Blind­ar­beits­ent­gelt bei einem Wind­park

Das in einem For­mu­lar­ver­trag über die Ein­spei­sung von Strom aus Erneu­er­ba­ren Ener­gi­en zuguns­ten des Netz­be­trei­bers ver­ein­bar­te Blind­ar­beits­ent­gelt ver­stößt weder gegen des­sen Ver­pflich­tung, die im Erneu­er­ba­re-Ener­gi­en-Gesetz vor­ge­schrie­be­ne Min­dest­ver­gü­tung zu zah­len noch ist die Ver­ein­ba­rung eines sol­chen Ent­gelts gemäß § 307 BGB unwirk­sam.

Blind­ar­beits­ent­gelt bei einem Wind­park

Bestrei­tet der Anla­gen­be­trei­ber den Anspruch des Netz­be­trei­bers auf Zah­lung eines Blind­ar­beits­ent­gelts, steht einer hier­mit vom Netz­be­trei­ber erklär­ten Auf­rech­nung gegen die von ihm nach § 5 EEG 2004 zu zah­len­de Ein­spei­se­ver­gü­tung das in § 12 Abs. 4 Satz 1 EEG 2004 gere­gel­te Auf­rech­nungs­ver­bot auch dann ent­ge­gen, wenn der Anspruch auf Zah­lung eines Blind­ar­beits­ent­gelts an sich ent­schei­dungs­reif ist.

§ 12 Abs. 4 Satz 1 EEG 2004 zielt nach der Geset­zes­be­grün­dung auf ein Ver­bot der Auf­rech­nung von bestrit­te­nen oder nicht rechts­kräf­tig fest­ge­stell­ten For­de­run­gen des Netz­be­trei­bers mit den Ver­gü­tungs­an­sprü­chen des Anla­gen­be­trei­bers ab, um zu ver­hin­dern, "dass die wirt­schaft­lich über­mäch­ti­gen Netz­be­trei­ber, die wei­ter­hin ein natür­li­ches Mono­pol besit­zen, unbil­lig hohe Mess, Abrech­nungs, Blind­strom- und Ver­sor­gungs­kos­ten von den Anla­gen­be­trei­bern durch Auf­rech­nung erlan­gen und das Pro­zess­ri­si­ko auf die Anla­gen­be­trei­ber abwäl­zen" 1. Dem liegt ein­mal der Gedan­ke zugrun­de, dass dem Anla­gen­be­trei­ber ein wirt­schaft­lich trag­ba­rer Betrieb sei­ner Strom­erzeu­gungs­an­la­ge nur mög­lich ist, wenn ein zügi­ger Ein­gang der Ver­gü­tun­gen für den von ihm ein­ge­speis­ten Strom gewähr­leis­tet ist und eine Zah­lung die­ser Ver­gü­tun­gen nicht bis zur rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung oder sons­ti­gen Klä­rung von Gegen­an­sprü­chen hin­aus­ge­zö­gert wer­den kann 2. Neben der auf die­se Wei­se erstreb­ten Siche­rung der Liqui­di­tät und Plan­bar­keit der Mit­tel­zu­flüs­se aus den gesetz­li­chen Min­dest­ver­gü­tun­gen hat der Gesetz­ge­ber dem Anla­gen­be­trei­ber bei strei­ti­ger Gegen­for­de­rung zugleich das hier­aus resul­tie­ren­de Risi­ko eines Aktiv­pro­zes­ses gegen den als wirt­schaft­lich stär­ker ein­ge­schätz­ten Netz­be­trei­ber abneh­men wol­len 3.

Die Vor­aus­set­zun­gen die­ses Auf­rech­nungs­ver­bots sind für die­je­ni­gen Ver­gü­tun­gen gege­ben, die nach Außer­kraft­tre­ten des EEG 2000 in der Zeit ab dem 1. August 2004 gemäß § 5 Abs. 1 Satz 1 EEG 2004, § 21 EEG 2004, § 7 Abs. 1 Satz 1 EEG 2000 ange­fal­len sind. Denn das von dem beklag­ten Netz­be­trei­ber bean­spruch­te Blind­ar­beits­ent­gelt war nicht unbe­strit­ten. Zwar steht der Umfang der ein­ge­speis­ten Blind­ar­beit nicht im Streit. Anders ver­hält es sich aber mit dem Grund des Anspruchs, den die Klä­ge­rin für nicht gege­ben erach­tet, weil nach ihrer Auf­fas­sung § 6 Abs. 3 des Ein­spei­se­ver­tra­ges sowohl gegen zwin­gen­de Bestim­mun­gen des EEG, nament­lich die in § 3 Abs. 1 Satz 1, § 7 Abs. 1 Satz 1 EEG 2000 4 und für die Zeit ab dem 1. August 2004 in § 5 Abs. 1 Satz 1, § 21 EEG 2004, § 7 Abs. 1 Satz 1 EEG 2000 gere­gel­te Pflicht zur Zah­lung einer Min­dest­ver­gü­tung, ver­stößt als auch nach §§ 307 ff. BGB unwirk­sam ist. Die­ser Ein­wand, den die Klä­ge­rin seit Novem­ber 2003 fort­lau­fend gegen die von der Beklag­ten ein­be­hal­te­nen Blind­ar­beits­ent­gel­te erho­ben hat, hat zur Fol­ge, dass die Gegen­for­de­run­gen der Beklag­ten nicht unbe­strit­ten waren, als sie die­se gegen die ab August 2005 gemäß § 5 EEG 2004 ange­fal­le­nen Ein­spei­se­ver­gü­tun­gen jeweils nach Maß­ga­be von § 6 Abs. 5 des Ein­spei­se­ver­tra­ges ver­rech­net hat.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass bei der Beur­tei­lung einer Wirk­sam­keit von § 1 Abs. 2 Satz 2, § 6 Abs. 3 des Ein­spei­se­ver­tra­ges im Wesent­li­chen nur über Rechts­fra­gen zu ent­schei­den ist. Zwar kann es bei ver­trag­li­chen Auf­rech­nungs­ver­bo­ten treu­wid­rig sein, sich auf die­ses Ver­bot im Pro­zess zu beru­fen, wenn die ein­an­der gegen­über ste­hen­den For­de­run­gen, obwohl bestrit­ten, ent­schei­dungs­reif sind 5. Eine sol­che Treu­wid­rig­keit liegt hier aber nicht vor. Abge­se­hen davon, dass das Auf­rech­nungs­ver­bot bereits in den Vor­in­stan­zen von Amts wegen hät­te berück­sich­tigt wer­den müs­sen 6, besteht sein Zweck gera­de dar­in zu ver­hin­dern, dass der Anla­gen­be­trei­ber sich wegen einer vom Netz­be­trei­ber gel­tend gemach­ten Gegen­for­de­rung in eine Klä­ger­rol­le gedrängt sieht, um sei­ne Ein­spei­se­ver­gü­tung rea­li­sie­ren zu kön­nen. Es ist des­halb nicht treu­wid­rig, wenn sich die Klä­ge­rin auf das ihr vom Gesetz­ge­ber zu ihrem Schutz zuge­bil­lig­te Auf­rech­nungs­ver­bot beruft, nach­dem die Beklag­te sie durch ihre § 12 Abs. 4 Satz 1 EEG 2004 zuwi­der­lau­fen­de Auf­rech­nung in die Lage gebracht hat, die Ein­spei­se­ver­gü­tung in einem Aktiv­pro­zess gel­tend machen zu müs­sen 7.

Das Auf­rech­nungs­ver­bot erfasst jedoch nicht die­je­ni­gen Auf­rech­nun­gen, wel­che die vor Inkraft­tre­ten des Auf­rech­nungs­ver­bots gemäß § 3 Abs. 1 Satz 1, § 7 Abs. 1 Satz 1 EEG 2000 ent­stan­de­nen Ein­spei­se­ver­gü­tun­gen betref­fen. Abge­se­hen davon, dass sich das in § 12 Abs. 4 Satz 1 EEG 2004 gere­gel­te Auf­rech­nungs­ver­bot bereits nach sei­nem Wort­laut nur auf Ver­gü­tungs­an­sprü­che der Anla­gen­be­trei­ber nach dem erst am 1. August 2004 in Kraft getre­te­nen § 5 EEG 2004 und nicht auf sol­che nach dem zuvor gel­ten­den § 3 EEG 2000 bezieht, kön­nen auch Ver­bots­ge­set­ze wie das in § 12 Abs. 4 Satz 1 EEG 2004 gere­gel­te Auf­rech­nungs­ver­bot bereits wirk­sam begrün­de­te Dau­er­schuld­ver­hält­nis­se in der Regel nur für die Zukunft erfas­sen. Dem ent­spre­chend wer­den zur Ver­mei­dung einer unzu­läs­si­gen Rück­wir­kung die dem Ver­bot ent­ge­gen­ste­hen­den ver­trag­li­chen Rege­lun­gen ledig­lich ex nunc unwirk­sam, wenn die Ver­bots­re­ge­lung – wie hier – nach ihrem Sinn und Zweck ledig­lich eine für die Zukunft ein­tre­ten­de Unwirk­sam­keit die­ser Rege­lun­gen – hier der in § 6 Abs. 5 des Ein­spei­se­ver­tra­ges getrof­fe­nen Ver­rech­nungs­ab­re­de – erfor­dert 8.

Hier­von nicht betrof­fen sind indes die bereits vor dem 1. August 2004 ent­stan­de­nen Ver­gü­tungs­an­sprü­che nach § 3 EEG 2000, für die im EEG 2000 noch kein Auf­rech­nungs­ver­bot vor­ge­se­hen war. Auch die in § 21 EEG 2004 getrof­fe­nen Über­gangs­be­stim­mun­gen ent­hal­ten in die­ser Hin­sicht kei­ne abwei­chen­den Rege­lun­gen zur Gel­tung des zum 1. August 2004 neu ein­ge­führ­ten Auf­rech­nungs­ver­bots für Alt­ver­trä­ge.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. April 2011 – VIII ZR 31/​09

  1. BT-Drucks. 15/​2327, S. 35 f.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 18.12. 1954 – II ZR 206/​53, BGHZ 16, 37, 49[]
  3. vgl. Sal­je, EEG, 5. Aufl., § 22 Rn. 8, 10; Altrock/​Theobald in Altrock/​Oschmann/​Theobald, EEG, 2. Aufl., § 12 Rn. 76[]
  4. außer Kraft getre­ten mit Ablauf des 31. Juli 2004 gemäß Art. 4 des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Rechts der Erneu­er­ba­ren Ener­gi­en im Strom­be­reich vom 21.07.2004, BGBl. I S. 1918[]
  5. BGH, Urteil vom 15.02.1978 – VIII ZR 242/​76, WM 1978, 620 unter II 1; BGH, Urteil vom 17.02.1986 – II ZR 285/​84, WM 1986, 477 unter 3; Beschluss vom 25.09. 2003 – IX ZR 198/​02, juris Rn. 4; jeweils mwN[]
  6. BGH, Urteil vom 18.06.2002 – XI ZR 160/​01, WM 2002, 1654 unter II 1[]
  7. ähn­lich auch Altrock/​Theobald, aaO, § 12 Rn. 78[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 18.02.2003 – KVR 24/​01, BGHZ 154, 21, 27; MünchKommBGB/​Armbrüster, 05. Aufl., § 134 Rn. 20[]