Städ­te­bau­li­cher Anlass für ein Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter

Zuerst kommt der ICE-Bahn­hof, dann ent­wi­ckelt sich der Rest schon dar­um her­um. Die­se Tak­tik scheint zumin­dest in städ­te­pla­ne­ri­scher Sicht nun in Mon­ta­baur auf­zu­ge­hen. Vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz in Koblenz blie­ben jetzt die Kla­gen zwei­er Nach­bar­städ­te gegen das geplan­te Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter in Mon­ta­baur ohne Erfolg. Der Bebau­ungs­plan für ein Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter in Mon­ta­baur begeg­net nach Ansicht der Koblen­zer Rich­ter kei­nen durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken und ist daher wirk­sam.

Städ­te­bau­li­cher Anlass für ein Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter

Die Stadt Mon­ta­baur möch­te im Bereich des ICE-Bahn­hofs unmit­tel­bar an der Bun­des­au­to­bahn A 3 ein Fabrik­ver­kaufs­zen­trum vor allem für Beklei­dung ansie­deln. Gegen den Bebau­ungs­plan haben die Städ­te Lim­burg, Koblenz und Neu­wied Nor­men­kon­troll­an­trä­ge gestellt. Sie befürch­ten, das Fabrik­ver­kaufs­zen­trum wer­de zu erheb­li­chen Umsatz­ein­bu­ßen für den Ein­zel­han­del in ihren Innen­städ­ten füh­ren. Nach­dem Bemü­hun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts um eine ver­gleichs­wei­se Bei­le­gung des Rechts­streits zwi­schen­zeit­lich geschei­tert sind, hat die Stadt Koblenz ihren Antrag zurück­ge­zo­gen. Die Nor­men­kon­troll­an­trä­ge der Städ­te Lim­burg und Neu­wied hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz nun abge­lehnt.

Für den Bebau­ungs­plan bestehe ein beson­de­rer städ­te­bau­li­cher Anlass. Er die­ne der Fort­ent­wick­lung des Gelän­des um den ICE-Bahn­hof in Mon­ta­baur als ein­zi­gem ICE-Hal­te­punkt an die­ser Stre­cke in Rhein­land-Pfalz. Dem­ge­gen­über han­de­le es sich bei den befürch­te­ten Ein­flüs­sen auf den Ein­zel­han­del ledig­lich um mit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen, die in gewis­sem Maße hin­zu­neh­men sei­en.

Der Bebau­ungs­plan ent­spre­che auch dem Gebot pla­ne­ri­scher Kon­flikt­be­wäl­ti­gung. Er tra­ge den Inter­es­sen der Nach­bar­städ­te am Schutz ihres Ein­zel­han­dels Rech­nung, indem er die zuläs­si­ge Ver­kaufs­flä­che auf 10.000 m² und das Sor­ti­ment auf „Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter-typi­sche” Waren wie etwa Aus­lauf­mo­del­le oder Rest­pos­ten bestimm­ter Mar­ken beschrän­ke. Die Begren­zung der Ver­kaufs­flä­che und deren Auf­tei­lung auf ver­schie­de­ne Sor­ti­ments­ty­pen (u.a. 66% Beklei­dung, 14% Schu­he) sei recht­lich auch zuläs­sig.

Das Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter Mon­ta­baur ver­sto­ße des Wei­te­ren nicht gegen die über­ge­ord­ne­ten Zie­le der Raum­ord­nung des Lan­des. Es ste­he nament­lich nicht im Wider­spruch zum soge­nann­ten Zen­tra­li­täts­ge­bot nach dem Lan­des­ent­wick­lungs­plan IV. Denn Mon­ta­baur sei ein Mit­tel­zen­trum, in dem auch Ein­kaufs­zen­tren mit mehr als 2000 m² ange­sie­delt wer­den dürf­ten. Das geplan­te Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter ver­sto­ße auch nicht gegen das städ­te­bau­li­che Inte­gra­ti­ons­ge­bot, dem­zu­fol­ge groß­flä­chi­ge Ein­zel­han­dels­be­trie­be mit innen­stadt­re­le­van­tem Sor­ti­ment nur in zen­tra­len Ver­sor­gungs­be­rei­chen – also ins­be­son­de­re in Innen­städ­ten – ange­sie­delt wer­den dürf­ten. Denn inso­weit habe das Lan­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um durch einen Ziel­ab­wei­chungs­be­scheid eine Aus­nah­me für das Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter Mon­ta­baur zuge­las­sen. Die­ser Bescheid sei mitt­ler­wei­le bestands­kräf­tig und kön­ne daher im Rah­men der vor­lie­gen­den Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren nicht über­prüft wer­den. Auch im Übri­gen sei das Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter aus raum­ord­nungs­recht­li­cher Sicht nicht zu bean­stan­den.

Der Bebau­ungs­plan ver­sto­ße schließ­lich auch nicht gegen das inter­kom­mu­na­le Abstim­mungs­ge­bot, dem­zu­fol­ge Gemein­den von ihrer Pla­nungs­ho­heit nicht rück­sichts­los zum Nach­teil der Nach­bar­ge­mein­den Gebrauch machen dürf­ten. Bei der gebo­te­nen Gesamt­be­trach­tung kön­ne von schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen des Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter auf die kla­gen­den Städ­te Lim­burg und Neu­wied nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Mit erheb­li­chen Umsatz­ein­bu­ßen für den Ein­zel­han­del sei auf­grund der im gericht­li­chen Ver­fah­ren vor­ge­leg­ten und ein­ge­hol­ten Gut­ach­ten nicht zu rech­nen. Die erwart­ba­re Umsat­zum­ver­tei­lung lie­ge danach für Neu­wied deut­lich unter der maß­geb­li­chen Erheb­lich­keits­schwel­le von 10%. Für Lim­burg sei eine Über­schrei­tung die­ser 10%-Mar­ke in ein­zel­nen Sor­ti­ments­be­rei­chen – etwa der Sport­be­klei­dung – zwar nicht gänz­lich aus­zu­schlie­ßen. In ihrer Gesamt­heit führ­ten jedoch auch die in Lim­burg zu erwar­ten­den Umsatz­ein­bu­ßen nicht zu einer wesent­li­chen Beein­träch­ti­gung.

Aller­dings habe die Stadt Mon­ta­baur die Aus­wir­kun­gen des Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter auf den Ein­zel­han­del in den Nach­bar­städ­ten zunächst nur unzu­rei­chend ermit­telt. Das ursprüng­li­che, im Plan­auf­stel­lungs­ver­fah­ren ein­ge­hol­te Gut­ach­ten beru­he auf ver­al­te­ten Zah­len und wei­se zudem wei­te­re Män­gel auf. Es sei daher als allei­ni­ge Grund­la­ge der inter­kom­mu­na­len Abstim­mung nicht geeig­net gewe­sen. Die­ser Ver­fah­rens­feh­ler bei der Sach­ver­halts­er­mitt­lung sei jedoch im Rah­men der maß­geb­li­chen Pla­ner­hal­tungs­vor­schrif­ten geheilt wor­den. Nach den nun­mehr ver­füg­ba­ren Erkennt­nis­mit­teln sei mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit davon aus­zu­ge­hen, dass der Rat der Stadt Mon­ta­baur den Bebau­ungs­plan für das Fac­to­ry-Out­let-Cen­ter auch bei ord­nungs­ge­mä­ßer Sach­ver­halts­er­mitt­lung in der vor­lie­gen­den Form beschlos­sen hät­te.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 15.11.2010 – 1 C 10320/​09.OVG und 1 C 10403/​09.OVG