Über­stel­lung eines Asyl­be­wer­bers in einen ande­ren EU-Mit­glieds­staat

Ein Asyl­be­wer­ber darf nicht an einen ande­ren EU-Mit­glied­staat über­stellt wer­den, in dem er Gefahr läuft, unmensch­lich behan­delt zu wer­den. Das Uni­ons­recht lässt kei­ne unwi­der­leg­ba­re Ver­mu­tung zu, dass die Mit­glied­staa­ten die Grund­rech­te der Asyl­be­wer­ber beach­ten.

Über­stel­lung eines Asyl­be­wer­bers in einen ande­ren EU-Mit­glieds­staat

Die gemein­sa­me Asyl­po­li­tik ist ein wesent­li­cher Bestand­teil des Ziels der Euro­päi­schen Uni­on, schritt­wei­se einen Raum der Frei­heit, der Sicher­heit und des Rechts auf­zu­bau­en, der allen offen steht, die wegen beson­de­rer Umstän­de recht­mä­ßig in der Uni­on um Schutz nach­su­chen. Die Dub­lin-II-Ver­ord­nung 1 nennt die Kri­te­ri­en zur Bestim­mung des Mit­glied­staats, der für die Ent­schei­dung über einen in der Uni­on gestell­ten Asyl­an­trag zustän­dig ist – dabei gibt es grund­sätz­lich nur einen zustän­di­gen Mit­glied­staat. Hat ein Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ger Asyl in einem Mit­glied­staat bean­tragt, der nicht der nach der Ver­ord­nung als zustän­dig bestimm­te Staat ist, kommt nach der Ver­ord­nung ein Ver­fah­ren zur Über­stel­lung des Asyl­be­wer­bers an den zustän­di­gen Mit­glied­staat zur Anwen­dung.

In der ers­ten nun vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schie­de­nen Rechts­sa­che 2 geht es um N. S., einen afgha­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, der in das Ver­ei­nig­te König­reich kam, wobei ihn sein Weg u. a. über Grie­chen­land führ­te, wo er im Jahr 2008 in Haft genom­men wur­de. Nach vier Tagen ent­lie­ßen ihn die grie­chi­schen Behör­den mit der Auf­for­de­rung, das grie­chi­sche Staats­ge­biet inner­halb von 30 Tagen zu ver­las­sen, aus der Haft. N. S. stell­te kei­nen Asyl­an­trag. Nach sei­nen Anga­ben wur­de er bei dem Ver­such, Grie­chen­land zu ver­las­sen, von der Poli­zei ver­haf­tet und in die Tür­kei abge­scho­ben, wo er zwei Mona­te lang unter schreck­li­chen Bedin­gun­gen inhaf­tiert gewe­sen sei. Er sei aus der Haft in der Tür­kei ent­kom­men und in das Ver­ei­nig­te König­reich gereist; dort kam er im Janu­ar 2009 an und stell­te einen Asyl­an­trag. Im Juli 2009 wur­de ihm ange­kün­digt, dass er im August jenes Jah­res gemäß der Dub­lin-II-Ver­ord­nung an Grie­chen­land über­stellt wer­de. Dar­auf­hin leg­te er einen Rechts­be­helf gegen die­se Ent­schei­dung ein, mit dem er sich auf die Gefahr berief, dass im Fall sei­ner Rück­füh­rung nach Grie­chen­land sei­ne Grund­rech­te ver­letzt wür­den. In der Tat weist das natio­na­le Gericht dar­auf hin, dass in Grie­chen­land die Asyl­ver­fah­ren schwe­re Män­gel auf­wie­sen und die Asyl­ge­wäh­rungs­quo­te äußerst nied­rig, der Rechts­weg unzu­rei­chend und schwer zugäng­lich und die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber unzu­rei­chend sei­en.

Die zwei­te jetzt vom EuGH ent­schie­de­ne Rechts­sa­che 3 betrifft fünf Per­so­nen aus Afgha­ni­stan, dem Iran und Alge­ri­en, die in kei­ner Bezie­hung zuein­an­der ste­hen. Sie reis­ten durch das grie­chi­sche Staats­ge­biet, wo sie wegen ille­ga­ler Ein­rei­se fest­ge­nom­men wur­den, ohne dabei Asyl zu bean­tra­gen. Danach bega­ben sie sich nach Irland, wo sie Asyl bean­trag­ten. Sie wider­set­zen sich ihrer Rück­kehr nach Grie­chen­land und haben gel­tend gemacht, dass die Ver­fah­ren und Bedin­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in die­sem Land unan­ge­mes­sen sei­en.
In die­sem Zusam­men­hang möch­ten sowohl der Court of Appeal of Eng­land and Wales (Ver­ei­nig­tes König­reich) als auch der High Court (Irland) vom Gerichts­hof wis­sen, ob – ange­sichts der Über­las­tung des grie­chi­schen Asyl­sys­tems und der dar­aus resul­tie­ren­den Fol­gen für die Behand­lung von Asyl­be­wer­bern und die Prü­fung ihrer Anträ­ge – die Behör­den eines Mit­glied­staats, die die Über­stel­lung von Asyl­be­wer­bern an Grie­chen­land (als Staat, der nach der Dub­lin-II-Ver­ord­nung für die Prü­fung des Asyl­an­trags zustän­dig ist) durch­füh­ren müs­sen, zu der vor­he­ri­gen Über­prü­fung ver­pflich­tet sind, ob die­ser Staat die Grund­rech­te tat­säch­lich beach­tet. Sie möch­ten auch wis­sen, ob die genann­ten Behör­den für den Fall, dass die­ser Staat die Grund­rech­te nicht beach­tet, selbst in die Zustän­dig­keit für die Prü­fung des Antrags ein­tre­ten müs­sen.

An den Ver­fah­ren beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on über die­se Rechts­sa­chen haben sich 13 Mit­glied­staa­ten, die Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft, das UN-Flücht­lings­kom­mis­sa­ri­at und Amnes­ty Inter­na­tio­nal and the AIRE Cent­re betei­ligt. Zwi­schen den Betei­lig­ten, die Erklä­run­gen abge­ge­ben haben, ist unstrei­tig, dass im Jahr 2010 fast 90 % der ille­ga­len Ein­wan­de­rer über Grie­chen­land in die Uni­on gelang­ten, so dass die auf die­sem Staat lie­gen­de Last außer Ver­hält­nis zu der Belas­tung der ande­ren Mit­glied­staa­ten steht und es den grie­chi­schen Behör­den tat­säch­lich unmög­lich ist, die­sen Zustrom zu bewäl­ti­gen.

In sei­nem Urteil vom heu­ti­gen Tag weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­auf hin, dass das Gemein­sa­me Euro­päi­sche Asyl­sys­tem in einem Kon­text ent­wor­fen wur­de, der die Annah­me zulässt, dass alle dar­an betei­lig­ten Staa­ten die Grund­rech­te beach­ten, und dass die Mit­glied­staa­ten inso­weit ein gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en inein­an­der haben dür­fen. Gera­de auf­grund die­ses Prin­zips des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens hat der Uni­ons­ge­setz­ge­ber die Dub­lin-II-Ver­ord­nung erlas­sen, deren Haupt­zweck dar­in besteht, die Bear­bei­tung der Asyl­an­trä­ge im Inter­es­se sowohl der Antrag­stel­ler als auch der teil­neh­men­den Staa­ten zu beschleu­ni­gen.

Gestützt auf die­ses Prin­zip prüft der Euro­päi­sche Gerichts­hof, ob die natio­na­len Behör­den, die die Über­stel­lung an den nach der Ver­ord­nung als für den Asyl­an­trag zustän­dig bestimm­ten Mit­glied­staat durch­füh­ren müs­sen, zu der vor­he­ri­gen Über­prü­fung ver­pflich­tet sind, ob die Grund­rech­te der Betrof­fe­nen in die­sem Staat beach­tet wer­den.

Er stellt fest, dass nicht schon der gerings­te Ver­stoß gegen die asyl­recht­li­chen Nor­men aus­reicht, um die Über­stel­lung eines Asyl­be­wer­bers an den nor­ma­ler­wei­se zustän­di­gen Mit­glied­staat zu ver­ei­teln, da sonst die Ver­pflich­tun­gen der Staa­ten im Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tem aus­ge­höhlt wür­den und das Ziel, den zustän­di­gen Mit­glied­staat rasch zu bestim­men, gefähr­det wäre.
Aller­dings steht das Uni­ons­recht einer unwi­der­leg­ba­ren Ver­mu­tung ent­ge­gen, wonach der gemäß der Dub­lin – II – Ver­ord­nung als zustän­dig bestimm­te Mit­glied­staat die Uni­ons­grund­rech­te beach­tet.

Es obliegt näm­lich den Mit­glied­staa­ten ein­schließ­lich der natio­na­len Gerich­te, einen Asyl­be­wer­ber nicht an den als zustän­dig bestimm­ten Mit­glied­staat zu über­stel­len, wenn ihnen nicht ver­bor­gen geblie­ben sein kann, dass die sys­te­mi­schen Män­gel des Asyl­ver­fah­rens und der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber ernst­lich und erwie­se­ner­ma­ßen Grund zu der Annah­me geben, dass der Antrag­stel­ler tat­säch­lich Gefahr läuft, einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne von Art. 4 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on aus­ge­setzt zu wer­den. Der Gerichts­hof weist dar­auf hin, dass die Mit­glied­staa­ten über eini­ge geeig­ne­te Instru­men­te ver­fü­gen, um die Beach­tung der Grund­rech­te und damit die tat­säch­li­chen Risi­ken für einen Asyl­be­wer­ber im Fall sei­ner Über­stel­lung an den zustän­di­gen Mit­glied­staat zu beur­tei­len. Dazu gehö­ren auch die Berich­te inter­na­tio­na­ler Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und des Flücht­lings­hilfs­werks der Ver­ein­ten Natio­nen.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Unoin führt wei­ter aus, dass der Mit­glied­staat, der den Asyl­be­wer­ber an den nach der Ver­ord­nung zustän­di­gen Staat über­stel­len muss, dies aber nicht kann, vor­be­halt­lich der Befug­nis, den Antrag selbst zu prü­fen, die wei­te­ren Kri­te­ri­en der Ver­ord­nung zu prü­fen hat, um fest­zu­stel­len, ob anhand eines der nach­ran­gi­gen Kri­te­ri­en ein ande­rer Mit­glied­staat als für die Prü­fung des Asyl­an­trags zustän­dig bestimmt wer­den kann.

Dabei muss der betref­fen­de Mit­glied­staat dar­auf ach­ten, dass eine Situa­ti­on, in der die Grund­rech­te des Asyl­be­wer­bers ver­letzt wer­den, nicht durch ein unan­ge­mes­sen lan­ges Ver­fah­ren zur Bestim­mung des zustän­di­gen Mit­glied­staats ver­schlim­mert wird. Erfor­der­li­chen­falls muss er den Antrag selbst prü­fen.

Schließ­lich stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on klar, dass die Berück­sich­ti­gung des Pro­to­kolls (Nr. 30) über die Anwen­dung der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on auf die Repu­blik Polen und das Ver­ei­nig­te König­reich kei­nen Ein­fluss auf die gege­be­nen Ant­wor­ten hat.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 21. Dezem­ber 2011 – C‑411/​10 [N. S. /​Secreta­ry of Sta­te for the Home Depart­ment] und C‑493/​10 [M. E. u. a. /​Refu­gee App­li­ca­ti­ons Com­mis­sio­ner und Minis­ter for Jus­ti­ce, Equa­li­ty and Law Reform]

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 343/​2003 des Rates vom 18. Febru­ar 2003 zur Fest­le­gung der Kri­te­ri­en und Ver­fah­ren zur Bestim­mung des Mit­glied­staats, der für die Prü­fung eines von einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen in einem Mit­glied­staat gestell­ten Asyl­an­trags zustän­dig ist (ABl. L 50, S. 1).[]
  2. EuGH – C‑411/​10[]
  3. EuGH – C‑493/​10[]