg. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat dies damit begrün­det, dass dem Klä­ger kein Asyl­recht nach Art. 16a GG zuste­he, da er aus einem siche­ren Dritt­staat ein­ge­reist sei. Die Ver­mu­tung der Sicher­heit im Dritt­staat habe der Klä­ger nicht ent­kräf­tet. Ins­be­son­de­re lie­ge im Fall der Rück­füh­rung nach Ita­li­en nicht die Gefahr einer men­schen­rechts­wid­ri­gen Behand­lung vor, die Art. 3 EMRK wider­spre­chen wür­de. Dage­gen rich­tet sich die Revi­si­on des Klä­gers.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts kann die nach aktu­el­ler Rechts­la­ge in § 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG gere­gel­te Unzu­läs­sig­keit eines Asyl­an­trags wegen der Ein­rei­se aus einem siche­ren Dritt­staat kei­ne Rechts­grund­la­ge für den ange­foch­te­nen Bescheid dar­stel­len. Denn siche­re Dritt­staa­ten sind in uni­ons­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung die­ser Rege­lung nur Staa­ten, die kei­ne EU-Mit­glied­staa­ten sind.

Damit hängt der Erfolg der Revi­si­on davon ab, ob die Ent­schei­dung, kein Asyl­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren, in eine Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung nach § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG umge­deu­tet wer­den kann. Nach die­ser mit Wir­kung vom 6. August 2016 geschaf­fe­nen Vor­schrift ist ein Asyl­an­trag unzu­läs­sig, wenn ein ande­rer EU-Mit­glied­staat dem Aus­län­der bereits inter­na­tio­na­len Schutz gewährt hat. Für den hier vor­lie­gen­den Fall einer aus­län­di­schen Flücht­lings­an­er­ken­nung ermäch­tig­te bereits Art. 25 Abs. 2 Buch­sta­be a der EU-Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie von 2005 zu einer sol­chen Rege­lung.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sieht jedoch Klä­rungs­be­darf hin­sicht­lich der Fra­ge, ob eine Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung auch dann getrof­fen wer­den darf, wenn die Lebens­be­din­gun­gen für aner­kann­te Flücht­lin­ge in dem ande­ren Mit­glied­staat, der dem Antrag­stel­ler bereits inter­na­tio­na­len Schutz gewährt hat (hier: Ita­li­en), den Anfor­de­run­gen der Art. 20 ff. der EU-Aner­ken­nungs­richt­li­nie 2011/​95/​EU nicht genü­gen, ohne bereits gegen Art. 3 EMRK zu ver­sto­ßen. Klä­rungs­be­darf sieht das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auch zu den Rechts­fol­gen einer im behörd­li­chen Ver­fah­ren unter­blie­be­nen Anhö­rung, wenn es sich – wie bei der Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung – um eine gebun­de­ne Ent­schei­dung han­delt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 27. Juni 2017 – 1 C 26.16