Über­stel­lungs­haft nach der Dub­lin-III-VO – und der Haft­grund der erheb­li­chen Flucht­ge­fahr

In einem Antrag auf Anord­nung der Über­stel­lungs­haft nach Art. 28 Abs. 2 Dub­lin-III-VO ist nicht dar­zu­le­gen, dass und wes­halb der Ziel­staat nach der Dub­lin-III-VO zur Auf­nah­me ver­pflich­tet ist, ins­be­son­de­re auch nicht, ob die Über­stel­lungs­frist noch läuft.

Über­stel­lungs­haft nach der Dub­lin-III-VO – und der Haft­grund der erheb­li­chen Flucht­ge­fahr

Der Haft­rich­ter ist an die Ver­wal­tungs­ak­te, die der Über­stel­lung zugrun­de lie­gen, gebun­den. Er hat des­halb auch nicht zu prü­fen, ob die Aus­län­der­be­hör­de die Über­stel­lung zu Recht betreibt [1]. Das gilt ins­be­son­de­re, wenn der Ziel­staat sei­ne Rück­nah­me­be­reit­schaft unein­ge­schränkt erklärt hat.

Unter (erheb­li­cher) Flucht­ge­fahr im Sin­ne von Art. 28 Abs. 2 Dub­lin-III-VO ist nach Art. 2 Buch­sta­be n Dub­lin-III-VO das Vor­lie­gen von Grün­den im Ein­zel­fall zu ver­ste­hen, die auf objek­ti­ven gesetz­lich fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en beru­hen und zu der Annah­me Anlass geben, dass sich ein Antrag­stel­ler, ein Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ger oder Staa­ten­lo­ser dem Über­stel­lungs­ver­fah­ren durch Flucht ent­zie­hen könn­te.

Die in die­ser Vor­schrift genann­ten objek­ti­ven Kri­te­ri­en sind im natio­na­len Recht der Mit­glied­staa­ten gesetz­lich fest­zu­le­gen [2]. Dies war in Deutsch­land für den hier vom Bun­des­ge­richts­hof noch zu beur­tei­len­den Zeit­raum noch in § 2 Abs. 15 i.V.m. Abs. 14 Auf­en­thG in der bis zum 20.08.2019 gel­ten­den Fas­sung erfolgt, in dem bestimm­ten Anhalts­punk­te für (erheb­li­che) Flucht­ge­fahr bestimmt sind.

Eine aus­drück­li­che Erklä­rung des Aus­län­ders, dass er sich der Abschie­bung ent­zie­hen wol­le, die nach § 2 Abs. 15 Satz 1, Abs. 14 Nr. 5 Auf­en­thG aF einen kon­kre­ten Anhalts­punkt für Flucht­ge­fahr ergibt, liegt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs vor, wenn der Aus­län­der klar zum Aus­druck bringt, dass er nicht frei­wil­lig in den in der Abschie­bungs­an­dro­hung genann­ten Ziel­staat rei­sen und sich vor allem auch nicht für eine behörd­li­che Durch­set­zung sei­ner Rück­füh­rung zur Ver­fü­gung hal­ten wer­de [3]. Eine Erklä­rung des Aus­län­ders kann auch unter Berück­sich­ti­gung der Gesamt­um­stän­de, in deren Kon­text die Erklä­rung steht, als aus­drück­li­che Erklä­rung, sich der Über­stel­lung ent­zie­hen zu wol­len, zu ver­ste­hen sein. Das muss sich aber ohne wei­te­re Nach­fra­ge klar und ein­deu­tig erge­ben [4].

Eine sons­ti­ge kon­kre­te Vor­be­rei­tungs­hand­lung, die nach § 2 Abs. 15 Satz 1, Abs. 14 Nr. 6 Auf­en­thG aF ein Anhalts­punkt für Flucht­ge­fahr sein kann, ist anzu­neh­men, wenn bestimm­te Hand­lun­gen auf eine Absicht des Aus­län­ders hin­deu­ten, sich der Abschie­bung zu ent­zie­hen, und auch objek­tiv einen gewich­ti­gen Bei­trag zur Vor­be­rei­tung einer mög­li­chen Flucht dar­stel­len. Zudem dür­fen die Vor­be­rei­tungs­hand­lun­gen nicht durch Anwen­dung unmit­tel­ba­ren Zwangs über­wun­den wer­den kön­nen [5]. Eine sol­che Hand­lung kann im Anwen­dungs­be­reich der Dub­lin-III-VO dar­in lie­gen, dass der Aus­län­der sich vor­über­ge­hend ver­bor­gen hält, um eine ange­kün­dig­te oder unan­ge­kün­dig­te Abschie­bung zu ver­ei­teln. Eine sol­che Ver­hal­tens­wei­se des Aus­län­ders dient näm­lich dazu, die Rück­füh­rung zu ver­hin­dern. Sie steht im unmit­tel­ba­ren zeit­li­chen Zusam­men­hang mit der kon­kre­ten Abschie­bung und hat ein ver­gleich­ba­res Gewicht wie die in § 2 Abs. 14 Nr. 1 bis 5 Auf­en­thG aF beschrie­be­nen Hand­lun­gen [6].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Mai 2020 – XIII ZB 71/​19

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 07.04.2020 – XIII ZB 53/​19 12[]
  2. EuGH, Urteil vom 15.03.2017, Rs. – C‑528/​15, NVwZ 2017, 777 Rn. 45 – Al Cho­dor[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 12.05.2016 – V ZB 27/​16 5; und vom 20.10.2016 – V ZB 13/​16 5[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 23.01.2018 – V ZB 53/​17, InfAuslR 2018, 187 Rn. 12; und vom 13.09.2018 – V ZB 151/​17, Asyl­ma­ga­zin 2018, 459 Rn. 10[]
  5. BGH, Beschluss vom 14.01.2020 – XIII ZB 1/​19 13[]
  6. BGH, Beschluss vom 11.04.2019 – V ZB 105/​18 5[]