Staats­ex­amen „unge­nü­gend”

Ein­zel­ne po­si­ti­ve Ele­men­te ste­hen der Be­wer­tung einer Prü­fungs­leis­tung als „un­ge­nü­gend“ im Sin­ne von § 1 der Ver­ord­nung über eine No­­ten- und Punk­te­ska­la für die ers­te und zwei­te ju­ris­ti­sche Prü­fung vom 3. De­zem­ber 1981 nicht ent­ge­gen, wenn sie eine nur ge­ring­fü­gi­ge Be­deu­tung auf­wei­sen und hier­durch der An­nah­me nicht ent­ge­gen­ste­hen, die Prü­fungs­leis­tung sei dem Ge­samt­ein­druck nach eine völ­lig un­brauch­ba­re Leis­tung. Ob eine Prü­fungs­leis­tung als „un­ge­nü­gend“ im Sin­ne von § 1 der Ver­ord­nung über eine No­­ten- und Punk­te­ska­la für die ers­te und zwei­te ju­ris­ti­sche Prü­fung vom 3. De­zem­ber 1981 ein­ge­stuft hat, ist eine nur ein­ge­schränk­ter ge­richt­li­cher Über­prü­fung zu­gäng­li­che prü­fungs­spe­zi­fi­sche Wer­tung.

Staats­ex­amen „unge­nü­gend”

Nach § 1 der Ver­ord­nung über eine Noten- und Punk­te­ska­la für die ers­te und zwei­te juris­ti­sche Prü­fung1 ist die Note „unge­nü­gend“ für „eine völ­lig unbrauch­ba­re Leis­tung“ vor­ge­se­hen, wohin­ge­gen die Note „man­gel­haft“ zu ver­ge­ben ist, wenn es sich um eine „an erheb­li­chen Män­geln lei­den­de, im Gan­zen nicht mehr brauch­ba­re Leis­tung“ han­delt. Wort­laut und sys­te­ma­ti­scher Zusam­men­hang bei­der Defi­ni­tio­nen deu­ten zunächst dar­auf hin, dass Leis­tun­gen, die in Tei­len noch brauch­bar sind, nicht mit „unge­nü­gend“, son­dern allen­falls mit „man­gel­haft“ beno­tet wer­den dür­fen. Aller­dings wird, abge­se­hen von extrem gela­ger­ten Fäl­len wie der Abga­be eines unbe­schrie­be­nen Blat­tes, prak­tisch jede Prü­fungs­leis­tung irgend­wel­che für sich betrach­tet noch brauch­ba­ren Tei­le – und sei es nur in Gestalt ver­ein­zel­ter Absät­ze, Sät­ze oder Über­schrif­ten – auf­wei­sen. Ein sinn­haf­tes Norm­ver­ständ­nis ergibt sich nur dann, wenn als ergän­zen­des Abgren­zungs­kri­te­ri­um hin­zu­ge­nom­men wird, ob der für sich genom­men noch brauch­ba­ren Teil­leis­tung im Gesamt­rah­men der Prü­fungs­ar­beit über­haupt rele­van­tes Gewicht bei­zu­mes­sen ist. Andern­falls ver­blie­be für die Note „unge­nü­gend“ kein nen­nens­wer­ter Anwen­dungs­be­reich, was vom Ver­ord­nungs­ge­ber nicht bezweckt gewe­sen sein kann.

Ein­zel­ne posi­ti­ve Ele­men­te in einer Prü­fungs­leis­tung ste­hen deren Bewer­tung als „unge­nü­gend“ dem­nach nicht schlecht­hin, son­dern – wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zutref­fend erkannt hat – erst dann ent­ge­gen, wenn sie eine nicht nur gering­fü­gi­ge Bedeu­tung auf­wei­sen und hier­durch der Annah­me ent­ge­gen­ste­hen, die Prü­fungs­leis­tung sei dem Gesamt­ein­druck nach eine völ­lig unbrauch­ba­re Leis­tung. Die­ser Maß­stab lag der Sache nach bereits einem Beschluss des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 2. Juni 19982 zugrun­de und ent­spricht einer auch in der Instanz­recht­spre­chung ver­brei­te­ten Auf­fas­sung3. Wei­te­re Ver­fei­ne­run­gen die­ses Maß­stabs sind auf einer fall­über­grei­fen­den Ebe­ne nicht mög­lich.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in Bezug auf die Gewich­tung von Teil­leis­tun­gen einer Prü­fungs­ar­beit in frü­he­ren Ent­schei­dun­gen all­ge­mein ange­nom­men, dass inso­weit ein prü­fungs­spe­zi­fi­scher Wer­tungs­spiel­raum eröff­net sei, des­sen Ein­hal­tung durch den Prü­fer nur im Hin­blick auf bestimm­te äuße­re Gren­zen einer gericht­li­chen Über­prü­fung zugäng­lich sei, ins­be­son­de­re dahin­ge­hend, ob der Prü­fer von fal­schen Tat­sa­chen aus­ge­gan­gen sei, all­ge­mein aner­kann­te Bewer­tungs­grund­sät­ze miss­ach­tet oder sach­frem­de Erwä­gun­gen ange­stellt habe4. Die­se Maß­ga­ben müs­sen eben­so zur Anwen­dung kom­men, wenn spe­zi­ell in Rede steht, ob ein für sich genom­men posi­ti­ver Ansatz im Gesamt­rah­men der Arbeit ein so gering­fü­gi­ges Gewicht auf­weist, dass er deren Bewer­tung als eine völ­lig unbrauch­ba­re Leis­tung nicht ent­ge­gen­steht. Denn auch die­se Wer­tung kann nur auf Grund­la­ge kom­ple­xer Erwä­gun­gen vor­ge­nom­men wer­den, die in ein Bezugs­sys­tem ein­ge­ord­net sind, das durch die per­sön­li­chen Erfah­run­gen der Prü­fer bei ver­gleich­ba­ren Prü­fun­gen beein­flusst wird, und die sich im Ver­wal­tungs­streit­ver­fah­ren des Prüf­lings nicht ohne wei­te­res iso­liert, d.h. los­ge­löst vom Ver­gleichs­rah­men der Prü­fung nach­voll­zie­hen las­sen5. Daher ist es letzt­lich eine dem Prü­fer vor­be­hal­te­ne prü­fungs­spe­zi­fi­sche Wer­tung, ob im Hin­blick auf die Defi­ni­ti­on in § 1 der Ver­ord­nung über eine Noten- und Punk­te­ska­la für die ers­te und zwei­te juris­ti­sche Prü­fung vom 03.12.1981 eine Prü­fungs­leis­tung als „eine völ­lig unbrauch­ba­re Leis­tung“ ein­zu­stu­fen ist. In die­sen Bereich dür­fen die Gerich­te nicht ein­drin­gen, son­dern haben nur zu über­prü­fen, ob die oben benann­ten Gren­zen über­schrit­ten wor­den sind6.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 8. März 2012 – 6 B 36.11

  1. vom 03.12.1981, BGBl I S. 1243; geän­dert durch Art.209 Abs. 4 des Geset­zes vom 19.04.2006 – BGBl I S. 866
  2. BVerwG, Beschluss vom 02.06.1998 – 6 B 78.97
  3. vgl. die Nach­wei­se bei Zimmerling/​Brehm, Prü­fungs­recht, 3. Aufl.2007, S. 411 f. Rn. 819
  4. BVerwG, Beschluss vom 10.10.1994 – 6 B 73.94, Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 338 S. 47 f.; Beschluss vom 16.08.2011 – 6 B 18.11 – juris Rn. 16., vgl. bereits Urteil vom 21.10.1993 – 6 C 12.92, Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 320 S. 307 f.
  5. vgl. zu die­sem Maß­stab: Beschluss vom 13.05.2004 – 6 B 25.04, Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 406 S. 67 f.; Urtei­le vom 21.10.1993 a.a.O. und vom 06.09.1995 – 6 C 18.93, BVerw­GE 99, 185, 197 = Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 356 S. 114
  6. vgl. Beschluss vom 13.05.2004 a.a.O. S. 69; dort zur Note „man­gel­haft“