Trans­pa­renz­re­geln für Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig, das in ers­ter und letz­ter Instanz für Kla­gen von Abge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges gegen Maß­nah­men nach den sog. Trans­pa­renz­re­geln des Par­la­ments zustän­dig ist, hat heu­te den Kla­gen zwei­er gleich­zei­tig als Rechts­an­wäl­te täti­ger Abge­ord­ne­ter gegen Sank­tio­nen wegen einer Ver­let­zung die­ser Rege­lun­gen teil­wei­se statt­ge­ge­ben.

Trans­pa­renz­re­geln für Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te

Nach den im Abge­ord­ne­ten­ge­setz und in der Geschäfts­ord­nung des Bun­des­ta­ges fest­ge­leg­ten Trans­pa­renz­re­geln müs­sen die Abge­ord­ne­ten dem Bun­des­tags­prä­si­den­ten ent­gelt­li­che Tätig­kei­ten, die sie neben dem Man­dat aus­üben, und die dafür erhal­te­nen Ein­künf­te anzei­gen, wenn die Ein­nah­men bestimm­te Frei­be­trä­ge über­stei­gen. Unter­lie­gen die Abge­ord­ne­ten bei ihrer beruf­li­chen Tätig­keit einer Pflicht zur Ver­schwie­gen­heit, kön­nen sie ihren jewei­li­gen Ver­trags­part­ner oder Auf­trag­ge­ber in anony­mi­sier­ter Form ange­ben. Die Anga­ben der Abge­ord­ne­ten wer­den im amt­li­chen Hand­buch und auf den Inter­net­sei­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges ver­öf­fent­licht. Dabei wer­den die ange­zeig­ten Ein­künf­te nicht als kon­kre­te Beträ­ge, son­dern in Gestalt einer von drei Ein­kom­mens­stu­fen (von 1 000 bis 3 500 €, von 3 501 bis 7 000 € bzw. über 7 000 € monat­lich) aus­ge­wie­sen. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in einem Urteil vom 4. Juli 2007 die Trans­pa­renz­re­ge­lun­gen für mit dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Sta­tus der Abge­ord­ne­ten im Grund­satz ver­ein­bar erklärt.

In den nun­mehr von dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fäl­len hat­ten sich zwei Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te, die neben ihrem Man­dat als Ein­zel­an­wäl­te tätig sind, näm­lich der ehe­ma­li­ge Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Otto Schi­ly MdB und Vol­ker Krö­ning MdB, dar­auf beru­fen, ihre anwalt­li­che Pflicht zur Ver­schwie­gen­heit ver­bie­te ihnen, dem Prä­si­den­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges die genau­en Beträ­ge der Hono­ra­re anzu­ge­ben, die sie für die von ihnen in den Jah­ren 2006 und 2007 wahr­ge­nom­me­nen ein­zel­nen Man­da­te erhal­ten hat­ten. Außer­dem wür­den durch die Aus­ge­stal­tung und Anwen­dung der Anzei­ge­pflich­ten die als Ein­zel­an­wäl­te arbei­ten­den Abge­ord­ne­ten gegen­über ihren in Anwalts­so­zie­tä­ten täti­gen Kol­le­gen benach­tei­ligt.

Dar­auf­hin hat­te zunächst das Prä­si­di­um des Deut­schen Bun­des­ta­ges jeweils fest­ge­stellt, dass die Klä­ger ihre Pflich­ten nach den Trans­pa­renz­re­ge­lun­gen ver­letzt hät­ten. Die­se Fest­stel­lun­gen waren als Bun­des­tags­druck­sa­chen ver­öf­fent­licht wor­den. Wei­ter­hin hat­te der Prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges von ihnen per Bescheid Ord­nungs­gel­der gefor­dert, die zuvor durch das Prä­si­di­um fest­ge­setzt wor­den waren.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Kla­gen gegen die Fest­stel­lun­gen der Pflicht­ver­let­zung abge­wie­sen, die Ord­nungs­geld­be­schei­de hat es auf­ge­ho­ben.

Die Klä­ger waren an der Erfül­lung der Anzei­ge­er­for­der­nis­se nicht durch ihre anwalt­li­che Pflicht zur Ver­schwie­gen­heit gehin­dert. Die Trans­pa­renz­re­geln ent­hal­ten hin­rei­chen­de Vor­keh­run­gen dafür, dass die Ver­schwie­gen­heit im Regel­fall gewahrt bleibt. Soweit es aus­nahms­wei­se zu einer Beein­träch­ti­gung der Ver­schwie­gen­heits­pflicht kom­men kann, ist dies durch den Zweck der Trans­pa­renz­re­geln gerecht­fer­tigt.

Dage­gen rügen die Klä­ger zu Recht, dass die Ein­zel­an­wäl­te unter Ver­stoß gegen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz im Ver­gleich zu den in einer Anwalts­so­zie­tät täti­gen Abge­ord­ne­ten benach­tei­ligt wer­den, weil von die­sen Anwäl­ten die Anga­be ein­zel­ner Man­da­te oder erziel­ter Ein­künf­te nicht gefor­dert wird. Die­se Pra­xis wider­spricht den Trans­pa­renz­re­geln. Die­se sind nach ihrem Sinn und Zweck dahin aus­zu­le­gen, dass grund­sätz­lich alle neben dem Man­dat aus­ge­üb­ten ent­gelt­li­chen Tätig­kei­ten und die dar­aus flie­ßen­den wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le ange­zeigt wer­den müs­sen. Mit die­sem Zweck ist nicht ver­ein­bar, gera­de die wirt­schaft­lich sehr erfolg­rei­chen Part­ner gro­ßer Anwalts­so­zie­tä­ten von den Anzei­ge­pflich­ten aus­zu­neh­men.

Was die Fest­stel­lun­gen der Pflicht­ver­let­zun­gen anbe­langt, kön­nen sich die Klä­ger auf die gleich­heits­wid­ri­ge Ver­wal­tungs­pra­xis nicht beru­fen. Denn sie haben inso­weit kei­nen Anspruch auf eine Gleich­be­hand­lung im Unrecht. Das Prä­si­di­um und der Prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges sind jedoch gehal­ten, die Pra­xis umge­hend zu ändern und die Sozie­täts­an­wäl­te in die Trans­pa­renz­re­geln ein­zu­be­zie­hen. Wegen der bis­lang unvoll­kom­me­nen Anwen­dung der Trans­pa­renz­re­geln stellt sich die mit einer zusätz­li­chen Prang­erwir­kung ver­bun­de­ne Auf­er­le­gung von Ord­nungs­gel­dern über die förm­li­chen Fest­stel­lun­gen von Pflicht­ver­stö­ßen hin­aus als ermes­sens­feh­ler­haft dar.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 30. Sep­tem­ber 2009 – 6 A 1.08 und 6 A 3.09