Sofort­voll­zug einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge

Allein das Inter­es­se an einer gleich­mä­ßi­gen fis­ka­li­schen Belas­tung ein­zel­ner Kom­mu­nen durch aus­län­di­sche Emp­fän­ger sozia­ler Leis­tun­gen ver­mag die sofor­ti­ge Voll­zie­hung einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge nicht zu recht­fer­ti­gen.

Sofort­voll­zug einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge

Auch die Anord­nung des Sofort­voll­zugs einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge greift in das auch Aus­län­dern zuste­hen­de Grund­recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit und die davon umfass­te Frei­heit der Wahl des Auf­ent­halts­or­tes und des Wohn­sit­zes in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein 1. Deren Gewicht wird durch die Anord­nung des Sofort­voll­zugs noch zusätz­lich ver­schärft, so dass ein über das Inter­es­se am Erlass des Ver­wal­tungs­akts hin­aus­ge­hen­des beson­de­res öffent­li­ches Inter­es­se an einer Wohn­sitz­ver­le­gung vor Ein­tritt der Unan­fecht­bar­keit erfor­der­lich ist.

Die vor­aus­sicht­li­che Recht­mä­ßig­keit eines Ver­wal­tungs­akts begrün­det für sich allein nur das all­ge­mei­ne Inter­es­se an sei­ner Voll­zie­hung, nicht aber zugleich auch deren, für die behörd­li­che Anord­nung nach § 80 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 VwGO erfor­der­li­che Dring­lich­keit 2.

An dem danach erfor­der­li­chen beson­de­ren öffent­li­chen Inter­es­se an der sofor­ti­gen Voll­zie­hung fehlt es hier.

Es ergibt sich nicht aus dem Inter­es­se an einer gleich­mä­ßi­gen Belas­tung der Kom­mu­nen mit Aus­ga­ben für an Aus­län­der zu erbrin­gen­de Sozi­al­leis­tun­gen. Nach der ermes­sens­len­ken­den Ver­wal­tungs­vor­schrift in Nr. 12.2 f. der All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift zum Auf­ent­halts­ge­setz – AVwV Auf­en­thG – vom 26.10.2009 3, die in Nie­der­sach­sen auch für die Ertei­lung wohn­sitz­be­schrän­ken­der Auf­la­gen zu Dul­dun­gen Anwen­dung fin­det 4, zielt die wohn­sitz­be­schrän­ken­de Auf­la­ge bereits als sol­che dar­auf ab, mit­tels einer regio­na­len Bin­dung die über­pro­por­tio­na­le fis­ka­li­sche Belas­tung ein­zel­ner Län­der und Kom­mu­nen durch aus­län­di­sche Emp­fän­ger sozia­ler Leis­tun­gen zu ver­hin­dern (vgl. Nr. 12.02.05.02.1 Satz 1 AVwV Auf­en­thG). Die­ses durch­aus berech­tig­te öffent­li­che Inter­es­se am Erlass einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge 5 ver­mag aber regel­mä­ßig nicht zugleich deren sofor­ti­ge Voll­zie­hung zu recht­fer­ti­gen 6. Viel­mehr bedarf es eines hier­über hin­aus­ge­hen­den öffent­li­chen Inter­es­ses am Sofort­voll­zug 7. Das Inter­es­se an einer gleich­mä­ßi­gen Belas­tung der Kom­mu­nen mit Aus­ga­ben für an Aus­län­der zu erbrin­gen­de Sozi­al­leis­tun­gen allein ver­mag die sofor­ti­ge Voll­zie­hung einer wohn­sitz­be­schrän­ken­den Auf­la­ge daher nicht zu recht­fer­ti­gen 8.

Ein beson­de­res öffent­li­ches Voll­zugs­in­ter­es­se ergibt sich auch nicht aus dem all­ge­mei­nen öffent­li­chen Inter­es­se an der Ein­hal­tung auf­ent­halts­recht­li­cher Vor­schrif­ten. Der Gesetz­ge­ber hat durch die Rege­lung des § 84 Abs. 1 Auf­en­thG zu erken­nen gege­ben, in den Fäl­len der Ertei­lung wohn­sitz­be­schrän­ken­der Auf­la­gen zu Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen nach § 12 Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG 9 und zu Dul­dun­gen nach § 61 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG 10 regel­mä­ßig kei­nen der dem Abwar­ten des Haupt­sa­che­ver­fah­rens ent­ge­gen­stellt, unver­züg­li­chen Hand­lungs­be­darf zu sehen, es viel­mehr beim Grund­satz des § 80 Abs. 1 VwGO blei­ben soll­te, wonach der Kla­ge auf­schie­ben­de Wir­kung zukommt. Die infol­ge­des­sen bestehen­de auf­schie­ben­de Wir­kung einer Kla­ge gegen einen auf § 12 Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG oder § 61 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG gestütz­ten Bescheid und die hier­an anknüp­fen­de Mög­lich­keit, wäh­rend des Rechts­mit­tel­ver­fah­rens den Wohn­sitz frei von den ver­füg­ten Beschrän­kun­gen zu wäh­len, ist Fol­ge des gesetz­li­chen, durch Art.19 Abs. 4 GG garan­tier­ten Rechts­schutz­sys­tems und daher hin­zu­neh­men.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 10. Sep­tem­ber 2014 – 8 ME 87/​14

  1. vgl. BVerfG, Beschluss vom 9.02.2001 – 1 BvR 781/​98, DVBl.2001, 892, 893; Beschluss vom 18.07.1973 – 1 BvR 23/​73, BVerfGE 35, 382, 399[]
  2. vgl. grund­le­gend BVerfG, Beschluss vom 27.04.2005 – 1 BvR 223/​05, NVwZ 2005, 1303; Beschluss vom 18.07.1973, a.a.O., S. 402; Fin­keln­bur­g/­Dom­ber­t/­Külp-mann, Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz im Ver­wal­tungs­streit­ver­fah­ren, 6. Aufl., Rn. 757 f. m.w.N.[]
  3. GMBl. S. 877[]
  4. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 23.11.2012 – 8 LA 149/​12 21[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 9.02.2001, a.a.O., S. 892 f.[]
  6. vgl. zu den hier ersicht­lich nicht ein­schlä­gi­gen Aus­nah­men: Finkelnburg/​Dombert/​Külpmann, a.a.O., Rn. 759 m.w.N.[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 27.04.2005, a.a.O.; v. 18.07.1973, a.a.O.; Nds. OVG, Beschl. v. 21.03.2014 – 8 ME 24/​14, Rn. 4; v. 10.05.2012 – 8 ME 59/​12 4; v. 29.07.2011 – 8 ME 36/​11 22 jeweils m.w.N.[]
  8. vgl. auch VG Gel­sen­kir­chen, Beschluss vom 15.08.2007 – 9 L 708/​07 29 f.[]
  9. vgl. hier­zu Nds. OVG, Beschl. v. 13.04.2010 – 8 ME 5/​10 21[]
  10. vgl. hier­zu Nds. OVG, Beschl. v. 23.11.2012, a.a.O., Rn. 15 f.[]