Syri­sche Wehr­dienst­ver­wei­ge­rer – und der Flüchtlingsschutz

Einem syri­schen Asyl­be­wer­ber, der sei­nen Wehr­dienst bereits geleis­tet hat­te, aber fürch­te­te, zum Reser­ve­wehr­dienst ein­ge­zo­gen zu wer­den, ist nach Ansicht des Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len nicht wegen Wehr­dienst­ent­zie­hung die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuzuerkennen.

Syri­sche Wehr­dienst­ver­wei­ge­rer – und der Flüchtlingsschutz

Bereits nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts in Müns­ter war Syrern, die ange­ge­ben haben, wegen des Mili­tär­diens­tes Syri­en ver­las­sen zu haben, nicht des­halb der Flücht­lings­sta­tus zu gewäh­ren. Auch das zwi­schen­zeit­lich ergan­ge­ne Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 19. Novem­ber 2020, wonach bei syri­schen Mili­tär­dienst­ver­wei­ge­rern die Ver­mu­tung einer Straf­ver­fol­gung aus poli­ti­schen Grün­den besteht ((EuGH, Urteil vom 19.11.2020 – C‑238/​19)), führ­te nun zu kei­ner Ände­rung in der Müns­te­ra­ner Recht­spre­chung, eben­so­we­nig wie die gegen­tei­li­ge Recht­spre­chung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg1.

In dem hier ent­schie­de­nen Fall hat­te das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) dem Klä­ger aus Fre­chen, der Syri­en 2015 ver­las­sen hat­te, sub­si­diä­ren Schutz gewährt. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln erkann­te ihm die Flücht­lings­ei­gen­schaft zu2. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die­ses Urteil nun geän­dert und die Kla­ge abgewiesen:

Die Erkennt­nis­se über die Ver­fol­gungs­la­ge in Syri­en für Wehr­dienst­ent­zie­her sei­en einer neu­en Prü­fung unter­zo­gen wor­den. In den Zei­ten inten­si­ven Bür­ger­kriegs hat­te der Senat eine Straf­ver­fol­gung und sogar eine extra­le­ga­le Bestra­fung von Wehr­dienst­ent­zie­hern für beacht­lich wahr­schein­lich gehal­ten, aber deren Ver­fol­gung als poli­ti­sche Geg­ner ver­neint. Der syri­sche Staat sei frü­her der mas­sen­haf­ten Wehr­dienst­ent­zie­hung scharf ent­ge­gen­ge­tre­ten, weil er dadurch die Exis­tenz des Regimes gefähr­det gese­hen habe.

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Dies sei nach den aktu­el­len Erkennt­nis­sen anders zu beur­tei­len. Nach­dem sich die mili­tä­ri­sche Situa­ti­on zuguns­ten des syri­schen Staa­tes kon­so­li­diert habe, sei – trotz der nach wie vor auf­recht erhal­te­nen Straf­an­dro­hung – eine gewan­del­te Pra­xis der Behand­lung von Wehr­dienst­ent­zie­hern zu beob­ach­ten. Sie wür­den nicht mehr bestraft, son­dern unver­züg­lich ein­ge­zo­gen und mili­tä­risch eingesetzt.

Das gel­te jeden­falls für die­je­ni­gen, die sich ledig­lich dem Wehr­dienst durch Flucht ent­zo­gen hät­ten. Anders sei mög­li­cher­wei­se die Lage bei Per­so­nen zu beur­tei­len, die bereits in das mili­tä­ri­sche Sys­tem ein­ge­glie­dert und mit mili­tä­ri­schen Auf­ga­ben betraut gewe­sen sei­en, ihre Ein­hei­ten oder Pos­ten dann aber ver­las­sen hät­ten (Deser­teu­ren) oder gar – aus Sicht des syri­schen Regimes – zum Feind über­ge­lau­fen seien.

Unab­hän­gig von der vor­ste­hen­den Beur­tei­lung erge­be sich jeden­falls aus der nicht mehr flä­chen­de­cken­den und sys­te­ma­ti­schen Straf­ver­fol­gung von Wehr­dienst­ent­zie­hern, dass sie nicht als poli­ti­sche Geg­ner ange­se­hen wür­den, denn die­se wür­den inten­siv ver­folgt. Damit sei, so die ergeb­nis­ori­en­tier­te Argu­men­ta­ti­on des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts in Müns­ter, für ein­fa­che Wehr­dienst­ent­zie­her die vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in sei­nem Urteil vom 19. Novem­ber 20203 auf­ge­stell­te „star­ke Ver­mu­tung“ einer Straf­ver­fol­gung von Mili­tär­dienst­ver­wei­ge­rern aus poli­ti­schen Grün­den widerlegt.

Obwohl sich das nord­rhein-west­fä­li­sche OVG damit auch wei­ter­hin von der Recht­spre­chung etwa des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg abweicht (vgl. § 132 Abs. 2 Ziff. 2 VwGO), hat es die Revi­si­on nicht zuge­las­sen. Dage­gen ist jedoch die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de mög­lich, über die dann das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schei­den muss.

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Das klageabweisende Urteil - und seine Doppelbegründung mit Unzulässigkeit und Unbegründetheit

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein ‑West­fa­len, Urteil vom 22. März 2021 – 14 A 3439/18.A

  1. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 29.01.2021 – 3 B 109/​18[]
  2. VG Köln – 20 K 7784/17.A[]
  3. EuGH, Urteil vom 19.11.2020 – C‑238/​19[]

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