Städ­ti­sche Pres­se­mit­tei­lun­gen

Eine Kom­mu­ne hat sich Äuße­run­gen und Pres­se­mit­tei­lun­gen in sol­chen Gebie­ten zu ent­hal­ten, für die sie kei­ne Zustän­dig­keit besitzt.

Städ­ti­sche Pres­se­mit­tei­lun­gen

Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt das Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main die Stadt Frank­furt am Main zum Wider­ruf von Behaup­tun­gen ver­pflich­tet, die die Stadt in ihrer Pres­se­mit­tei­lung vom 30. März 2011 über das zu errich­ten­de Braun­koh­le­staub­kraft­werk in Frank­furt am Main gemacht hat­te.

Die Antrag­stel­le­rin erhielt am 18. Mai 2011 nach § 4 BIm­SchG die Geneh­mi­gung in der Gemar­kung Frank­furt am Main Fechen­heim eine Braun­koh­len­staub­feue­rungs­an­la­ge zu errich­ten und zu betrei­ben. Sie soll als Strom­quel­le die­nen. Das Betriebs­ge­län­de ist im Bebau­ungs­plan der Stadt Frank­furt am Main, der Antrags­geg­ne­rin, als Indus­trie­ge­biet (GI) aus­ge­wie­sen. Auf Antrag der Antrag­stel­le­rin ord­ne­te das Regie­rungs­prä­si­di­um Darm­stadt am 26. April 2011 die sofor­ti­ge Voll­zie­hung der Geneh­mi­gung an. Am 30.März 2011 über­mit­tel­te die Frank­fur­ter Stadt­rä­tin für Umwelt, Gesund­heit und Per­so­nal Dr. Rott­mann per eMail an einen aus­ge­wähl­ten Ver­tei­ler vom Pres­se-, Rund­funk- und Fern­seh­ver­tre­tern ihre in ihrer Funk­ti­on als Umwelt­de­zer­nen­tin abge­ge­be­ne Pres­se­mit­tei­lung vom 30. März 2011. Mit anwalt­li­chem Schrei­ben vom 12. April 2011 for­der­te die Antrag­stel­le­rin von der Antrags­geg­ne­rin und deren Umwelt­de­zer­nen­tin den Wider­ruf der Aus­sa­gen in der vor­ge­nann­ten Pres­se­mit­tei­lung.

Nach­dem ein sol­cher nicht erfolg­te, hat die Antrag­stel­le­rin beim Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main um gericht­li­chen Eil­recht­schutz nach­ge­sucht und die Ver­pflich­tung der Antrags­geg­ne­rin im Wege der einst­wei­li­gen Anord­nung begehrt die in der Pres­se­mit­tei­lung behaup­te­ten Tat­sa­chen zu wider­ru­fen. Die Antrags­geg­ne­rin ist den Eil­an­trag ent­ge­gen­ge­tre­ten.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main hat der Antrags­geg­ne­rin, der Stadt Frank­furt am Main, auf­ge­ge­ben, ihre in der Pres­se­mit­tei­lung vom 30.03.2011 behaup­te­ten Tat­sa­chen, wonach
a) das von der Anla­ge emit­tier­te Queck­sil­ber ein­ge­at­met, die Böden belas­ten und mit dem Regen in den Main gelan­gen wür­de,
b) beim Betrieb der Feue­rungs­an­la­ge 2 Mil­lio­nen Mil­li­gramm Queck­sil­ber anfal­len,
c) gezielt und durch Tricks ver­sucht wer­de, den Emis­si­ons­han­del zu umge­hen,
d) die Geneh­mi­gung der Feue­rungs­an­la­ge ohne jede Umwelt­prü­fung auf Zuruf geneh­migt wer­de,
e) Braun­koh­le­staub der kli­ma­schäd­lichs­te und schmut­zigs­te Ener­gie­lie­fe­rant sei,
zu wider­ru­fen per E‑Mail an den Ver­tei­ler von Presse‑, Rund­funk- und Fern­seh­ver­tre­tern, an den die­se Pres­se­mit­tei­lung erfolg­te.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main sah sowohl einen Anord­nungs­an­spruch als auch einen Anord­nungs­grund als sei­tens der Antrag­stel­le­rin glaub­haft gemacht an:

Für die Pres­se­mit­tei­lung feh­le es an einer Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge, des­halb erwei­se sie sich als rechts­wid­rig. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Antrags­geg­ne­rin fol­ge eine sol­che nicht aus dem Recht der Antrags­geg­ne­rin auf kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tung, denn die­se Befug­nis für Gemein­den zur Rege­lung aller Ange­le­gen­hei­ten der ört­li­chen Gemein­schaft in eige­ner Ver­ant­wor­tung bestehe nach die­ser Bestim­mung nur „im Rah­men der Geset­ze“.

Dass für das Vor­ha­ben der Antrag­stel­le­rin erfor­der­li­che immis­si­ons­schutz­recht­li­che Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren sei aber den Gemein­den voll­stän­dig und somit auch der Antrags­geg­ne­rin ent­zo­gen, denn hier­für sei aus­schließ­lich das staat­li­che Regie­rungs­prä­si­di­um Darm­stadt zustän­dig.

Auch der Schutz von Leben und Gesund­heit der Gemein­de­ein­woh­ner durch die Ein­hal­tung einer intak­ten Umwelt sei nicht vom Selbst­ver­wal­tungs­recht nach Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG umfasst. Gemein­den und damit auch der Antrags­geg­ne­rin ste­he nicht das Recht zu die Rech­te ihrer Bür­ger als "Sach­wal­ter des öffent­li­chen Inter­es­ses" wahr­zu­neh­men.

Die vom Selbst­ver­wal­tungs­recht des Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG erfass­te Befug­nis der Antrags­geg­ne­rin bau­pla­ne­ri­sche Rege­lun­gen für ihr Gemein­de­ge­biet mit­tels Bebau­ungs­plan zu tref­fen sei eben­falls nicht beein­träch­tigt. Für das Bau­grund­stück habe die Antrags­geg­ne­rin in ihrem ein­schlä­gi­gen Bebau­ungs­plan Indus­trie­ge­biet (GI) fest­ge­setzt und danach sei­en dort grund­sätz­lich auch Braun­koh­le­staub­kraft­wer­ke bau­pla­nungs­recht­lich zuläs­sig. Über­dies habe die Antrags­geg­ne­rin durch ihr Stadt­pla­nungs­amt ihr gemeind­li­ches Ein­ver­neh­men zu dem Braun­koh­le­staub­kraft­werks­vor­ha­ben erteilt.

Eine Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge fol­ge auch nicht aus der durch Art. 5 GG geschütz­ten Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit, denn juris­ti­schen Per­so­nen des öffent­li­chen Rechts und staat­li­che Orga­ne könn­ten sich nicht auf die Grund­rech­te des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und 2, 1. Alt GG beru­fen, denn sie sei­en kei­ne Grund­rechts­trä­ger. Sie dürf­ten ihre Mei­nung nur im Rah­men der für sie gel­ten­den Kom­pe­tenz­nor­men äußern.

Auch § 66 Abs. 2 Hes­si­sche Gemein­de­ord­nung – HGO – sei kei­ne sol­che Kom­pe­tenz­norm. Danach habe der Gemein­de­vor­stand die Bür­ger in geeig­ne­ter Wei­se, ins­be­son­de­re durch öffent­li­che Rechen­schafts­be­rich­te, über wich­ti­ge Fra­gen der Gemein­de­ver­wal­tung zu unter­rich­ten und das Inter­es­se der Bür­ger an der Selbst­ver­wal­tung zu pfle­gen. Hier wer­de aber bereits nicht über eine wich­ti­ge Fra­ge der Gemein­de­ver­wal­tung unter­rich­tet, son­dern es wür­den Aus­füh­run­gen zu dem Vor­ha­ben der Antrag­stel­le­rin gemacht.

Schließ­lich kön­ne zu Guns­ten der Antrags­geg­ne­rin auch nicht auf die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung zurück­ge­grif­fen wer­den, wonach die Befug­nis zu mit­tel­ba­ren Grund­rechts­ein­grif­fen durch Hin­wei­se, War­nun­gen oder Emp­feh­lun­gen in ein­zel­nen Fäl­len unmit­tel­bar aus dem Grund­ge­setz her­ge­lei­tet wer­de und dabei auf den Rechts­ge­dan­ken einer staat­li­chen Schutz­pflicht abge­stellt wer­de. Die­se Befug­nis wer­de nur dem Ver­fas­sungs­or­gan Bun­des­re­gie­rung zuge­stan­den.

Nach alle­dem erwei­se sich die Pres­se­mit­tei­lung der Umwelt­de­zer­nen­tin der Antrags­geg­ne­rin man­gels einer Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge als rechts­wid­rig. Zudem ent­hal­te die Pres­se­mit­tei­lung die in dem Eil­an­trag auf­ge­führ­ten fal­schen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen. Auch dies füh­re zur Rechts­wid­rig­keit.

Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main, Beschluss vom 21. Juli 2011 – 8 L 1521/​11.F(V)