Alt­rei­fen als Ter­ras­sen­be­fes­ti­gung

Als Pflanz­rin­ge ein­ge­setz­te Alt­rei­fen, die dem Hang­schutz die­nen, zäh­len nicht zum Abfall im Sin­ne von § 3 Abs. 1 Satz 1 KrWG.

Alt­rei­fen als Ter­ras­sen­be­fes­ti­gung

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt a. d. Wein­stra­ße der Kla­ge eines Grund­stücks­ei­gen­tü­mers statt­ge­ge­ben, der sich damit gegen eine abfall­recht­li­che Besei­ti­gungs­ver­fü­gung sei­ner Alt­rei­fen gewehrt hat. Der Klä­ger ist Eigen­tü­mer meh­re­rer unbe­bau­ter Frei­zeit­grund­stü­cke in Hang­la­ge im Elm­stei­ner Tal. Im Janu­ar 2014 wur­de dem beklag­ten Land­kreis Bad Dürk­heim bekannt, dass auf die­sen Grund­stü­cken meh­re­re hun­dert äußer­lich unbe­schä­dig­te Alt­rei­fen lagen. Der Klä­ger begann die Alt­rei­fen u.a. als Ter­ras­sen­be­fes­ti­gung zu ver­bau­en, indem er die­se ter­ras­sen­för­mig in den Unter­grund bzw. die Böschung ein­grub und anschlie­ßend bepflanz­te. Wei­te­re Alt­rei­fen bau­te er als Pflanz­rin­ge in den Boden ein.

Mit einer abfall­recht­li­chen Besei­ti­gungs­ver­fü­gung vom 25. Febru­ar 2014 gab der Beklag­te dem Klä­ger auf, die auf sei­nen Frei­zeit­grund­stü­cken ange­la­ger­ten und teil­wei­se schon in den Unter­grund bzw. in die Böschung ein­ge­bau­ten Alt­rei­fen aller Art auf eige­ne Kos­ten voll­stän­dig zu ent­fer­nen und ord­nungs­ge­mäß zu ent­sor­gen, da die Alt­rei­fen Abfall im Sin­ne des Kreis­lauf­wirt­schafts­ge­set­zes (KRWG) sei­en. Dage­gen leg­te der Klä­ger Wider­spruch ein und führ­te zur Begrün­dung aus, er habe die erwor­be­nen Grund­stü­cke umge­stal­tet, da die Nut­zung als Nutz­gar­ten bei einem Hang­grund­stück ein­ge­schränkt sei. Er habe des­halb begon­nen, mit Alt­rei­fen eine Ter­ras­sen­be­fes­ti­gung zu bau­en. Es lie­ge weder eine öko­lo­gi­sche noch eine ästhe­ti­sche Beein­träch­ti­gung der Umwelt vor. Die Alt­rei­fen sei­en kein Abfall; auf deren Her­kunft kom­me es nicht an. Die Nut­zung der Alt­rei­fen als Ter­ras­sen­be­fes­ti­gung sei als erneu­te Nut­zung unter Bei­be­hal­tung der Pro­dukt­ge­stal­tung anzu­se­hen. Auch ander­wei­tig wür­den Alt­rei­fen bei­spiels­wei­se als Fen­der an Was­ser­fahr­zeu­gen, als Puf­fer­zo­nen im Was­ser­sport und zur Beschwe­rung von Foli­en auf Mie­ten ver­wen­det.

Nach Zurück­wei­sung sei­nes Wider­spruchs durch den Kreis­rechts­aus­schuss des Beklag­ten erhob der Klä­ger im Febru­ar 2015 Kla­ge und führ­te ergän­zend aus, er habe die Rei­fen über das Inter­net­por­tal „Quo­ka“ erwor­ben, in dem die Vor­be­sit­zer die Alt­rei­fen kos­ten­los z.B. zur Beschwe­rung von Mie­ten­ab­de­ckun­gen in der Land­wirt­schaft ange­bo­ten hät­ten. Er habe den Alt­rei­fen eine sinn­vol­le Zweck­be­stim­mung gege­ben; sie sei­en des­halb kein Abfall.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Neu­stadt sei­en die Alt­rei­fen, die der Klä­ger als Pflanz­rin­ge (auch) für die Befes­ti­gung und den Aus­bau der Ter­ras­se auf sei­nen Frei­zeit­grund­stü­cken im Elm­stei­ner Tal ver­wen­de, nicht als Abfall im Sin­ne von § 3 Abs. 1 Satz 1 KrWG zu qua­li­fi­zie­ren. Nach die­ser Vor­schrift gel­ten als Abfall alle Stof­fe oder Gegen­stän­de, deren sich ihr Besit­zer ent­le­di­ge, ent­le­di­gen wol­le oder ent­le­di­gen müs­se. Vor­lie­gend sei kei­ne der drei gefah­ren­ab­wehr­recht­lich aus­ge­rich­te­ten Ent­le­di­gungs­va­ri­an­ten gege­ben.

Eine tat­säch­li­che objek­ti­ve Ent­le­di­gungs­hand­lung sei hier nicht fest­ge­stellt. Der Klä­ger habe als aktu­el­ler Besit­zer die tat­säch­li­che Sach­herr­schaft an den ihm von den Vor­be­sit­zern geschenk­ten Alt­rei­fen bereits mit der Zweck­be­stim­mung begrün­det, die­se für den Ter­ras­sen­bau und die Bepflan­zung des Gar­tens zu ver­wen­den und rea­li­sie­re die­se Zweck­be­stim­mung ohne Unter­bre­chung oder Auf­ga­be der ursprüng­li­chen Zweck­be­stim­mung.

Es lägen auch nicht die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ent­le­di­gungs­pflicht vor. Es gebe kei­ne hin­rei­chen­den Anhalts­punk­te, dass die Alt­rei­fen, die auch nicht in der Ver­ord­nung über das Euro­päi­sche Abfall­ver­zeich­nis als gefähr­li­cher Abfall klas­si­fi­ziert sei­en, nach dem Ein­bau in den Unter­grund bzw. die Böschung der unbe­bau­ten Frei­zeit­grund­stü­cke des Klä­gers und deren Bepflan­zung in ihrer kon­kre­ten Funk­ti­on als Hang­schutz und Pflanz­rin­ge geeig­net wären, gegen­wär­tig oder künf­tig das Wohl der All­ge­mein­heit zu gefähr­den.

Schließ­lich feh­le es auch an dem Wil­len zur Ent­le­di­gung von Stof­fen oder Gegen­stän­den im Sin­ne des § 3 Abs. 1 KrWG. Dies kön­ne allen­falls dann ange­nom­men wer­den, wenn kei­ne sinn­vol­le Ver­wen­dungs­mög­lich­keit des Gegen­stan­des mehr bestün­de. Dies sei hier nicht der Fall. Für Alt­rei­fen gebe es zahl­rei­che Wei­ter- und Wie­der­wen­dungs­mög­lich­kei­ten, die häu­fig und weit ver­brei­tet unmit­tel­bar an die Stel­le der ursprüng­li­chen Zweck­be­stim­mung trä­ten. So wür­den in Infor­ma­ti­ons­blät­tern des Bun­des­um­welt­am­tes vom Juni 2014 und des Baye­ri­schen Lan­des­am­tes für Umwelt vom Novem­ber 2013 meh­re­re geeig­ne­te Wei­ter­ver­wen­dun­gen für Alt­rei­fen (Beschwe­rung von Mie­ten­ab­de­ckun­gen in der Land­wirt­schaft, Auf­prall­schutz in Hafen­la­gen, Spiel­ge­rä­te in Form von Schau­kel oder Schau­kel­pferd) genannt.

Aus die­sen Grün­den sind die Vor­aus­set­zun­gen für den Erlass einer abfall­recht­li­chen Besei­ti­gungs­ver­fü­gung hier nicht gege­ben. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben.

Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt a. d. Wein­stra­ße, Urteil vom 11. Sep­tem­ber 2015 – 4 K 162/​15.NW