Sekun­där­mi­gra­ti­on von Asyl­su­chen­den

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat in drei Ver­fah­ren den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in Luxem­burg zur Vor­ab­ent­schei­dung meh­re­rer Rechts­fra­gen ange­ru­fen, die die Sekun­där­mi­gra­ti­on von Asyl­su­chen­den betref­fen.

Sekun­där­mi­gra­ti­on von Asyl­su­chen­den

Ins­be­son­de­re geht es dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt um die Aus­le­gung und zeit­li­che Anwend­bar­keit der in der Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie 2013/​32/​EU (Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie n.F.) eröff­ne­ten Mög­lich­keit, einen Asyl­an­trag schon dann als unzu­läs­sig abzu­leh­nen, wenn der Antrag­stel­ler bereits in einem ande­ren EU-Mit­glied­staat sub­si­diä­ren Schutz erhal­ten hat:

  1. Steht die Über­gangs­be­stim­mung in Art. 52 Abs. 1 Richt­li­nie 2013/​32/​EU der Anwen­dung einer natio­na­len Rege­lung ent­ge­gen, wonach in Umset­zung der gegen­über der Vor­gän­ger­re­ge­lung erwei­ter­ten Ermäch­ti­gung in Art. 33 Abs. 2 Buchst a Richt­li­nie 2013/​32/​EU ein Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz unzu­läs­sig ist, wenn dem Antrag­stel­ler in einem ande­ren Mit­glied­staat sub­si­diä­rer Schutz zuer­kannt wur­de, soweit die natio­na­le Rege­lung man­gels natio­na­ler Über­gangs­re­ge­lung auch auf vor dem 20. Juli 2015 gestell­te Anträ­ge anzu­wen­den ist?

    Erlaubt die Über­gangs­be­stim­mung in Art. 52 Abs. 1 Richt­li­nie 2013/​32/​EU den Mit­glied­staa­ten ins­be­son­de­re eine rück­wir­ken­de Umset­zung der erwei­ter­ten Ermäch­ti­gung in Art. 33 Abs. 2 Buchst a Richt­li­nie 2013/​32/​EU mit der Fol­ge, dass auch vor der natio­na­len Umset­zung die­ser erwei­ter­ten Ermäch­ti­gung gestell­te, zum Zeit­punkt der Umset­zung aber noch nicht bestands­kräf­tig beschie­de­ne Asyl­an­trä­ge unzu­läs­sig sind?

  2. Räumt Art. 33 RL 2013/​32/​EU den Mit­glied­staa­ten ein Wahl­recht ein, ob sie einen Asyl­an­trag wegen ander­wei­ti­ger inter­na­tio­na­ler Zustän­dig­keit (Dub­lin-VO) oder nach Art. 33 Abs. 2 Buchst. a RL 2013/​32/​EU als unzu­läs­sig ableh­nen?
  3. Falls Fra­ge 2. bejaht wird: Ist ein Mit­glied­staat uni­ons­recht­lich gehin­dert, einen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz wegen der Gewäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes in einem ande­ren Mit­glied­staat in Umset­zung der Ermäch­ti­gung in Art. 33 Abs. 2 Buchst a Richt­li­nie 2013/​32/​EU als unzu­läs­sig abzu­leh­nen, wenn
    1. der Antrag­stel­ler eine Auf­sto­ckung des ihm in einem ande­ren Mit­glied­staat gewähr­ten sub­si­diä­ren Schut­zes begehrt (Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft) und das Asyl­ver­fah­ren in dem ande­ren Mit­glied­staat mit sys­te­mi­schen Män­geln behaf­tet war und wei­ter­hin ist oder
    2. die Aus­ge­stal­tung des inter­na­tio­na­len Schut­zes, nament­lich die Lebens­be­din­gun­gen für sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te, in dem ande­ren Mit­glied­staat, der dem Antrag­stel­ler bereits sub­si­diä­ren Schutz gewährt hat,
  4. Falls Fra­ge 3 b) zu beja­hen ist: Gilt dies auch dann, wenn sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten kei­ne oder im Ver­gleich zu ande­ren Mit­glied­staa­ten nur in deut­lich ein­ge­schränk­tem Umfang exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen gewährt wer­den, sie inso­weit aber nicht anders behan­delt wer­den als die Staats­an­ge­hö­ri­gen die­ses Mit­glied­staa­tes?
  5. Falls Fra­ge 2 zu ver­nei­nen ist:
    1. Fin­det die Dub­lin III-VO in einem Ver­fah­ren auf Gewäh­rung inter­na­tio­na­len Schut­zes Anwen­dung, wenn der Asyl­an­trag vor dem 1. Janu­ar 2014, das Wie­der­auf­nah­me­ge­such aber erst nach dem 1. Janu­ar 2014 gestellt wor­den ist und der Antrag­stel­ler zuvor (im Febru­ar 2013) bereits in dem ersuch­ten Mit­glied­staat sub­si­diä­ren Schutz erhal­ten hat?
    2. Ist den Dub­lin-Rege­lun­gen ein – unge­schrie­be­ner – Zustän­dig­keits­über­gang auf den um Wie­der­auf­nah­me eines Antrag­stel­lers ersu­chen­den Mit­glied­staat zu ent­neh­men, wenn der ersuch­te zustän­di­ge Mit­glied­staat die frist­ge­recht bean­trag­te Wie­der­auf­nah­me nach den Dub­lin-Bestim­mun­gen abge­lehnt und statt­des­sen auf ein zwi­schen­staat­li­ches Rück­über­nah­me­ab­kom­men ver­wie­sen hat?

In allen drei beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt anhän­gi­gen Ver­fah­ren haben staa­ten­lo­se Paläs­ti­nen­ser aus Syri­en geklagt. Sie hat­ten in Bul­ga­ri­en sub­si­diä­ren Schutz erhal­ten, kamen 2013 von dort über Ungarn und Öster­reich nach Deutsch­land und stell­ten hier erneut Asyl­an­trä­ge. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) stell­te fest, dass ihnen wegen ihrer Ein­rei­se aus Bul­ga­ri­en als einem siche­ren Dritt­staat kein Asyl­recht zusteht, und ord­ne­te ihre Abschie­bung nach Bul­ga­ri­en an.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz in Koblenz hat die Abschie­bungs­an­ord­nun­gen jeweils auf­ge­ho­ben und die kla­ge­ab­wei­sen­den erst­in­stanz­li­chen Urtei­le des Ver­wal­tungs­ge­richts Trier 1 im Übri­gen bestä­tigt 2. Dabei hat das OVG Koblenz sei­ne Ent­schei­dung unter ande­rem dar­auf gestützt, dass die Asyl­be­wer­ber kei­nen Schutz durch Deutsch­land bean­spru­chen könn­ten, weil sie aus einem siche­ren Dritt­staat – näm­lich Öster­reich – ein­ge­reist sei­en. Dage­gen rich­ten sich die Revi­sio­nen der Asyl­be­wer­ber.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist nun der Auf­fas­sung, dass die nach aktu­el­ler Rechts­la­ge in § 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG gere­gel­te Unzu­läs­sig­keit eines Asyl­an­trags wegen der Ein­rei­se aus einem siche­ren Dritt­staat kei­ne Rechts­grund­la­ge für die ange­foch­te­nen Beschei­de dar­stel­len kann. Denn siche­re Dritt­staa­ten sind in uni­ons­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung die­ser Rege­lung nur Staa­ten, die kei­ne EU-Mit­glied­staa­ten sind; die Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie unter­schei­det klar zwi­schen EU-Mit­glied­staa­ten und Dritt­staa­ten.

Damit hängt der Erfolg der Revi­sio­nen davon ab, ob die Ent­schei­dun­gen, kei­ne Asyl­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren, in Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dun­gen nach § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG umge­deu­tet wer­den kön­nen. Nach die­ser mit Wir­kung vom 6. August 2016 geschaf­fe­nen Vor­schrift ist ein Asyl­an­trag unzu­läs­sig, wenn ein ande­rer EU-Mit­glied­staat dem Aus­län­der bereits inter­na­tio­na­len Schutz gewährt hat. Der 1. Revi­si­ons­se­nat sieht Klä­rungs­be­darf hin­sicht­lich der Fra­ge, ob die Über­gangs­re­ge­lung in Art. 52 Abs. 1 Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie n.F. der Anwen­dung die­ser Vor­schrift auf die hier anhän­gi­gen und vor dem in Art. 52 Abs. 1 der Richt­li­nie genann­ten Stich­tag 20. Juli 2015 ein­ge­lei­te­ten Asyl­ver­fah­ren ent­ge­gen­steht. Für den Fall der Anwend­bar­keit der Neu­fas­sung der Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie sieht der Senat Klä­rungs­be­darf auch hin­sicht­lich etwai­ger uni­ons­recht­lich begrün­de­ter Ein­schrän­kun­gen bei der Ableh­nung eines auf die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft (sog. Auf­sto­ckung) zie­len­den Asyl­an­trags als unzu­läs­sig wegen der Gewäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes in einem ande­ren Mit­glied­staat sowie zu Fra­gen der inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat den Uni­ons­ge­richts­hof ersucht, über die Vor­la­ge­fra­gen im beschleu­nig­ten Ver­fah­ren gemäß Art. 105 sei­ner Ver­fah­rens­ord­nung zu ent­schei­den, weil sich die auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen in einer Viel­zahl von der­zeit bei dem Bun­des­amt und den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten anhän­gi­gen Fäl­len stel­len.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 23. Mai 2017 – 1 C 20.16

  1. VG Trier, Urtei­le vom 20.05.2014 – 1 K 483/​14.TR und 1 K 487/​14.TR; und vom 22.07.2014 – 1 K 618/​14.TR[]
  2. OVG Rhein­land-Pfalz, Urtei­le vom 18.02.2016 – 1 A 11081/​14; 1 A 11082/​14 und 1 A 11083/​14[]