Die­­sel-Ver­­kehrs­­ver­­bo­­te

Die­­sel-Ver­­kehrs­­ver­­bo­­te sind im Rah­men von Luft­rein­hal­te­plä­nen aus­nahms­wei­se mög­lich.

Die­­sel-Ver­­kehrs­­ver­­bo­­te

Mit zwei Ur­tei­len hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig jetzt die Sprung­re­vi­sio­nen der Län­der Nor­d­rhein-Wes­t­­fa­­len 1 und Ba­­den-Wür­t­­te­m­berg 2 ge­gen erst­in­stanz­li­che Ge­richts­ent­schei­dun­gen der Ver­wal­tungs­ge­rich­te Düs­sel­dorf 3 und Stutt­gart 4 zur Fort­schrei­bung der Luft­rein­hal­te­plä­ne Düs­sel­dorf und Stutt­gart über­wie­gend zu­rück­ge­wie­sen. Al­ler­dings sind bei der Prü­fung von Ver­kehrs­ver­bo­ten für Die­­sel-Kraft­­fahr­zeu­ge ge­richt­li­che Ma­ß­ga­ben ins­be­son­de­re zur Wah­rung der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zu be­ach­ten.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Düs­sel­dorf ver­pflich­te­te das Land Nord­rhein-West­fa­len auf Kla­ge der Deut­schen Umwelt­hil­fe, den Luft­rein­hal­te­plan für Düs­sel­dorf so zu ändern, dass die­ser die erfor­der­li­chen Maß­nah­men zur schnellst­mög­li­chen Ein­hal­tung des über ein Jahr gemit­tel­ten Grenz­wer­tes für Stick­stoff­di­oxid (NO2) in Höhe von 40 µg/​m³ im Stadt­ge­biet Düs­sel­dorf ent­hält. Der Beklag­te sei ver­pflich­tet, im Wege einer Ände­rung des Luft­rein­hal­te­plans wei­te­re Maß­nah­men zur Beschrän­kung der Emis­sio­nen von Die­sel­fahr­zeu­gen zu prü­fen. Beschränk­te Fahr­ver­bo­te für bestimm­te Die­sel­fahr­zeu­ge sei­en recht­lich und tat­säch­lich nicht aus­ge­schlos­sen.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart ver­pflich­te­te das Land Baden-Würt­tem­berg, den Luft­rein­hal­te­plan für Stutt­gart so zu ergän­zen, dass die­ser die erfor­der­li­chen Maß­nah­men zur schnellst­mög­li­chen Ein­hal­tung des über ein Kalen­der­jahr gemit­tel­ten Immis­si­ons­grenz­wer­tes für NO2 in Höhe von 40 µg/​m³ und des Stun­den­grenz­wer­tes für NO2 von 200 µg/​m³ bei maxi­mal 18 zuge­las­se­nen Über­schrei­tun­gen im Kalen­der­jahr in der Umwelt­zo­ne Stutt­gart ent­hält. Der Beklag­te habe ein ganz­jäh­ri­ges Ver­kehrs­ver­bot für alle Kraft­fahr­zeu­ge mit Die­sel­mo­to­ren unter­halb der Schad­stoff­klas­se Euro 6 sowie für alle Kraft­fahr­zeu­ge mit Otto­mo­to­ren unter­halb der Schad­stoff­klas­se Euro 3 in der Umwelt­zo­ne Stutt­gart in Betracht zu zie­hen.

Die ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Urtei­le sind vor dem Hin­ter­grund des Uni­ons­rechts über­wie­gend nicht zu bean­stan­den, befand nun das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt. Uni­ons­recht und Bun­des­recht ver­pflich­ten dazu, durch in Luft­rein­hal­te­plä­nen ent­hal­te­ne geeig­ne­te Maß­nah­men den Zeit­raum einer Über­schrei­tung der seit 1. Janu­ar 2010 gel­ten­den Grenz­wer­te für NOso kurz wie mög­lich zu hal­ten.

Ent­ge­gen der Annah­men der Ver­wal­tungs­ge­rich­te lässt das Bun­des­recht zonen- wie stre­cken­be­zo­ge­ne Ver­kehrs­ver­bo­te spe­zi­ell für Die­sel-Kraft­fahr­zeu­ge jedoch nicht zu. Nach der bun­des­recht­li­chen Ver­ord­nung zur Kenn­zeich­nung der Kraft­fahr­zeu­ge mit gerin­gem Bei­trag zur Schad­stoff­be­las­tung („Pla­ket­ten­re­ge­lung“) ist der Erlass von Ver­kehrs­ver­bo­ten, die an das Emis­si­ons­ver­hal­ten von Kraft­fahr­zeu­gen anknüp­fen, bei der Luft­rein­hal­te­pla­nung viel­mehr nur nach deren Maß­ga­ben mög­lich (rote, gel­be und grü­ne Pla­ket­te).

Mit Blick auf die uni­ons­recht­li­che Ver­pflich­tung zur schnellst­mög­li­chen Ein­hal­tung der NO2-Grenz­wer­te ergibt sich jedoch aus der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, dass natio­na­les Recht, des­sen uni­ons­rechts­kon­for­me Aus­le­gung nicht mög­lich ist, unan­ge­wen­det blei­ben muss, wenn dies für die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts erfor­der­lich ist. Des­halb blei­ben die „Pla­ket­ten­re­ge­lung“ sowie die StVO, soweit die­se der Ver­pflich­tung zur Grenz­wert­ein­hal­tung ent­ge­gen­ste­hen, unan­ge­wen­det, wenn ein Ver­kehrs­ver­bot für Die­sel-Kraft­fahr­zeu­ge sich als die ein­zig geeig­ne­te Maß­nah­me erweist, den Zeit­raum einer Nicht­ein­hal­tung der NO2-Grenz­wer­te so kurz wie mög­lich zu hal­ten.

Hin­sicht­lich des Luft­rein­hal­te­plans Stutt­gart hat das Ver­wal­tungs­ge­richt in tat­säch­li­cher Hin­sicht fest­ge­stellt, dass ledig­lich ein Ver­kehrs­ver­bot für alle Kraft­fahr­zeu­ge mit Die­sel­mo­to­ren unter­halb der Schad­stoff­klas­se Euro 6 sowie für alle Kraft­fahr­zeu­ge mit Otto­mo­to­ren unter­halb der Schad­stoff­klas­se Euro 3 in der Umwelt­zo­ne Stutt­gart eine geeig­ne­te Luft­rein­hal­te­maß­nah­me dar­stellt.

Bei Erlass die­ser Maß­nah­me wird jedoch – wie bei allen in einen Luft­rein­hal­te­plan auf­ge­nom­me­nen Maß­nah­men – sicher­zu­stel­len sein, dass der auch im Uni­ons­recht ver­an­ker­te Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit gewahrt bleibt. Inso­weit ist hin­sicht­lich der Umwelt­zo­ne Stutt­gart eine pha­sen­wei­se Ein­füh­rung von Ver­kehrs­ver­bo­ten, die in einer ers­ten Stu­fe nur älte­re Fahr­zeu­ge (etwa bis zur Abgas­norm Euro 4) betrifft, zu prü­fen. Zur Her­stel­lung der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit dür­fen Euro-5-Fahr­zeu­ge jeden­falls nicht vor dem 1. Sep­tem­ber 2019 (mit­hin also vier Jah­re nach Ein­füh­rung der Abgas­norm Euro 6) mit Ver­kehrs­ver­bo­ten belegt wer­den. Dar­über hin­aus bedarf es hin­rei­chen­der Aus­nah­men, z.B. für Hand­wer­ker oder bestimm­te Anwoh­ner­grup­pen.

Hin­sicht­lich des Luft­rein­hal­te­plans Düs­sel­dorf hat das Ver­wal­tungs­ge­richt fest­ge­stellt, dass Maß­nah­men zur Begren­zung der von Die­sel­fahr­zeu­gen aus­ge­hen­den Emis­sio­nen nicht ernst­haft in den Blick genom­men wor­den sind. Dies wird der Beklag­te nach­zu­ho­len haben. Ergibt sich bei der Prü­fung, dass sich Ver­kehrs­ver­bo­te für Die­sel-Kraft­fahr­zeu­ge als die ein­zig geeig­ne­ten Maß­nah­men zur schnellst­mög­li­chen Ein­hal­tung über­schrit­te­ner NO2-Grenz­wer­te dar­stel­len, sind die­se – unter Wah­rung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit – in Betracht zu zie­hen.

Die StVO ermög­licht die Beschil­de­rung sowohl zona­ler als auch stre­cken­be­zo­ge­ner Ver­kehrs­ver­bo­te für Die­sel-Kraft­fahr­zeu­ge. Der Voll­zug sol­cher Ver­bo­te ist zwar gegen­über einer „Pla­ket­ten­re­ge­lung“ deut­lich erschwert. Dies führt aller­dings nicht zur Rechts­wid­rig­keit der Rege­lung.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 27. Febru­ar 2018 – 7 C 26.16 und 7 C 30.17

  1. BVer­wG – 7 C 26.16[]
  2. BVer­wG – 7 C 30.17[]
  3. VG Düs­sel­dorf, Urteil vom 13.09.2016 – 3 K 7695/​15[]
  4. VG Stutt­gart, Urteil vom 26.07.2017 – 13 K 5412/​15[]