Über­stel­lung eines Asyl­su­chen­den nach Mal­ta

Nach der aktu­el­len Erkennt­nis­mit­tel­la­ge ist die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob das Asyl- und Auf­nah­me­ver­fah­ren nach Mal­ta mit sys­te­mi­schen Män­geln behaf­tet ist, als offen anzu­se­hen. Vor die­sem Hin­ter­grund ist nach der vor­zu­neh­men­den Inter­es­sen­ab­wä­gung von einer Über­stel­lung nach Mal­ta abzu­se­hen.

Über­stel­lung eines Asyl­su­chen­den nach Mal­ta

Für eine nach § 80 Abs. 5 Satz 1 VwGO zu tref­fen­de Ent­schei­dung ist maß­ge­bend, ob das pri­va­te Inter­es­se des Antrag­stel­lers, von der Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes vor­erst ver­schont zu blei­ben, das öffent­li­che Inter­es­se am Voll­zug des Ver­wal­tungs­ak­tes über­wiegt. Bei die­ser Abwä­gung sind die Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­be­helfs vor­ran­gig zu berück­sich­ti­gen 1. Hat der Rechts­be­helf vor­aus­sicht­lich Erfolg, weil der ange­grif­fe­ne Ver­wal­tungs­akt offen­bar feh­ler­haft ist, über­wiegt das Aus­set­zungs­in­ter­es­se des Betrof­fe­nen das öffent­li­che Voll­zugs­in­ter­es­se. Der Antrag ist dage­gen in aller Regel unbe­grün­det, wenn der Antrag­stel­ler im Ver­fah­ren zur Haupt­sa­che kei­nen Erfolg haben wird, ins­be­son­de­re, wenn die ange­grif­fe­ne Ver­fü­gung offen­sicht­lich recht­mä­ßig ist. Bei offe­nem Aus­gang der Haupt­sa­che sind die Fol­gen, die ein­trä­ten, wenn die auf­schie­ben­de Wir­kung nicht ange­ord­net wür­de, die Kla­ge aber Erfolg hät­te, gegen­über den Nach­tei­len abzu­wä­gen, die ent­stün­den, wenn die begehr­te Anord­nung erlas­sen wür­de, der Kla­ge aber der Erfolg ver­sagt blie­be 2. Dabei ist ins­be­son­de­re zu berück­sich­ti­gen, ob nicht rück­gän­gig zu machen­de Beein­träch­ti­gun­gen zu befürch­ten sind 3. Im vor­lie­gen­den Fall der Über­stel­lung eines Asyl­su­chen­den in einen ande­ren Mit­glied­staat ste­hen sich dabei das öffent­li­che Inter­es­se an der wirk­sa­men und effek­ti­ven Durch­set­zung der Rege­lun­gen des Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tems, ins­be­son­de­re der Dub­lin-Ver­ord­nun­gen, und die mög­li­che Ver­let­zung der grund­recht­lich geschütz­ten Posi­tio­nen des Asyl­su­chen­den, wie sie ins­be­son­de­re in Art. 3 EMRK und Art. 4 Grund­rechts­char­ta nie­der­ge­legt sind, gegen­über.

Unter Zugrun­de­le­gung die­ser Maß­stä­be geht die Inter­es­sen­ab­wä­gung hier zu Guns­ten des Antrag­stel­lers aus. Nach der sich dem Gericht der­zeit dar­bie­ten­den Sach- und Rechts­la­ge sind die Erfolgs­aus­sich­ten der Kla­ge als offen zu beur­tei­len, so dass das Voll­zugs­in­ter­es­se der Antrags­geg­ne­rin gegen­über dem Aus­set­zungs­in­ter­es­se des Antrag­stel­lers wie dar­ge­legt abzu­wä­gen ist.

Rechts­grund­la­ge für die Abschie­bungs­an­ord­nung ist § 34 a Abs. 1 AsylVfG. Danach ord­net das Bun­des­amt dann, wenn ein Aus­län­der in einen siche­ren Dritt­staat (§ 26 a) oder in einen für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­di­gen Staat (§ 27 a) abge­scho­ben wer­den soll, die Abschie­bung in die­sen Staat an, sobald fest­steht, dass sie durch­ge­führt wer­den kann. Gem. § 27 a AsylVfG ist ein Asyl­an­trag unzu­läs­sig, wenn ein ande­rer Staat auf­grund von Rechts­vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft oder eines völ­ker­recht­li­chen Ver­tra­ges für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist. Die Anord­nung der Abschie­bung als Zwangs­mit­tel beruht vor­lie­gend auf der voll­zieh­ba­ren Grund­ver­fü­gung im Bescheid des Bun­des­am­tes, dass der Asyl­an­trag des Antrag­stel­lers gem. § 27 a AsylVfG unzu­läs­sig ist, weil Mal­ta für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist. Die Grund­ver­fü­gung ist voll­zieh­bar, weil die Kla­ge des Antrag­stel­lers gegen die­se Ent­schei­dung gem. § 75 Abs. 1 AsylVfG kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung hat.

Mal­ta ist für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zwar nach den ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten grund­sätz­lich zustän­dig.

Die Zustän­dig­keit für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens rich­tet sich vor­lie­gend nach der Ver­ord­nung (EG) Nr. 343/​2003 des Rates vom 18.02.2003 zur Fest­le­gung der Kri­te­ri­en und Ver­fah­ren zur Bestim­mung des Mit­glieds­staa­tes, der für die Prü­fung eines von einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen in einem Mit­glied­staat gestell­ten Asyl­an­tra­ges zustän­dig ist 4 – Dub­lin II-VO. Die Zustän­dig­keits­kri­te­ri­en der Dub­lin II-VO fin­den nach Art. 49 Abs. 2 der Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26.06.2013 zur Fest­le­gung der Kri­te­ri­en und Ver­fah­ren zur Bestim­mung des Mit­glied­staa­tes, der für die Prü­fung eines von einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen oder Staa­ten­lo­sen in einem Mit­glied­staat gestell­ten Antrags auf inter­na­tio­na­len Schutz zustän­dig ist (Neu­fas­sung) 5Dub­lin III-VO – auf Asyl­an­trä­ge, die vor dem 1.01.2014 gestellt wor­den sind, wei­ter­hin Anwen­dung. Hier hat der Antrag­stel­ler am 5.08.2013 in der Bun­des­re­pu­blik einen Asyl­an­trag gestellt. Auf­grund der Vor­schrift des Art. 5 Abs. 2 Dub­lin II-VO, nach der bei der Bestim­mung des nach den Kri­te­ri­en der Dub­lin II-VO zustän­di­gen Mit­glieds­staats von der Situa­ti­on aus­ge­gan­gen wird, die zu dem Zeit­punkt gege­ben ist, zu dem der Asyl­be­wer­ber sei­nen Antrag zum ers­ten Mal in einem Mit­glied­staat stellt, ist Mal­ta zustän­dig, da der Antrag­stel­ler aus­weis­lich des Wie­der­auf­nah­me­ge­suchs der Antrags­geg­ne­rin vom 29.11.2013 am 2.08.2012 in Mal­ta sei­nen ers­ten Asyl­an­trag gestellt hat (Art. 13 Dub­lin II-VO).

Die Zustän­dig­keit Mal­tas ist auch nicht nach den Vor­schrif­ten über die Wie­der­auf­nah­me aus­nahms­wei­se auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­ge­gan­gen. Die Moda­li­tä­ten des Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­rens sind vor­lie­gend gem. Art. 49 Abs. 2 Satz 1 Dub­lin III-VO eben­falls anhand der Dub­lin II-VO zu prü­fen, da das Wie­der­auf­nah­me­ge­such der Antrags­geg­ne­rin an Mal­ta am 29.11.2013 gestellt wor­den ist. Die unab­hän­gig vom Zeit­punkt der Asyl­an­trag­stel­lung ab dem 1.01.2014 vor­ge­se­he­ne Anwend­bar­keit der Dub­lin III-VO für Auf­nah­me- und Wie­der­auf­nah­me­ge­su­che bezieht sich jeden­falls nicht auf – wie hier – bereits vor die­sem Stich­tag gestell­te (und abge­schlos­se­ne) Gesu­che. Die zustän­di­ge mal­te­si­sche Behör­de hat dem Gesuch aus­drück­lich zuge­stimmt, so dass die Zustän­dig­keit Mal­tas Art.20 Abs. 1 d Dub­lin II-VO begrün­det wor­den ist.

Es lie­gen jedoch Umstän­de vor, die die Zustän­dig­keit Mal­tas in Durch­bre­chung des Sys­tems der Bestim­mun­gen der Dub­lin-Ver­ord­nun­gen ent­fal­len las­sen könn­ten.

Dem Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tem, zu dem ins­be­son­de­re die Dub­lin-Ver­ord­nun­gen gehö­ren, liegt die Ver­mu­tung zugrun­de, dass jeder Asyl­be­wer­ber in jedem Mit­glied­staat gemäß den Anfor­de­run­gen der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on 6, des Abkom­mens über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge vom 28.07.1951 7 sowie der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten vom 04.11.1950 8 behan­delt wird. Es gilt daher die Ver­mu­tung, dass Asyl­be­wer­bern in jedem Mit­glieds­staat eine Behand­lung ent­spre­chend den Erfor­der­nis­sen der Char­ta, der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on – GFK – und der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on – EMRK – zukommt.

Die die­sem "Prin­zip des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens" 9 bzw. dem "Kon­zept der nor­ma­ti­ven Ver­ge­wis­se­rung" 10 zugrun­de lie­gen­de Ver­mu­tung ist jedoch dann als wider­legt zu betrach­ten, wenn den Mit­glied­staa­ten "nicht unbe­kannt sein kann", also ernst­haft zu befürch­ten ist, dass dem Asyl­ver­fah­ren ein­schließ­lich sei­ner Auf­nah­me­be­din­gun­gen in einem zustän­di­gen Mit­glied­staat der­art grund­le­gen­de, sys­te­mi­sche Män­gel anhaf­ten, dass für dort­hin über­stell­te Asyl­be­wer­ber die Gefahr besteht, einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne von Art. 4 GR-Char­ta aus­ge­setzt zu wer­den 11. In einem sol­chen Fall ist die Prü­fung anhand der Zustän­dig­keits­kri­te­ri­en der Dub­lin-Ver­ord­nun­gen fort­zu­füh­ren, um fest­zu­stel­len, ob anhand der wei­te­ren Kri­te­ri­en ein ande­rer Mit­glied­staat als für die Prü­fung des Asyl­an­tra­ges zustän­dig bestimmt wer­den kann; ist zu befürch­ten, dass durch ein unan­ge­mes­sen lan­ges Ver­fah­ren eine Situa­ti­on, in der Grund­rech­te des Asyl­be­wer­bers ver­letzt wer­den, ver­schlim­mert wird, muss der ange­gan­ge­ne Mit­glied­staat den Asyl­an­trag selbst prü­fen 11.

Als sys­te­mi­sche Män­gel sind sol­che Stö­run­gen anzu­se­hen, die ent­we­der im Sys­tem eines natio­na­len Asyl­ver­fah­rens ange­legt sind und des­we­gen Asyl­be­wer­ber oder bestimm­te Grup­pen von ihnen nicht ver­ein­zelt oder zufäl­lig, son­dern in einer Viel­zahl von Fäl­len objek­tiv vor­her­seh­bar tref­fen oder die die­ses Sys­tem auf­grund einer empi­risch fest­stell­ba­ren Umset­zung in der Pra­xis in Tei­len funk­ti­ons­los wer­den las­sen 12.

Die Aus­le­gung der Tat­be­stands­merk­ma­le des Art. 4 GR-Char­ta ist gem. Art. 52 Abs. 3 S. 1 GR-Char­ta ein­schließ­lich der Erläu­te­run­gen hier­zu 13 i. V.m. Art. 6 Abs. 1 S. 3 EUV vom 07.02.1992 14, zuletzt geän­dert durch Art. 1 des Ver­tra­ges von Lis­sa­bon vom 13.12 2007 15 an Art. 3 EMRK aus­zu­rich­ten. Nach der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te 16 ist eine Behand­lung dann unmensch­lich, wenn sie absicht­lich über Stun­den erfolgt und ent­we­der tat­säch­li­che kör­per­li­che Ver­let­zun­gen oder schwe­re kör­per­li­che oder psy­chi­sche Lei­den ver­ur­sacht. Als ernied­ri­gend ist eine Behand­lung dann anzu­se­hen, wenn sie eine Per­son demü­tigt oder her­ab­wür­digt und feh­len­den Respekt für ihre Men­schen­wür­de zeigt oder die­se her­ab­min­dert oder wenn sie Gefüh­le der Furcht, Angst oder Unter­le­gen­heit her­vor­ruft, die geeig­net sind, den mora­li­schen oder psy­chi­schen Wider­stand der Per­son zu bre­chen. Die Behandlung/​Miss­hand­lung muss dabei, um in den Schutz­be­reich des Art. 3 EMRK zu fal­len, einen Min­dest­grad an Schwe­re errei­chen. Des­sen Beur­tei­lung ist aller­dings rela­tiv, hängt also von den Umstän­den des Fal­les ab, ins­be­son­de­re von der Dau­er der Behand­lung und ihren phy­si­schen und psy­chi­schen Aus­wir­kun­gen sowie mit­un­ter auch vom Geschlecht, Alter und Gesund­heits­zu­stand des Opfers.

Maß­stab sind die in der Richt­li­nie 2013/​33/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26.06.2013 zur Fest­le­gung von Nor­men für die Auf­nah­me von Per­so­nen, die inter­na­tio­na­len Schutz bean­tra­gen – Auf­nah­me­richt­li­nie 17 genann­ten Min­dest­stan­dards für die Auf­nah­me von Asyl­su­chen­den in den Mit­glieds­staa­ten. In Art. 8 bis 11 sind die Grund­vor­aus­set­zun­gen und Bedin­gun­gen, unter denen eine Inhaf­tie­rung von Schutz­su­chen­den zuläs­sig ist, nie­der­ge­legt. Haft darf danach nicht allein des­we­gen ange­ord­net wer­den, weil der Betrof­fe­ne einen Antrag auf Gewäh­rung inter­na­tio­na­len Schut­zes gestellt hat, son­dern nur in Aus­nah­me­fäl­len, ins­be­son­de­re zur Über­prü­fung sei­ner Iden­ti­tät oder Staats­an­ge­hö­rig­keit, bei Flucht­ge­fahr im Fal­le not­wen­di­ger Beweis­si­che­rung, zur Prü­fung des Ein­rei­se­rechts, zur Durch- oder Fort­füh­rung eines Abschie­be­ver­fah­rens, wenn die Gefahr der Ver­zö­ge­rung oder der Ver­ei­te­lung durch den Betrof­fe­nen besteht und bei Gefahr für die natio­na­le Sicher­heit und Ord­nung (Art. 8 Abs. 3, vgl. auch Art. 31 Abs. 2 Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on, Art. 5 EMRK). Die Inhaf­tie­rung darf nur für den kür­zest mög­li­chen Zeit­raum und nur so lan­ge, wie die Grün­de gemäß Art. 8 Abs. 3 bestehen, ange­ord­net wer­den (Art. 9 Abs. 1 S. 1). Die Haft­an­ord­nung ist zu begrün­den (Art. 9 Abs. 2); bei einer Anord­nung durch eine Ver­wal­tungs­be­hör­de ist eine zügi­ge Über­prü­fung durch ein Gericht her­bei­zu­füh­ren (Art. 9 Abs. 3). In die­sem Fall soll dem Betrof­fe­nen unent­gelt­li­cher Rechts­bei­stand zur Ver­fü­gung ste­hen (Art. 9 Abs. 6). Auch im Übri­gen ist eine tur­nus­mä­ßi­ge Haft­über­prü­fung von Amts wegen vor­zu­se­hen (Art. 9 Abs. 5). Die Schutz­su­chen­den sind in spe­zi­el­len Haft­ein­rich­tun­gen unter­zu­brin­gen, auf jeden Fall aber getrennt von gewöhn­li­chen Straf­ge­fan­ge­nen (Art. 10 Abs. 1). Sie haben ein Recht auf Zugang zu fri­scher Luft (Art. 10 Abs. 2) sowie auf Besuch durch Mit­ar­bei­ter des UNHCR, Rechts­bei­stän­den, Bera­tern und Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen (Art. 10 Abs. 3 u. 4). Die Inhaf­tie­rung von beson­ders schutz­be­dürf­ti­gen Per­so­nen ist nur im Aus­nah­me­fall und unter wei­te­ren sehr ein­ge­schränk­ten Bedin­gun­gen zuläs­sig (Art. 11).

Der EGMR hat im Hin­blick auf den Schutz­be­reich von Art. 3 EMRK in sei­ner Ent­schei­dung vom 23.07.2013 18 aus­ge­führt, Haft­be­din­gun­gen müss­ten die Men­schen­wür­de der Gefan­ge­nen berück­sich­ti­gen und dürf­ten die­se nicht Leid und Not aus­set­zen. Sie müss­ten ohne Über­schrei­tung eines unver­meid­ba­ren Maßes an Leid, wel­ches der Inhaf­tie­rung an sich anhaf­te, die Gesund­heit und das Wohl­be­fin­den der Betrof­fe­nen sicher­stel­len. Hier­bei sei ins­be­son­de­re die Län­ge der Haft zu beden­ken. Auch der extre­me Man­gel an Platz in einer Gefäng­nis­zel­le sei ein gewich­ti­ger Aspekt in Bezug auf die in Art. 3 EMRK ange­spro­che­ne "ernied­ri­gen­de Behand­lung". Für die Ent­schei­dung, ob eine Ver­let­zung von Art. 3 EMRK vor­lie­ge, sei in Bezug auf einen Man­gel an Raum für den Ein­zel­nen Fol­gen­des zu berück­sich­ti­gen:

  • Jeder Gefan­ge­ne müs­se einen eige­nen Schlaf­platz haben.
  • Jeder Gefan­ge­ne müs­se über min­des­tens 3 qm Boden­frei­heit ver­fü­gen.
  • Die Grö­ße der Zel­le ins­ge­samt müs­se es jedem Gefan­ge­nen erlau­ben, sich frei zwi­schen den Möbeln zu bewe­gen.

Das Feh­len nur einer die­ser Vor­ga­ben begrün­de die star­ke Ver­mu­tung einer ernied­ri­gen­den Behand­lung und einer Ver­let­zung von Art. 3 EMRK. Ande­re unver­zicht­ba­re Aspek­te sei­en die Mög­lich­keit der Bewe­gung an fri­scher Luft, ange­mes­se­ne Belüf­tung/​Ventilation und Beheiz­bar­keit der Räu­me, die Mög­lich­keit, allein eine Toi­let­te zu benut­zen und eine Basis­aus­stat­tung der sani­tä­ren Anla­gen sowie mit Hygie­ne­ar­ti­keln.

Pro­gno­se­maß­stab für das Vor­lie­gen der­art rele­van­ter Män­gel ist eine beacht­li­che Wahr­schein­lich­keit. Die Annah­me sys­te­mi­scher Män­gel setzt somit vor­aus, dass das Asyl­ver­fah­ren oder die Auf­nah­me­be­din­gun­gen im zustän­di­gen Mit­glieds­staat auf­grund grö­ße­rer Funk­ti­ons­stö­run­gen regel­haft so defi­zi­tär sind, dass anzu­neh­men ist, dass dort auch dem Asyl­su­chen­den im kon­kret zu ent­schei­den­den Ein­zel­fall mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung droht 19. Bei einer zusam­men­fas­sen­den, qua­li­fi­zier­ten – nicht rein quan­ti­ta­ti­ven – Wür­di­gung aller Umstän­de, die für das Vor­lie­gen sol­cher Män­gel spre­chen, muss ihnen ein grö­ße­res Gewicht als den dage­gen spre­chen­den Tat­sa­chen zukom­men, d.h. es müs­sen hin­rei­chend gesi­cher­te Erkennt­nis­se dazu vor­lie­gen, dass es immer wie­der zu den genann­ten Grund­rechts­ver­let­zun­gen kommt 20.

Der Mit­glieds­staat, der die Über­stel­lung des Asyl­su­chen­den vor­nimmt, ist im Fall der Wider­le­gung der Ver­mu­tung, dass die Behand­lung der Asyl­be­wer­ber in jedem Mit­glieds­staat im Ein­klang mit den Erfor­der­nis­sen der GFK und der EMRK steht, ver­pflich­tet, den Asyl­an­trag selbst zu prü­fen, sofern nicht ein ande­rer Mit­glieds­staat als für die Prü­fung des Asyl­an­trags zustän­dig bestimmt wer­den kann.

Gemes­sen an die­sen Maß­ga­ben spricht bei der im Ver­fah­ren auf Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes gebo­te­nen und mög­li­chen sum­ma­ri­schen Prü­fung eini­ges dafür, dass die Abschie­bungs­an­ord­nung bezüg­lich Mal­tas rechts­wid­rig ist, weil erheb­li­che Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass in Mal­ta sys­te­mi­sche Män­gel im Asyl- und Auf­nah­me­ver­fah­ren vor­lie­gen. Die Beant­wor­tung die­ser Fra­ge ist daher der­zeit als offen anzu­se­hen.

Nach den dem Gericht vor­lie­gen­den Erkennt­nis­mit­teln lie­gen hin­rei­chen­de Erkennt­nis­se dazu vor, dass die Haft­pra­xis Mal­tas Migran­ten und damit auch Asyl­be­wer­bern gegen­über und die Haft­be­din­gun­gen nicht im Ein­klang mit inter­na­tio­na­lem und euro­päi­schem Recht ste­hen.

Ver­schie­de­ne NGOs und ins­be­son­de­re der UNHCR 21 berich­ten, dass in Mal­ta Flücht­lin­ge, die in aller Regel ohne die erfor­der­li­chen Papie­re irre­gu­lär und damit ille­gal ein­rei­sen, trotz jah­re­lan­ger Bemü­hun­gen von UNHCRs, die Regie­rung Mal­tas zum Ein­satz von Haft­al­ter­na­ti­ven zu bewe­gen, sys­te­ma­tisch und rou­ti­ne­mä­ßig inhaf­tiert wür­den. Rechts­grund­la­ge hier­für sei das Migra­ti­ons­ge­setz Mal­tas, wel­ches nicht zwi­schen Migran­ten und Flücht­lin­gen, die um inter­na­tio­na­len Schutz nach­su­chen, bzw. Asyl­be­wer­bern unter­schei­de. Danach wür­den alle irre­gu­lär Ein­ge­reis­te als Per­so­nen ohne Ein­rei­se- bzw. Auf­ent­halts­be­fug­nis gel­ten. Ihnen gegen­über erge­he auf der wei­te­ren Grund­la­ge der Ver­wal­tungs­vor­schrift "Poli­cy Docu­ments 2005" eine Zugangs­ver­wei­ge­rungs- oder Aus­wei­sungs­ver­fü­gung mit Haft­an­ord­nung von unbe­stimm­ter Dau­er. Das Migra­ti­ons­ge­setz ent­hal­te kei­ne Bestim­mung zur maxi­ma­len Haft­dau­er. Sei über einen Asyl­an­trag inner­halb eines Jah­res noch nicht ent­schie­den, erfol­ge die Frei­las­sung des Antrag­stel­lers auf­grund einer Ver­wal­tungs­be­stim­mung, die dem Betrof­fe­nen den Zugang zum Arbeits­markt nach zwölf Mona­ten zuer­ken­ne. Abschie­be­haft sei eben­falls auf der Grund­la­ge von Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten auf maxi­mal 18 Mona­te begrenzt. Die Pra­xis rou­ti­ne­mä­ßi­ger Inhaf­tie­rung tref­fe (zunächst) auch die Grup­pe von Schutz­su­chen­den mit beson­de­rem Bedürf­nis­sen ("Ver­letz­li­che") wie unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge, Schwan­ge­re, Fami­li­en mit (min­der­jäh­ri­gen) Kin­dern, Men­schen mit Behin­de­run­gen etc., so lan­ge, bis das Ver­fah­ren zur Aner­ken­nung ihrer Ver­letz­lich­keit abge­schlos­sen sei, was je nach Erkenn­bar­keit die­ses Umstan­des kür­zer oder län­ger dau­ern kön­ne. Dabei wür­den die­je­ni­gen Betrof­fe­nen, deren beson­de­rer Sta­tus nicht ohne Wei­te­res erkenn­bar sei, wie unter Umstän­den psy­chisch Kran­ke oder älte­re Min­der­jäh­ri­ge zunächst zusam­men mit Flücht­lin­gen ohne beson­de­re Bedürf­nis­se unter­ge­bracht. Die sofor­ti­ge Unter­brin­gung in offe­nen Lagern oder beson­de­ren Ein­rich­tun­gen gleich nach Ankunft erfol­ge nur für Flücht­lin­ge, die erkenn­bar zur Grup­pe der Ver­letz­li­chen gehör­ten oder die vor ihrem Auf­griff einen Asyl­an­trag gestellt haben, was in aller Regel nur auf lega­lem Wege Ein­ge­reis­ten gelin­ge. Inhaf­tie­rung von unbe­stimm­ter Dau­er des anschlie­ßen­den Ver­fah­rens tref­fe grund­sätz­lich auch Dub­lin-Rück­keh­rer, weil sie ent­we­der in den Stand vor ihrer Aus­rei­se – also in aller Regel als ille­gal Ein­ge­reis­te – ver­setzt wür­den oder sogar wegen Flucht aus der Haft in Mal­ta wegen ille­ga­ler Aus­rei­se zur Straf­haft ver­ur­teilt wür­den 22.

Die dar­ge­stell­ten Haft­be­stim­mun­gen und ihre Umset­zung in der Pra­xis ver­let­zen die genann­ten Min­dest­stan­dards für die Auf­nah­me von Asyl­su­chen­den. Die gilt zum einen für die sys­te­ma­ti­sche und rou­ti­ne­mä­ßi­ge Inhaf­tie­rung aller Schutz­su­chen­den. Das mal­te­si­sche Migra­ti­ons­ge­setz knüpft zwar for­mal an die ille­ga­le Ein­rei­se an. Davon sind aber fak­tisch alle Schutz­su­chen­den in Mal­ta betrof­fen, so dass letzt­lich allein die Tat­sa­che, dass der Betrof­fe­ne um inter­na­tio­na­len Schutz nach­sucht, der Grund der Inhaf­tie­rung ist. Das wider­spricht den Grund­vor­aus­set­zun­gen und Grund­be­din­gun­gen der Auf­nah­me­richt­li­nie. Das folgt auch aus der gesetz­lich nicht gere­gel­ten Haft­dau­er. Auch die­se Nicht­be­gren­zung der Haft­dau­er zeigt, dass allein die Schutz­su­che der Grund der Haft­an­ord­nung ist. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te weist in der Ent­schei­dung vom 27.07.2010 23 dar­über hin­aus eben­falls auf sein Befrem­den hin, dass die Behör­den der klei­nen Insel Mal­ta, von der die Flucht übers Meer nur unter Lebens­ge­fahr mög­lich sei und über den Luft­weg unter strik­ter Kon­trol­le ste­he, nicht über ande­re Maß­nah­men als die Inhaf­tie­rung der Antrag­stel­ler zur Sicher­stel­lung einer evtl., in abseh­ba­rer Zeit aber nicht anste­hen­den Rück­füh­rung, ver­fü­ge. Der Gerichts­hof hat zwar ledig­lich für einen Ein­zel­fall eine Ver­let­zung des Art. 3 EMRK fest­ge­stellt 24. Die Begrün­dung bezieht sich aber im All­ge­mei­nen auf die Haft­an­ord­nun­gen und damit auf einen sys­te­mi­schen Man­gel der Auf­nah­me­be­din­gun­gen von Asyl­su­chen­den.

Ist im Hin­blick auf die oben genann­ten Grund­sät­ze bereits pro­ble­ma­tisch, dass das Migra­ti­ons­ge­setz kei­ne Bestim­mung zur Höchst­dau­er der Haft vor­sieht, die Haft­an­ord­nun­gen in der Pra­xis ohne zeit­li­che Begren­zung erge­hen und die Haft bis zu 12 Mona­te (bei lau­fen­dem Asyl­ver­fah­ren) bzw. 18 Mona­te (Abschie­be­haft) auf­recht erhal­ten bleibt, so ist die Haft­pra­xis Mal­tas im Hin­blick auf Art. 3 EMRK erst recht vor dem Hin­ter­grund der bestehen­den Haft­be­din­gun­gen und des Umstan­des, dass kei­ne effek­ti­ven recht­li­chen Beschwer­de­mög­lich­kei­ten bestehen, bedenk­lich.

In Mal­ta bestehen der­zeit für die Inhaf­tie­rung von Migran­ten und Flücht­lin­gen drei Haft­zen­tren: in Hal Far, Lys­ter Baracks – Her­mes­block und in Safi, Safi Baracks – War­house 1 und B‑Block 25. Bei den Zen­tren han­delt es sich um ehe­ma­li­ge Mili­tär­ba­ra­cken. Nach den dem Gericht vor­lie­gen­den Erkennt­nis­mit­teln haben sich die Zustän­de in den Haft­zen­tren in den letz­ten Jah­ren zwar (teil­wei­se) ver­bes­sert. In vie­len Berei­chen sei die Ver­sor­gung der Grund­be­dürf­nis­se jedoch noch lücken­haft und vor allem bei der immer wie­der regel­mä­ßig vor­kom­men­den Über­be­le­gung bei ent­spre­chen­dem Flücht­lings­an­sturm zum Teil inak­zep­ta­bel. Wäh­rend der Her­mes-Block in den Lys­ter Baracks in Hal Far nach Reno­vie­rung 380 Plät­ze in fünf Zonen für ver­schie­de­ne Grup­pen – Män­ner, Frau­en, Fami­li­en – mit jeweils drei bis fünf Schlaf­sä­len mit bis zu 20 Schlaf­plät­zen in Eta­gen­bet­ten, einen klei­nen Erho­lungs­be­reich drau­ßen, der täg­lich zwei Stun­den auf­ge­sucht wer­den kön­ne, einen Gemein­schafts­raum mit Tischen, Bän­ken und einem Fern­se­her, eine Küche mit Koch­ge­le­gen­hei­ten und alles in allem akzep­ta­ble Bedin­gun­gen auf­wei­se, sei die Unter­brin­gung in Safi von deut­lich schlech­te­rer Qua­li­tät. Der B‑Block ver­fü­ge über 160 Plät­ze in Sam­mel­zel­len mit Eta­gen­bet­ten nur für Män­ner ein­schließ­lich Min­der­jäh­ri­ge, einen Gemein­schafts­raum mit Tischen, Bän­ken und einem Fern­se­her sowie einen klei­nen Hof und eine Küche. Im War­house 1 gebe es 200 Plät­ze für Män­ner in einem offe­nen Raum mit halb­ho­hen Teil­ab­tren­nun­gen zwi­schen den Rei­hen der Eta­gen­bet­ten. Am Ein­gang befin­de sich ein Gemein­schafts­be­reich mit Tischen, Bän­ken und einem Fern­se­her; am Ende füh­re ein Aus­gang in einen schma­len Außen­be­reich, der mit einem Draht­zaun abschlie­ße. Für Kran­ke ste­he das Mount Car­mel Hos­pi­tal zur Ver­fü­gung. Die Bele­gung der Haft­zen­tren fluk­tu­ie­re je nach den Flücht­lings­zah­len und der Bereit­stel­lung von Mit­teln durch die Regie­rung stark.

Die Haft­be­din­gun­gen in den Haft­zen­tren wer­den im Ein­zel­nen von ver­schie­de­nen NGOs kri­ti­siert 26. Das CRC (UN Com­mit­tee on the Rights oft he Child) beob­ach­te­te Anfang 2013 die Unter­brin­gung von ledi­gen Frau­en und Män­nern sowie Kin­dern im glei­chen Gebäu­de mit gemein­sa­mer Nut­zung von Duschen und Toi­let­ten. HRW stell­te bei sei­nem Besuch im April/​Mai 2012 fest, dass die sani­tä­ren Anla­gen und Hygie­ne­be­din­gun­gen bei Über­be­le­gung von nicht aus­rei­chen­der Qua­li­tät sei­en und es nur einen zeit­lich begrenz­ten Zugang zum Erho­lungs­be­reich drau­ßen gebe, rotie­rend für die ver­schie­de­nen Grup­pen von Inhaf­tier­ten. CoE-CPT (European Com­mit­tee for the Pre­ven­ti­on of Tor­tu­re and Inhu­man or Degra­ding Tre­at­ment or Punish­ment) bemän­gel­te nach sei­nem Besuch im Sep­tem­ber 2011 die extre­me Über­be­le­gung im War­house 1 mit nur sie­ben mobi­len Toi­let­ten sowie sie­ben mobi­len Duschen, die im Hof auf­ge­stellt und in einem erbärm­li­chen Zustand sei­en. Auch JCJ (Inter­na­tio­nal Com­mis­si­on of Jurists) bemän­gel­te im glei­chen Beob­ach­tungs­zeit­raum die Über­fül­lung von War­house 1 und führ­te aus, es bestehe nicht ein­mal eine mini­mals­te Pri­vat­sphä­re; die Bet­ten­rei­hen stün­den so eng, dass nur eine Per­son dazwi­schen ste­hen kön­ne; es gebe nur eini­ge Was­ser­be­cken drau­ßen, an denen die Betrof­fe­nen sich waschen, Wäsche waschen und trin­ken könn­ten. Drau­ßen sei­en auch Duschen und als unhy­gie­nisch anzu­se­hen­de Che­mietoi­let­ten auf­ge­stellt; die Anzahl sei nicht aus­rei­chend.

Auch der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te äußer­te in sei­ner Ent­schei­dung "Aden Ahmed gegen Mal­ta" 27 zu den von der Antrag­stel­le­rin geschil­der­ten Haft­be­din­gun­gen von sehr vie­len Men­schen in einem Raum ohne jeg­li­che Pri­vat­sphä­re, gro­ßer Hit­ze im Som­mer und Käl­te im Win­ter man­gels aus­rei­chen­der Belüf­tung bzw. Hei­zung, kei­ner Ver­sor­gung mit ange­mes­se­ner Nah­rung, einem Man­gel an weib­li­chem Per­so­nal in Haft­be­rei­chen für Frau­en und einer Sper­re des Zugangs nach drau­ßen über Mona­te hin­weg, ernst­haf­te Beden­ken. Ins­be­son­de­re das Lei­den unter extre­mer Hit­ze oder Käl­te dür­fe nicht unter­schätzt wer­den, da es die Gesund­heit gefähr­den kön­ne. Zwar gebe es wohl Decken­ven­ti­la­to­ren; es feh­le aber an aus­rei­chen­den Decken gegen die Käl­te.

Die genann­ten NGOs berich­te­ten wei­ter­hin, dass es zwar ent­spre­chen­de gesetz­li­che und admi­nis­tra­ti­ve Rege­lun­gen gebe 28, die­se den Inhaf­tier­ten jedoch kei­ne effek­ti­ven und zügig durch­ge­führ­ten Ver­fah­ren zur Über­prü­fung der Gesetz­mä­ßig­keit und Ange­mes­sen­heit der Haft(anordnungen) böten. Der EGMR hat nach Prü­fung der ein­zel­nen Beschwer­de­tat­be­stän­de fest­ge­stellt, dass das mal­te­si­sche Geset­zes­sys­tem kein Ver­fah­ren bereit­stel­le, das fähig wäre, die Gefahr will­kür­li­cher (Abschiebe-)Haft zu ver­mei­den; im kon­kre­ten Fall hat es eine Ver­let­zung von Art. 5 EMRK fest­ge­stellt 29. Die Auf­fas­sung hat es in sei­nen Ent­schei­dun­gen vom 23.07.2013 30 auch für die Haft der Betrof­fe­nen wäh­rend des Laufs ihrer Asyl­ver­fah­ren bestä­tigt.

Vor dem Hin­ter­grund der genann­ten Rechts­la­ge, der Inhaf­tie­rungs­pra­xis der mal­te­si­schen Behör­den und den geschil­der­ten Haftum­stän­den, ins­be­son­de­re im Fall immer wie­der vor­kom­men­der Über­fül­lung der Haft­zen­tren, wird die Haft­pra­xis gegen­über Asyl­be­wer­bern in Mal­ta vom UNHCR wie vom Euro­päi­schen Par­la­ment als unge­setz­lich und will­kür­lich bewer­tet 31. Sei­ne Initia­ti­ve für die Jah­re 2014 bis 2019 "UNHCR calls for end to detenti­on of asyl­ums see­kers and refu­gees" 32 betrifft auch Mal­ta. Der in Mal­ta täti­ge Jesuits Refu­gees Ser­vice Euro­pe spricht ent­spre­chen­de Emp­feh­lun­gen aus 33.

Nach Auf­fas­sung des Gerichts spricht viel dafür, dass es sich bei den geschil­der­ten Haft­be­din­gun­gen nicht nur um Ein­zel­fäl­le han­delt, die Schutz­su­chen­de ver­ein­zelt oder zufäl­lig tref­fen. Die geschil­der­te Viel­zahl der Vor­fäl­le, die Ein­schrän­kun­gen der Pri­vat­sphä­re, die feh­len­den Belüf­tungs- und Heiz­sys­te­me und die unzu­rei­chen­de Aus­stat­tung der sani­tä­ren Anla­gen sowie die man­gel­haf­ten hygie­ni­schen Bedin­gun­gen sind deut­li­che Anzei­chen für eine objek­tiv vor­her­seh­ba­re Situa­ti­on, die jeden Asyl­su­chen­den tref­fen kann. Die Tat­sa­che, dass sich die Betrof­fe­nen gegen die Haft­be­din­gun­gen nicht effek­tiv gericht­lich zur Wehr set­zen bzw. eine Ver­bes­se­rung der Bedin­gun­gen errei­chen kön­nen, ver­stärkt die Anzei­chen sys­te­mi­scher Män­gel der Auf­nah­me­be­din­gun­gen. Ange­sichts die­ser Erkennt­nis­la­ge kann von der ange­führ­ten Ver­mu­tung, dass den Asyl­su­chen­den in Mal­ta eine Behand­lung zukommt, die den Erfor­der­nis­sen der Grund­rech­te­char­ta, der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ent­spricht, nicht mehr ohne wei­te­res aus­ge­gan­gen wer­den, weil hin­rei­chen­de Män­gel des Auf­nah­me­ver­fah­rens und sei­ner Auf­nah­me­be­din­gun­gen vor­lie­gen.

Die Recht­spre­chung, die das Vor­lie­gen sys­te­mi­scher Män­gel im Asyl- und Auf­nah­me­sys­tem Mal­tas ver­neint, über­zeugt das Gericht nicht. Die Ent­schei­dun­gen wer­ten ent­we­der nur weni­ge Erkennt­nis­mit­tel aus 34 oder kom­men nach Aus­wer­tung einer Viel­zahl von Erkennt­nis­mit­teln und zum Teil sehr aus­führ­li­cher Dar­stel­lung von Miss­stän­den im Wesent­li­chen nur des­halb zu ihrer Bewer­tung, weil kei­ne Emp­feh­lung des UNHCR, von Über­stel­lun­gen nach Mal­ta grund­sätz­lich abzu­se­hen, vor­liegt 35. Letz­te­rem ver­mag das Gericht aus fol­gen­den Grün­den nicht bei­zu­tre­ten:

Der UNHCR hat in sei­ner Stel­lung­nah­me "Ergän­zen­de Infor­ma­tio­nen zur Ver­öf­fent­li­chung der UNHCR – Emp­feh­lun­gen zu wich­ti­gen Aspek­ten des Flücht­lings­schut­zes in Ita­li­en – Juli 2013" vom März 2014 aus­ge­führt, dass er bis­lang ledig­lich in beson­de­ren Aus­nah­me­fäl­len die gene­rel­le Emp­feh­lung aus­ge­spro­chen habe, Asyl­su­chen­de nicht im Rah­men des Dub­lin-Ver­fah­rens in einen bestimm­ten Mit­glied­staat zu über­stel­len. Aus der Tat­sa­che, dass kei­ne Äuße­rung dazu vor­lie­ge, ob sys­te­mi­sche Män­gel einer Über­stel­lung ent­ge­gen­stün­den, kön­ne nicht geschlos­sen wer­den, dass der UNHCR die Auf­fas­sung ver­tre­te, dass kei­ne einer Über­stel­lung ent­ge­gen­ste­hen­de Umstän­de vor­lä­gen. Dies sei nicht zuletzt des­we­gen der Fall, da sich das Papier in ers­ter Linie mit Emp­feh­lun­gen zur Ver­bes­se­rung des Flücht­lings­schut­zes an die ita­lie­ni­sche Regie­rung rich­te. Der UNHCR weist damit aus­drück­lich auf die Appell­funk­ti­on sei­ner Ein­schät­zun­gen gegen­über den betrof­fe­nen Mit­glied­staa­ten hin, die an Wir­kung ver­lö­re, wenn zur Ein­stel­lung von Über­stel­lun­gen auf­ge­ru­fen wird. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len misst daher in sei­nem Urteil vom 07.03.2014 36 dem Nicht­vor­lie­gen einer ent­spre­chen­den Emp­feh­lung kei­ne Indi­zwir­kung und zwar weder für noch gegen das Vor­lie­gen von sys­te­mi­schen Män­geln zu. Es ver­blei­be viel­mehr bei der dem Gericht oblie­gen­den Bewer­tung der Infor­ma­tio­nen aus den Erkennt­nis­mit­teln. Dies ent­spricht der Auf­fas­sung des erken­nen­den Gerichts.

Vor die­sem Hin­ter­grund über­wiegt das Aus­set­zungs­in­ter­es­se des Antrag­stel­lers. Blie­be die­sem die Anord­nung der auf­schie­ben­den Wir­kung sei­ner Kla­ge ver­sagt, wäre er der mög­li­chen Gefahr aus­ge­setzt, über einen län­ge­ren Zeit­raum ledig­lich infol­ge sei­nes Sta­tus als Asyl­su­chen­der inhaf­tiert zu wer­den und unzu­mut­ba­ren Haft­be­din­gun­gen aus­ge­setzt zu sein, ohne dass ihm eine effek­ti­ve Beschwer­de­mög­lich­keit zur Ver­fü­gung stün­de. Die damit ver­bun­de­nen nicht aus­zu­schlie­ßen­den phy­si­schen und psy­chi­schen Beein­träch­ti­gun­gen, auf die der Antrag­stel­ler hin­ge­wie­sen hat und die grund­recht­li­che Posi­tio­nen betref­fen, wären im Fal­le einer erfolg­rei­chen Kla­ge und dem damit ver­bun­de­nen Recht auf Rück­kehr in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auch nicht rück­gän­gig zu machen. Die­se Beein­träch­ti­gun­gen des Antrag­stel­lers wie­gen schwe­rer als – im Fal­le der Statt­ga­be des Antra­ges und spä­te­rer Kla­ge­ab­wei­sung – der Auf­schub oder auch der Aus­fall der Durch­set­zung einer Über­stel­lung in den an sich zustän­di­gen Mit­glied­staat. Die grund­sätz­li­che Wirk­sam­keit und Effek­ti­vi­tät des Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tems wird durch eine sich im Nach­hin­ein als falsch her­aus­stel­len­de Unter­bin­dung einer Über­stel­lung im Ein­zel­fall nicht in Fra­ge gestellt, zumal die Dub­lin-Ver­ord­nun­gen ein Recht zum jeder­zei­ti­gen Selbst­ein­tritt der Mit­glied­staa­ten vor­se­hen und eine gemein­schafts­recht­li­che Ver­pflich­tung zur Über­stel­lung nicht besteht 37.

Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg, Beschluss vom 23. Juli 2014 – 12 B 1217/​14

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 14.04.2005 – 4 VR 1005/​04, BVerw­GE 123, 241[]
  2. vgl. BVerfG in stän­di­ger Recht­spre­chung, u.a. Beschluss vom 12.01.2014 – 1 BvR 3606/​13, NVwZ 2014, 329[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.12 2009 – 2 BvR 2879/​09, NVwZ 2010, 318[]
  4. ABl. L 50 vom 25.02.2003, S. 1[]
  5. ABl. L 180 vom 29.06.2013, S. 31[]
  6. ABl. C 83/​389 vom 30.03.2010[]
  7. BGBl. II 1953, S. 559[]
  8. BGBl. II 1952, S. 685, ber. S. 953, in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 20.10.2010 ((BGBl. II S. 1198[]
  9. EuGH, Urteil vom 21.12 2011 – C‑411/​10 u. – C‑493/​10, NVwZ 2012, 417; ders.: Urteil vom 14.11.2013 – C‑4/​11, NVwZ 2014, S. 129[]
  10. BVerfG, Urteil vom 14.05.1996 – 2 BvR 1938/​93 u. 2315/​93, BVerfGE 94, S. 49 = NJW 1996, S. 1665[]
  11. EuGH, Urteil vom 21.12 2011, a.a.O.; ders.: Urteil vom 14.11.2013, a.a.O.[][]
  12. vgl. Bank/​Hruschka, Die EuGH, Ent­schei­dung zu Über­stel­lun­gen nach Grie­chen­land und ihre Fol­gen für Dub­lin-Ver­fah­ren (nicht nur) in Deutsch­land, ZAR 2012, S. 182; OVG Rhein­land-Platz, Urteil vom 21.02.2014 – 10 A 10656/​13[]
  13. ABL. C 303/​17 vom 14.12 207[]
  14. ABl. C 191, S. 1[]
  15. ABl. C 306, S. 1, ber. ABl.2008 C 111 S. 56 u. ABl.2009 C 290 S. 1[]
  16. EGMR, Urteil vom 21.01.2011 – 30696/​09 – (M.S.S.), EuGRZ 2011, 243[]
  17. ABl. L 180 S. 96[]
  18. EGMR, Urteil "Aden Ach­med gegen Mal­ta", Nr. 55352/​12, HUDOC[]
  19. BVerwG, Beschluss vom 19.03.2014 – 10 B 6.14[]
  20. vgl. OVG NRW, Urteil vom 07.03.2014, a.a.O.; OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 14.11.2013 – 4 L 44/​13; BVerwG, Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23/​12, BVerw­GE 146, S. 67; OVG Rhein­land-Pfalz, a.a.O.[]
  21. Glo­bal Detenti­on Pro­ject "Immi­gra­ti­on Detenti­on in Mal­ta" vom Janu­ar 2014; gemein­sa­me Publi­ka­ti­on UNHCRs und des Euro­päi­schen Par­la­ments "know the fac­ts" vom 09.04.2014; AIDA, Asyl­um Infor­ma­ti­on Data­ba­se, "Natio­nal Coun­try Report Mal­ta” vom Dezem­ber 2013; UNHCR "UNHCR`s Posi­ti­on on the Detenti­on of Asyl­um-see­kers in Mal­ta" vom 18.09.2013; United Nati­ons – Gene­ral Assem­bly; Human Rights Coun­cil, Working Group on the Uni­ver­sal Perio­dic Review, Stel­lung­nah­men vom 23.07.2013, 30.07.2013 und 7.08.2013; Jesuits Refu­gee Ser­vice Euro­pe (JRS) "Pro­tec­tion Inter­rup­ted, Natio­nal Report Mal­ta" vom Juni 2013; UNHCR "Uni­ver­sal Perio­dic Review Mal­ta" vom März 2013[]
  22. so z.B. im Fall Aden Ahmed gegen Mal­ta, Ent­schei­dung des EGMR vom 23.07.2013, a.a.O.[]
  23. EGMR, Urteil vom 27.07.2010, "Mas­soud gegen Mal­ta", a.a.O.[]
  24. EGMR, Ent­schei­dung vom 23.07.2013, Aden gegen Mal­ta, a.a.O.[]
  25. vgl. hier­zu und für die fol­gen­de Dar­stel­lung der Aus­stat­tung und bau­li­chen Auf­tei­lung: Glo­bal Detenti­on Pro­ject "Immi­gra­ti­on Detenti­on in Mal­ta" vom Juni 2014[]
  26. Dar­stel­lung bei Glo­bal Detenti­on Pro­ject, a.a.O.; UNHCR vom 18.09.2013, a.a.O.; United Nati­ons – Gene­ral Assem­bly; Human Rights Coun­cil, Working Group on the Uni­ver­sal Perio­dic Review, Stel­lung­nah­men vom 23.07.2013, 30.07.2013 und 7.08.2013[]
  27. EGMR, Urteil vom 23.07.2013 – 55352/​12, a.a.O.[]
  28. vgl. die Dar­stel­lun­gen bei UNHCR vom 18.09.2013, sowie EGMR, Ent­schei­dung vom 27.07.2010, Mas­soud gegen Mal­ta, No. 24340/​08; und vom 23.07.2013, Musa gegen Mal­ta, No. 42337/​12, bei­de HUDOC[]
  29. Ent­schei­dung vom 27.07.2010, Mas­suod gegen Mal­ta, a.a.O.[]
  30. Ent­schei­dun­gen vom 23.07.2013, Musa gegen Mal­ta, a.a.O. und Aden gegen Mal­ta, a.a.O.[]
  31. UNHCR vom 18.09.2013, UNHCR und Euro­päi­sches Par­la­ment "know the fac­ts" vom 09.04.2014[]
  32. UNHCR, Bericht vom 03.07.2014[]
  33. vgl. JRS, a.a.O.[]
  34. vgl. z.B. VG Pots­dam, Beschluss vom 05.02.2014 – 6 L 53/​14.A; VG Sta­de, Beschluss vom 31.03.2014 – 5 B 582/​14[]
  35. vgl. z. B. VG Olden­burg, Beschluss vom 17.02.2014 – 3 B 6974/​13, VG Osna­brück, Beschluss vom 07.05.2014 – 5 B 104/​14 – und VG Lüne­burg, Beschluss vom 10.06.2014 – 3 B 1/​14, bei­de unter Bezug­nah­me auf die genann­te Ent­schei­dung des VG Olden­burg[]
  36. OVG NRW, Urteil vom 07.03.2014 – 1 A 21/​12.A[]
  37. vgl. zu Letz­te­ren: BVerfG, Beschluss vom 22.12 2009, a.a.O.[]