Streit um das ato­ma­re Zwi­schen­la­ger im Kern­kraft­werk Unter­we­ser

Der Streit um das ato­ma­re Zwi­schen­la­ger im Kern­kraft­werk Unter­we­ser ist wei­ter offen. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat jetzt den Rechts­streit um eine atom­recht­li­che Geneh­mi­gung des Bun­des­am­tes für Strah­len­schutz zur Auf­be­wah­rung von Kern­brenn­stof­fen aus dem Kern­kraft­werk Unter­we­ser im Stand­ort-Zwi­schen­la­ger Unterweser/​Rodenkirchen an die Vor­in­stanz, das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Lüne­burg, zurück­ver­wie­sen.

Streit um das ato­ma­re Zwi­schen­la­ger im Kern­kraft­werk Unter­we­ser

Nach dem Inhalt der auf 40 Jah­re befris­te­ten Geneh­mi­gung darf die bei­gela­de­ne Betrei­be­rin des Kern­kraft­werks in dem Zwi­schen­la­ger bestrahl­te Brenn­ele­men­te in bis zu 80 Cas­tor-Behäl­tern auf­be­wah­ren. Die Klä­ger sind Land­wir­te, die über­wie­gend Milch­vieh­wirt­schaft betrei­ben. Ihre Hof­stel­len sind von dem Zwi­schen­la­ger ca. 1,7 bzw. 3 km ent­fernt, ein Teil der Grün­land­flä­chen reicht bis auf 140 m an das Kraft­werks­ge­län­de her­an. Nach ihrer Auf­fas­sung ist der erfor­der­li­che Schutz des Zwi­schen­la­gers gegen ter­ro­ris­ti­sche Angrif­fe, ins­be­son­de­re gegen einen geziel­ten Flug­zeug­ab­sturz oder einen Beschuss mit sog. Hohl­la­dungs­ge­schos­sen (etwa Pan­zer­fäus­ten) nicht gewähr­leis­tet.

Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Kla­ge abge­wie­sen 1. Auf­grund des sog. Funk­ti­ons­vor­be­halts im Atom­recht sei die Exe­ku­ti­ve für die Risi­ko­er­mitt­lung und -bewer­tung allein ver­ant­wort­lich. Die gericht­li­che Nach­prü­fung atom­recht­li­cher Geneh­mi­gun­gen sei dar­auf beschränkt, ob die behörd­li­che Risi­ko­er­mitt­lung und Risi­ko­be­wer­tung auf einer aus­rei­chen­den Daten­ba­sis und will­kürfrei­en Annah­men beruht. Dies sei hier der Fall. Der maß­geb­li­che Richt­wert für eine Eva­ku­ie­rung wer­de nach den – aus Grün­den des Geheim­nis­schut­zes im Gerichts­ver­fah­ren nur teil­wei­se offen geleg­ten – Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten selbst beim Absturz einer voll­ge­tank­ten Boe­ing 747 nicht erreicht. Den Flug­zeug­typ Air­bus A 380 habe die Beklag­te zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Geneh­mi­gungs­er­tei­lung noch nicht in die Prü­fung ein­be­zie­hen müs­sen. Auch im Hin­blick auf Gefah­ren aus einem Pan­zer­faust­be­schuss wer­de der Richt­wert deut­lich unter­schrit­ten.

Bei den Sze­na­ri­en „Flug­zeug­ab­sturz und Hohl­la­dungs­be­schuss“, so das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, han­de­le es sich um sog. aus­le­gungs­über­schrei­ten­de, d.h. sehr sel­te­ne Ereig­nis­se im Sin­ne des gestaf­fel­ten Sicher­heits­kon­zepts der Reak­tor­si­cher­heits­kon­fe­renz. Die für sol­che Ereig­nis­se maß­geb­li­chen Richt­wer­te für eine Eva­ku­ie­rung wür­den nach den – aus Grün­den des Geheim­nis­schut­zes im Gerichts­ver­fah­ren nur teil­wei­se offen geleg­ten – Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten selbst beim Absturz einer voll­ge­tank­ten Boing 747 nicht erreicht. Den Flug­zeug­typ Air­bus A 380 habe die Beklag­te zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt noch nicht in die Prü­fung ein­be­zie­hen müs­sen. Im Hin­blick auf Gefah­ren aus einem Hohl­la­dungs­be­schuss wür­den die Richt­wer­te deut­lich unter­schrit­ten.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat das ange­foch­te­ne Urteil auf­ge­ho­ben. Das Urteil ver­letzt revi­si­bles Recht, weil das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt sei­ner Ent­schei­dung, die Behör­de habe den Air­bus A 380 aus der Risi­ko­be­wer­tung aus­blen­den dür­fen, einen feh­ler­haf­ten Will­kür­maß­stab zugrun­de gelegt hat und ihm über­dies bei der Beur­tei­lung der Vor­sor­ge gegen den Beschuss mit Pan­zer­fäus­ten ein Feh­ler bei der Über­zeu­gungs­bil­dung unter­lau­fen ist. Man­gels aus­rei­chen­der Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen kann das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht selbst über die Recht­mä­ßig­keit der Geneh­mi­gung ent­schei­den. Die Sache muss­te des­halb an die Vor­in­stanz zurück­ver­wie­sen wer­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 22. März 2012 – 7 C 1.11

  1. Nds. OVG, Urteil vom 23.06.2010 – 7 KS 215/​03[]