Siche­rungs­haft – und die feh­len­de Abschie­bungs­an­dro­hung

Die Anord­nung von Abschie­bungs­haft hat den Betrof­fe­nen in sei­nen Rech­ten ver­letzt, wenn im Zeit­punkt der Haft­an­ord­nung eine Abschie­bungs­an­dro­hung nicht vor­lag und es des­halb an einer Voll­stre­ckungs­vor­aus­set­zung fehl­te.

Siche­rungs­haft – und die feh­len­de Abschie­bungs­an­dro­hung

Zu den von dem Haft­rich­ter zu prü­fen­den Voll­stre­ckungs­vor­aus­set­zun­gen gehört grund­sätz­lich das Vor­lie­gen einer Abschie­bungs­an­dro­hung nach § 59 Auf­en­thG. Eine sol­che Andro­hung muss auch dann erfol­gen, wenn der Aus­län­der gemäß § 14 Auf­en­thG uner­laubt ein­ge­reist und des­halb nach § 58 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 Auf­en­thG voll­zieh­bar aus­rei­se­pflich­tig ist 1.

Eine frü­he­re Abschie­bungs­an­dro­hung ist durch die Über­stel­lung des Betrof­fe­nen (hier:) nach Ita­li­en "ver­braucht"; sie wirkt nicht als vor­sorg­li­che Andro­hung für den Fall einer erneu­ten uner­laub­ten Ein­rei­se fort 2.

Etwas ande­res folgt hier nicht aus § 71 Abs. 5 und 6 AsylG.

Stellt der Aus­län­der, nach­dem eine nach Stel­lung des frü­he­ren Asyl­an­trags ergan­ge­ne Abschie­bungs­an­dro­hung voll­zieh­bar gewor­den ist, einen Fol­ge­an­trag, der nicht zur Durch­füh­rung eines wei­te­ren Ver­fah­rens führt, so bedarf es aller­dings nach § 71 Abs. 5 AsylG zum Voll­zug der Abschie­bung kei­ner erneu­ten Frist­set­zung und Abschie­bungs­an­dro­hung. Nach Absatz 6 Satz 1 die­ser Vor­schrift gilt dies auch, wenn der Aus­län­der zwi­schen­zeit­lich das Bun­des­ge­biet ver­las­sen hat­te. Die Vor­schrift ermög­licht die Abschie­bung des Aus­län­ders auf der Grund­la­ge der in einem frü­he­ren Ver­fah­ren erlas­se­nen asyl­ver­fah­rens­recht­li­chen Abschie­bungs­an­dro­hung 3. Ein Ver­brauch der Abschie­bungs­an­dro­hung schei­det in die­sem Fall aus. Bei der Aus­rei­se bzw. Abschie­bung kann näm­lich noch nicht über­se­hen wer­den, ob nach einer spä­te­ren Wie­der­ein­rei­se ein Fol­ge­an­trag gestellt und die frü­he­re Abschie­bungs­an­dro­hung der Rege­lung in § 71 Abs. 5 Satz 1 AsylG ent­spre­chend noch für die Auf­ent­halts­be­en­di­gung des poten­ti­el­len Fol­ge­an­trag­stel­lers benö­tigt wird 4.

Die Vor­schrift des § 71 Abs. 6 AsylG war im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht ein­schlä­gig. Der Betrof­fe­ne hat zwar erneut einen Asyl­an­trag gestellt. Dabei han­delt es sich aber nicht um einen Asyl­fol­ge­an­trag. Die­ser setzt nach § 71 Abs. 1 AsylG vor­aus, dass ein frü­he­rer Asyl­an­trag zurück­ge­nom­men oder unan­fecht­bar abge­lehnt wor­den ist. Dar­an fehlt es. Aus dem Bescheid des BAMF ergibt sich, dass über die Kla­ge des Betrof­fe­nen gegen den frü­he­ren Bescheid in der Haupt­sa­che noch nicht ent­schie­den war. Dann kann es sich bei dem wei­te­ren Asyl­be­geh­ren nicht um einen Fol­ge­an­trag, son­dern nur um eine Bestä­ti­gung bzw. Ergän­zung des noch anhän­gi­gen Asyl­an­trags 5 oder um einen sog. "Mehr­fach" bzw. "Dop­pel­an­trag" han­deln 6, wes­we­gen die für den Fol­ge­an­trag gel­ten­den Spe­zi­al­vor­schrift des § 71 Abs. 5 und 6 AsylG nicht anwend­bar ist.

Der Feh­ler war im vor­lie­gen­den Fall auch nicht geheilt wor­den. Zwar hat das BAMF eine erneu­te Abschie­bungs­an­dro­hung erlas­sen, so dass ab die­sem Zeit­punkt die voll­zieh­ba­re Aus­rei­se­pflicht durch eine Abschie­bung durch­ge­setzt wer­den konn­te 7. Das konn­te den Feh­ler im vor­lie­gen­den Fall aber schon des­halb nicht behe­ben, da sich der Betrof­fe­ne zu die­sem Zeit­punkt nicht mehr in Siche­rungs­haft befun­den hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Febru­ar 2019 – V ZB 216/​17

  1. BGH, Beschluss vom 17.03.2016 – V ZB 39/​15 5 mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 11.01.2018 – V ZB 62/​17, Asyl­ma­ga­zin 2018, 182 Rn. 12; Beschluss vom 13.09.2018 – V ZB 61/​18 5; vgl. für den Fall der frei­wil­li­gen Aus­rei­se BGH, Beschluss vom 17.03.2016 – V ZB 39/​15 8; Beschluss vom 14.01.2016 – V ZB 18/​14 9; Beschluss vom 01.10.2015 – V ZB 44/​15, InfAuslR 2015, 440 Rn. 7[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 01.10.2015 – V ZB 44/​15, InfAuslR 2015, 440 Rn. 6; vgl. VGH Baden­Würt­tem­berg, Beschluss vom 19.09.2001 11 S 2099/​01 5[]
  4. OVG Müns­ter, NWVBl 2005, 439, 440; OVG Mag­de­burg, Beschluss vom 21.02.2006 2 M 217/​05 12[]
  5. Bergmann/​Dienelt, Aus­län­der­recht, 12. Aufl., § 71 AsylG Rn. 11, 13; HKAuslR/​Kerstin Mül­ler, 2. Aufl., § 71 AsylVfG Rn. 14[]
  6. Beck­OK AuslR/​Dickten, AsylG [1.08.2018], § 71 Rn. 4a[]
  7. BGH, Beschluss vom 27.09.2012 – V ZB 31/​12, InfAuslR 2013, 38 Rn. 6[]