Sys­te­mi­sche Män­gel des Asyl­ver­fah­rens in Ita­li­en

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin sieht bei der Bewäl­ti­gung der Flücht­lings­pro­ble­me in Ita­li­en nach wie vor noch sys­te­mi­sche Män­gel im Bereich der zeit­na­hen Unter­brin­gung von Asyl­be­wer­bern. Dar­über hin­aus sind eng­lisch­spra­chi­ge Fas­sun­gen von Zusa­gen des ita­lie­ni­schen Innen­mi­nis­te­ri­ums nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Schwe­rin nicht ver­wert­bar, da die Gerichts­spra­che deutsch ist (§ 184 Satz 1 GVG).

Sys­te­mi­sche Män­gel des Asyl­ver­fah­rens in Ita­li­en

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin hat bereits frü­her 1 dar­ge­legt, dass und wes­halb das Asyl­sys­tem und die Unter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten in Ita­li­en nicht uni­ons­recht­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen, wes­halb die­se sys­te­mi­schen Män­geln unter­lie­gen. Mitt­ler­wei­le hat die Antrags­geg­ne­rin in einem ande­ren Ver­fah­ren vor­ge­tra­gen, dass es im kom­mu­na­len Bereich Ita­li­ens vor­über­ge­hend zusätz­li­che und aus­rei­chen­de wei­te­re Unter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten gibt. Ob dies zutref­fend ist, ver­mag das Gericht der­zeit nicht abschlie­ßend zu beur­tei­len. Als pro­ble­ma­tisch sieht es wei­ter­hin an, dass nach vor­lie­gen­den Anga­ben es nach wie vor erheb­li­che zeit­li­che Lücken zwi­schen Asyl­an­trag­stel­lung und Begrün­dung des Antrags geben soll, wäh­rend­des­sen die Antrag­stel­ler in hoher Anzahl obdach­los sein sol­len. Dazu bedarf es noch wei­te­rer Auf­klä­rung, wes­halb der Aus­gang des Haupt­sa­che­ver­fah­rens als offen anzu­se­hen ist.

Die von der Behör­de vor­ge­leg­te unda­tier­te all­ge­mei­ne, eng­lisch­spra­chi­ge Erklä­rung des ita­lie­ni­schen Innen­mi­nis­te­ri­ums, wonach mit Blick auf die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 04.11.2014 2 insicht­lich Fami­li­en mit Min­der­jäh­ri­gen (famil­lies with minors) bestimm­te Garan­ti­en abge­ge­ben wer­den, ist unzu­rei­chend. Sie gilt offen­sicht­lich nicht für die kin­der­lo­sen Antrag­stel­ler und ent­hält kei­ner­lei Hin­wei­se dar­auf, in wel­cher Ein­rich­tung die Antrag­stel­ler nach ihrer Über­stel­lung kon­kret unter­ge­bracht wer­den sol­len. Eine Prü­fung, ob die Unter­brin­gungs­ver­hält­nis­se für sie nach einer Rück­füh­rung den Anfor­de­run­gen der EMRK genü­gen wür­den, ist im Übri­gen auf die­ser Grund­la­ge nicht mög­lich. Damit ist die Gefahr, im Fal­le einer Rück­füh­rung nach Ita­li­en man­gels einer den Min­des­ter­for­der­nis­sen ent­spre­chen­den Unter­brin­gung einer unmensch­li­chen oder ent­wür­di­gen­den Behand­lung im Sin­ne des Art. 4 EU-Grund­rech­te­char­ta aus­ge­setzt zu sein, für die Antrag­stel­ler nicht hin­rei­chend aus­ge­räumt. Eine sol­che kon­kre­te Erklä­rung muss spä­tes­tens zum Zeit­punkt der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­lie­gen.

Bezüg­lich der von der Antrags­geg­ne­rin nur in eng­lisch­spra­chi­ger Fas­sung vor­ge­leg­ten Zusa­ge des ita­lie­ni­schen Innen­mi­nis­te­ri­ums weist das Gericht im Übri­gen dar­auf hin, dass nach § 184 Satz 1 GVG die deut­sche Spra­che Gerichts­spra­che ist. Der eng­lisch­spra­chi­ge Text ist daher nicht ver­wert­bar 3

Dies gilt umso mehr, als es bei diplo­ma­ti­schen Tex­ten, wie dem des ita­lie­ni­schen Innen­mi­nis­te­ri­ums auf den genau­en Wort­laut ankommt, um deren recht­li­che Ver­bind­lich­keit fest­stel­len zu kön­nen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin, Beschluss vom 30. März 2015 – 3 B 428/​15 As

  1. VG Schwe­rin, Beschlüs­se vom 16.10.2014 – 3 B 915/​14 As; und vom 24.02.2015 – 3 B 1023/​14 As[]
  2. EGMR, Urteil vom 04.11.2014 – 29217/​12 [Tarak­hel][]
  3. Vgl. Hess. VGH, Beschluss vom 09.04.2008 – 3 UE 460/​06.A; VG Ham­burg, Beschluss vom 08.01.2014 – 17 AE 4953/​13; BayVGH, Beschluss vom 16.09.2013 – 21 ZB 13.500; Kopp/​Schenke, VwGO, 19. Aufl.2013, § 55 Rn. 9; Czy­bul­ka, in: Sodan/​Ziekow, Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung (VwGO), § 55 Rn. 52 ff. 57 je mwN.[]

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