Spät­aus­sied­ler – und der zwi­schen­zeit­lich zurück­ge­kehr­te Sohn

Ein Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger kann nur dann nach­träg­lich in den Auf­nah­me­be­scheid eines Spät­aus­sied­lers ein­be­zo­gen wer­den, wenn er sei­nen Wohn­sitz seit des­sen Aus­sied­lung unun­ter­bro­chen im Aus­sied­lungs­ge­biet hat­te.

Spät­aus­sied­ler – und der zwi­schen­zeit­lich zurück­ge­kehr­te Sohn

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall reis­te die 1936 gebo­re­ne, aus Kasach­stan stam­men­de Spät­aus­sied­le­rin und ihr 1971 gebo­re­ne Sohn im Novem­ber 1994 auf der Grund­la­ge eines ihnen jeweils erteil­ten Auf­nah­me­be­schei­des nach dem Bun­des­ver­trie­be­nen­ge­setz (BVFG) nach Deutsch­land ein und bean­trag­ten im Dezem­ber 1994 die Aus­stel­lung einer Spät­aus­sied­ler­be­schei­ni­gung. Noch vor Aus­stel­lung einer Beschei­ni­gung kehr­te der Sohn der Spät­aus­sied­le­rin im Janu­ar 1995 nach Kasach­stan zurück zu sei­ner schwan­ge­ren Lebens­ge­fähr­tin. Nach­dem der Gesetz­ge­ber die Rechts­grund­la­gen für die Ein­be­zie­hung von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen erwei­tert hat­te, bean­trag­te die Spät­aus­sied­le­rin im März 2012, ihren Sohn nach­träg­lich in den ihr erteil­ten Auf­nah­me­be­scheid ein­zu­be­zie­hen. Das für Ange­le­gen­hei­ten der Spät­aus­sied­ler zustän­di­ge Bun­des­ver­wal­tungs­amt lehn­te den Antrag mit der Begrün­dung ab, der Sohn sei nicht im Aus­sied­lungs­ge­biet ver­blie­ben; viel­mehr sei er nach erfolg­ter Aus­sied­lung dort­hin zurück­ge­kehrt.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter hat das Bun­des­ver­wal­tungs­gamt ver­pflich­tet, den Sohn der Spät­aus­sied­le­rin nach­träg­lich in den ihr erteil­ten Auf­nah­me­be­scheid ein­zu­be­zie­hen, und auf die im Ent­schei­dungs­zeit­punkt (wie­der) bestehen­de Tren­nung abge­stellt [1]. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on des Bun­des­ver­wal­tungs­amts hat­te vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Erfolg:

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine nach­träg­li­che Ein­be­zie­hung lie­gen nicht vor, weil der Sohn der Spät­aus­sied­le­rin nicht – wie von § 27 Abs. 2 Satz 3 BVFG ver­langt – „im Aus­sied­lungs­ge­biet ver­blie­ben“ ist. Die­se Vor­aus­set­zung legt bereits nach ihrem Wort­laut nahe, dass der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge im gesam­ten Zeit­raum von der Aus­sied­lung des Spät­aus­sied­lers bis zur Ent­schei­dung über die nach­träg­li­che Ein­be­zie­hung im Aus­sied­lungs­ge­biet wohn­haft gewe­sen sein muss. Auch aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift, der Geset­zes­sys­te­ma­tik und dem Sinn und Zweck der Norm erge­ben sich jeden­falls kei­ne posi­ti­ven Anhalts­punk­te dafür, dass (auf Dau­er ange­leg­te) Zwi­schen­auf­ent­hal­te außer­halb des Aus­sied­lungs­ge­biets den Anspruch auf nach­träg­li­che Ein­be­zie­hung unbe­rührt las­sen. Zwar hat der Gesetz­ge­ber mit der Erleich­te­rung der nach­träg­li­chen Ein­be­zie­hung von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen im Jahr 2013 eine Mög­lich­keit schaf­fen wol­len, aus­sied­lungs­be­ding­te Fami­li­en­tren­nun­gen in mög­lichst vie­len Fäl­len zu besei­ti­gen. Die­ses all­ge­mei­ne Ziel hat er jedoch nur im Rah­men der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen und unter Bei­be­hal­tung der all­ge­mei­nen ver­trie­be­nen­recht­li­chen Sys­te­ma­tik ver­wirk­licht. Dazu gehört der kon­ti­nu­ier­li­che Auf­ent­halt des Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen im Aus­sied­lungs­ge­biet.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. Sep­tem­ber 2016 – 1 C 19.15 [2]

  1. OVG NRW, Urteil vom 16.09.2015 – 11 A 1882/​14; eben­so auch OVG NRW, Urtei­le vom 16.09.2015 – 11 A 626/​14 und 11 A 1747/​14[]
  2. eben­so BVerwG, Urtei­le vom 27. Sep­tem­ber 2016 – 1 C 20.15 und 1 C 21.15[]